Blume 4

BLUME IV 29.12.2015

Breit und hell erleuchtet vom Lebenslicht silberner Schmetterlinge werden meine Augen immer dunkler. Gib dem Schaukelpferd einen Stups, auf dem ich in der Nase popelnd sämtliche Würde verliere und mich in das Menschenrecht fallen lasse, nichts zu tun und nichts tuend verwirkliche ich mich als mündiger Weltenbürger, stolpere wie ein von Leichtsinn besoffenes Kellergespenst durch den Frühling auf der ständigen Suche nach neuen Verbindungen und neuen Geräuschen; endlich keinen Grund mehr, still zu sitzen, wenn der Freundeskreis gemütlich ist. Die Anerkennung, die mir zuteil wird, hab ich verdient, ich tu was ich tu, ich hinterlasse meinen leuchtenden Samen in den Eingeweiden der Stadt, ich überwinde manche Widerstände! (Nicht alle.)

SILVESTER 2015/16

Wir hängen in einem kalten, grauen Dezembermorgen, oben in meinem großen, kargen, so hell wie möglich ausgeleuchteten Zimmer, das Fenster weit auf, Daniel

Johnston heult seine dürren Klagen, drei Freunde reiben sich die Augen im schwarzen Kaffeewahn, die Stadt ist bleich, ausgestorben, vollgewohnt von trostlosen Menschen, die ihre Zeit in irgendwelchen Jobs verschwenden oder in halbherzigen Beziehungen. Wir hoffen etwas besseres zu sein, indem wir uns mit besseren Dingen beschäftigen: Musik und Blumen. Wir läuten eine psychedelische Woche ein, wir kümmern uns nur um Musik - ich als Schriftsteller kümmere mich um die Vermittlung, die Illustration, die Kommentierung: das Zentrum aber ist das Nonverbale, der psychedelische Kern, die psychotische Expansion.

Mit übergroßen weißen Pullovern stehen wir, frisch aus einem dichten, klaren DXM-Garten kommen wir gekrochen, mit weißen, übergroßen, sehr sehr kuscheligen, märchenhaft haarigen Pullovern stehen wir unter blau-grauem Morgensturm an der Kreuzung, früh am Morgen ein paar Meter vor unserer Wohnung, der Wind ist kalt und freundlich, wir starren auf den Boden, dessen graue Punkte verschwimmen, feine, atmende Betonstruktur, wenn wir die Augen schließen sind wir abgeschottet in einer bunten, geometrischen, unendlichen Welt aus Farben und Mustern, die genau so wirklich sind wie der Boden auf dem wir stehen: psychotische Erweiterung der Realität. Es ist ein friedlich-herber Herbst, die Menschen stecken in ihren gepolsterten Routinen, gepolsterten Gesichtern, gepolsterten Vorstellungen von Zeit und Raum und Sinn und Wahrheit. Wir sind riesige, flauschige, nutzlose Gegenstände, die mit einem verbrecherischen und einem humanistischen Auge Menschen auf ihren Wegen mit grauen, schiefen, schwammigen Fragen und Ausrufezeichen und Vorwürfen und Küssen und Entgleisungen versorgen, mit vitalisierender, tonischer Euphorie neben grauen, dünnen Bäumen im Wind stehen, die Droge und die Stadt einfach aushalten, jede seltsame Schief- und Knicklage aushaltend an Charakter und Geschichte und Zukunft gewinnen, sich psychedelisch in eine Biografie einpendeln, mit vielen verschiedenen Menschen in Verbindung treten.

Seit meiner kargen, verschmierten Pubertät versuche sich, mein Leben und meine Kunst anzugleichen. Ich versuche herauszufinden, worauf mein Körper und mein Bewusstsein hinaus will. Ich möchte, dass die Texte und die Musik, die ich treibe, zu mir passen wie eine zweite Haut, die nicht gegen mich arbeitet, sondern mich erweitert. Ich liebe es, wie ich mich mit roten Energydrink-Augen und schmutziger, blöder Wut in meiner Haut unwohl fühle und meine Kunst in Stellung bringe, um mich gegen mich selbst zu verteidigen, mich zu erheben, ganz böse und fett und kalt zu glotzen und schamlos Schaum aus meinen Mund zu fabulieren, wenn die Musik ernst und manisch an den Wänden meiner Schlafzimmerenge scheitert. Ich bin eine Festung aus Pappe, es herrscht Angst und Schleim, das zerfahrene Königreich meiner Unsicherheit, ich esse heiße Sprachfehler und stumpf geküsst von Butandiol-Halluzinationen trägt mich eine Sehnsucht nach gelben, steinernen Vögelschwärmen, die die Stadt perforieren. Ich pisse in die Straßenbahn-Rille und werfe mit giftigen, bunten Pflanzen um mich, bis ich eine Form, eine Besinnung, eine Depression gefunden habe, bis meine Matratze verbrannt ist und ich auf dem harten Boden schlafen muss. Die Musik

