Würde. - Auf der Suche nach einem Mittelchen gegen Schlafstörungen und Pessimismus schlenderte ich heute durch das Bahnhofsviertel und dachte, um mir den Schmutz und die Kälte und das Elend vom Hals zu halten, über Würde nach und plötzlich fühlte ich mich wie ein Bürgermeister. Würde. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Staat ist verpflichtet, allen Menschen, die sich staatlichem Territorium befinden, ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Alle Institutionen und Gesetze sind Werkzeuge, die die Würde des Menschen bewahren und verteidigen. Der Staat ist institutionelle Würde. Würde ist das Fundament der Zivilisation, die wir behaupten mit all den Werten und Vorschriften, die wir uns geben, um die Sinnlosigkeit des Daseins zu verwalten. Würde ist ein Ausrufezeichen, das wir atmend und denkend und begehrend und genießend mit Substanz füllen. Einem Staat, der sich das Ideal der Würde in den tiefsten Grund seines Herzens gepflanzt hat, ist es per Definition unmöglich, menschenunwürdige Gesetze zu verabschieden: sobald jemandes Würde verletzt ist, ist das Grundgesetz außer Kraft gesetzt und der Staat in diesem Falle nicht existent. Jedes Gesetz ist verfassungswidrig, das die Würde des Menschen antastet. Glücklicherweise heißt es nicht: die Würde des Deutschen ist unantastbar - wieviel mehr Leid gäbe es hier und überall! Würde kann doch nichts Exklusives sein! Würde ist eine Behauptung, die sich auf alle Menschen bezieht. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht. Jedes Gesetz, das die Würde des Menschen verletzt, ist verfassungswidrig. Jeder hat das Recht, gegen verfassungswidrige Handlungen und Gesetze zu klagen. Die wichtigste Pflicht des Staates ist es, die Würde jedes Menschen auf seinem Territorium zu schützen. Sobald die Würde eines Menschen verletzt ist, verwandelt sich der Staat in einen Unrechtsstaat. Die Würde ist die Grundlage allen Lebens in diesem Land. - Deshalb ist es nicht möglich, mündiger Staatsbürger zu sein, ohne genau zu wissen, was Würde ist - wie sonst sollte man sich ein würdevolles Leben einklagen können? Was genau ist also Würde? Wo steht die genaue Definition? Wie sieht der ideele Kern unserer Nation aus? Was ist Würde? Die Würde, die der Staat mir gibt, ist die Behauptung, dass ich allein deshalb einen Wert habe, weil ich ein Mensch bin. Weil ich einen Wert habe, habe ich es verdient, zu atmen, zu essen, zu trinken, zu schlafen, eine Wohnung zu haben, gesund und glücklich zu sein. Der Staat darf mir meine Würde nicht nehmen, selbst wenn ich ein Verbrechen begangen habe. Das einzig praktikable Mittel, das in einer sozialen Marktwirtschaft zur Verfügung steht, um allen Menschen ein würdevolles Leben zu ermöglichen, ist die Grundsicherung. Niemand muss sich schämen für seine Bedürfnisse und Neigungen, weil jeder Mensch einen Wert hat, deshalb hat jeder Anspruch auf ein sicheres, vor Kälte und Regen schützendes Zimmer, auf gesundes Essen, gesundes Leitungswasser, gesundheitliche Fürsorge. Der Staat darf keinen Menschen töten, weder willentlich noch fahrlässig. Jeder hat das Recht, sich zu bilden, zu unterhalten, zu berauschen, zu entwickeln, auszuruhen und sich zu töten. Lohnarbeit ist eine Möglichkeit, sich zur Grundsicherung etwas dazu zu verdienen oder gar unabhängig von Grundsicherung zu werden. Wenn man die Arbeit verliert, fällt man in die liebenden Arme des Staates. Der Staat ist für