Ich fühle mich etwas matt vom schlaflos über Hausdächer steigen
und die Morgenröte kommen sehen,
jenen blassrosazarten Abgrund der Hoffnung.
Da ich diese Stadt erstmal nicht loswerde, gewöhne ich mich besser an sie, also wache ich 8 Uhr morgens auf, trinke einen mit Honig gesüßten und mit Vanille- Sojamilch verfeinerten Mate-Ingwer-Tee, höre die furchtbaren Nachrichten im Radio und lasse 200 Mikrogramm 1pLSD unter meiner Zunge zergehen und stürze mich in die brüllende Morgenmaschine der Innenstadt, die bestens in Schuss gehalten wird von genervten, pflichtbewussten Menschen, lieblosen, sauberen Arbeitern, die genau wissen was sie träumen dürfen und was nicht, eine dreckige, gereizte Stadt, die Kinder und Pflanzen und Tiere in der Mangel hat. Die Menschen tun, was man von ihnen verlangt und langweilen sich mit dem bisschen Freiheit, das man ihnen dann und wann gönnt. Die Brutalität, mit der sie sich darüber hinwegtrösten, Opfer dieser Stadt zu sein, steckt auch im flimmernden Himmelgrau und dem atmenden Bordstein. Jeden Morgen aufs Neue werden die Menschen auf den Straßen im Stich gelassen und zerschminke, grobe Mütter meinen es mit dürren, schönen, wilden Kindern aufnehmen zu können und der kleine Scheißer dort drüben ist schon plump und dumm gemacht worden und versucht mit einer trashigen Sonnenbrille und einem coolen Gang etwas Selbstbewusstsein zu ergaunern und wenn ihn keiner aufhält, wird er genau so ein peinlicher Gartenzwerg wie mein dummer Bruder oder Vater. Die (pseudo)Hofmann-Säure beißt richtig zu, als ich genau 9Uhr am Anger ankomme. Die Stadt ist ein Ort an dem viele Menschen aneinander vorbeigehen und die Straßenbahnen stoßen mir zu wie die Kontrolleure und die aufgeweckten Kinder und die von Smartphones ausgebleichten Eltern. Ich spreche all meinen Zauber, den ich aufgespart habe wie lachendes Obst unter leerem, weißen Himmel, ich spreche all meinen Zauber über die Stadt. Sauber eingepackte Menschen wollen unauffällig sein, mir nix - dir nix an mir vorbei, die Straßenbahn hätte beinah einen kleinen Jungen erwischt, mehr passiert hier nicht, die fettigen Alkis erklären ihren dummen Weibern die Welt, die Kassiererin will keine Zwischenfälle dulden und ich muss lachen über die vielen Leute, die alle cool sein wollen, die versuchen mit kalter, sauber eingepackter Würde das Kreuz zu tragen, dass ihnen diese graue, brutale, langweilige Stadt ist. Erfurt stinkt nach Tabak, Bier und Pisse, Erfurt klemmt im Schraubstock meines morgenfrischen Bewusstseins, Erfurt fühlt sich langsam beobachtet und die Syrer und Afghanen und Eritreer sitzen wie selbstverständlich auf dem Anger und versuchen erstmal ein bisschen durchzuatmen. Der Gestank der Autos und die Discountfrische in den Straßen, die langsamen, beschäftigten Automaten der großen, dunklen Pflicht.