stockt, die Mitbewohner nerven, ich hab keine Lust zu essen und zu schlafen; ich stelle die Leere, die das Übermaß an Zappeligkeit und Dummheit, Dünnhäutigkeit und Einsamkeit in mir zusammenpresst, wie Kakteen in die Gesichter von Leuten, die mir zu wenig bedeuten. Die Musik muss laut und schief und sumpfig und alptraumhaft sein, ich vermisse dich, ich knutsche dich und die Sonne geht auf und ich schenke dir meine Zuckungen und mein Taumeln, ich will mit dir in der Stadt herumschmieren. Lass uns mit den Leuten das machen, was die gehässige Stadt und alle guten Drogen und alle gute Musik mit uns machen: wir können unser Ego ins Kopfkissen stopfen und uns in garstige, violett strahlende, süße, krumme Suppenkasper und Zappelphilippe der Genusssucht verwandeln, wir müssen so tun, als gäbe es keinen Grund zur Besorgnis, keinen Grund zum Schämen, keinen Grund vom Dach zu springen.

Es ist viel zu warm für's Jahresende, der Vollmond steht da wie eine Requisite, einer grauer, geräumiger Abend grinst in den Sonntag oder Montag oder Dienstag hinein, ich sehe am Rand meines Blickfeldes Schatten vorbeiziehen und erinnere mich plötzlich an Situationen, in denen ich wie gelähmt vor Angst und Ekel vor meinen Eltern war: Halluzinationen sind Vision, die man noch nicht richtig zuordnen kann, überschießende Phantasie, die irgendwann Sinn ergibt. Der graue Himmel schraubt hinter meine Stirn das klare, weiche Bewusstsein meiner Einsamkeit. Es lohnt sich, etwas auszuhalten und es lohnt sich nicht, vor irgendetwas einzuknicken - das ist das Motto unserer schiefen Revolution.

Alle reden über das langweilige Wetter, während ich versuche, Demien Bartók zu sein, um die Manischen und Depressiven aus ihrem Häuschen zu locken. Es reicht nicht, wenn sie am Boden der Tatsachen alles verstanden haben und sich mit Hilfe ihrer Selbstmordgedanken immer weiter entfernen von allem, was Mama und Papa heilig ist. Sie müssen stolz auf ihre Empfindlichkeit und Hilflosigkeit sein. Wem alle angebotene Hilfe und Hoffnung durch die Finger rinnt wie versalzene Hühnerbrühe, der ist frei und zu allem fähig. Der Depressive reinigt sich von allem Zweit- und Drittrangigen: nur so kann er Energie für sein höchstes Ziel gewinnen. Je mehr der Depressive zurückweist, desto mehr Raum kann die Manie einnehmen, die mit Meditation, Drogen oder Liebeskummer ausgelöst werden kann. Jeder hat das Recht, die Vor- und Nachteile einer Depression und einer Manie auszuschöpfen. Jeder hat das Recht, seinen Körper, sein Bewusstsein, sein Ich zu sabotieren und umzustrukturieren.

Ich kann nur Leute ernst nehmen, die schlechte Laune haben, aber ich halte es nur mit Leuten aus, die nett und respektvoll zu mir sind.

Wenn man so wenig eingebunden ist wie ich, muss man - um sich nicht gänzlich in Luft aufzulösen - ständig mit sich selbst schreiben. Ich fühle mich gezwungen, meine Gedanken dem Charakter anzupassen, der in meinem Kehlkopf steckt. Deshalb ziehe ich das Schreiben dem Sprechen vor. Meine Fingerspitzen sind nicht so Ich-trächtig wie meine Stimmbänder.

