Der Nestbeschmutzer

(zur Melodie von “Stille Nacht, Heilige Nacht”)

Draußen schneit es, drinnen ist es warm,
der Lichterglanz nimmt mir den letzten Charme,
besinnliche Tage wie im Katalog,
gemütlich genug um ganz locker und ehrlich zu sein:
Schau mich an! Ich gehöre nicht in deine Familie,
denn ich bin wirklich nicht dein Sohn.

Ich bin nur irgendjemand, er in stiller, dunkler Nacht, zufällig
aus deinem kalten Körper gezogen und dann
siebzehn Jahre lang dafür bestraft worden ist,
mit deiner biologischen Liebe, doch es hat nicht funktioniert:
im Traum brech' ich dir deinen kleinen Finger,
denn ich bin wirklich nicht dein Sohn

Ihr wolltet nicht mich, sondern irgendein Kind,
warum sollte ich euch dankbar sein?
Ohne dich und deinen Stecher gäb es mich nicht, ich weiß,
aber ist das ein Grund, gleich Telefonnummern auszutauschen?
Für mich bist du nur mein altes Geburtsloch,
oh glaub mir, ich bin nicht dein Sohn!

Mutterliebe ist keine echte Liebe, man darf sie niemals persönlich nehmen, denn die Mutter liebt niemals die Person des Kindes, nur das Kind als Kind, als Fleisch, als Hoffnung, als Idee. Die eigene Mutter und Großmutter sind deshalb die einzigen Frauen auf der Welt, die einzigen, die man Fotze nennen darf.

Das letzte Mal, dass ich meinen Geburtstag bewusst begangen habe, ist 2016 gewesen, als ich meinen Eltern einen Brief schickte, um mich für immer von ihnen loszusagen. Diesem Bruch verdanke ich mein Seelenheil. - Die Generationskonflikte in unserer Gesellschaft sind die Konflikte in meiner alten Familie. - Was für ein Glück, dass man nicht gesetzlich verpflichtet ist, seine Eltern zu lieben und zu ehren. -

Ich bin mir sicher, dass das ein guter Tag ist, weil ich zwischen allen Problemen stehe und die Euphorie in der Musik zu glauben bereit bin, sobald ich einen großen Schritt, einen kleinen Sturz von der Treppe weit entfernt von mir bin: keine Berufung lockt, kein Beruf versteinert mich, ich erspare mir Streit und Stress so gut es geht, ich verlange von meiner Armut nur ein bisschen Gemütlichkeit, meine zart ausgebildete depressive Tendenz möchte ich mir erhalten, hier auf der Höhe meiner kreativen Kraft, die ich einzig dafür verwende, meine Schwindlichkeit zu verherrlichen, das amtlich verbriefte Nichts in warme, heitere Schwingungen zu versetzen mit psychedelischen Selbstbekenntnissen, die dem Betrug, den die Stadt gegen mich verübt hat, etwas entgegensetzt. Meine helle Freude über den Bruch mit meinen lieblosen, zurückgebliebenen Eltern stelle ich gleich einem weichen, blauen Kaktus auf mein Fensterbrett, hiermit, kurz vor meinem Dreißigsten. Es ist ein großes Glück und Unglück zugleich, dass ich meiner abstoßenden Mutter keinen Hammer in ihr biestiges, nikotingraues Gesicht geworfen habe und die bösen Hände des abstoßenden Stiefvaters nicht zertrümmert habe mit einem Hammer. Wie schwach und dumm ich gewesen bin! Die Tatsache, dass ich meine Eltern nicht einmal so wütend angeschrien habe wie sie mich, hängt mit meiner Unfähigkeit zusammen, traurige Texte zu schreiben, so wie meine Lebensmüdigkeit etwas mit dem Ekel zu tun hat, den ich vor mir empfinde, wenn ich mir vergegenwärte, Sohn dieser zwei hässlich dörfischen, ungebildeten, bösartigen Herzkrüppel zu sein. Mein Stolz zu atmen ist für immer gekettet an meine Abscheu vor dem dunklen Sumpf, aus dem ich gekrochen kam. Ich bin der Novemberkönig. Ich segne meine Distanz zum Fleische meiner Herkunft: ich bin der Goldene Nestbeschmutzer.

Die Kälte, mit denen mich meine Eltern durch meine Jugendzeit gedrängelt haben, hat in meinen Zwanzigern, als ich längst Hunderte Kilometer weit weg in Erfurt wohnte, Besitz von mir ergreifen wollen. Ich machte die lustvolle, schreckliche Erfahrung mit meinem Bösen, meinen göttermordenden Affekten, meiner unvernünftigen Gewaltphantasien gegen mich und gegen die Anderen. Eine völlige, emotionale Verkrüppelung drohte mir; bis ich 2016 einen Traum hatte, in dem meine Eltern vom Haus gestürzt sind und ich glücklich aufgewacht bin. Das war ein zentraler Moment meines Lebens: hier schieden sich die Geister, hier löste sich mein biologischer Familienname ab. Der Gedanken an den Tod meiner Eltern ließ mich gleichgültig: damit war für mich kurz vor meinem Dreißigsten die Pubertät überwunden. In arrogant triumphierendem Ton schilderte ich dieses Ereignis in einem Brief an meine Eltern. Mit ihnen bin ich meine Kälte losgeworden, meine Unfreundlichkeit, meinen Selbsthass. Im Jahr dieser Zäsur bin ich Vegetarier geworden, habe die Jahrelange Psychotherapie abgebrochen und mich als Musiker neu gefunden und meine Freunde nahmen den Platz ein, den üblicherweise die Blutsverwandtschaft einnimmt. Der Gedanke von jemandem abzustammen, ekelt mich derart an, dass mir Vaterschaft und Geschlechtsteile immer befremdlich sein werden.

Auszüge.

Glücklicherweise bin ich rechtzeitig mit euch fertig geworden. Ihr gehört nicht mehr zu mir: die Fröhlichkeit meiner Emanzipation ersetzt den Hammer, den ich euch nie in eure finsteren Gesichter geworfen habe. - Ich habe euch abgeschafft in meinem Herzen. Die Vögel singen viel schöner als zuvor, die Gesichter meiner Freunde sind glatt und hell, die Musik ist so leicht.

Ich habe viel Liebe bekommen in den letzten Jahren, so unglaublich vielschichtige, warme, aufrichtige Liebe: verglichen mit all dieser Liebe hab ich von euch nur drei trockene Kartoffeln, eine Ohrfeige und einen laschen Händedruck bekommen. Ich hoffe ihr erstickt an eurer Arroganz, Lieblosigkeit und Langeweile, nur so können meine Dreißiger golden scheinen und klirren wie That's Life von Frank Sinatra. - Ich will euch einfach nur anzubrüllen und zu erniedrigen, ich will, dass ihr am ganzen Körper spürt, wie wenig ihr mir bedeutet. Ich will, dass ihr Angst habt, eine schmerzvolle Ohrfeige zu bekommen. Ich möchte euch nicht kennen und verstehen, sondern bloß wild anbrüllen und euch einen Knoten ins Herz machen mit meinem kalten, hässlichen, lieblosen Gesicht, ich will euch das Gefühl geben, dass ich die Wahrheit spreche und ihr absolut keine Ahnung von der Welt habt. Ich wette, tief in eurem vermoderten Inneren fühlt ihr euch wie die Gewinner, weil ich euch nie bestraft habe.

Je weniger ihr euch daran erinnert, warum genau ihr so oft die Fassung verloren habt, desto schlimmer wächst meine Angst und meine Abscheu vor euch. All das Gebrüll, all die Verachtung, all die kümmerlichen Gesten der Akzeptanz... als hättet ihr Spinner das gottgegebene Recht, eure Kinder anzubrüllen wegen irgendwas, zu gängeln und zu belächeln, weil sie 20 Jahre jünger und körperlich unterlegen sind ...All das Geschubse und Gezerre, all das widerliche Geplörre! Wie könnt ihr glauben, dass ich euch je lieben konnte? Dass ich euch bei all dem lieblosen, dünne Quatsch den ihr mir seit so vielen Jahren ins Gesicht spuckt mit ach so guten Absichten, gern mit euch zusammengewohnt habt? Jedes gemeinsame Abendbrot war eine Qual! Jede Autofahrt eine Schande! Oh ich schäme mich, aus so einem lieblosen, ungebildeten, arroganten, bösartigen, unsensiblen Haushalt zu kommen! Ich hatte zu schleppen und die Fresse zu halten, Löcher zu graben und still zu sitzen, mich zu benehmen exakt so wie ihr es wolltet; wie habt ihr mich damit verneint! - ihr habt mich als Material gesehen, dass ihr kneten und ausnutzen konntet, wie ihr es wolltet, alles was mir etwas bedeutet hat, musste ich gegen euch aufbauen, weil ihr nichts mit mir anfangen konntet. Sobald ich auch nur irgendwie etwas Eigenes gezeigt habe, etwas das auch nur ein bisschen nonkonform ist, ein bisschen Eigensinn oder gar Widerspruch und vielleicht sogar Hilflosigkeit, Tollpatschigkeit, Gemütlichkeit, so fühltet ihr euch beleidigt und seid ausgerastet wie die schlimmsten, dümmsten Assi-Eltern! Erinnert ihr euch überhaupt, wie oft, wie oft ihr die Beherrschung verloren habt und wie oft eine grässliche, drückende Stimmung herrschte, eine Hölle der Gereiztheit, Bosheit, unausgesprochenen Problemen?! Ihr habt nie ein offenes Gespräch auf Augenhöhe gesucht, ihr habt euch vorgestellt, dass ich ein kleiner, dummer Junge bin und ihr die starken Eltern,

die alles richtig machen, instinktiv. Indem ihr mich zu eurem Deppen gemacht habt, habt ihr auf ganzer Linie versagt und wie sollte ich irgendwie positiv verbunden bleiben mit euch?