Keiner, der verlangt, dass du hier zurecht kommst, kann dein Freund sein, und die Wut der Straßenbahnen und die Wut der zurückgebliebenen Männer und die Wut ihrer ängstlichen Weiber und ich hab Lust die Plattensammlung meines cholerischen, versoffenen Vaters zu verbrennen, ich hoffe ich werde niemals müde, meiner Lust Würde zusammenzustehlen aus billigen Mutproben in der Mitte der Kreuzung. Ich verfluche Erfurt, ich stolziere bei Grün über die Ampel und kaufe mir einen Kaffee und ist die Stadt wirklich schon immer so stickig und lieblos und dreckig gewesen? Sind die Menschen wirklich so weit entfernt? Ich kann meinen Frieden nicht mit dieser Stadt machen, ich hab Lust in ihre Wunden zu stechen und mich rund und glücklich zu saufen an ihrem Leid, an ihren guten Gründen für ihr Weiterso, ich hab Lust jeden Tag ganz auf das Dach hochzusteigen, so dass mich keiner sieht und die Stadt verfluchen, ich wünsche all ihren Bewohnern ein reinigendes Unwetter. Die Stadt; das anständige Gewühle; eine lückenlose Reihe von Märkten und Verordnungen, unterbrochen von Wohnraum und Fahrzeugen; logisch und erhaben ist Privates und Öffentliches nebeneinandergeordnet; empfindliche Körper teilen eine Umwelt miteinander; behütet in verschiedenen Sprachen und Vorurteilen als Konkurenten großgeworden; die Härte des Daseins wird härter mit jedem Traurigen, den die Sprache oder die Märkte ausspucken. Heimat ist, wo du ausgespuckt sein kannst, ohne zu leiden; Unfreundlichkeit macht hässlich und der Hass spricht: nur Idioten können sich noch dazu aufraffen, freundlich zu sein: nicht jeder hat das Zeug, den richtigen Abstand zur Welt zu halten. Von allem Schönen gleichermaßen angezogen und von allem Hässlichen gleichermaßen abgestoßen, finde ich mich in der Zwickmühle, die das Korn meiner Metaphernsüchtigkeit in Mehl verwandelt. - Empfindlichkeit ist immer ungerecht und überpersönlich. Das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zueinander zu schaffen, ist fundamentale Aufgabe jeder sozialen Gruppe: Familie, Freunde, Mitbewohner, Nachbarn, Arbeitskollegen, Passanten, etc.; noch sind mir manche zu nah und manche zu fern. Vielleicht kann in einer solchen Stadt auch nix werden. Die Autos drängen sich auf eine Weise auf, dass ich kaum Lust habe, die Stadt zu betreten. Die Dominanz der Karren ist der größte Pain In The Ass für Stadtbewohner. Die autofreundliche Stadt ist eine unsoziale Stadt: wie kann ich Solidarität mit einer Kommune empfinden, die es zulässt, dass mich der PKW- Verkehr so dermaßen gängelt; die Automobilkonzerne und ihre lohnabhängigen Mitarbeiter und ihre fahrlässigen Konsumenten verwandeln die sozialen Räume in Garagen und Fuhrparks, dekoriert mit ein paar Bäumen und Apotheken; eine giftige, aggressive Stimmung, in der junge, alte, berauschte oder bewegungseingeschränkte Menschen ständig Gefahr laufen, überfahren oder - noch schlimmer - angehupt zu werden; solang sich stinkende, sperrige Autostraßen durch die Stadt ziehen, hab ich alles Recht, meinen Dienst an der Allgemeinheit von meinem Schreibtisch aus zu tun, von wo aus ich behaupte, dass die Unterwerfung der Menschheit unter das Automobil den selben Geruch hat wie die Unterwerfung der Vaginamenschen unter die Penismenschen. Alles Negative,
das von den Autos ausgeht, lädt sich an der selben Quelle mit Negativität auf, an der sich Kriegsphantasien und Vergewaltigungen aufladen. Man kann eine befreite Stadt nur ohne Autos denken. Möge die Macht der Maschinen gebrochen werden! Möge dem Verkehrsminister ein Bierkasten auf den nackten Fuß fallen!
