Morgenstimmung (Identitäts-Auflösung)

Man muss sich verlieren und darf sich nicht wiederfinden: dann hat man sich verstanden und kann sich dem zweiten Schritt widmen: aus dem Bett steigen und gemahlen werden vom grellen Straßenlärm, vom gleißend-grauen Himmel, von den trägen Körpern und ihren von traumlosem Schlaf überfahrenen Gesichtern, unempfänglich für die antidepressiven Potentiale einer echten Utopie. - Mangel an Utopie macht Menschen depressiv oder faschistoid. Im Deutschen kommt beides zusammen. Er liefert damit die Blaupause für einen soliden, mittelmäßigen Konservativismus aller erster Klasse. Die einzige Utopie, der sich ein Depressiver gewachsen fühlt, ist der Selbstmord. - Man wird jede Utopie missverstehen, wenn man keine Kraft für sie hat. Du hast die Pflicht, vor Glück zu verblöden, wenn du akzeptiert hast, dass dich die Stadt nicht mehr loslässt und dich vom Leben enttäuschte, von der Arbeit abgestumpfte Säufer totprügeln wollen, weil du glücklicher aussiehst als sie, weil du mehr vor haben musst, wenn du erkennst, dass man hier keine Freundschaften schließen kann, wo frustrierte, gelangweilte Ostdeutsche aufeinanderhocken und sich von der grauen Straßenlärmmaschine und bösartigen Behörden und brutalen Arbeitskollegen und verständnislosen Verwandten unterkriegen lassen, wo jeder versucht, aufrechten Hauptes zu gehen, wo jeder Plastiktüten und Zigaretten kauft, wo jeder sein Auto mehr pflegt als seinen Musikgeschmack und Eingeweide ziehen sich zusammen und brüllen blaue, scharfe Fürze in die pinke Jogginghose, deren Träger auf die Bierflasche schaut, die vor ihm steht und ich gleite ab in das helle, unendliche Loch, das der Sommer in die Stadt gelegt hat wie einen braunen Teppich aus Wolle. Ich bin eine Art Maulwurf und möchte eine Art Bundespräsident werden und die Straßenbahn hätte mich beinah erwischt, sie klingelt aufgeregt und leuchtet wie ein Karussell auf dem traurige Kinder fotografiert werden von ihren aufgeregten Eltern. Man könnte denken, die Straßenverkehrsordnung wurde von Fahrzeugen und nicht von Menschen geschrieben. Ich bin wirklich sowas wie ein Maulwurf, ich grabe und grabe mich zur Sonne, ich grabe mich aus der Dunkelheit, um zu erblinden und möchte sowas wie der Bundespräsident sein. Je ernster ich diese Metapher nehme, desto erfolgreicher werde ich sein. Ich bin eine liebe, runde Oma und möchte ALLE zum Kaffeekränzchen zusammenrufen."Natürlich kommt niemand!", schlägt sie sich an den Kopf und lässt eine fette, schneeweiße Titte aus ihrer blauen Blümchenschürze hervorschluppen wie einen mit Quark und Hüttenkäse vollgestopften Hoden, der schwarze Stacheln zum Schutz vor listigen Raubvögeln ausgebildet hat. Es ist Mitte März und Omi beißt sich die Zunge ab und blutet aus dem Mund, noch immer klatscht niemand im Publikum, noch immer halten sie alle für einen Hochstapler, ihr Kopf leuchtet gelb.