Die gleiche Brutalität, die nötig war, um Menschen bei lebendigem Leibe zu kochen für eine Übeltat, finde ich in eurem Wunsch, von Mauern umgeben zu sein. Ihr sprecht die Sprache der Stromrechnungen und Kündigungsfristen, also will ich euch so kalt und nüchtern und fristgerecht wie möglich, heute an meinem Dreißigsten, darüber in Kenntnis setzen, dass ich euch vom Grunde meines Herzens aus hassen muss, um mich selbst ernst nehmen zu können.

Es gab Zeiten, da habe ich an die Notwendigkeit von Familie geglaubt und mich verpflichtet gefühlt, mich zu unterwerfen. Ich habe den richtigen Moment verpasst, euch ins Gesicht zu weinen: “Ich wäre sehr traurig, wenn ihr leiden würdet, wenn ihr Schmerzen hättet, wenn euer Leben in eine Richtung driftet die ihr nicht wollt, ich möchte euch beschützen, wenn der Staat euch zu dicht auf die Pelle rückt, ich möchte euch meine Texte vorlesen und mit Euch Cannabis rauchen, ich möchte mit Euch traurig sein und mich für nichts schämen, ich möchte tollpatschig sein und mit Euch Flüchtlinge beschützen vor Nazis oder arbeitslosen Arschlöchern, die “Raus mit dem Dreck!” vor Flüchtlingsheimen rufen, ich will mit Euch Bücher über Neurobiologie und Sozialismus lesen, ich will will mich mit Euch in einem unendlichen Kräutergarten entspannen, ich will meinen Frieden mit Euch schließen, ich will dass wir uns die Welt zeigen, ich will dass wir aufeinander aufpassen, dass wir uns trösten und uns nie wieder anschreien, uns nie wieder belächeln, uns nie wieder über Kleinigkeiten aufregen, ich will dass wir zusammen ins Theater gehen und in Jazzkonzerte, ich möchte dass wir uns vertrauen, dass wir uns mögen. Ich möchte nicht verwechselt werden mit Vorurteilen die ihr von mir habt. Ich möchte, dass ihr meine Freunde kennenlernt und meine Musik hört und meine Bücher lest und euch mit heißem, liebem Herz mit mir streitet, ich möchte dass ihr mich liebt und mir helft, meine Alpträume zu überwinden, ich möchte dass ihr Teil meines Lebens bleibt, ich möchte dass ihr auf meinen Zauberberg kommt, wenn der Frühling den Winter aus dem Land geputzt hat und der Mond hell und weich seine Liebe über die Nacht lächelt. Ich möchte nicht in Hass und Ekel versteifen, ich möchte kein hässlicher, arroganter Schnösel sein, ich möchte niemanden verletzen, der es nicht verdient hat, ich möchte mich ernst nehmen, ich möchte euch ernst nehmen und die Musik und das Wetter und meine Träume. Ich möchte nicht, dass ihr leidet, ich möchte, dass ihr ein schönes Leben habt, dass ihr offen und neugierig seid, dass ihr nicht eingebildet seid, dass ihr würdevolle, sensible, erhabene Eltern seid. Ich möchte nicht, dass ihr mich hasst und ich möchte euch nicht hassen. Ich hoffe wir haben uns nicht verloren. Ich hoffe meine Hoffnung lohnt sich. Ich werde noch viel länger leben als ihr: bitte liebt mich!”

Ich habe seit über 15 Jahren versucht, eine einigermaßen vernünftige Beziehung mit euch zu haben, ich hatte erst höllische Angst vor euch, dann hab ich mich

geekelt vor euch und vor mir selbst, ich habe mich von euch zurückgezogen, ich habe gegen euch gearbeitet, wir haben uns immer weiter voneinander entfernt, ich habe aber immer wieder gehofft, dass wir eines Tages wieder zueinanderfinden, dass wir uns wirklich respektieren, dass wir liebevoll und offen miteinander umgehen und uns auf unseren Wegen unterstützen und manchmal hab ich mich sehr gefreut, wenn Ihr mich in Erfurt besucht habt und wir einen entspannten Nachmittag verbracht haben. In der letzten Zeit denke ich sehr viel über euch nach, es ist sehr quälend, weil ich nichts Liebenswertes, Vorbildhaftes, Respektables an euch finde. Ich muss mich mit euch auseinandersetzen, all eure schlechten, hässlichen Eigenschaften sollen nicht irgendwann auch in mir hervortreten. Ich möchte gut mit mir zurechtkommen, deshalb muss ich so gut wie alles, was ihr mir mitgegeben habt, zurückweisen. Es wäre natürlich leichter, wenn ich nicht gegen euch arbeiten müsste, sondern euch fest hinter mir wüsste, wenn ich wüsste, dass ihr mich wirklich liebt und meine Werte teilen würdet, wenn wir uns nicht füreinander schämen würden, wenn wir eine wirklich offene, gemütliche, heitere, liebevolle Familie wären, aber das sind wir seit so vielen Jahren nicht, waren es vielleicht nie und es ist peinlich und pervers, so zu tun als ob. Ich bin froh, dass ich schonmal eure unbeholfenen Anstandsbesuche losgeworden bin, ich möchte nicht mehr, dass ihr irgendeine Rolle in meinem Leben spielt, ich möchte euch so weit wie möglich auf Distanz halten, ich möchte, dass ihr mich so hasst wie ich euch hasse und meine Bücher und meine Musik sollen euch die besten Gründe dafür geben. Solang Ihr euch fragt, was mit mir nicht stimmt, statt euch zu überlegen, was mit euch nicht stimmt, sehe ich keine Chance für uns. Ich möchte euch natürlich nicht hassen, aber ich muss es, um nicht depressiv zu werden. Ich mag mein Leben, meine Freunde, meine Kunst, aber immer schwebt ihr im Hintergrund und ich spüre, wie ihr euch lustig macht über all das, was mir etwas bedeutet und oft, wenn ich mich über "besorgte Bürger" oder kleinliche, desinteressierte Schrebergärtner oder abgestumpfte, lieblose Arbeitstiere aufrege, dann kann ich leider nicht sagen: "Meine Familie ist zum Glück anders", ich muss sagen: "Meine Eltern sind leider irgendwie genau so". Ich habe wirklich kein Problem mehr, wenn ihr euer dürftiges Leben mit stupiden Jobs noch ein bisschen über Wasser haltet, in den nächsten Jahren werdet Ihr von Maschinen ersetzt, die viel effektiver Pakete von A nach B sortieren oder Lohnsteuer berechnen können. Dann werdet ihr wieder depressiv zu Hause hängen und euch angiften und irgendwann werdet ihr Krebs bekommen, weil ihr seit Jahren nur Mist fresst und immer fetter und bornierter werdet, vielleicht verscherbelt ihr die Reste eurer Würde an den Alkohol und die Faschisten: wäre nur die logische Folge eurer offensichtlichen Depression. Ich muss böse mit euch sein, weil ihr böse zu mir gewesen seid, ich fühle mich ganz leicht und hell dabei: denn ihr habt euch nie wirklich für mich interessiert, wir haben nie wirklich entspannt und offen und ernsthaft über das reden können, was mich interessiert, eurer Horizont beschränkte sich schon immer auf all den kleingeistigen, kleinbürgerlichen Käse, mit dem ich nie etwas zu tun haben wollte, weil ich an euch gesehen habe, was für krasse Folgen es haben kann, wenn man unter die Räder kommt. Es ist so absurd, wenn mir ein fetter, zuckerkranker, cholerischer, kaltherziger Alkoholiker, der lange Zeit seines Lebens nur an

irgendwelchen Maschinen stand, glaubt, mir etwas von der Welt erklären zu können, es ist das Höchstmaß an Lieblosigkeit, wenn die Mutter sagt: "Euch wird es heute viel zu einfach gemacht", wenn sie doch weiß, was eine schlechte Arbeit mit Menschen machen kann. Dieser gruselige Dänemark-Urlaub vor 15 Jahren, wo das ganze Ausmaß der Depression des Patriarschs sichtbar wurde, dieses fürchterliche, fürchterliche Geschreie wegen Kleinigkeiten, diese füchterliche Lieblosigkeit, ... das hat mich alles so schlimm traumatisiert und kein klärendes Gespräch, keine Rechtfertigung, kein Zusammenschiss könnte daran etwas ändern. Ich verdanke euch meine Angst davor, in die Mühlen des Systems zu kommen: niemals möchte ich, dass irgendein Chef mein Rückgrat zerbricht, niemals möchte ich depressiv werden von quälender, sinnloser Arbeit und dummem Partner, niemals möchte ich meine schlechte Laune, meinen Frust, meine Probleme auf Leute abwälzen, die nichts dafür können, niemals möchte ich nachts heulend im Bett liegen und mich schämen für meine Ausbrüche, niemals möchte ich zu dumm sein, mir helfen zu lassen, niemals möchte ich mein Mitgefühl für Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, Klimaflüchtlinge verlieren, die es alle noch so viel schlimmer haben als wir, niemals möchte ich ein unsolidarischer, geiziger, frustrierter Vollidiot werden, niemals möchte ich ein arroganter, liebloser, zuckerkranker, krebskranker Fettsack werden, der alle Leute zum Kotzen findet, ohne zu merken, dass er selbst genau so ekelhaft und egoistisch ist wie alle Anderen auch, niemals möchte ich mehr zu feige sein, das zu sagen, was ich wirklich denke, niemals möchte ich, einem fragwürdigen Haussegen zuliebe, bestimmte Gedanken unterdrücken, niemals möchte ich meine Zeit und meine Kraft und meine Kreativität verschwenden für einen Job, den bald Maschinen erledigen können, für eine langweilige Beziehung in einem langweiligen Haus; niemals möchte ich ein unbedeutender, armer Schlucker sein, der keine Hoffnung, keine Empathie mehr hat, der aus einem Gefühl von Minderwertigkeit alles Intellektuelle, Feingeistige, Zarte, Vage lächerlich und peinlich findet. Ich kann leichten, fröhlichen Herzens sagen, dass ich euch dafür hasse, dass die einzige Maxime eurer Erziehung war, die Kinder in die einzige Welt zu stecken, die ihr je kennengelernt habt: eure eigene kleine, erbärmliche Welt, die euch selbst so unglücklich gemacht hat. Je weniger euch bewusst ist, dass ihr unglücklich und lieblos und kalt seid, desto dümmer seid ihr und desto größer ist der Ekel, den ich vor euch empfinde. - Das allerschlimmste ist, ihr glaubt euch selbst. Euer Ego, eure Arroganz steht euch immer wieder im Weg. Wir haben nur eine Chance, wenn ihr alles, was ihr seid und gewesen seid, hinterfragt und wenn ihr euch schämen könnt. Ihr müsst einsehen, dass mit euch etwas nicht stimmt und dass alles, was mit mir nicht stimmt, damit zu tun hat. Ich sage nicht, dass ich alles verstehe und mich nicht irren kann, ich sage nicht dass ich ein festes Rezept habe für irgendwas. Ich weiß aber, dass ich mich nur ertragen kann, wenn ich mich ernst nehme und dass es euch helfen würde, euch mit mir auseinanderzusetzen; und dass es mir helfen würde, mich mit euch auseinanderzusetzen; und zwar in aller Ruhe, gründlich, wirklich offen und interessiert und ohne Ego. Ich möchte mit euch meditieren, ich möchte, dass ihr ganz ganz intensiv erfahrt, dass es kein Ich gibt, ich möchte, dass ihr euch ganz ganz deutlich darüber bewusst werdet, warum ihr so seid wie ihr seid, ich möchte herausfinden, ob wir eines Tages eine richtig gute, herzliche, von