*
Man muss sich verlieren und darf sich nicht wiederfinden: dann hat man sich verstanden und kann sich dem zweiten Schritt widmen: aus dem Bett steigen und gemahlen werden vom grellen Straßenlärm, vom gleißend-grauen Himmel, von den trägen Körpern und ihren von traumlosem Schlaf überfahrenen Gesichtern, unempfänglich für die antidepressiven Potentiale einer echten Utopie. - Mangel an Utopie macht Menschen depressiv oder faschistoid. Im Deutschen kommt beides zusammen. Er liefert damit die Blaupause für einen soliden, mittelmäßigen Konservativismus aller erster Klasse. Die einzige Utopie, der sich ein Depressiver gewachsen fühlt, ist der Selbstmord. - Man wird jede Utopie missverstehen, wenn man keine Kraft für sie hat. Du hast die Pflicht, vor Glück zu verblöden, wenn du akzeptiert hast, dass dich die Stadt nicht mehr loslässt und dich vom Leben enttäuschte, von der Arbeit abgestumpfte Säufer totprügeln wollen, weil du glücklicher aussiehst als sie, weil du mehr vor haben musst, wenn du erkennst, dass man hier keine Freundschaften schließen kann, wo frustrierte, gelangweilte Ostdeutsche aufeinanderhocken und sich von der grauen Straßenlärmmaschine und bösartigen Behörden und brutalen Arbeitskollegen und verständnislosen Verwandten unterkriegen lassen, wo jeder versucht, aufrechten Hauptes zu gehen, wo jeder Plastiktüten und Zigaretten kauft, wo jeder sein Auto mehr pflegt als seinen Musikgeschmack und Eingeweide ziehen sich zusammen und brüllen blaue, scharfe Fürze in die pinke Jogginghose, deren Träger auf die Bierflasche schaut, die vor ihm steht und ich gleite ab in das helle, unendliche Loch, das der Sommer in die Stadt gelegt hat wie einen braunen Teppich aus Wolle. Ich bin eine Art Maulwurf und möchte eine Art Bundespräsident werden und die Straßenbahn hätte mich beinah erwischt, sie klingelt aufgeregt und leuchtet wie ein Karussell auf dem traurige Kinder fotografiert werden von ihren aufgeregten Eltern. Man könnte denken, die Straßenverkehrsordnung wurde von Fahrzeugen und nicht von Menschen geschrieben. Ich bin wirklich sowas wie ein Maulwurf, ich grabe und grabe mich zur Sonne, ich grabe mich aus der Dunkelheit, um zu erblinden und möchte sowas wie der Bundespräsident sein. Je ernster ich diese Metapher nehme, desto erfolgreicher werde ich sein. Ich bin eine liebe, runde Oma und möchte ALLE zum Kaffeekränzchen zusammenrufen."Natürlich kommt niemand!", schlägt sie sich an den Kopf und lässt eine fette, schneeweiße Titte aus ihrer blauen Blümchenschürze hervorschluppen wie einen mit Quark und Hüttenkäse vollgestopften Hoden, der schwarze Stacheln zum Schutz vor listigen Raubvögeln ausgebildet hat. Es ist Mitte März und Omi beißt sich die Zunge ab und blutet aus dem Mund, noch immer klatscht niemand im Publikum, noch immer halten sie alle für einen Hochstapler, ihr Kopf leuchtet gelb.
So wie der Wind mit den Bäumen tuschelt, so tuschelt mein Bewusstsein mit meinem Gehirn, und mein Ich ist das Rauschen dazwischen. - Betrachten wir die Menschen dieser Stadt wie Tiere im Wald. Erfurt muss mal wieder zum Friseur. Erfurt ist nicht so gut wie scharfer Ingwer-Tee. Ich liege in einer Wiese, die nicht weiß, in welcher Stadt sie wächst, unter einem Himmel der keine Grenzen sieht, umkreist von einer gemütlichen Hummel, die noch nie etwas von Europa gehört hat. Ich versuche mich meiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten entgegenzudissoziieren. - Je konzentrierter man ist, desto weniger bekommt man von der Umgebung mit - wie könnte man sich auf diese Weise verstehen? Ich stelle mir einen süßen Jungen mit schwarzen Locken und schmalen Schultern und warmen, staunenden Augen vor, der mich fragt: "Wie könnte ich dich umarmen, wenn du noch von etwas überzeugt bist?" Ich Liebe die Zuversicht in meinen Knochen, wenn ich meine Psychose auslote, indem ich Erfurt abschaffe. Ich hoffe, die Psychose bleibt. Ich hoffe, das Licht bleibt. Ich hoffe, meine Sprache bleibt. Ich hoffe, dieses schiefe, geschriene Flüstern