Die Abschlussfahrt — Fremdsein

Ecke eines Cafés, der Kellner sieht mir den Kreig an, aus dem ich komme, er streichelt mich und ich klettere klettere ins bedeutende Ruhe, heiliges Wasser, Schlaf. * Im Wesentlichen verbrachte ich meine Zeit allein mit meinen Texten in dem Motel, und sobald einer der Boys von der Jagd zurück kam, schlenderte ich bis zum Morgengrauen durch die Stadt, als Wesen ohne Heimat und Schlaf in Beton und Phantasie verloren, eine unbändige Schreibmanie und Licht- und Geräusch- Überempfindlichkeit machte es mir unmöglich, ein sympathisches Gesicht zu machen und nur ab und an ein Nickerchen im Café oder der Bibliothek. Nein, das wird kein Dandy-Roman, ich rauche keine Pfeife, meine Armut ist nicht poetisch, meine Einsamkeit ist keine Ideologie, mein Wahn ist nicht konstruktiv, meine Depression ist nicht ausbeutbar. Ich versichere den Lesern, dass es in diesem Buch nicht um Am-phetamine geht. Auf einer home party im ersten Semester habe ich zum ersten und zugleich letzten Mal in meinem Leben Amphetamine genommen. Es ist mir wichtig klarzustellen, dass ich weder in Berlin noch Erfurt illegale Substanzen benutzt habe. Dies ist meiner Intention nach kein cooler, ausgeflippter Road Trip; ich werde aus den Ereignissen dieser Woche in Berlin keine Geschichte, keinen Roman machen können. * So wenig ich weiß, so ungenau ich fühle, so verschwommen ich sehe, so laut muss ich schreien, so hart muss ich mein Urteil sprechen. Die Welt rauscht an mir vorüber und ich bin nicht wirklich dabei, meine Nerven sind immer in der Lage zu zerfleddern, ich halte mich an meinen klaren, einfachen Worten fest, bis auch sie zerfleddern. Meine Seele wird von den Worten zusammengehalten, die ich in das Rauschen der Welt brülle mit unfreiwillig ironischer Stimme, noch ein bisschen, ein kleines bisschen vielleicht nur, dann fliegt der ganze Laden auseinander. Ich wünschte die Möglichkeit, dass meine Seele zusammenstürzt, wäre eine Firma, die man anrufen kann wie einen Internetanbieter, denn dann würde ich mich be- schweren. „Also so geht es nicht! Ich verstehe ja, dass ich nicht der Einzige bin, aber langsam reißt mir der Geduldsfaden! Ich möchte, dass Sie endlich aus dem Arsch kommen, oder ich verlange mein Geld zurück! Zur Not schleppe ich Ihren ganzen verkommenen Saftladen bis nach Karlsruhe! Drehen Sie an der Kurbel oder ich mach es selbst!“ Ich warte zu rauschendem Krach tanzend darauf, dass ich verstehe, warum ich nicht endlich wahnsinnig werde. Ich bin noch immer das verfehlte, frostige, unnahbare, hyperweiche Kind, ich schau so, als würde ich mich hassen und als könnte ich mich nicht selbst überwinden, als wäre ich auf die Toleranz von Leuten angewiesen, mit denen ich nichts anfangen kann. Meine abertausend Müdigkeiten bilden eine Wolke, die sich vom Süd- zum Nordpol, vom Ost- zum Westpol meines Bewusstseins erstreckt. Ich kann nur ganz einfache, banale, alltägliche Sachen ernstnehmen. Für alles andere fehlt mir das Talent, die Hoffnung. Alles ist ziemlich einfach, wenn man müde ist.