allem Frust und von aller Scham gereinigte Familie werden können oder ob ich euch für den Rest meines Lebens als Feinde betrachten muss.

Das jetzt zu Ende gehende Jahr 2016 war das bisher beste meines Lebens: ich habe viele tolle, neue Freunde gefunden, mit denen ich Musik machen kann und die mich als Schriftsteller annehmen. Ich wohne seit einer Woche wieder in einer schönen WG und bin dabei mein Buch "Die fröhliche Abschaffung von Erfurt" fertigzustellen und plane einige Auftritte in der Gegend. Weil mich die Wohnung und mein heruntergekommener Mitbewohner immer mehr angewidert hat, hab ich die meiste Zeit des Jahres draußen verbracht. Ich bin den ganzen Tag mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren und hab mir die Leute ganz genau angeschaut. Bisher bin ich immer mit Scheuklappen durch die Straßen gelaufen. Cannabis und Meskalin haben mir geholfen, meine üblichen Denk- und Verhaltensmuster zu durchbrechen und ich wurde viel sensibler, viel optimistischer und sozialer. Die Stadt erschien mir widerum sehr kalt und lieblos und depressiv und ich erinnerte mich, dass ich noch vor ein paar Jahren genau so war. Ich begann, Erfurt zu verachten, weil es eine kulturlose, langweilige, hässliche Stadt ist und nahm, um nicht wie Viele einzuknicken (von zu viel Alkohol, stumpfsinnige Arbeit, Langeweile, Depression), meine Kunst viel ernster als bisher und fand dadurch viele tolle Leute, mit denen ich gemeinsam was machen kann: völlig ohne ironische Distanz. Ich weiß, dass mit mir alles in Ordnung ist und bin wirklich guter Dinge. Allerdings denke ich die erste Stunde des Tages immer und immer wieder daran, wie ihr mich behandelt habt, wie bockig und respektlos ihr wart, wie ekelhaft ihr Dinge, die mich interessieren, die ihr aber nicht versteht, belächelt habt. Ich habe dieses Jahr erkannt, dass ihr ungebildete, lieblose, grantige Schrebergärtner seid und dass ihr mich genau so wenig liebt wie ich euch. Ich bin sehr glücklich, erkannt zu haben, dass ich nie wieder etwas mit euch zu tun haben will: wie könnt ihr glauben, mir die Welt erklären zu können? Ihr sitzt seit Jahrzehnten in der immergleichen Soße. Wie könnt ihr glauben, besser in der Welt klar zu kommen als ich? Wie könnt ihr so widerlich sein und euch über "Refugees Welcome"- Aufkleber am Briefkasten aufregen? Oder mich höllisch lärmend und morderisch kalt anbrüllen, weil ich einen Apfelkrips aus dem Fenster geworfen hab oder den Unterschied zwischen einer Flach- und Kneifzange nicht kenne? Wie könnt ihr erwarten, dass ich mir von einem fetten, cholerischen, zuckerkranken, alkoholabhängigen Plattennerd ohne Freunde und ohne Fähigkeit ein offenes Gespräch zu führen, etwas sagen lasse? Oder von einer dummen, nervigen, kindischen Frau, die sich für nichts interessiert, deren einziges Fenster zur Welt die Nachrichten von RTL sind? - Euch lieben? Für was denn? Dafür dass ihr mir ab und an Geld oder anderes Zeug schenkt? Ist das das Höchstmaß eurer Liebe? Ich verzichte! Aber ich bin nicht mehr zornig auf euch, ich weiß, ihr seid selbst nur Opfer von Ostdeutschland, das euch davon abhält, euch ein paar Hobbies zu suchen, die euren Horizont erweitern, oder wenigstens ein paar gute Freunde. Das Meckern darüber, dass die meisten Menschen Idioten sind, schützt übrigens nicht davor, selbst ein Idiot zu sein, aber das ahnt ihr doch oder haltet ihr euch wirklich für so überlegen? Für mich seid ihr feige, jämmerliche Versager! Und ich will gar nicht wissen, wo ihr politisch steht, allein dass ich euch zutraue, irgendwann aus

purer, grantiger Dummheit AfD zu wählen, macht, dass ich keine Lust habe, euch jemals wieder atmen zu sehen. Ich habe mit vielen Leuten gebrochen dieses Jahr, mit Max, weil er ein cholerischer, bornierter, amphetaminabhängiger Jammerlappen ist, mit Christian weil er ein kaputter, alkoholkranker Möchte-gern- Künstler ist, mit meinem Therapeuten, weil er ein nationalkonservativer, neoliberaler Snob ist und mit einigen anderen Leuten. Es macht Spaß Ordnung in mein Leben zu bekommen. Mit jedem Umzug trenne ich mich von mehr Kram, den ich nicht brauche und dieses Jahr ist voller guter Zeichen, voller kleiner Wunder, voller großartiger Begegnungen mit großartigen Menschen: im dreißigsten Lebensjahr sich von den Eltern endgültig loszusagen, zu bekennen, dass man sich von ihnen weder geliebt noch respektiert fühlt und auch keinerlei Liebe und Respekt für sie empfindet, ist fast ein bisschen kitschig, fast ein bisschen zu gewollt pathetisch, aber ich schwöre, es hat sich ganz natürlich ergeben. Ich weiß, dass das ein sehr böser Brief ist, aber verglichen mit all dem dummen Angewichse, das ich mir so viele Jahre von euch bieten musste, ist das hier nicht mehr als ein Teller, den ich wütend an die Wand hau. Vergesst nicht, dass ich jeden Tag daran denke, dass ich euch nicht liebe, dass ich mich schäme, solche desinteressierten, abgestumpften, gehässigen Eltern zu haben. Ich habe wirklich keine Angst mehr vor euch. Warum glaubt ihr eigentlich, dass ihr das Recht hattet, mich anzuschreien, während ihr von mir immer Gehorsam und Demut erwartet habt? Warum habt ihr mich so erniedrigt? Habt ihr wirklich solche Minderwertigkeitsgefühle? Ich weiß, dass mit mir alles in Ordnung ist, und dass ihr mir nichts zu sagen habt, seit so vielen Jahren habt ihr mir nichts mehr zu sagen und ich euch vielleicht auch nicht. Spart euch eure Phrasen, eure immer wiedergekehrendes Genöle. Vielleicht sterbt ihr bald an Krebs oder so: es ist genau die Krankheit, auf die alles hinausläuft bei euch. Ich werde, wenn ihr auf dem Sterbebett liegt, nicht um euch weinen. Ich werde bloß traurig sein, dass ihr mir seit 15 Jahren kein Vorbild mehr sein konntet und dass ich mein Glück und meine Selbstzufriedenheit nicht euch verdanke, sondern meinem Ekel vor euch. Es ist zwar mühselig, gegen die Prägung zu arbeiten, die ihr mir verpasst habt, aber die Mühe lohnt sich. Vielleicht kann ich euch letztlich für nichts wirklich böse sein, weil ich wirklich glücklich mit mir und meinem Leben bin. Wenn ihr euch doch nur ein bisschen schämen könntet, ein bisschen zweifeln könntet, ein bisschen eure Feindseligkeit und diese dumme, kalte, grantige Ossi-Art ablegen würdet. In meinem Buch geht es um eben diese Art und wie ich sie überwunden habe: mit pflanzlicher Medizin, mit lieben Freunden, einem schönen Ziel und Mitgefühl für all die Verwundeten und Geschundenen der Welt. Mehr hab ich euch nicht zu sagen. Vielleicht werdet ihr in ein paar Jahren, wenn ihr nicht an Langeweile oder an schlechtem Fressen gestorben seid, offener und respektvoller mit mir umgehen können, vielleicht solltet ihr euch auch trennen und eurem Leben eine neue Richtung verpassen, falls ihr nicht schon zu alt und müde und feige seid, über euren Schatten zu springen. Vielleicht hilft es aber auch, die Musik ein bisschen ernster zu nehmen oder das ein oder andere Buch zu lesen. Ich habe übrigens eine sehr schmutzige Hose an, mein Hals ich dreckig und meine Socken stinken. Es ist ein großartiges Jahr, ich war noch nie so froh, am Leben zu sein und es ist so befreiend, in diesem Brief ein für allemal zu bekennen, dass ich euch nicht liebe.