bleibt. Ich hoffe, meine Vorfreude bleibt. Ich hoffe, die Kreissäge bleibt. "Man kann sich nicht kennenlernen ohne sich zu gestalten.", denke ich mir und habe Angst, die Konsequenzen daraus zu ziehen, zu sehr beunruhigt mich ein zweiter Gedanke: wie werde ich morgen sein? Welches Gesicht werde ich morgen machen? Ich weiß, was uns deprimiert: unsere Angst, ganz von Neuem anzufangen. Eine Stadt ist umso depressiver, je weniger Leute sich in ihr etwas zutrauen. Ich grinse der Sonne entgegen, träume von einer kühlen, blauen Wolke, die sich im Erfurter Straßennetz ausbreitet, ich träume von einem alten Mann, der traurige Augen hat und mich fragt, wie alt ich gerade bin. Ich kann es nicht greifen und bin vollkommen zufrieden in dieser Leere, dieser fröhlichen Behauptung des Nichts: ich bin nie wirklich irgendwo. Ich bin wie der Wind, der Erfurt durch die Frisur streift, obwohl ich weiß, dass man niemandem einfach so ungefragt durch die Frisur streifen darf, zumal wenn es ein Unbekannter ist. Alle Leute stehen im Kreis um mich herum und rufen meinen Namen: "Erfurt! Erfurt!" - Mit fletschenden Zähnen kneife ich mein rechtes Auge zu und schaue mit dem linken nach rechts oben: aus dem üppigen Grün ragt ein altes Haus, ich bin mir noch über zu viel bewusst, ich will noch etwas, ich bin noch etwas, mein Gesicht sieht so aus, als würde ich irgendwann zum Bürgermeister von Europa gewählt werden. Man müsste seine Zukunft definieren und stabilisieren können, während man sie im Internet behauptet. Das unsterbliche, unendliche Gewebe des Internets könnte bald direkt mit unserem Bewusstsein verbunden sein. Ich stelle mir einen Klumpen absoluter Weisheit vor, vernetzt, matschig, kalt, ein weißer, weicher Fluss, unendlicher Anfang, unendlicher Verlauf, unendliches Ende. Ich würde es toll finden, wenn jeder auf seine Art und Weise mit jedem interagieren könnte. Das Internet ist eine Wolke und man kann darin schwimmen wie in einem kollektiven Traum und man kann sich verknüpfen und vielleicht ist es jedem bald möglich, unsterblich zu werden, wenn sich alle Menschen vernetzen und zu einem riesigen Computer umbauen, aber ich denke grad nicht genau genug, ich tanze zu schiefer, beruhigender Musik über die sanfte Klippe des Tages. Ich würde gern ein
kollektives Bewusstsein in mir haben, ich möchte das wirklich ernst nehmen. Ich weiß, dass ich noch ein Dilettant bin, aber das Internet ist definitiv etwas Psychedelisches.
* Ich beruhige mich langsam und schlendere in die Innenstadt. - Es müssten hier ganz ganz ganz großartige Sachen in den frühen Morgenstunden stattfinden, die Menschen wollen herausgelockt werden in eine von allen Künstlern der Stadt gestaltete Parallelwelt. Abends, wenn sie plattgewalzt von der täglichen Tortur zuckerreiche Ablenkungen nötig haben, kann man ihnen nicht damit kommen, wie schön es ist, dem Leben eine dramatische Wende zu verpassen. Morgens aber, wenn ihr Geist noch frisch ist, ihre Hoffnungen noch nicht enttäuscht wurden, kann man sie viel effektiver mit positiven Botschaften, mit süßen, ehrlichen Liedern über Liebe, rauschende Bäume, Langeweile, Sklavenarbeit und Selbstauflösung versorgen. Die unvermeidliche Qual durch die Institutionen hindurch, die Bürde der Verantwortung, die Konzentration auf Nebensächlichkeiten, die strikte Einhaltung von Gesetzen und am schlimmsten: die Notwendigkeit, ein festes Ich zu haben, das man unter Kontrolle haben muss, damit man keine auf die Finger kriegt - und wir verteilen milde Knicke, verschenken missverständliche Gesten, hissen unsere Überempfindlichkeit wie eine Flagge, geben pelzige, elektrische Ratschläge, die Menschen kommen wie nach einem schönen Traum in ihrer Arbeitsrealität an und etwas in ihnen kann nicht mehr den alten Mustern folgen. Es gibt in mir jemand, der diese Vision naiv findet und der wünscht sich nichts mehr als eine Jahrhundertflut, die alle Menschen aus der Stadt spült. Er sagt: "Menschen sind Säugetiere, die in ein Auto steigen, um schneller voran zu