Tausende Fussel vom letzten Jahr in meinem Bett, hier regt sich niemand über laute Musik auf, jeder Bewohner hat bei Unterzeichnung des Untermietvertrags Ohrenstöpsel und eine Tüte Gras bekommen, niemand wohnt hier legal, niemand strebt auf eine interessante Karriere zu, ein Haus düsterer, freundlicher Verlierer, depressiver, plumper Punks und ich freue mich auf ein neues, sauberes, stabiles, interessantes Jahr, ich dreh mich feierlich zu greller Noisemusik in der lustigen oder bedrohlichen Unaufgeräumtheit meiner Wohnung. Gleich startet hier angeblich eine aufregende Silvesterparty, meine fröhliche, zerstörerische Müdigkeit, die das Warten auf den richtigen Moment, in dem alles zusammenfließt und ganz ganz einfach wird, wie ein schwarzes Quadrat in einem expressionistischen Matschmatschmatsch-Bild erzeugt, löst in mir ein Reinigungsbedürfnis aus, dem ich sofort nachkomme, während mein Mitbewohner furchtbar laut das WEISSE ALBUM der Beatles hört, alle hassen Paul McCartney, ich dreh das Album auch bei mir laut und in Zufallsreihenfolge auf, vor einer halben Stunde eine Packung DXM genommen, deren Wirkung in der warmen Badewanne sich voll entfaltet, die sich in einem kleinen Bad genau zwischen meinem Zimmer und dem Zimmer meines Mitbewohners befindet, die Tür konnte ich nicht verschließen, weil wir den Schlüssel verloren haben, wenn jemand reinkommt, tauche ich in das grüne Wasser, auf dem üppiger Glasschneeschaum eine undurchdringliche Sicherheit vor Blicken und dem Rest des Universums bildet, ich verliere mein Zeitgefühl bei Revolution No.9, ich kann mich zitternd vor Euphorie und Planlosigkeit gerade so mit einem alten Kopfkissenbezug abtrocknen, leider sind alle anderen Handtücher nass oder verschwunden. Es ist 21 Uhr und ich zünde meine Spotify-Playliste an, sehr sehr laut, so dass man grad noch alle Instrumente hören kann. Ich schleiche stundenlang immer wieder von meinem Zimmer durch das bunte, sich mit Menschen füllende Haus runter auf die Straße und wieder zurück, damit mein Floor Anschluss an die Anderen findet. Langsam füllt er sich, die Leute legen ihre eigene Musik auf, wie ich es ihnen befohlen habe, Johnny Cash und Wizo und Furz, ich bin entspannt, niemand weiß, dass ich der Gastgeber bin, ich stelle Daydream Nation ein und steigere mich schneidersitzend und voller geschlossener Augen in diesen wunderbaren Krach hinein, hier sind nur die, die keine Lust auf Silvester haben, keine Lust auf grölende Boys und dümmliche Girlies, hier wollen alle nur dumm rumstehen und Musik hören und lots and lots of beer schnackseln, bei der Hälfte des Albums verlasse ich plötzlich mein Zimmer und stürze in die WG schrägt unter mir, ich hab keine Lust mit jemandem zu reden, jeder wirkt auf mich so unentspannt, so bemüht, interessant und cool zu wirken, sobald jemand reißerisch über Drogen oder krasse Erlebnisse erzählt, wird mir leicht übel und ich suche mir ein anderes Gesicht, mit dem ich reden kann, der Schokokuchen ist lecker, ich sage kein Wort und kommuniziere ausschließlich mit Daumen hoch, Daumen runter, Daumen Mitte. Die Langeweile macht mit meinem Körper das, was ein Witz mit meinen Mundwinkeln tut. Ich sitze in einem schönen, kargen Garten, der Himmel ist weiss und wütend, und ich strecke ihm meine schwarze Faust entgegen. Gesang ist gefährlich: er verbindet Worte und damit letztlich Handlungen unberechtigter Weise mit dem berechtigten Fanatismus der Musik. So beflügelt uns die Musik zu

etwas, was jeglicher Substanz und Notwendigkeit entbehrt. Erst die Musik macht eine Abtreibung oder Hinrichtung zum Drama. Wütende Metalmusik würde diese Abtreibung in eine geile Trashorgie verwandeln, heitere Jazzmusik bei der Hinrichtung einen gewissen Woody-Allen-Surrealismus erzeugen. Man muss der kalten Wahrheit ästhetisch entgegenwirken. Das ist die Aufgabe jeder Party. Noch einen Kaffee bitte! Ändern wir die Hintergrundmusik und unsere Einsamkeit ist unser bestes Pferd im Stall - oder der Stall ist voller Menschen, die sich berühren und miteinander schnattern und mehr oder weniger perverse Dinge tun. Götter ohne Interesse am Weltall, ohne Interesse an ihrer eigenen Existenz. Roboter einer zweifelhaften Berufung. Ich muss einen Automat bauen, der alle Menschen auf einmal umbringt. Ich muss meinen Sadismus in einem transparenten, surrealistischen Bösewicht verwandeln und von mir abtrennen. Ich muss mich in die Sau verwandeln, auf deren Rücken meine Ruhmsucht durch die Großstädte der Welt stolziert, während linksradikale Schrebergärtner sich einem trostlosen Alkoholismus entgegensaufen: ihr seid die Zukunft! Läuten wir die Zukunft ein! Eine weiche, ganz ganz ganz weiche Kapitulation, ein euphorisches Einknicken in den Treibsand des Älterwerdens, der Abstumpfung, des Verfalls. Nur in euren Krankheiten und Dysfunktionen könnt ihr euch noch als Individuen verwirklichen. ist mir alles zu seicht hier - ist mir alles zu fade, ich steige die Treppe nach unten - ich brauche keinen Seelenpartner, Koffein reicht völlig aus und eine Kettensäge voll Cannabis.ich hänge wie ein Gespenst mit Fieber in deinem tropischen Schlafzimmer - Rosenblätter auf meinen Augen - und Europa ist eine Festung. die Durchschlagskraft der Raketen gleicht ungenaue Zielerfassung aus - so ist das im Krieg und der Liebe Es geht um die Frage, wie ernst ich was denn überhaupt nehmen muss, um anerkannt zu werden von wem denn überhaupt und warum? Ich habe eine sehr intime Beziehung zu meinem Kot, der sich fragt, warum ich ihn wegspüle, wo ich ihn doch erst erschaffen habe und ich nehme die Frage ernst und verwirkliche das Gebot unbedingter Solidarität mit dem eigenen Körper, dessen Gesamtheit mit der Gesamtheit der Welt interagiert. Das Leben ist eine Frage die der Tod beantwortet, so wie diese Blume den Samen beantwortet hat, aus dem sie stammt....