Was ich euch voraus habe 1. Ich habe viele Freunde. - Warum habt Ihr keine Freunde mehr? Diese Frage ist wesentlich. Ich habe erfahren, dass ich nichts ohne meine Freunde wäre. Es ist toll, in großen, gemütlichen Gruppen durch die Stadt zu flanieren, sich zu unterhalten, Spaß zu haben, ernste Dinge zu besprechen, sich zu unterstützen, einfach nur zuzuhören. All das fehlt euch. Ihr habt vielleicht Kollegen oder Nachbarn, aber keine echten Freunde. Ich habe zehn sehr gute Freunde und nochmal zehn sehr vertraute Bekannte und nochmal zehn Leute die ich sehr schätze und regelmäßig treffe. Ich liebe die alle sehr, sie geben mir so viel und für viele bin ich der beste Freund. Es ist großartig, Leute zu haben, denen man etwas bedeutet. Bösartig wie ihr nunmal seid werdet ihr vermuten, dass ich nur besserwisserische, abgehobene Studenten kenne, die meiner Meinung sind und denen ich was vom Pferd erzählen kann. Aber das ist natürlich falsch, wie so ziemlich alles falsch ist, was ihr von mir denkt. Ich bin mit Hauptschulabbrechern und Migranten genauso befreundet wie mit Frauen die ihren Doktor in Umweltpsychologie machen. Ich erinnere mich an deine naive, verblödete Fresse, als ich sagte, Anne studiert Umweltpsychologie. Du hast null Ahnung was das ist, aber belächelst es, weil alles was deinen Fließbandarbeiter-Horizont übersteigt, nicht relevant für dich und alle ist. Deshalb hast du auch keine Freunde und deshalb kann ich dich auch nicht ernst nehmen und einzig der Dummheit und Geschmacklosigkeit meiner Mutter ist es zu verdanken, dass du nicht an deiner Langeweile, deinem Frust und deiner Einsamkeit stirbst. Wie sehr klingt diese Phrase von euch in mir nach: "Diskutier nicht dauernd!" - "Hab nicht immer das letzte Wort!" - Wie dumm ist es, seinem Kind zu verbieten, sich zu verteidigen. Du kannst einfach nicht mit Leuten umgehen, hast keine Gesprächskultur, bist ein jammernder, hysterischer Choleriker und liebloser, emotional unbeholfener Dummschwätzer. Ich habe mich so krampfhaft gegen alles gewehrt, was ihr mir ins Gehirn gegeifert habt, sonst wäre ich genau so ein trauriger, unbedeutender Vogel geworden wie du.

2. Ich nehme Musik ernster als ihr. - Oh Stiefvater, du kannst noch so viel in Musikzeitschriften lesen, du kannst noch so viele Details über Bands kennen, du kannst auf noch so vielen Konzerten gewesen sein: nichts davon beweist, dass du die Musik auch verstanden hast. Glaubst du wirklich, dass du dich mit Musikern, die wir beide mögen (Tom Waits, Kate Bush, Sonic Youth) verstehen würdest? Wenn du ein Faß aufmachst, weil ich einen Apfel aus dem Fenster hau, kannst du unmöglich irgendwas von den Neubauten oder Frank Zappa und Bob Dylan verstanden haben. Es ist so gruselig, dass wir so verschiedene Auffassungen haben und dennoch einen ähnlichen Musikgeschmack haben. Ich dachte anfangs, ich mach irgendwas falsch, aber nein: du bist einfach total schief. Was gibt dir die Musik eigentlich? Ich hab dir Übersetzungen von Bob Dylan geschenkt, eine Karte für die Neubauten, Alben von Nick Cave. Ich hab es gruseligerweise gern getan, ich wollte irgendwie Frieden mit dir schließen, ich wollte, dass wir uns vertragen und respektieren. Aber du bist einfach der bösartige, arrogante Langweiler geblieben. Es ist traurig. Aber ich kann es akzeptieren. Du musst nur wissen, dass ich keine

Angst habe vor dir, keinen Respekt und kein Mitgefühl. Oh wie unendlich froh bin ich, von euch weg zu sein. Manchmal hab ich die Phantasie, deine Plattensammlung abzufackeln, manchmal war ich kurz davor. Ich hab Lust, dir alles zu nehmen, was dir etwas bedeutet. Wenn es nach mir ginge, müsstest du nochmal bei null anfangen.

3. Ich habe gute Erfahrung mit guten Drogen. - Bis ich 28 war, hatte ich ein distanziertes Verhältnis zu Drogen, denn Kaffee und Schlaflosigkeit und Liebeskummer haben mir völlig gereicht. Irgendwann hab ich Gras versucht und es hat mein Leben verändert. Ich wurde so viel sensibler, entspannter, sozialer. Dann kam ich zu Hustenstillern, Meskalin und LSD. Ihr habt euch nie für Bewusstseinserweiterung interessiert, obwohl viele Musiker, die ihr hört, ihre guten Erfahrungen damit gemacht haben. Ich behaupte, dass man viele Kunstwerke nicht versteht, wenn man bestimmte Dinge nicht ausprobiert. Es lohnt sich wirklich. Ich glaube, wir könnten nur wieder zusammenfinden, wenn ihr euch von eurem Ego distanziert würdet – das geht mit Meditation, mit Liebe … für nichts davon habt ihr die Geduld und die Nerven... doch es geht auch mit Substanzen. Bestimmte Drogen sind dafür natürlich absolut nicht nützlich, wie Speed, Koks, Meth, Heroin, Alkohol oder Nikotin. Ich rauche Gras immer pur, also ohne Tabak, in guter Gesellschaft, bei guter Musik. Jetzt gerade hab ich nur einen starken Kaffee getrunken und ich fühle mich bestens. Ich bin nicht abhängig von Substanzen und hatte nie einen Absturz oder Horrortrip. Das ICH ist eine seltsame Sache, es ist ein Konstrukt, neurobiologisch ist es gar nicht lokalisierbar. Was ist überhaupt Bewusstsein? Warum ist man so und nicht anders? Kann man etwas dafür, wie man ist? Alles großartige, bedeutende Fragen. Unendlich mal wichtiger als die Frage, ob der Arbeitsvertrag verlängert wird oder heute Abend was im Fernsehen läuft.

4. Ich interessiere mich für das, was auf der Welt passiert und habe Empathie. - Ihr bildet euch über RTL-oder Antenne-Sachsen-Nachrichten, ich lese Zeitungen und schaue mir das Europamagazin aber den Weltspiegel an oder lese Blogs und Interviews. Ich weiß, was in der Welt passiert, ich kenne die Hintergründe, ich habe differenzierte Meinungen, ich schwanke gern, bin offen für neue Erkenntnisse, ich zweifel lieber, als borniert einer alten Ansicht hinterherzulaufen. Und vorallem: ich kann mich hineinversetzen in all die armen, verelendeten, verzweifelten Menschen weltweit, die sich nach ein bisschen Wohlstand, ein bisschen Sicherheit und Wärme sehnen. Jede Art von Nationalismus und westlicher Überheblichkeit ist mir total zuwider. Ich würde niemals sagen, dass Ausländer weniger Rechte haben sollten, als "wir" Deutsche. Allein eure Abscheu vor Ausländern (vor Russen oder besoffenen Asylanten) ist derart abscheulich, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals mit euch zusammen Tee zu trinken. Sitzt ruhig weiter in eurem langweiligen Schrebergarten, fühlt euch ruhig bedroht von Türken oder Syrern, fühlt euch benachteiligt, nehmt die Fackel und die Mistgabel in die Hand und verteidigt euren Wohlstand und behaltet im Hinterkopf, dass ich euch dafür so derbe verachte, mich so bitterlich schäme für euch, dass ich niemals einen positiven Bezug zu meinem Vor- und Nachnamen haben kann.

5. Ich bin nicht abhängig von Lohnarbeit. - Ich baumel seit Jahren in der Hängematte, die die Sozialgeldmaschine für mich aufgespannt hat. Es ist ein schönes Leben, jeden Tag lebe ich genusssüchtig und sensibel und menschenfreundlich ins Blaue hinein und mit jedem Tag wasche ich die biestige, trostlose Arbeitsmoral aus meinem Gehirn, die mir eure wunderbare elterliche Liebe gespendet hat. Ihr habt euer Leben, eure Kraft, eure Freude verschwendet für sinnlose Arbeit. Nie wurdet ihr wirklich gebraucht, ich behaupte, dass ihr keine Eigenschaften habt, die in Zukunft überhaupt noch gebraucht werden. Die Maschinen und Algorithmen werden euch 100%ig ersetzen. Pakete sortieren und Tabellen ausfüllen: hahahha. Leider bezieht ihr euer Selbstwertgefühl aus eurer Erwerbsarbeit wie so viele Abermillionen. Ihr braucht das Gefühl, gebraucht zu werden: aber statt wirklich etwas zu machen, was einen gesellschaftlichen Wert hat (wie soziale Arbeit), gebt ihr euch mit mechanischer Arbeit zufrieden, weil ihr nicht mehr könnt oder euch zumindest nicht mehr zutraut. Ihr könnt keine Veranstaltungen organisieren, keine Netzwerke schließen, ihr könnt nichtmal eine Folge vom arte Journal ertragen. Ihr lebt seit Jahrzehnten in einer lieblos eingerichteten Garage.

6- Ich achte auf meine Ernährung. - Wie furchtbar dämlich seid ihr, wenn ihr sagt: "Da kann man ja garnüscht mehr essen!" - Dumm dumm dumm. Natürlich kann man darauf achten, was man isst. Viel weniger Fleisch, weniger Zucker und Salz ist ein Anfang. Natürlich auch weniger saufen und rauchen. Frisches Obst und Gemüse statt Wurst und Käse. Schaut euch an, was Tierprodukte en masse mit dem Darm machen. Schaut euch an, wie es den armen Schweinchen und Kälbchen in den Massenvernichtungslagern geht. Schaut euch an, wie die Umwelt unter der Gier des Menschen leidet. Wollt ihr wirklich Teil dieses Elends sein? Ich habe Menschen schätzen gelernt, die im Kleinen versuchen, etwas besser zu machen. Wie ich Fleischfresser ekelhaft finde! Gesichtswurst ist das Sinnbild der Perversion. Wenn ich sehe, wie ihr Fleisch in eure fetten Bäuche stopft, als sei es euer Recht und dann noch über Krankheiten klagt, dann hab ich Lust euch auf den Teller zu kotzen und wenn ihr euch dann aufregt und die Fassung verliert, will ich euch nur pausenlos in die Fresse hauen, bis ich das Gefühl hab, jede Ohrfeige vergolten zu haben, die ihr mir wegen irgendeiner Nichtigkeit verpasst habt. Meine vegane Ernährung hat mich wirklich zu einem anderen Menschen gemacht und ich bin stolz drauf, dass ich mich auch auf diesem Gebiet von euch emanzipiert habe.