kommen. Tausende Tiere unserer Spezies steigen in brutale, Gift und Krach spuckende Maschinen und fahren zielbewusst durch den grauen, plattgedrückten Morgen dieser hässlichen Stadt, die wie ein von Schimmel und Tod zerfressenes Krankenhausgelände dem weißen Himmel ein müdes, falsches Lächeln entgegenhält. So geht das noch eine Weile weiter, aber irgendwann schauen wir uns alle in die Augen, haha." und ich entgegne mit schwarzen, heißen, vibrierenden Augen: "Scheiße." Es gibt vorm Hugendubel am Anger einen so widerlichen, von Pennern und Junkies angepissten und vollgekotzten und mit Fastfood-Resten, blutigen Fetzen, benutzten Spritzen vollgestopften, von Vögeln zugeschissenen Mülleimer, den ich panisch vor Ekel zum Wahrzeichen der Stadt erkläre, mit einer feierlichen Geste, die den Menschen ringsherum ein bisschen Angst macht. Wer ist überhaupt dieser süße, 15-jährige Fettsack, der seit einer halben Stunde mit mir herumläuft? Ist er wirklich aus dem Heim geflohen und wird von der Polizei gesucht? Er schaut sich immer wieder panisch um. Ich kauf ihm ein Bier aus, hoffe es beruhigt ihn. Ich wünschte, in einer großen, gemütlichen WG zu wohnen, in der ich ihm Schutz bieten kann. Er erzählt mir stolz, wieviel Alkohol er verträgt und dass seine Freundin letztens erst das Kind abgetrieben hat, das er ihr gemacht hat. Ich weiß nicht recht, ob das unendliche Grau der Bordsteine
etwas damit zu tun hat, dass ich so wirke, als sei ich gelangweilt von allem was er mir sagt. Die neun Jahre, die ich schon hier in dieser Stadt bin, kommen mir wie eine Beleidigung vor, die jemand hinter meinem Rücken mauschelt. Das Bier hat den Wanst jedenfalls total extrovertiert gemacht und er pöbelt Leute an und rotzt ständig auf den Boden. "Du hebst das jetzt sofort wieder auf!", rufe ich scherzhaft und er lacht sich kaputt, als wären wir die besten Freunde und rotzt nur noch mehr dickflüssige Fladen auf die grauen Steinplatten. "Oh Mann, die Stadt ist schon hässlich genug!" und er entgegnet mir: "Na und? Ich will, dass sie noch hässlicher wird." Was für ein widerliches Schwein! Als er ein paar Punks nach einer Kippe fragt, verschwinde ich plötzlich durch eine Seitengasse, ohne mich zu verabschieden. Ich bin etwa in der Mitte und ein Dutzend alter Leute kommen eingebogen, viele von ihnen tragen an einem Auge ein weißes, blutendes Pflaster. Am liebsten würde ich ihnen verächtlich vor die Füße kotzen, aber kann nicht, und sie laufen schweigend an mir vorbei, wie sedierte Eidechsen auf der Suche nach einem potenten Magenbitter. Keiner von ihnen fühlte sich von mir beleidigt, keiner von ihnen wird von mir träumen. Wie schön wäre es, wenn plötzlich alle Menschen, die griesgrämig gucken, weil sie griesgrämig sind, aus dem Stadtbild verschwinden würden. Die Menschen merken einfach nicht, wie sie sich gegenseitig runterziehen, sie ahnen, dass Frust ansteckend ist, aber sie können es nicht fassen. Ich wünschte, das Luther-Denkmal am Anger würde einem Robert-Steinhäuser-Denkmal weichen. Es soll uns daran erinnern, dass es ab und an Opfer geben muss, zumindest darf man keine Angst haben welche zu bringen, sollte es sich lohnen. Die Leute brauchen einen Ort, wo sie sich nicht mehr gezwungen fühlen, selbstbewusst zu tun, wo sie schwitzen und über alles jammern können, denn auch ich schwitze und jammere den ganzen Tag und bin glücklich: ich bin eine Maschine aus Knochen und Schweiß, ich suche Aufgaben die es zu erledigen gibt, aber sehe niemanden der meine Hilfe gebrauchen kann. Ich bin der schiefe Onkel, den man im Supermarkt beobachtet: gleich stolpert er über die Bananenstiege, gleich stößt er sich den Kopf an, gleich rennt ihm die Alte in die Seite. Jeder braucht einen Ort, an dem er entspannen kann, an dem keine Türen knallen, keine Menschen husten, keine Autos herumbrüllen, ein Ort an dem man von aller Welt in Ruhe gelassen wird. Die Menschen müssen sich befreien: durch naturwissenschaftliche, kulturelle und psychedelische Bildung. Die Welt muss zu einem gesunden