So wie der Wind mit den Bäumen tuschelt, so tuschelt mein Bewusstsein mit meinem Gehirn, und mein Ich ist das Rauschen dazwischen. - Betrachten wir die Menschen dieser Stadt wie Tiere im Wald. Erfurt muss mal wieder zum Friseur. Erfurt ist nicht so gut wie scharfer Ingwer-Tee. Ich liege in einer Wiese, die nicht weiß, in welcher Stadt sie wächst, unter einem Himmel der keine Grenzen sieht, umkreist von einer gemütlichen Hummel, die noch nie etwas von Europa gehört hat. Ich versuche mich meiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten entgegenzudissoziieren. - Je konzentrierter man ist, desto weniger bekommt man von der Umgebung mit - wie könnte man sich auf diese Weise verstehen? Ich stelle mir einen süßen Jungen mit schwarzen Locken und schmalen Schultern und warmen, staunenden Augen vor, der mich fragt: "Wie könnte ich dich umarmen, wenn du noch von etwas überzeugt bist?" Ich Liebe die Zuversicht in meinen Knochen, wenn ich meine Psychose auslote, indem ich Erfurt abschaffe. Ich hoffe, die Psychose bleibt. Ich hoffe, das Licht bleibt. Ich hoffe, meine Sprache bleibt. Ich hoffe, dieses schiefe, geschriene Flüstern bleibt. Ich hoffe, meine Vorfreude bleibt. Ich hoffe, die Kreissäge bleibt. "Man kann sich nicht kennenlernen ohne sich zu gestalten.", denke ich mir und habe Angst, die Konsequenzen daraus zu ziehen, zu sehr beunruhigt mich ein zweiter Gedanke: wie werde ich morgen sein? Welches Gesicht werde ich morgen machen? Ich weiß, was uns deprimiert: unsere Angst, ganz von Neuem anzufangen. Eine Stadt ist umso depressiver, je weniger Leute sich in ihr etwas zutrauen. Ich grinse der Sonne entgegen, träume von einer kühlen, blauen Wolke, die sich im Erfurter Straßennetz ausbreitet, ich träume von einem alten Mann, der traurige Augen hat und mich fragt, wie alt ich gerade bin. Ich kann es nicht greifen und bin vollkommen zufrieden in dieser Leere, dieser fröhlichen Behauptung des Nichts: ich bin nie wirklich irgendwo. Ich bin wie der Wind, der Erfurt durch die Frisur streift, obwohl ich weiß, dass man niemandem einfach so ungefragt durch die Frisur streifen darf, zumal wenn es ein Unbekannter ist. Alle Leute stehen im Kreis um mich herum und rufen meinen Namen: "Erfurt! Erfurt!" - Mit fletschenden Zähnen kneife ich mein rechtes Auge zu und schaue mit dem linken nach rechts oben: aus dem üppigen Grün ragt ein altes Haus, ich bin mir noch über zu viel bewusst, ich will noch etwas, ich bin noch etwas, mein Gesicht sieht so aus, als würde ich irgendwann zum Bürgermeister von Europa gewählt werden. Man müsste seine Zukunft definieren und stabilisieren können, während man sie im Internet behauptet. Das unsterbliche, unendliche Gewebe des Internets könnte bald direkt mit unserem Bewusstsein verbunden sein. Ich stelle mir einen Klumpen absoluter Weisheit vor, vernetzt, matschig, kalt, ein weißer, weicher Fluss, unendlicher Anfang, unendlicher Verlauf, unendliches Ende. Ich würde es toll finden, wenn jeder auf seine Art und Weise mit jedem interagieren könnte. Das Internet ist eine Wolke und man kann darin schwimmen wie in einem kollektiven Traum und man kann sich verknüpfen und vielleicht ist es jedem bald möglich, unsterblich zu werden, wenn sich alle Menschen vernetzen und zu einem riesigen Computer umbauen, aber ich denke grad nicht genau genug, ich tanze zu schiefer, beruhigender Musik über die sanfte Klippe des Tages. Ich würde gern ein kollektives Bewusstsein in mir haben, ich möchte das wirklich ernst nehmen. Ich weiß, dass ich noch ein Dilettant bin, aber das Internet ist definitiv etwas Psychedelisches.

* Ich beruhige mich langsam und schlendere in die Innenstadt. - Es müssten hier ganz ganz ganz großartige Sachen in den frühen Morgenstunden stattfinden, die Menschen wollen herausgelockt werden in eine von allen Künstlern der Stadt gestaltete Parallelwelt. Abends, wenn sie plattgewalzt von der täglichen Tortur zuckerreiche Ablenkungen nötig haben, kann man ihnen nicht damit kommen, wie schön es ist, dem Leben eine dramatische Wende zu verpassen. Morgens aber, wenn ihr Geist noch frisch ist, ihre Hoffnungen noch nicht enttäuschte wurden, kann man sie viel effektiver mit positiven Botschaften, mit süßen, ehrlichen Liedern über Liebe, rauschende Bäume, Langeweile, Sklavenarbeit und Selbstauflösung versorgen. Die unvermeidliche Qual durch die Institutionen hindurch, die Bürde der Verantwortung, die Konzentration auf Nebensächlichkeiten, die strikte Einhaltung von Gesetzen und am schlimmsten: die Notwendigkeit, ein festes Ich zu haben, das man unter Kontrolle haben muss, damit man keine auf die Finger kriegt - und wir