7. - Ich hab keinen DDR-Schulabschluss. - Ihr wurdet in der DDR sozialisiert und erzogen und ich behaupte, ihr seid immer noch nicht im vereinten Deutschland angekommen, mit Humanismus habt ihr nix am Hut, eine offene, multikulturelle Gesellschaft ist euch fremd und ihr seid so politikverdrossen wie all die ekelhaften Kreaturen, die auf dem Domplatz zum Widerstand aufrufen. Ihr glaubt nicht, dass der Staat sich zum Besseren wenden kann. Ihr seid enttäuscht worden von der SPD und nun bockt ihr wie verblödete Teenager in eurem Zimmer herum und schert euch einen Teufel um das, was um euch herum passiert. Ihr habt sicher auch nicht die intellektuellen Kapazitäten, euch zu bilden, eurer Weltbild immer wieder neu anzupassen, euch mit Dingen zu beschäftigen, die über euren alltäglichen

Fließband-Job hinausgehen. Unglaublich: vor 30 Jahren habt ihr in einem schäbigen, diktatorischen Spießerstaat einen Realschulabschluss gemacht und glaubt, das reicht, um die Welt zu verstehen und euren Kindern die Welt zu erklären. Unfassbar, was ich mir alles von euch gefallen lassen habe. Unfassbar, dass ich euch nie die Nase abgebissen hab für eure einfältige, bösartige Arroganz mir gegenüber.

8. - Ich kann mich wirklich unterhalten und streiten mit anderen Leuten. - Im Gegensatz zu euch liebe ich es, mich stundenlang mit Leuten über ein Thema zu unterhalten. Ich kann meinen Standpunkt formulieren und ihn verteidigen, ich kann damit leben, dass meine Gesprächspartner anderer Ansicht sind, ich bin immer offen für Meinungen andere, ich lass mich auch gern belehren. Wie toll ist es, mit Leuten zu reden, die mehr wissen und mehr können als ich. Viele meiner Freunde sind mir in bestimmten Dingen voraus. Im Gegensatz zu euch lieben sie mich, und von solchen Leuten lass ich mir gern was sagen. Ihr hättet es so viel leichter haben können, wenn ihr mich geliebt hättet und wirklich ein Interesse hättet an dem, womit ich mich beschäftige. Immer wieder sehe ich seine arrogante Fresse, als er in mein Nietzsche-Buch schaute und meine Unterstreichungen so geistreich und scharfsinnig kommentierte mit "So ein Rotz!" - Unfassbar, dass meine Mutter mit so einem oberflächlichen, gehässigen Trottel Liebe macht. Es ist ekelhaft und mit nix zu entschuldigen.

9. - Ich bin freundlich. - Ich bin gern nett und hilfsbereit und großzügig, ohne etwas dafür zu erwarten. Ich erinnere mich, als ich das letzte Mal bei euch war und es auf dem Sofa oben sehr ungemütlich fand und lieber auf dem Sofa unten im Wohnzimmer schlafen wollte und du sagtest: "Nein, das ist nicht zum schlafen. Stell dich nicht so an." - Ich hab wirklich bisschen Tränen in den Augen gehabt deswegen. Ihr hängt den ganzen Abend dort rum um irgendeinen Scheiß im Fernsehen zu sehen, aber euren Sohn lasst ihr nicht darauf schlafen. Das ist wirklich alles, was ich über eure Haltung zu mir wissen muss. Sowas ist unverzeihlich, sowas gehört zu den Dingen, die ich niemals vergessen kann und die ihr nie wieder gut machen könnt. Zu anderen Leuten, zu Erwachsen, wärt ihr freundlich gewesen, wohl aus Unfähigkeit, euch mit fremden Leuten anzulegen.

10. - Ich bin glücklich. - Es macht so Spaß, mich an euch abzuarbeiten. Langsam hab ich das Gefühl, aus der Pubertät raus zu sein. Dabei mach ich nur das, was ihr nie mit euren Eltern gemacht habt. Ich hoffe, in meinem Zorn und meiner Bösartigkeit erkennt ihr euch wieder. Ich denke, wenn ihr den Schneid gehabt hättet, einen Bruch mit euren Eltern zu provozieren, dann wärt ihr viel lieber, offener zu mir gewesen. All die Konflikte, die ihr mit euren Leuten hattet, habt ihr an mich weitergegeben. Deshalb muss ich solche Aggressivität aufbringen: meine Boshaftigkeit richtet sich nicht nur gegen euch, sondern auch gegen eure Eltern. Mein Zorn richtet sich gegen den ganzen Stammbaum. Ich bin ein Leuchtfeuer der Liebe und Vergeltung. Eines Tages werdet ihr es verstanden haben, eines Tages werdet ihr euer Bewusstsein erweitern (es gibt ein legales LSD-Analog auf 1plsd.de - Beschäftigt euch damit!) - eines Tages werden wir Frieden schließen,

eines Tages wird alles in Ordnung zwischen uns sein. Bis dahin habt ihr eine Menge zu tun. Wenn ihr nicht vorher an eurem Lebenstil gestorben seid, werdet ihr, nachdem die Maschinen euch ersetzt haben, eine Menge Zeit haben, in euch zu gehen. Ich wünsche euch ein verzweifeltes, anstrengendes, überforderndes Älterwerden. Bitte glaubt nicht, dass ich irgendeine Sentimentalität für euch übrig habe.

11. Meine Hustenstiller-Hypomanie. - Habt ihr euch wirklich so ernst genommen über all die Jahre, in denen ich in eurer Klemme steckte? Habt ihr niemals gefühlt, was Jimi Hendrix, Tom Waits, Frank Zappa oder Jim Morrison meinten? Wollten die von einem fetten, grantigen, kleingeistigen Schreihals gehört werden? Oh Gott, du bist so lächerlich! Jetzt, wo ich erwachsen bin, seh ich, wie lächerlich du bist... und wie hässlich... dein ganzer Körper ist so widerwärtig... Du denkst, alles zu verstehen, du denkst Respekt zu verdienen, du denkst irgendeine Macht über mich zu haben, wenn du mir deine verärgerte Fresse zeigst: wow, ich hab mal wieder nicht mit dir geredet: weil wir uns nichts zu sagen haben. Du konntest nie damit leben, geistig weit hinter deinem Bruder gelandet zu sein, sozial weit hinter Ingrid, auf dem besten Weg, ein Karl-Heinz zu werden. Oh wie hast du meine Mutter zu ihrer Mutter gemacht... Ihr seid so verdammt unfreundlich und selbstgerecht gewesen, dieses widerliche Gerede ... ich soll mich unterordnen, ich soll dies und das nicht machen, ich soll nicht diskutieren, ich soll nicht blöd rumstehen, ich soll nicht heulen, oh wow, ein Apfel aus dem Fenster schmeißen ist ja ein Skandal, ich frag mich, ob Tom Waits seine Kinder zusammenschreit, wenn sie einen Apfel aus dem Fenster hauen. Bei solchen Grundsatzfragen versteh ich keinen Spaß, und du verstehst auch keinen Spaß, du machst nur Witzchen und ziehst alles ins Lächerliche. Was ist nur schief gelaufen mit dir, dass du so kalt geworden bist. Irgendwann werden wir eine richtige Familie sein, ich bin mir sicher. Ich schreibe so schnell wie ich denke, ich denke aber viel schneller als ich fühle. Ich muss runterkommen. Du hast nicht nur Scheiße verdient, ich wünschte du würdest deinen Musikgeschmack ernster nehmen und ein guter Freund sein können und dich nicht dauernd über Mist aufregen. Ich wünschte du wärst ein Vorbild für mich, ich wünschte du hättest meine Mutter nicht so ruiniert... Was aus euch hätte werden können.... Ihr hätten viel öfter auf mich hören sollen. .. Es ist so ein verdammtes Glück, hättet ihr mich ein bisschen mehr verhunzt, wäre ich inkompatibel mit Leuten geworden... ich hätte mich eingemauert, gesoffen, wäre von ekliger Arbeit und platter Beziehung abhängig geworden. Es ist schade, dass ihr nicht zu meinem Leben passt, ich könnte Eltern gebrauchen, die mich lieben und die ich liebe, aber meine Freunde ersetzen euch prima. Ich möchte Eltern, die an eine schöne Zukunft glauben, ich möchte Eltern die mir ein Vorbild sind, die sich mit Wissenschaft und Kunst und so auskennen, ich will mit euch und meinen Freunden Spaß haben, durch Städte tollen, Museen umwerfen, auf Lesungen pöbeln, Drogen nehmen und über Gott und Bewusstsein und Europa reden. Ich möchte dass ihr meine Freunde seid, aber das könnt ihr niemals sein, schade. Doch ihr seid immer bei mir, ihr geht einfach nicht weg, ihr begleitet mich, und indem ihr mich bewertet, dringt ihr in mein Gehirn ein, indem ihr an mich denkt, habt ihr mich in euren Händen und der Song läuft weiter und kippt seine

goldenen Hoffnungen über den Tag wie ein vollbeladener Lastwagen. Ich möchte euch nicht hassen, ich möchte, dass wir von vorn anfangen, ich brauche Eltern, ich brauche eine Familie! Habt Ihr nicht mal Lust mit mir zu mkiffen? Ich hab keine Angst vor euch. Aber ich hatte mal Angst. Als ihr immer so geschrien habt. Als ihr mich unter den Tisch gestopft habt. Als ihr mir eine Backpfeife gegeben habt. Wie können wir uns nur so oft missverstehen? Wollte ich euch jemals was böses?

