Ich fühle mich etwas matt vom schlaflos über Hausdächer steigen
und die Morgenröte kommen sehen,
jenen blassrosazarten Abgrund der Hoffnung.
Da ich diese Stadt erstmal nicht loswerde, gewöhne ich mich besser an sie, also wache ich 8 Uhr morgens auf, trinke einen mit Honig gesüßten und mit Vanille- Sojamilch verfeinerten Mate-Ingwer-Tee, höre die furchtbaren Nachrichten im Radio und lasse 200 Mikrogramm 1pLSD unter meiner Zunge zergehen und stürze mich in die brüllende Morgenmaschine der Innenstadt, die bestens in Schuss gehalten wird von genervten, pflichtbewussten Menschen, lieblosen, sauberen Arbeitern, die genau wissen was sie träumen dürfen und was nicht, eine dreckige, gereizte Stadt, die Kinder und Pflanzen und Tiere in der Mangel hat. Die Menschen tun, was man von ihnen verlangt und langweilen sich mit dem bisschen Freiheit, das man ihnen dann und wann gönnt. Die Brutalität, mit der sie sich darüber hinwegtrösten, Opfer dieser Stadt zu sein, steckt auch im flimmernden Himmelgrau und dem atmenden Bordstein. Jeden Morgen aufs Neue werden die Menschen auf den Straßen im Stich gelassen und zerschminke, grobe Mütter meinen es mit dürren, schönen, wilden Kindern aufnehmen zu können und der kleine Scheißer dort drüben ist schon plump und dumm gemacht worden und versucht mit einer trashigen Sonnenbrille und einem coolen Gang etwas Selbstbewusstsein zu ergaunern und wenn ihn keiner aufhält, wird er genau so ein peinlicher Gartenzwerg wie mein dummer Bruder oder Vater. Die (pseudo)Hofmann-Säure beißt richtig zu, als ich genau 9Uhr am Anger ankomme. Die Stadt ist ein Ort an dem viele Menschen aneinander vorbeigehen und die Straßenbahnen stoßen mir zu wie die Kontrolleure und die aufgeweckten Kinder und die von Smartphones ausgebleichten Eltern. Ich spreche all meinen Zauber, den ich aufgespart habe wie lachendes Obst unter leerem, weißen Himmel, ich spreche all meinen Zauber über die Stadt. Sauber eingepackte Menschen wollen unauffällig sein, mir nix - dir nix an mir vorbei, die Straßenbahn hätte beinah einen kleinen Jungen erwischt, mehr passiert hier nicht, die fettigen Alkis erklären ihren dummen Weibern die Welt, die Kassiererin will keine Zwischenfälle dulden und ich muss lachen über die vielen Leute, die alle cool sein wollen, die versuchen mit kalter, sauber eingepackter Würde das Kreuz zu tragen, dass ihnen diese graue, brutale, langweilige Stadt ist. Erfurt stinkt nach Tabak, Bier und Pisse, Erfurt klemmt im Schraubstock meines morgenfrischen Bewusstseins, Erfurt fühlt sich langsam beobachtet und die Syrer und Afghanen und Eritreer sitzen wie selbstverständlich auf dem Anger und versuchen erstmal ein bisschen durchzuatmen. Der Gestank der Autos und die Discountfrische in den Straßen, die langsamen, beschäftigten Automaten der großen, dunklen Pflicht.
Keiner, der verlangt, dass du hier zurecht kommst, kann dein Freund sein, und die Wut der Straßenbahnen und die Wut der zurückgebliebenen Männer und die Wut ihrer ängstlichen Weiber und ich hab Lust die Plattensammlung meines cholerischen, versoffenen Vaters zu verbrennen, ich hoffe ich werde niemals müde, meiner Lust Würde zusammenzustehlen aus billigen Mutproben in der Mitte der Kreuzung. Ich verfluche Erfurt, ich stolziere bei Grün über die Ampel und kaufe mir einen Kaffee und ist die Stadt wirklich schon immer so stickig und lieblos und dreckig gewesen? Sind die Menschen wirklich so weit entfernt? Ich kann meinen Frieden nicht mit dieser Stadt machen, ich hab Lust in ihre Wunden zu stechen und mich rund und glücklich zu saufen an ihrem Leid, an ihren guten Gründen für ihr Weiterso, ich hab Lust jeden Tag ganz auf das Dach hochzusteigen, so dass mich keiner sieht und die Stadt verfluchen, ich wünsche all ihren Bewohnern ein reinigendes Unwetter. Die Stadt; das anständige Gewühle; eine lückenlose Reihe von Märkten und Verordnungen, unterbrochen von Wohnraum und Fahrzeugen; logisch und erhaben ist Privates und Öffentliches nebeneinandergeordnet; empfindliche Körper teilen eine Umwelt miteinander; behütet in verschiedenen Sprachen und Vorurteilen als Konkurenten großgeworden; die Härte des Daseins wird härter mit jedem Traurigen, den die Sprache oder die Märkte ausspucken. Heimat ist, wo du ausgespuckt sein kannst, ohne zu leiden; Unfreundlichkeit macht hässlich und der Hass spricht: nur Idioten können sich noch dazu aufraffen, freundlich zu sein: nicht jeder hat das Zeug, den richtigen Abstand zur Welt zu halten. Von allem Schönen gleichermaßen angezogen und von allem Hässlichen gleichermaßen abgestoßen, finde ich mich in der Zwickmühle, die das Korn meiner Metaphernsüchtigkeit in Mehl verwandelt. - Empfindlichkeit ist immer ungerecht und überpersönlich. Das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zueinander zu schaffen, ist fundamentale Aufgabe jeder sozialen Gruppe: Familie, Freunde, Mitbewohner, Nachbarn, Arbeitskollegen, Passanten, etc.; noch sind mir manche zu nah und manche zu fern. Vielleicht kann in einer solchen Stadt auch nix werden. Die Autos drängen sich auf eine Weise auf, dass ich kaum Lust habe, die Stadt zu betreten. Die Dominanz der Karren ist der größte Pain In The Ass für Stadtbewohner. Die autofreundliche Stadt ist eine unsoziale Stadt: wie kann ich Solidarität mit einer Kommune empfinden, die es zulässt, dass mich der PKW- Verkehr so dermaßen gängelt; die Automobilkonzerne und ihre lohnabhängigen Mitarbeiter und ihre fahrlässigen Konsumenten verwandeln die sozialen Räume in Garagen und Fuhrparks, dekoriert mit ein paar Bäumen und Apotheken; eine giftige, aggressive Stimmung, in der junge, alte, berauschte oder bewegungseingeschränkte Menschen ständig Gefahr laufen, überfahren oder - noch schlimmer - angehupt zu werden; solang sich stinkende, sperrige Autostraßen durch die Stadt ziehen, hab ich alles Recht, meinen Dienst an der Allgemeinheit von meinem Schreibtisch aus zu tun, von wo aus ich behaupte, dass die Unterwerfung der Menschheit unter das Automobil den selben Geruch hat wie die Unterwerfung der Vaginamenschen unter die Penismenschen. Alles Negative, das von den Autos ausgeht, lädt sich an der selben Quelle mit Negativität auf, an der sich Kriegsphantasien und Vergewaltigungen aufladen. Man kann eine befreite Stadt nur ohne Autos denken. Möge die Macht der Maschinen gebrochen werden! Möge dem Verkehrsminister ein Bierkasten auf den nackten Fuß fallen!
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