Morgenstimmung (Erfurt)

onnigen Domplatz stelle und Touristen bunte Tauben füttern sehe, hat sich mein Ich in einen Blumenstrauß verwandelt. Mein Körper ist der einzige Raum über den ich verfüge. Die zwei radikalsten Ebenen: Ich und die Anderen. Wenn alles verbunden ist, bin ich alles. Bewusstsein haben fühlt sich immer gleich an. Alle Menschen müssen synchronisiert werden. Kollektive Euphorie ist eine Waffe. Ich glaube, in dieser Stadt weiß man nur, was sich lohnt, wenn man manisch ist; hier kann man sich nur eine Depression vom Hals halten, wenn man übersteuert ist. Die Manie verschönert, was die Depression vertieft hat. Manisch sein heißt, nur noch atmen können, wenn man glauben kann, dass es in der Welt keinen Stillstand gibt, dass die Verhältnisse immer instabil bleiben. Manisch traut man sich nur an morgen zu denken, wenn man glauben kann, dass man morgen ein Anderer ist. Die Manie ist die Grundlage jeder Revolte. Fanatisch brennend für eine zweifelhafte Sache ist dir egal, ob du siegreich sein wirst oder nicht, die donnernden Pauken und grellen Trompeten bilden das Zentrum, um das sich dein Treiben dreht: sie wollen dich gleichgültig machen gegen die Unterschiede zwischen deinem Scheitern und deinem Erfolg: Hauptsache, es scheppert und knallt und das Zwerchfell biegt sich und der Frontalkortex glüht. Unwissend und fröhlich wie ein Kind in der Nase der Zukunft popelnd, hole ich alles aus meinem Schicksal heraus. Ich möchte, dass mich alle kennen, die mich brauchen. Der Ruhm ist so oft nur das Kreuz, an welches geschlagen man bloß noch rohe Imperative zu rülpsen hat, selten ist er Brandbeschleuniger. Je mehr ich wahrgenommen werde, desto ernster kann ich mich nehmen. Unbeobachtet von irgendwem bin ich der Einzige, der mich erlebt. Das ist zu wenig, ich will an den Hauptstrom angeschlossen sein, also kaufe ich mir ein Bier und setz mich zu einer Gruppe Syrer am Angerbrunnen. Ich gebe eine Runde Marihuana aus. Die Polizei kommt vorbei und schaut finster und ich versuche, noch finsterer zurückzuschauen. Der Beifahrer öffnet das Fenster und fragt mich, ob alles in Ordnung ist. Ich nicke: "Alle Polizisten sind brutale, unkultivierte Schweine, die Andere davon abhalten, Spaß zu haben.", denkt sich der Punk, der ich nie gewesen bin. Sie fahren weiter. Ich spüre eine natürliche, tropische Coolness in mir. Der Staat ist eine gähnende Maschine der Güte, ich drehe ein paar ihrer Schrauben locker und verziehe mich auf den Petersberg, stelle mir eine das Stadtleben nachhaltig verändernde Katastrophe vor, fühle mich wie ein Kind, das versucht im Unterricht sein Lachen zu unterdrücken. Die Kinder müssen sich abreagieren, lernen etwas mit ihrer Kraft anzufangen, sie müssen für sich sein, müssen sich einschließen können, sich viele Jahre Zeit lassen, müssen stolpern und irrelaufen wollen, ihre Lebensgier wie Spasmen ertragen, sich verbinden und sich alles rausnehmen was sie wollen. Der weiche, entspannende Wahnsinn des Nichtstuns, die fröhlich hustende Kakerlake, der pünktlich 18 Uhr zur Ruhe kommende Bagger hinter der Krämerbrücke, Menschen versuchen etwas mit ihrer Freizeit anzufangen, ich will mich niemals an ihre Unbeholfenheit gewöhnen und frage mich, ob ich der Einzige bin der 16jährigen Skatern auf den Arsch schaut und habe L