verteilen milde Knicke, verschenken missverständliche Gesten, hissen unsere Überempfindlichkeit wie eine Flagge, geben pelzige, elektrische Ratschläge, die Menschen kommen wie nach einem schönen Traum in ihrer Arbeitsrealität an und etwas in ihnen kann nicht mehr den alten Mustern folgen. Es gibt in mir jemand, der diese Vision naiv findet und der wünscht sich nichts mehr als eine Jahrhundertflut, die alle Menschen aus der Stadt spült. Er sagt: "Menschen sind Säugetiere, die in ein Auto steigen, um schneller voran zu kommen. Tausende Tiere unserer Spezies steigen in brutale, Gift und Krach spuckende Maschinen und fahren zielbewusst durch den grauen, plattgedrückten Morgen dieser hässlichen Stadt, die wie ein von Schimmel und Tod zerfressenes Krankenhausgelände dem weißen Himmel ein müdes, falsches Lächeln entgegenhält. So geht das noch eine Weile weiter, aber irgendwann schauen wir uns alle in die Augen, haha." und ich entgegne mit schwarzen, heißen, vibrierenden Augen: "Scheiße." Es gibt vorm Hugendubel am Anger einen so widerlichen, von Pennern und Junkies angepissten und vollgekotzten und mit Fastfood-Resten, blutigen Fetzen, benutzten Spritzen vollgestopften, von Vögeln zugeschissenen Mülleimer, den ich panisch vor Ekel zum Wahrzeichen der Stadt erkläre, mit einer feierlichen Geste, die den Menschen ringsherum ein bisschen Angst macht. Wer ist überhaupt dieser süße, 15-jährige Fettsack, der seit einer halben Stunde mit mir herumläuft? Ist er wirklich aus dem Heim geflohen und wird von der Polizei gesucht? Er schaut sich immer wieder panisch um. Ich kauf ihm ein Bier aus, hoffe es beruhigt ihn. Ich wünschte, in einer großen, gemütlichen WG zu wohnen, in der ich ihm Schutz bieten kann. Er erzählt mir stolz, wieviel Alkohol er verträgt und dass seine Freundin letztens erst das Kind abgetrieben hat, das er ihr gemacht hat. Ich weiß nicht recht, ob das unendliche Grau der Bordsteine etwas damit zu tun hat, dass ich so wirke, als sei ich gelangweilt von allem was er mir sagt. Die neun Jahre, die ich schon hier in dieser Stadt bin, kommen mir wie eine Beleidigung vor, die jemand hinter meinem Rücken mauschelt. Das Bier hat den Wanst jedenfalls total extrovertiert gemacht und er pöbelt Leute an und rotzt ständig auf den Boden. "Du hebst das jetzt sofort wieder auf!", rufe ich scherzhaft und er lacht sich kaputt, als wären wir die besten Freunde und rotzt nur noch mehr dickflüssige Fladen auf die grauen Steinplatten. "Oh Mann, die Stadt ist schon hässlich genug!" und er entgegnet mir: "Na und? Ich will, dass sie noch hässlicher wird." Was für ein widerliches Schwein! Als er ein paar Punks nach einer Kippe fragt, verschwinde ich plötzlich durch eine Seitengasse, ohne mich zu verabschieden. Ich bin etwa in der Mitte und ein Dutzend alter Leute kommen eingebogen, viele von ihnen tragen an einem Auge ein weißes, blutendes Pflaster. Am liebsten würde ich ihnen verächtlich vor die Füße kotzen, aber kann nicht, und sie laufen schweigend an mir vorbei, wie sedierte Eidechsen auf der Suche nach einem potenten Magenbitter. Keiner von ihnen fühlte sich von mir beleidigt, keiner von ihnen wird von mir träumen. Wie schön wäre es, wenn plötzlich alle Menschen, die griesgrämig gucken, weil sie griesgrämig sind, aus dem Stadtbild verschwinden würden. Die Menschen merken einfach nicht, wie sie sich gegenseitig runterziehen, sie ahnen, dass Frust ansteckend ist, aber sie können es nicht fassen. Ich wünschte, das Luther-Denkmal am Anger würde einem Robert-Steinhäuser-Denkmal weichen. Es soll uns daran erinnern, dass es ab und an Opfer geben muss, zumindest darf man keine Angst haben welche zu bringen, sollte es sich lohnen. Die Leute brauchen einen Ort, wo sie sich nicht mehr gezwungen fühlen, selbstbewusst zu tun, wo sie schwitzen und über alles jammern können, denn auch ich schwitze und jammere den ganzen Tag und bin glücklich: ich bin eine Maschine aus Knochen und Schweiß, ich suche Aufgaben die es zu erledigen gibt, aber sehe niemanden der meine Hilfe gebrauchen kann. Ich bin der schiefe Onkel, den man im Supermarkt beobachtet: gleich stolpert er über die Bananenstiege, gleich stößt er sich den Kopf an, gleich rennt ihm die Alte in die Seite. Jeder braucht einen Ort, an dem er entspannen kann, an dem keine Türen knallen, keine Menschen husten, keine Autos herumbrüllen, ein Ort an dem man von aller Welt in Ruhe gelassen wird. Die Menschen müssen sich befreien: durch naturwissenschaftliche, kulturelle und psychedelische Bildung. Die Welt muss zu einem gesunden Dorf zusammenwachsen: wenn ich mich drei Wochen lang nicht gewaschen habe und mich auf den s