Die schöne Stadt namens Europa

Ich sehe eine gute Stadt, wohl geborgen in der Zukunft liegt sie und wartet darauf, bewohnt zu werden. Es ist eine gute Stadt, weil in ihr gute Menschen gute Dinge tun. Eine große Freundlichkeit und Frühjahrsmilde steckt in ihrer Architektur, ihre Struktur macht es unmöglich, depressiv oder unfreundlich zu sein. Es ist eine langsame Stadt, mit sehr vielen Gärten, dunklen, kühlen Parkanlagen, Bächen und Seen, wilden Füchsen und Gänsen. Die gute Stadt ist ein einziges, öffentliches Wohnzimmer, digital verwaltet, dezentral organisiert und verbraucht weniger Energie als es erzeugt. Jede gute Stadt hat ein Ziel, eine gute Routine und möglichst sensible Bewohner.

Diese gute Stadt dreht sich um die Vorbereitung und Ausrichtung der Vollmondfestivals: alle Bewohner kommen in den Tagen des Vollmonds zusammen und feiern zusammen ihre Stadt: alle Läden sind geschlossen, kein Auto fährt mehr, alle Menschen sind auf den Straßen: die Stadt erzählt sich selbst mit Musik, Reden, Filmen, Diskussionen, fröhlichen Abstimmungen und natürlicher Bewusstseinserweiterung. Jeder hat seinen Platz, seine Aufgabe und seine Rätsel in diesem großen Organismus. Eine gute Stadt will verbunden sein mit anderen guten Städten. Ich sehe wunderbare Städtefreundschaften, ich sehe blühende Menschen in blühenden Stadtgärten zutrauliche Tauben mit Biokörnern füttern, ich sehe essbare Zigarettenstümmel, transsexuelle, aber unbewaffnete Sicherheitsleute und eine minderjährige Bürgermeisterin.

Eines Tages ist die Festung Europa zerfallen, die EU ist aufgelöst und auf ihrem ehemaligen Gebiet finden sich leuchtende Netzwerke freier Metropolen, die zusammen eine schöne, neue Stadt bilden namens Europa. Die verschiedenen Sprachen und Kulturen und Traditionen werden dann nur noch als Eigenarten gewisser Städte in gewissen Regionen wahrgenommen. Verbunden mit klaren Werten und täglich fruchtbar gehalten durch regen kulturellen wie wirtschaftlichen Austausch blüht Europa seinem älteren Bruder Afrika als Hoffnung und Wunsch entgegen und in wenigen Jahrzehnten werden auch die

Bewohner der anderen Kontinente sich kommunalisieren, bis die ganze Menschheit als freundlicher Städtebund eine neue Epoche betritt: die Epoche des Postnationalen, die Epoche der Weltbürger, die Epoche der emanzipierten Erde, der Alptraum aller Faschisten. Darauf hinzuarbeiten, liegt in meinen Knochen und meinem Gesicht: ich bin ein freundlicher Mensch, sehe gesund aus und bin also gegen Menschenfeindlichkeit. Im Privaten führe ich manche bösen Konflikte und ich habe mir Feinde gemacht, die ich gern leiden sehe, aber der Mensch an sich verdient zu leben und zu blühen; jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist ein Rudiment des vergangenen Jahrtausends: wir sind doch nicht stehengeblieben! Wir haben uns weiterentwickelt!