Dorf zusammenwachsen: wenn ich mich drei Wochen lang nicht gewaschen habe und mich auf den sonnigen Domplatz stelle und Touristen bunte Tauben füttern sehe, hat sich mein Ich in einen Blumenstrauß verwandelt. Mein Körper ist der einzige Raum über den ich verfüge. Die zwei radikalsten Ebenen: Ich und die Anderen. Wenn alles verbunden ist, bin ich alles. Bewusstsein haben fühlt sich immer gleich an. Alle Menschen müssen synchronisiert werden. Kollektive Euphorie ist eine Waffe. Ich glaube, in dieser Stadt weiß man nur, was sich lohnt, wenn man manisch ist; hier kann man sich nur eine Depression vom Hals halten, wenn man übersteuert ist. Die Manie verschönert, was die Depression vertieft hat. Manisch sein heißt,
nur noch atmen können, wenn man glauben kann, dass es in der Welt keinen Stillstand gibt, dass die Verhältnisse immer instabil bleiben. Manisch traut man sich nur an morgen zu denken, wenn man glauben kann, dass man morgen ein Anderer ist. Die Manie ist die Grundlage jeder Revolte. Fanatisch brennend für eine zweifelhafte Sache ist dir egal, ob du siegreich sein wirst oder nicht, die donnernden Pauken und grellen Trompeten bilden das Zentrum, um das sich dein Treiben dreht: sie wollen dich gleichgültig machen gegen die Unterschiede zwischen deinem Scheitern und deinem Erfolg: Hauptsache, es scheppert und knallt und das Zwerchfell biegt sich und der Frontalkortex glüht. Unwissend und fröhlich wie ein Kind in der Nase der Zukunft popelnd, hole ich alles aus meinem Schicksal heraus. Ich möchte, dass mich alle kennen, die mich brauchen. Der Ruhm ist so oft nur das Kreuz, an welches geschlagen man bloß noch rohe Imperative zu rülpsen hat, selten ist er Brandbeschleuniger. Je mehr ich wahrgenommen werde, desto ernster kann ich mich nehmen. Unbeobachtet von irgendwem bin ich der Einzige, der mich erlebt. Das ist zu wenig, ich will an den Hauptstrom angeschlossen sein, also kaufe ich mir ein Bier und setz mich zu einer Gruppe Syrer am Angerbrunnen. Ich gebe eine Runde Marihuana aus. Die Polizei kommt vorbei und schaut finster und ich versuche, noch finsterer zurückzuschauen. Der Beifahrer öffnet das Fenster und fragt mich, ob alles in Ordnung ist. Ich nicke: "Alle Polizisten sind brutale, unkultivierte Schweine, die Andere davon abhalten, Spaß zu haben.", denkt sich der Punk, der ich nie gewesen bin. Sie fahren weiter. Ich spüre eine natürliche, tropische Coolness in mir. Der Staat ist eine gähnende Maschine der Güte, ich drehe ein paar ihrer Schrauben locker und verziehe mich auf den Petersberg, stelle mir eine das Stadtleben nachhaltig verändernde Katastrophe vor, fühle mich wie ein Kind, das versucht im Unterricht sein Lachen zu unterdrücken. Die Kinder müssen sich abreagieren, lernen etwas mit ihrer Kraft anzufangen, sie müssen für sich sein, müssen sich einschließen können, sich viele Jahre Zeit lassen, müssen stolpern und irrelaufen wollen, ihre Lebensgier wie Spasmen ertragen, sich verbinden und sich alles rausnehmen was sie wollen. Der weiche, entspannende Wahnsinn des Nichtstuns, die fröhlich hustende Kakerlake, der pünktlich 18 Uhr zur Ruhe kommende Bagger hinter der Krämerbrücke, Menschen versuchen etwas mit ihrer Freizeit anzufangen, ich will mich niemals an ihre Unbeholfenheit gewöhnen und frage mich, ob ich der Einzige bin der 16jährigen Skatern auf den Arsch schaut und habe Lust noch einen Liter Eiskaffee zu trinken und die Erfurter für ihre Genügsamkeit anzubrüllen und wenn es stimmt, dass man die Seele einer Stadt an ihrem Umgang mit Fahrradfahrern erkennt, dann hat Erfurt an Stelle einer Seele eine raue, graue Klopapierrolle. Ein Mexikaner singt auf dem Bahnhofsplatz ein großartiges Lied aus seiner Heimat, ich setze mich zu ihm und wir kommen ins Gespräch, er kann überraschend gut deutsch und übersetzt mir den Text des Liedes: "Ich muss mich beschützen vor dem, was aus mir werden soll, so wollen es deine trüben, alten Augen und Ohren haben, ja aber nicht meine Augen und Ohren und nicht meine Seele."
