Morgenstimmung (Generationen)

ust noch einen Liter Eiskaffee zu trinken und die Erfurter für ihre Genügsamkeit anzubrüllen und wenn es stimmt, dass man die Seele einer Stadt an ihrem Umgang mit Fahrradfahrern erkennt, dann hat Erfurt an Stelle einer Seele eine raue, graue Klopapierrolle. Ein Mexikaner singt auf dem Bahnhofsplatz ein großartiges Lied aus seiner Heimat, ich setze mich zu ihm und wir kommen ins Gespräch, er kann überraschend gut deutsch und übersetzt mir den Text des Liedes: "Ich muss mich beschützen vor dem, was aus mir werden soll, so wollen es deine trüben, alten Augen und Ohren haben, ja aber nicht meine Augen und Ohren und nicht meine Seele." Die Stadt ist ein immer hellblauer werdender Kristall in meiner Stirn. Ich fühle mich erleuchtet von allem, was ich mir bisher erspart habe und auf dem Gemüse-Lieferwagen ist ein älterer Herr vom Typ CDU-Ortsteilbürgermeister abgebildet, der fröhlich einen Rettich reitet wie ein Kind auf dem Karussell. Wie kann man sich dafür nur hergeben? Wie kann man glauben damit das Geschäft anzuregen? Am Stärksten spüre ich mich, wenn ich alle Worte hinter mir lassen will mit einem fröhlichen Gebrüll und die Dinge nicht mehr beschreibe, sondern beschwöre, eingebunden in die Weltöffentlichkeit, zitternd vor Ohnmacht in einem gleißenden Foyer der Möglichkeiten, jeder Gegenstand wird vollkommen, wenn er einer Tollpatschigkeit zum Opfer fällt. Ich segne mein Fleisch mit meinem Fehlverhalten im Straßenverkehr, spüre die Dringlichkeit des Lebens, ich wachse wie ein graugrün schimmernder, pelziger Film auf dem Schmutz, den ihr nach draußen kehrt, sobald es um Leben und Tod geht. Ich muss mich jeden Tag aufs Neue verlieren, um mein Leben und Werk zusammenzubringen. Ich schüttel ein euphorisches, bellendes Nichts aus mir heraus, ich reite meine Unfähigkeit, mich dezent hinzusetzen und der Show zuzusehen, und stürze die Treppen runter, ich schubse und werde geschubst, nach vorwärts, dort wo ich verpackt und ausgeliefert werde. Ich bin vollständig aus dem Zusammenhang gerissen und hänge am Gürtel der Kellnerin, die noch mit irgendwem telefoniert, ich glaube mir selbst nicht mehr, ich setz mir die Knarre an die Schläfe: das ist der erste Fall seit oh so vielen Jahren, du kannst mich dort drüben in die Ecke stellen, hier versteht man meine Späße nicht, hier sitzt jeder in einem anderen Film und es gibt keine zentrale Perspektive. Unglaublich, dass auch ich mit Augen bestückt bin, ausgeliefert den Unberechenbarkeiten dieser Stadt, die als Begriff keine Bedeutung mehr hat und als endlose Aneinanderreihung eines wüsten Universums endet noch vor den 20-Uhr-Nachrichten. Ich bin definitiv wo falsch abgebogen, könnte man denken, dabei will ich nur den Sonntag von allen Klarheiten befreien. Während ich mir vorstelle, in einer großen, blauen Hängematte hoch über der Stadt zu schlafen, komme ich in meiner ekelhaften WG an, schleiche in die Abstellkammer zwischen den Zimmern meiner versifften, gleichgültigen, dummen Mitbewohner und rauche eine dicke Coltrane-Pfeife, denke an meine drei besten Freunde in der Stadt, ich liebe sie, ich verdanke ihnen all meine Hoffnungen, ich stell mir vor wie ich sie umarme und küsse und mit ihnen in einem hellblau leuchtenden Daunendeckenmeer verschwinde und schlafe ein.