alle Menschen gleichermaßen da. Der Staat hat nicht die Pflicht, zu sparen und Sozialabgaben zu kürzen - der Staat hat die Pflicht, Steuern einzutreiben und damit ein gemütliches, würdevolles Leben für alle zu ermöglichen. Jeder hat das Recht, zu arbeiten, aber keiner hat die Pflicht. Jeder hat das Recht, eine Firma zu gründen, jeder hat das Recht, einen mächtigen Konzern zu leiten, aber der Staat hat nicht die Recht, Gesetze zu machen, die den wenigen Mächtigen nützen und zugleich den vielen Schwachen schaden. Ein würdevolles Leben ist ohne einen fürsorglichen, freundlichen Sozialstaat nicht möglich. Nur die öffentliche Hand kann Würde garantieren - der freie Markt ist ein ungerechter, chaotischer Urwald. Würde ist nicht etwas, das sich rechnen muss, Würde muss nicht gespart werden: sie muss verschwendet werden an dich und mich und all unseren Freunden und Feinden, muss verschwendet werden an alle Menschen und noch an alle Tiere und Phantasiefiguren. Die Würde aller muss unbedingt verteidigt werden, sie ist der edelste Wert, den wir ins Feld führen zur Verteidigung gegen national-konservative, völkische, marktradikale, christlich-fundamentalistische, antisemitische, islamfeindliche, sexistische und anderweitig diskriminierende Parteien, Strömungen, Institutionen, Staaten und Einzelpersonen. Wir können uns nur glaubwürdig gegen diese Lieblosen, Unfreundlichen, Selbstsüchtigen, Unsolidarischen, Überprivilegierten wehren, wenn wir beweisen, dass jeder Mensch eine Würde hat und dass diese Würde die beste aller Grundlagen für ein gemeinsames Leben aller Menschen auf der Welt ist. Die Welt ist ein Dorf, bevölkert von Menschen mit den selben Bedürfnissen und der selben Würde, wetten? Weil ich eine Würde habe, hat der Staat die Pflicht, mir eine Wohnung zu bezahlen (immerhin hat er sich das Wirtschaftssystem ausgesucht und nicht ich), mir Geld zu geben, damit ich mir Essen und Trinken und (Straßen-)Bahn-Tickets und Klamotten und Eis und Sexspielzeug kaufen kann, und weil ich nachweisen kann, dass ich Cannabis erfolgreich gegen Depression und Schlaflosigkeit einsetzen kann, ohne dass meine künstlerischen und sozialen Fähigkeiten oder meine körperliche und geistige Gesundheit darunter leiden (ganz im Gegenteil), haben die staatlichen Krankenkassen die Pflicht, mir Cannabis zu verschreiben. Meine Erfahrungen können es mit den Ideologien wirklichkeitsfremder Beton-köpfe in den Ministerien aufnehmen. Cannabis hilft mir, ein würdevolles Leben zu leben. Cannabis-Prohibition ist menschenunwürdig und daher verfassungs-feindlich. Cannabis ist eine Medizin, die nachweislich einen positiven Effekt hat. Niemand hat die Pflicht, unglücklich zu sein. Jeder hat eine Würde. Alle staatliche Gewalt muss die Würde schützen, denke ich mir, als ich mit meinen Kräutern an zwei Polizisten an der Haltestelle vorübergehe. Es wäre so absurd, so böse, so krank, wenn der Staat meint, mir meine Medizin wegnehmen zu dürfen, mich in die Kriminalität zu verbannen, weil ich wie Milliarden anderer Menschen in den letzten tausend Jahren gute Erfahrungen mit einer Pflanze gemacht haben, die vor hundert Jahren aus politischen, teils rassis-tischen, teils kommerziellen Gründen, verboten wurde. Der Staat hat die Pflicht, jedem ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Die Würde des Menschen ist unan-tastbar. Die Polizisten sehen mich an und versuchen mein Gesicht und meine Kleidung und meinen