12. Riesige schwarze Pupillen. - Je mehr Abstand ich zu euch gewinne, desto mehr Luft hab ich, um euch genau so zu hassen wie ihr es verdient habt: ich hasse euch für eure Geistfeindlichkeit, euer Desinteresse an allem was euren mickrigen Gartenzwerg-Horizont übersteigt, für eure boshafte Arroganz allen gegenüber, die sensibel und nachdenklich und menschenfreundlich sind, ich hasse euch dafür, dass ihr glaubt ein Recht zu haben Fleisch zu fressen, ich hasse euer dummes Gerede über Leute, ich hasse eure Phantasielosigkeit, eure Unfähigkeit echte Gespräche zu führen, ich hasse eure ganze Art zu leben und zu fressen und zu kauen und zu schlucken und zu glotzen, ich erwache fast jeden Morgen mit dem Wunsch, euch zu demütigen, euch körperlich weh zu tun. Der Gedanke, dass ihr von perversen, kranken Bauern genau so behandelt werdet wie die Tiere, die ihr fresst, verdreifacht die Wirkung meines grünen Tees und lässt mich unbeschadet durch den Tag gleiten. Ich möchte, dass ihr in eurer Scheiße und eurem Blut lebt, ich möchte, dass ihr vom Staat oder von Terroristen derart erniedrigt werdet, dass ihr sämtlichen Glauben an euch verliert. Ich hasse euch, ich muss euch hassen und werde euch immer hassen. Eure Kälte, euer abgestumpftes Herumarbeiten und Herumkonsumieren, euer ewiges, jämmerliches Genörgel, euer Atmen und Scheißen und Lachen und Ficken widert mich manchmal derart an, dass ich mich erhängen will oder mir die Pulsadern aufschlitzen will, um die Erinnerung an euch endgültig zu verlieren. Bitte fühlt euch angeschissen, fühlt euch pausenlos von mir in die Fresse geschlagen. Ich will nie mehr etwas mit euch zu tun haben, ihr seid für mich gestorben. Ich will euch nie wieder sehen, nie wieder anfassen, nie wieder an euch denken.

13 . Ich habe einiges über euch erfahren, ich hab Kontakt mit Leuten aufgenommen, die euch aus ihrem Leben gekickt haben und sie haben mir Mut gemacht, dasselbe zu tun. Ich möchte, dass ihr an eurem langweiligen, lieblosen, einsamen Leben so schmerzvoll und hoffnungslos wie möglich zu Grunde geht. Ihr widert mich so unendlich an! Bald werdet ihr tot sein, irgendein hässlicher Krebs, oder Diabetes, Fettsucht, Depression oder ein Hirnschlag wird euch alles Leben aus euren vergifteten, schwerfälligen, erloschenen Körpern reißen und ich werde mich vor Euphorie schütteln, ich werde bunte Fahnen durch die Straßen tragen, ich werde alle Menschen umarmen, wenn ihr bald tot seid. Ich spucke euch meine Verachtung und meinen Ekel wie dicke Blutfladen in eure grässliche Fressen. Ich hoffe ihr werdet nie wieder schlafen, nie wieder lachen, nie wieder ficken, nie wieder gutgelaunt aufwachen, nie wieder hoffnungsvoll ins Bett gehen, nie wieder mit gutem Gewissen Luft holen.

Wieso habt ihr euch nicht einfach getrennt? Was wäre ich glücklich gewesen!

Ich möchte nicht die selbe Luft atmen wie ihr, ich möchte nicht in der selben Stadt leben wie ihr, ich interessiere mich absolut null für euer Leben, euer Leiden, eure Träume oder eure Hoffnungen. Ihr seid Fremde, mit denen ich niemals unverkrampft und heiter und offen und respektvoll an einem Tisch sitzen werde.

Ich habe kein Gefühl von Dankbarkeit und Liebe und Respekt und Mitleid für euch übrig. Ich hab Rachepläne, die eure schlimmsten Phantasien übersteigen würden. Ich hätte mit 15 abhauen sollen, ich hätte die heilige Plattensammlung abfackeln sollen und ein paar eurer Knochen brechen sollen mit einem Vorschlaghammer, ich hätte ein paar Finger mit einem Bolzenschneider abschneiden sollen und mit einem Zirkel ein Loch in ein paar giftige Kehlkopf rammen sollen. Als Kind hat man diese Freiheiten noch... Ich kann euch nicht so sehr verletzen wie ich müsste, um meine Würde, die ihr mir nehmen wollten, mit bunten Fahnen und schmetternden Trompeten und Posaunen zu behaupten. Ich habe Lust, euch alles zu nehmen, was euch lieb ist, euch in eine bodenlose Depression zu stürzen, um euch, wenn euch jeder Lebensmut und jede Hoffnung ausgegangen ist, zu vergeben. Dann erst wäre meine Ehre widerhergestellt. Da das nicht möglich ist, werde ich immer zu einem gewissen Grade verkrüppelt sein.

Oh Mutter! Du bist nicht meine Mutter, du bist die biologische Ursache meienr Existenz, kein Grund feierlich zu werden. Ich habe keine Mutter, ich habe wirklich keine Mutter mehr seit über 20 Jahren! Vielleicht wärst du meine Mutter geblieben, wenn du einen besseren Mann kennengelernt hättest. Du hast wohl gute Gene! Oh du hättest einen brutalen Schnitt mit deiner BÖSARTIGEN BÖSARTIGEN Mutter Ruth machen sollen! Ich habe sie so unglaublich gehasst! Ein echtes Grausen! Ich habe so ein unendliches Mitleid mit dir, dass du unter ihr aufgewachsen bist! Was musstest du leiden! Es tut mir so unendlich leid! Du hättest mit ihr brechen sollen! All das, was sie dir angetan hat! Du hättest mit ihr brechen sollen! So lebte sie weiter in deinem Herz und du wurdest fast wie sie. Ganz oft hatte ich das selbe Grausen vor dir wie ich es vor deiner Mutter hatte! Du warst zu schwach, dich gegen die Kälte aufzulehnen, die sie in deinem Herzen hinterlassen hat. Du hattest keinen Mann, der dich aus diesem grässlichen Erzgebirge rausholt. Du hättest es wie ich machen sollen: abhauen und die Brücken langsam abbauen und kurz vor einem runden Geburtstag einen letzten endgültigen Bruch machen. Ich schwöre, ich hätte dir geholfen, deine Mutter zu töten! Ich bin so traurig, dass ich nie die Mutter hatte, die du hättest sein können, wenn du den richtigen Mann kennengelernt hättest! Du hättest einen so tollen Mann verdient! Was hast du geschrien und gezerrt und was warst du kalt! Was warst du garstig! Was hast du mich belächelt und dumm gemacht! Ich hab jedes Jahr mehr den Glauben an dich verloren, weil du dich einfach nicht getrennt hast. Oh Gott wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass er dich nicht mehr vollsabbert, dass er dich nicht mehr vollschnauzt, nicht mehr stundenlang über die Banalitäten seines beschissenen Arbeitslebens lamentiert: er ist ein uncooler, wirklich hässlicher

Verlierertyp - und natürlich schämt er sich dafür und tut alles, um bei dir zu bleiben, weil er niemanden anders hat! Kannst du dir vorstellen, wie er eine andere Frau anspricht? Ich auch nicht. Er sich selbst auch nicht. Hey Mutti, das ist keine echte Treue! Mit wem lebst du da eigentlich die ganzen Jahre so schrecklich zusammen? Was hättest du aus deinem Leben machen können! Wie sehr hätte ich mir einen Stiefvater gewünscht, der deine künstlerische Ader unterstützt hätte und meine! Du hättest Musik- und Deutschlehrerin werden können! Wir hätten zu dritt Lesungen und Konzerte und Kunstaustellungen besucht und du hättest mir Bücher empfohlen und hättest mir bei meinen Texten helfen können, ich hätte mich trösten lassen von dir, wenn die Jungs und Mädchen bös zu mir in der Schule waren. Ich hätte dir vertrauen können! Deinem Geschmack, deinem Instinkt, deiner Liebe! Aber dich an jemanden wie diesen Dreckmann zu halten, diesen miesepetrigen, fetten, langweiligen Besserwisser, das zeugt nicht von Geschmack und Instinkt und Liebe: das zeugt von Resignation, Anpassung, Unterwürfigkeit! Er und deine öde Büroarbeit und das ganze kalte, biestige Erzgebirge überhaupt haben dich in eine nervige, am Weltgeschehen und an Kunst und Kultur weitestgehend desinteressierte, kleingeistige, nervenkranke Muddi verwandelt. - Meine Mutter wäre eine herzliche, kluge, offene, soziale Frau, würde auf ihre Ernährung achten, würde sich Dokumentationen über den Krieg in Syrien und das Leid der Menschen im Irak anschauen und wirklich ergriffen sein. Meine Mutter würde sich niemals arrangieren mit einem Typen, der ihren Esprit zerdrückt. Meine Mutter würde sich niemals von irgendwem anschnauzen lassen. Ich habe ein sehr klares Bild von der Mutter, die du hättest werden können. Ich spüre auf diese Weise dein Erbgut in mir. Ich glaube an meine Vision von dir - sie hält mich auf Kurs, sie gibt mir Hoffnung. Meine wahre Mutter existiert nur in meiner Phantasie, aber sie existiert und ich liebe sie wie ein essentielles Objekt wie die Sonne. Du bist nur der blasse Schatten von ihr.. Ich muss mit dir brechen, weil du mit deiner Mutter und deinem Mann nicht gebrochen hast. Vielleicht glaubst du mir nicht, vielleicht bist du zu dumm geworden um irgendwas Neues zu verstehen. Vielleicht bekommst du auch eines Tages im Traum eine Erleuchtung: "Verdammt! Mein älterer Sohn hat mit mir das gemacht, was ich mit meiner Mutter nicht machen konnte. Er musste mich loswerden, um meine Mutter loszuwerden! Verdammt, wie konnte ich so sehr auf die schiefe Bahn kommen! Wieso hab ich mich nie ernst genommen? Wieso hab ich mich gefügt? Wieso konnte ich nicht sehen, dass mein ältester Sohn das Abenteuer fortführt, von dem mich diese böse, kalte Ruth abgehalten hat? Und warum bin ich mit diesem hässlichen, jämmerlichen Pimmel zusammen?" ---- Hast du überhaupt eine Ahnung was ich meine? Wenn ihr euch getrennt habt und du mich finden willst, wirst du mich finden.

