Die Abschlussfahrt — Kälte

Ich habe keine genaue Ahnung, welche Texte in welcher Stadt unter welchen Bedingungen entstanden sind. Ich bin irgendwann auch schwarz mit der Bahn gefahren und meine Paranoia hat mich immer zuverlässig vor Kontrolleuren beschützt. Alles zog an mir vorbei: die Gesichter, die Worte, mein Wohnen, mein Atmen: vielleicht wäre ich wie ein transparenter Ballon in den Himmel geflogen, hätte ich mich nicht an meinen Worten festgehalten. Was kann noch geglaubt werden? Wo ist eine Struktur? Wozu bin ich im Stande? Wie lang kann ich wachbleiben? Wie weit kann das alles getrieben werden? Kann ich mich vielleicht komplett auflösen? Irgendwann saß ich im Zug zurück nach Erfurt, irgendwann in der Straßenbahn Richtung Uni. Ich muss also wieder Geld haben, der April ist da. Es ist schließlich unmöglich geworden, dem Geschehen in den Seminaren zu folgen. Ab und an fand ich kurzen Schlaf in meinem dunklen, ruhigen WG- Zimmer, aber heilsam war er nie. Berlin und Erfurt sind verschwommen zu einer unübersichtlichen Frage mit tausenden Tentakeln. Der Himmel ist ein Mikrowellengrill. Im Unterricht versinken. Desintegriert Euch! Im Café versinken. Des- integriert Euch! In meinen Texten versinken. Desintegriert Euch! Tanzende, zerbrechliche Menschen. Die schöne, nicht bezweifelbare Lust, Menschen weh zu tun. Etwas anzünden. Perverse Filme ansehen, menschenverachtende Bücher lesen, alle Grenzen der Ästhetik sprengende Musik anhören - damit sich etwas im Gehirn ändert, damit neue Gedanken und Träume und Handlungen möglich sind. Es ist alles so trist hier und ich bin nirgends allein. Zum Glück werde ich nicht schlafen können. * Die folgenden Jahre waren Jahre der Verlotterung, der Abirrung, der Zersetzung. Unfähig, etwas zu glauben, unfähig, etwas zu hoffen, stürzte ich mit Wollust in die mitteldeutsche, ostdeutsche, lieblose Provinz des Herzens, euphorische Fassungslosigkeit, perverse Lüste, menschenverachtende Niedergeschlagenheit leuchtete mir den Weg nach unten. Zu meinem Glück gehört es, im Sommer 2014 eine Blume entdeckt zu haben, die mir geholfen hat, mein Selbst- und Weltbild zu knacken und damit auch diese banale, brutale Depression, die meinen dummen, verkommenen Eltern noch heute in der Fresse klemmt und vulgär leuchtet. Manchmal bin ich starr vor Panik, wenn ich mir vorstelle, welche nieder-trächtigen Dummheit und Boshaftigkeit ich meinen Eltern durchgehen ließ, blass will ich vor Selbsthass werden: wie konnte ich mich nur so erniedrigen lassen? Den Respekt, den sie eingefordert haben, haben sie niemals verdient und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, sie büßen zu lassen für alles. Ich stell mir vor, wie ich meine Mutter die Treppe herunterschubse, ich höre ihre Knochen brechen, sie brüllt wie ein Affe im Käfig, ihr Stecher kommt aus dem Wohnzimmer gerannt, was für ein widerlich cholerisches, zappelndes, böses Tier: ich habe einen Hammer in der Hand und bewerte damit sein Gesicht. Die Kälte, die ich von meinen Eltern erfahren habe und zurückgeben muss, um meine Würde wieder herzustellen, ist die selbe Kälte, die in den Herzen der Rechtsextremen herrscht. Unsere Kälte ist ein Politikum. Doch das wusste ich 2010 noch nicht. Damals hätte ich mir nicht ausdenken können, dass 2017 eine Partei rechts von der Union als drittstärkste

Kraft in den Bundestag einzieht. Es gibt so viel Kälte in Deutschland - im Rückblick muss ich mich fragen, was es mir gebracht hat, mich der Kälte hinzugeben. Vielleicht musste ich so tief sinken, um genau zu erfahren, nach welcher Höhe mich eigentlich gelüstet. Ohne die Idee eines weltweiten Sozialismus, gemütlich, demokratisch, liebevoll, zärtlich, ohne die Idee von der Möglichkeit einer umfassenden Verbesserung der Lebensbedingungen sämtlicher Lebewesen auf der Erde wäre ich zu einem weltverneinenden Verbrecher geworden, einem gierigen, respektlosen Stück Fleisch. Oh, es steckt noch so viel Unfreundlichkeit, so viel Niedertracht, so viel Ostdeutschland in mir! Je weniger Schlaf ich bekomme, desto größer die Gefahr, von dieser Stadt verschluckt und zerstört zu werden. Ich ließ es darauf ankommen, aus reiner Langeweile.