Gang zu bewerten. Sie reden etwas miteinander, aber ich weiß nicht worüber. Vielleicht ahnen sie, wieviel Mietschulden ich habe? Vielleicht ahnen sie meinen Musikgeschmack und meine politische Einstellung? Sie begnadigen mich. Sie haben vielleicht einfach keine Lust mich zu kontrollieren oder machen Pause. Ich habe immer Glück, ich wurde noch nie mit Gras erwischt. Ich achte immer darauf, nicht gar so lässig und zufrieden und erhaben zu wirken. Ein Freund hat sich eben deshalb verdächtig gemacht, weil er cool und entspannt gelaufen ist. Was sagt es über einen Staat aus, in dem man sich verdächtig macht, wenn man zufrieden aussieht? Die Würde des Menschen ist unantastbar: außer er raucht eine bestimmte Pflanze. Ich steige in die nächste Straßenbahn ein und fahre schwarz nach Hause, wo ich noch ein paar Monate wohnen kann, bevor ich rausgeschmissen werde, weil ich mir die Miete nicht leisten konnte und lieber Musik und Liebe und Entspannungsübungen gemacht habe. Jeder Vermieter hat das Recht, Geld vom Mieter zu bekommen. Jeder Mensch hat das Recht, gesund zu sein. Meine Würde schäumt und glitzert aprilfarben in meinem Brustkorb. Sie ist das Licht, das mich vor den dunklen Begierden bestimmter Menschenaffen schützt. Sie ist der Gott, der mich liebt. Sie ist meine Mutti, die mir Geborgenheit gibt. Würde ist neben Seife und Internet die allerwichtigste Erfindung der Menschheit. Je weniger ich geschlafen habe, desto besser kann ich einschätzen, wie bedroht sie ist.
Omen. - Seit Monaten werde ich von einer sichtbar geistig behinderten Frau verfolgt, erst war ich sicher, dass es nur ein Zufall war, mittlerweile glaub ich nicht mehr so dran. Sollte ich das ernster nehmen? Heute hat sie mich am Gemüseregal angesprochen: "Alle Menschen sind ein einziger Gott, der sich verirrt hat." Ich musste sofort lachen, weil ich die letzten Tage davon geträumt habe, dass wir alle der selbe Mensch in einem anderen Körper mit einer anderen Geschichte an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit sind. "Wenn ich mich jetzt noch erinnern könnte, was Gegenwart ist", mauschelte sie. - Zum ersten Mal hab ich sie vor einem halben Jahr gesehen, als sie gegen eine grüne Fußgängerampel gelehnt mit sich selbst geredet hat: "Alles ist langweilig, alles was ich sehe, alles was ich tue ist langweilig. Ich weiß nicht, wie die Zukunft aussieht, ich weiß nicht, was mich ausmacht, ich bin eine gelangweilte Oma, ich stehe im Zentrum Europas, mitten in der Gegenwart. Ich möchte kein Gesicht haben, ich möchte keine Sexualität haben. Ich möchte nur zugucken, ich hab Angst nach Hause zu gehen, ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll, ich hab Angst, dass sich meine Nachbarn lustig machen, weil ich nichts mache. Ich habe keine Angst von einem Auto überfahren zu werden. Wenn ich unter der Bettdecke mit mir selbst rede, bin ich mit der ganzen Welt verbunden. Ich möchte mit allen Leuten befreundet sein." Im Hintergrund machte grad jemand mit einem Wasserschlauch den Gehweg sauber. Eine aufblasbare Giraffe wurde bei grün über die Straße gezogen. Die Frau stand einfach da, sie wartete auf nichts, sie brauchte auf nichts mehr warten, sie wartete so derart wenig, dass ich nun auch nicht mehr warten konnte auf irgendwas: was hat sie mich angesteckt. Ich ging zurück in den Stadtpark und hörte mir die rauschenden Bäume an und hatte das Gefühl, alles zu wissen, was ich wissen muss.