Jetzt. während des Schreibens wird mir bewusst, dass ich der größte Versager in dem ganzen Theater bin, weil ich dir nie gesagt hab, wie sehr ich ihn gehasst habe, wie groß das Unwohlsein war, das ich in seiner Gegenwart spürte, wie viel ANGST ich vor ihm hatte - ich hätte es dir sagen müssen, es tut mir leid, aber ich will, dass du es weißt, ich will dass ihr es wisst. Der Schmerz ist fast überwunden,

doch ich bereue, dass ich dich nicht solange genervt hab, bis du dich von ihm trennst. Oh Gott, was täte ich dafür, in die Zeit zurückreisen zu können und dich dazu zu bringen, ihn zu verlassen. Es wäre so viel besser für mich gewesen! So unglaublich viel besser! Genau so für dich! Oh Mutti, du hast dein Leben mit ihm im Erzgebirge verschenkt. Wärst du die letzten 20 Jahre im Gefängnis gewesen, weil du deiner Mutter ein scharfes, blitzendes Küchenmesser in ihre Kehle gerammt hast, und hättest im Gefängnis Nietzsche und Foucault und Camus und Thomas Mann und Erich Fromm und Roger Willemsen gelesen, und mich bei irgendwelchen langweiligen Pflegeeltern gelassen ... wir hätten uns lange Briefe geschrieben jede Woche, ... wäre es so gekommen, du hättest mehr von deinem Leben gehabt, weil du weniger verpasst hättest und ich hätte dich voller Liebe und Hoffnung zu deiner Entlassung draußen vor dem Knast umarmt und dir einen echten Kuss aufdie Stirn gegeben und ich wäre glücklich und stolz auf dich gewesen. Ja, im Knast hättest du mehr von deinem Leben haben können als in diesen langweiligen Bürojahren im Erzgebirge. Du bist wirklich nicht mehr meine Mutter, du bist die Frau, die mich geboren hat, aber zu unglücklich und feige war, um wirklich meine Mutter zu sein. Um meine Mutter zu sein, hättest du die Musikerin, die politische Aktivistin, die zärtliche, starke, offenherzige, feinsinnige Bibliothekarin oder die Matrosin oder Mörderin werden müssen, die du hättest werden können, wenn du mich mehr geliebt hättest als deinen Mann, den ich nie als Vater akzeptiert, weil er mich nie als Sohn akzeptiert hat, Wir hatte uns einfach nix zu sagen. Als Roger Willemsen dieses Jahr gestorben ist, war ich so unglaublich traurig und der Gedanke, dass ich garantiert nicht so traurig sein werde, wenn ihr verendet, schoss mir wie eine Erleuchtung durch meinen ganzen Körper. Ihr habt mich nicht ernst genommen und durch diese cholerische Art, dieses so brutale Ausrasten wegen so dummen Kleinigkeiten mich gründlich und unwiederbringlich abgestoßen. Ich hatte einfach keine gute Rolle bei euch zu spielen, wir haben wirklich nicht zusammengepasst.

Ich hab alles gesagt. Auf die Frage, was das beste Geburtstagsgeschenk war, das ich je bekommen habe, werde ich antworten: "Das meine Mutter und ihr Mann den letzten Brief gelesen haben, den ich ihnen jemals geschickt habe."

Nachdem ich eben im Kaffeerausch meinen Eltern einen erneuten Brief geschrieben habe - diesmal hab ich dreizehn Dinge aufgelistet, die ich ihnen voraus habe - fühle ich mich bereit, eine neue psychedelische Substanz zu testen, AL-LAD, chemisch stark verwandt mit LSD. (Die Leute von 1plsd.de haben mir freundlicherweise 5 Plättchen davon spendiert, weil ich nun schon zum dritten Mal eine größere Menge 1P-LSD gekauft habe.)

Es ist Montag der 20. Februar 2017, ein grauer, milder, verregneter Nachmittag, genau 15:15 Uhr. Mein Magen ist leer und meine Psychedelika-Toleranz dürfte wieder abgebaut sein, weil ich vor 10 Tagen das letzte Mal 50Mikkrogramm 1PLSD genommen habe (es braucht etwa eine Woche, um die Toleranz abzubauen). Ich lasse zwei Päppchen a 150 Mikrogramm unter meiner Zunge zergehen, bis sie meine Spucke nach ein paar Minuten in einen weichen Klumpen verwandelt hat, den ich runterschlucke. Während die Säure in mein Betriebssystem fließt, stell ich mir auf Spotify eine Liste mit Songs zusammen, die ich hören will. Ich erwarte einen sehr entspannten, weichen, fröhlichen Spaziergang ins Zwischenreich ein. Diesmal möchte ich die Wirkung so genau wie möglich beschreiben. Bisher habe ich mich den Substanzen eher ergeben, diesmal will ich ihnen Paroli bieten und mich von den Wirkungen etwas distanzieren. Ich weiß, dass man mit Psychedelika viel über das Gehirn lernen kann, wenn man offen ist und genau.

15:37 - Eine zarte Bitterkeit schüttelt mich durch, mein Magen knurrt, meine Hände werden leicht schmierig und ich beginne zu frieren, weshalb ich das Fenster schließe. Mein Verdauungsapparat wird angeregt, während ich zum ersten Mal Holdens "Caterpillar Intervention" höre. Ein würdiger Einstieg, danke für den Tipp, Spotify. Ich weiß, du hast kein persönliches Interesse an mich, du bist nur ein Programm und ich hab für dich bezahlt, du kennst mich nicht und vieles gute, was du mir tust, ist purer Zufall. Trotzdem... trotzdem...

15:48 - Ich weiß nicht, in welchem Stil ich schreiben soll, es gibt niemanden, den ich beeindrucken will. Ich habe den Anspruch, ehrlich zu sein, aber wem gegenüber? Kann ich überhaupt ehrlich sein, wenn ich doch eigentlich gar nicht wirklich feststehe? Das Ich ist - so behaupte ich ja immer - nur ein sozialer Reflex, keinesfalls eine Substanz, ein Zentrum, auf das man sich verlassen kann, keinesfalls ist man Herr im eigenen Haus, keinesfalls kennt man sich: wie sollte man da ehrlich sein? Man spielt sich selbst eine Rolle vor, so wie man anderen eine Rolle vorspielt. Authentisch ist man vielleicht nur auf dem Klo oder wenn man vor Schmerzen schreit oder wenn man ejakuliert oder besoffen vom Stuhl kippt. Ich löse mich zwischen der Außenwelt, die ich nicht bin und der Innenwelt, die ich nicht bin, vollständig auf. Ich bin der Wunsch, zu schreiben, ich bin das, was meine Freunde jeden Tag wiedererkennen, ich bin ein zitternder Körper, ich verfüge über Worte und Sinne, einen Körper und einem Raum und es gibt Songs die ich mag und Songs die ich nicht mag, so wie ich Leute mag und nciht mag. So bäckt sich ein Selbstmodell zusammen.

15:57 - Mein Kreislauf ist sehr sehr angeregt, ich schwitze, bin zu feinmotorischen Dingen nicht in der Lage, die Fülle an Assoziationen macht es mir schwer, am Telefon die Haltung zu wahren. Eben rief Monnique vom Kunsthaus an, wir bekommen ja noch die Gage vom letzten Freitag. Ich darf nicht vergessen, dass Psychedelika dehydrieren. Wieviel Kollapse konnte ich wohl schon verhindern mit ein bisschen Wasser? Mein lieber Freund S. schreibt mir, dass er nachher vorbeikommt, weil er ein paar beschissene Tage hinter sich hat und nicht allein sein kann. "sehr gern, komm vorbei wie es dir passt" schreibe ich kurz und knapp.

16:05 - Mein KÖRPER fühlt sich leicht vergiftet, es schüttelt ihn und er hebt ein paar Mal zum kotzen an, aber oh sanfter, lieber, törrichter Körper, du brauchst dich nicht erbrechen, ich hab nicht den richtigen Pilz / Kaktus gegegessen ... Ich huste herzlich, ich heiße die körperliche Anstrengung willkommen, ich spüre wie mein Gehirn sich in den ewigen, psychedelischen Loop einstöpselt. Ich bin ganz verrotzt und das Flackern bei geschlossenen Augen wird stärker und das Schreiben fällt schwerer und mein Körper will sich zu einem zitternden, hin-und- herschwankenden Etwas auf ein Ende dieses Satzes. Ich bin nicht mehr als Sprache, 16:09.

16:16 - Ich fühle mich befreit von meiner Fähigkeiten, Maschinen zu bedienen. In diesem Zustand ist man nicht in der Lage, ein Auto zu fahren oder einen Schrank zu schleppen, das heißt: man hat eine höhere Sphäre der Authentizität erreicht. "Endlich ist er nicht mehr in der Lage, Verkehrsregeln einzuhalten!", sollte man ihn preisen, der sich einen roten Punkt auf die Stirn gemalt hat und über die Verkehrsinsel gefahren ist.

16:21 - Mein Körper versucht sich mit der irrsinnigen Energie der Musik zu verbinden. Mein Ich steht daneben und schaut beläppert, wie meine Eltern hilflos waren bei meinen ersten Wutanfällen. Wow, was waren meine Eltern dumm und kalt und böse. Aus dieser Tatsache kann ich mir einen fröhlichen Refrain knüpfen und locker über die nächsten Jahre tanzen.