Die Stadt ist ein immer hellblauer werdender Kristall in meiner Stirn.
Ich fühle mich erleuchtet von allem, was ich mir bisher erspart habe und auf dem Gemüse-Lieferwagen ist ein älterer Herr vom Typ CDU-Ortsteilbürgermeister abgebildet, der fröhlich einen Rettich reitet wie ein Kind auf dem Karussell. Wie kann man sich dafür nur hergeben? Wie kann man glauben damit das Geschäft anzuregen?
Am Stärksten spüre ich mich, wenn ich alle Worte hinter mir lassen will mit einem fröhlichen Gebrüll und die Dinge nicht mehr beschreibe, sondern beschwöre, eingebunden in die Weltöffentlichkeit, zitternd vor Ohnmacht in einem gleißenden Foyer der Möglichkeiten, jeder Gegenstand wird vollkommen, wenn er einer Tollpatschigkeit zum Opfer fällt. Ich segne mein Fleisch mit meinem Fehlverhalten im Straßenverkehr, spüre die Dringlichkeit des Lebens, ich wachse wie ein graugrün schimmernder, pelziger Film auf dem Schmutz, den ihr nach draußen kehrt, sobald es um Leben und Tod geht. Ich muss mich jeden Tag aufs Neue verlieren, um mein Leben und Werk zusammenzubringen. Ich schüttel ein euphorisches, bellendes Nichts aus mir heraus, ich reite meine Unfähigkeit, mich dezent hinzusetzen und der Show zuzusehen, und stürze die Treppen runter, ich schubse und werde geschubst, nach vorwärts, dort wo ich verpackt und ausgeliefert werde. Ich bin vollständig aus dem Zusammenhang gerissen und hänge am Gürtel der Kellnerin, die noch mit irgendwem telefoniert, ich glaube mir selbst nicht mehr, ich setz mir die Knarre an die Schläfe: das ist der erste Fall seit oh so vielen Jahren, du kannst mich dort drüben in die Ecke stellen, hier versteht man meine Späße nicht, hier sitzt jeder in einem anderen Film und es gibt keine zentrale Perspektive. Unglaublich, dass auch ich mit Augen bestückt bin, ausgeliefert den Unberechenbarkeiten dieser Stadt, die als Begriff keine Bedeutung mehr hat und als endlose Aneinanderreihung eines wüsten Universums endet noch vor den 20-Uhr-Nachrichten. Ich bin definitiv wo falsch abgebogen, könnte man denken, dabei will ich nur den Sonntag von allen Klarheiten befreien. Während ich mir vorstelle, in einer großen, blauen Hängematte hoch über der Stadt zu schlafen, komme ich in meiner ekelhaften WG an, schleiche in die Abstellkammer zwischen den Zimmern meiner versifften, gleichgültigen, dummen Mitbewohner und rauche eine dicke Coltrane-Pfeife, denke an meine drei besten Freunde in der Stadt, ich liebe sie, ich verdanke ihnen all meine Hoffnungen, ich stell mir vor wie ich sie umarme und küsse und mit ihnen in einem hellblau leuchtenden Daunendeckenmeer verschwinde und schlafe ein.