16:26 - die Musik ist großartig, iich bin großartig, ich spucke das Wasser, das ich trinke, fast in den Computer. Mein Bauch hat das Bedürfnis sich zu übergeben, weil er nicht verstanden hat, dass ich mich nicht wirklich grad vergiftet habe. Wenn ich mich in der Musik treiben lasse, fühle ich mich von allen Leuten beobachtet, die jemals mit mir geredet haben. Die bunte, schäumende, freundliche Musik wringt mein Gehirn restlos aus. Ich hab das Bedürfnis klarzustellen, dass es hier um weit mehr geht, als sich zuzudröhnen, als sich ein bisschen zu gönnen, weit mehr als bloß ein bisschen Effekthascherisci überdem Abgrund von ErfurtoderChem- nitzoderGrimma. Die Buchstaben beginnen zu tanzen, ich weiß nicht ob es gut ist... Diesen Gedanke breche ich lieber ab. Die Musik hat ihn als unverdaulich ausgespuckt und in den Müll befördert und da muss er bleiben! Ich behaupte, dass man die Welt missversteht, wenn man nicht den gleichen Musikgeschmack hat wie ich. Ich sehe bunte, orgiastische, ekstatische Straßenfeiern die Pulsadern von Europa reinigen.

Sind Songs immer aus dem Zusammenhang gerissen? Funktionieren Lieder nur für sich? Tu ich den Interpreten unrecht, wenn ich ihre Werke für meine Zwecke missbrauche? Das Sichtfeld verschwimmt, aber ich weiß, was ich sage, wo ich bin und warum ich so aufgeladen bin. Ich habe mich willentlich verändert. Schrecklich, diese Macht die ich habe, Tatsachen zu schaffen. Ich bestimme, wie es sein soll. Hat es gerade geklopft oder was es nur in der Musik?

16:46 - Ich habe absolut keine Idee, wie diese Droge auf jemand Anderes wirkt, wenn ich ehrlich bin, mich bringt sie immer wieder nur auf das zurück, was ich bin: Worte, Freunde, Musik und Assoziationen. Ich kann einem einsamen, verbitterten Freak in den Wäldern Ohios unmöglich dazu raten, diese Droge zu probieren, so wie ich ihnen auch von Alkohol und Sex und Fast Food abraten würde. Schaut nur, wie erbärmlich sie versuchen, noch cool zu sein mit ihren beschissenen Mützen und Gesichtsausdrücken. Das ist alles so unfassbar abstoßend, unfassbar, dass nicht alle Leute so sind wie ich!! LEONARD BERNSTEIN!! dililidlidlidldildidldildildi its the eeeeeend of the woooorld as we know it,,,,

Ich sollte es mir abgewöhnen, Lieder mitzusingen, die in Ich-Perspektive geschrieben sind.

Die groben und feinen und optischen und akustischen Veränderungen zu beschreiben, erscheint mir überflüssig, da nur die selbsterlebte Erfahrung, ich überlasse es meinem nüchternen Selbst, diesen Satz zu Ende zu friemeln. Ich rieche nach Körper, nach Junge, nach Februarende, nach dem Tod meiner Eltern, nach verbranntem Vinyl und der Teufel ist eine Frau mit Geschmack und Liebes- kummer. Meine Stärke ist, dass ich mich nirgends verstrickt habe und frei und sündig ins Blaue leben kann, bis alles Blaue aufgetrunken ist und ich mit der leeren Flasche in der Gosse sitze. Es wird alles großartig, wenn wir alle in der gefiederten Seifenkiste sitzen ....

Wenn ich grinsend auf meinem Bett kauere, hab ich das Bedürfnis zu erklären, dass ich mich weder besonders berechtigt dazu fühle, oder es verdient haben es fällt schon schwer Sätze zu bilden, wenn die Musik so viel Assoziationen aufdrängt. Keinesfalls macht die Droge glücklich, man ist nicht einfach gut drauf und kann sich gehen lassen... oder? Es würd spürbar düsterer - d.h. interessanter - d.h. bin ich auch nur einer von vielen trostlosen Junkies die sich von frustierten Hafenarbeitern ficken lassen? Ich behaupte: man ist nur das Wert, was man von sich behauptet. Niemals mehr, niemals weniger.

17:24 - Ich spüre, wie meine verschleimten Halsnasenohrensysteme die Musik verschnupfen, eine süße, fiebrig-verschnupfte Nachmittagsrotzigkeit, es riecht nach verbrannten Fritten und meine Mitbewohner haben gute Laune und ich freu mich darauf, dass S. dann vorbeikommt und sein Herz ausschüttet, irgendwann wird die Heilsarmee seiner Tollpatschigkeit ein Denkmal bauen.

17:28 - Die Musik wird plötzlich zu erotisch, ich hab Lust geködert zu werden. Nicht jetzt. Ich skippe den Song. Spotify ist ein Instrument wie LSD oder Sonnenschein. Ich will nicht missverstanden werden!

Wie kann man eine Persönlichkeit ausbauen? Was muss ich wissen, um die Welt zu verstehen? Bin ich mir bekannt? Welche Charaktereigenschaften soll ich in mein Gehirn hängen? Du kannst dich gestalten wie eine weiße Kugel. DU BIST SO WEIT WEG MUTTER!Trockene Unfreundlichkeit,

17:40 - Ich schreibe dem Ministerpräsidenten unter ein Bild, auf dem er sich eine Narrenkappe aufgesetzt hat und in die Kamera ginst: “Ich muss es wohl einsehen, meine Weigerung, jedes noch so alberne, inhaltsleere Brauchtum wohlwollend abzunicken und mitzuspielen, wenn der Pöbel seine kümmerlichen Späße treibt, wird es mir unmöglich machen, ein Nachfolger unseres teuren Bodo Ramelow zu werden, dem ich hiermit herzlich am Mantel rupfe und zu Kaffee und Kuchen einlade.<3”

Das herzsymbol ist ehrlich gemeint, so viel ehrlicher als ALLES WAS MIR MEINE ELTERN JEEEEMAAAAHAHAHALS mach ich mich unter dem tauben Beifall einer gelangweilten Manege selbst zum Affen.

17:59 - Ich beschließe, L., S. und A. eine Gruppenmail mit meinem Bericht zu schicken. In dem Moment, in dem ich sie abschicke, platzt L. das Teeglas und sie schüttet sich einen halben Liter kockendes Wasser über die Beine. Unglaubliches Geschrei, zum Glück A. ist vor einer Viertelstunde gekommen, er verarztet sie und fährt mit dem Fahrrad zur Apotheke, ich wippe auf meinem Bett hin und her und höre sehr heitere schöne Musik. Ich weiß, dass das Drama bald vorbei ist. Ich erinnere mich an Notfälle in meiner Vergangenheit. Wie können Leute nur gleich so panisch und haltlos sein?! Ich bin immer ruhig und erhaben und rational, wenn andere aufgebracht sind. Meine Eltern haben mich dafür gehasst: "Steh nicht so dumm rum und helf mit, du Trottel!" Wie ich ihre uncoole Art gehasst hab. Scheinbar ist es nicht möglich, einen ostdeutschen Dialekt zu haben und ruhig und besonnen und liebevoll zu sein. Ich hasse es so sehr, wenn Leute sich in Unglück reinsteigern wie verblödete, überdrehte Kinder. Ich erinnere mich, dass ich mich oft richtig erschrocken hab über die Bosheit und kindische Uncoolness meiner Eltern und meines Bruders. Hilflose hysterische verblödete Dreckmenschen alles. Ich bin so unendlich froh, dass mein Hass und mein Ekel vor meiner Familie und überhaupt der erzgebirgischen Mentalität und Mundart mich zu einem besseren Menschen macht. ICH BIN ETWAS BESSERES. Ich darf mich nicht schämen, das zu bekennen. All meine Gefühle sind wahr. - A. ist überfordert, aber er tut sein bestes. Alle sind angespannt und überfordert und die Musik wird immer heiterer. Was wären wir ohne Musik. Ich höre wie die Scherben zusammengekehrt werden, ich spüre wie die Tränen von L. fließen, der Unfall hat sie in ein Kind verwandelt. A.s Gesicht ist ernst, unerschütterlich ernst, er redet ruhig und besonnen, sein Mitleid mit L. zerreißt ihm das Herz und die Musik wird immer weicher,

fröhlicher, sie schüttelt die ganze Wohnung durch: das ist der einzige Beitrag von mir. A setzt sich auf meinen Sessel und atmet erschöpft durch, ich wippe auf dem Bett und schreibe ihm eine SMS: "Strange days will track us down" - in dem Moment, in dem er sie empfängt, klingelt es an der Tür. Ich drück den Buzzer, öffne die Wohnungstür und höre S. die Treppen hochpoltern. Er pfeift fröhlich und ich atme tief durch, hol mir ein Wasser und setz mich wieder auf mein Bett. A. ist inzwischen wieder bei L. im Bad und schaut sich die Wunden an.

18:14 - Ich geh ein paar Runden durchs Viertel und verschnaufe und denke über diese seltsame Verknüpfung nach: mein Bericht scheint mit L. Unfall zusammenzuhängen. Ich stell mir vor, dass die Komplexität des Weltgeschehens eine eigene Intelligenz besitzt, so wie die Komplexität unserer Körper-Moleküle uns eine Intelligenz und Persönlichkeit schafft. Ich erinnere mich an all die vielen sinnhaften Zufälle, C. G. Jung nennt das Synchronizität, die mir allein in den letzten zwei Jahren passiert sind. Ich erinnere mich, von vielen Leuten gelesen zu haben, denen sowas besonders unter Gras, LSD oder Hustenstillern passiert. Ich hab das Gefühl, dass das Leben eine Erzählung ist, eine Simulation, vielleicht nur eine interaktive Erinnerung. Bewusstsein und Leben ist derart unfassbar: ich gebe mich dem Universum hin und fühle mich unverwundbar.

Später geh ich mit A und S noch ein paar Bier trinken. Der Abend klingt sehr entspannt aus. Ich kann sehr gut schlafen und wache entspannt und bestens gelaunt auf. L. geht es wieder besser und wir beschließen, am Wochenende nach Halle zu fahren, in der Stadt zu flanieren und die Kunstuni anzusehen.