März – Das LSA (Meta-Erkenntnis)

Ich möchte wirklich Bundespräsident werden, einer der sein Gesicht bunt anmalt und sich eigentlich nur mit Künstlern und Kindern unterhält. Kein unberührbarer Grüß-Heinz, der den Anschein von Normalität wahren soll. Die meisten Leute sind gelangweilt oder wahnsinnig, man kann sie gern zusammenknoten und in den Keller stellen.

Von der Dringlichkeit des Lebens bedrückt, weigern wir uns irgendwelche Konsequenzen zu ziehen - wir sind immer noch im Zustand BEVOR wir die Karriere-Leiter erklimmen, BEVOR irgendwas entschieden ist. Vielleicht ist die Tragik, dass wir uns nicht entscheiden können, obwohl uns danach verlangt, das Einzige, was unser Werk am Ende kommunizieren kann. Hier im DAVOR, das sich wie eine dunkle, weiche Ewigkeit mit uns unter der Bettdecke versteckt. Solang dich einer Entscheidung, einem Schritt enthalten, bis du wirklich nicht mehr anders kannst. Nur in äußerster Not ein Wort sprechen, ein Wort schreiben, beten, Obstsaft trinken. Ich kann mich mittlerweile von meinem Schreiben distanzieren und sogar von dieser Distanz. Ich führe mich meinem Denken und Fühlen gegenüber cool und abgeklärt auf, wie ein arroganter Lehrer vor einer Klasse, die er nicht leiden kann, weil sie immer so laut ist. Ich kenne meine Maschen, ich kenne meinen Matsch. Ich sollte mich nicht so sehr beeindrucken lassen von dem, was ich bin und tu. Vielleicht werde ich mich mit meinem Talent, meinem Wahn, meiner inneren Spannung unterdrücken, deprimieren, abstumpfen, festfahren, sedieren und am Ende zerspringe ich in

hunderte Splitter. Lieber auf Distanz, auf Distanz, auf Distanz. Leibesertüchtigend der psychedelischen Narkose entgegentreten macht Spaß, gemütliches Gewichtheben an der Tastatur. Oh, die Kultur des weißen Mannes ist so bedrückend fad und kalt. Alles, was Fleisch und Blut an seiner Musik ist, hat er sich bei den Schwarzen geklaut.

Es ist zwar leicht, sich ein alternatives Leben, aber nicht sich einen alternativen Körper vorzustellen. Deshalb folgen die Meisten dem Druck ihrer Gebeine und Eingeweide. Sowohl die Distanz zum eigenen Körper als auch die totale Identifikation mit ihm sind Werkzeuge, die stets im Wechsel angewandt zu einer Ausdehnung des Selbst führen können: von außen mag es dann oft den Anschein einer Metarmorphose haben, von innen fühlt es sich so an, als würde man sich selbst erst richtig erschließen, als würde man im eigenen Innenraum immer mehr Eigenschaften entdecken, die man benutzen kann: hier ist eine Wut versteckt, die man benutzen kann, um im entscheidenden Moment die Hand zu einer Faust zu ballen, hier ist eine Traurigkeit versteckt, die man sich wie eine blaue Neptun- Blume ins Knopfloch stecken kann, um neue Freunde zu finden, hier ist eine Tapferkeit versteckt, die man sich umschnallen kann um auf Bäume, Häuser oder Menschen zu klettern, hier ist eine Sehnsucht versteckt, auf deren schiefe Bahn man aufspringen und entspannen kann.

Im sabbernden Mund meines Rausches zergeht das Gehirn, das mit diesen Fingern befreundet ist, die ich gerade fixiere, während sie die Buchstaben tippen, die eine andere Region meines Gehirns ausgeknobelt hat. Die Prunkweiden und das Gras schnüren mich ganz ganz fest an meinen Körper, ich bin so sicher wie in einem Traum, aber doch total ansprechbar: ich würde sogar soweit gehen, dass die Totalität meiner Ansprechbarkeit die Brisanz des Rausches ausmacht. Hier gibt es kein Glück, dass es nicht auch im Schlaf/Traum gibt. Vielleicht nehmen Leute nur Drogen, weil sie nicht gut schlafen oder ihre Träume nicht ausnutzen können. Wäre ja auch nicht schlimm. Ich verknote mich jetzt ein bisschen in der Musik. Ich weiß wirklich, was gut für mich ist und was nicht gut für mich ist. Vielleicht fühle ich mich deshalb den meisten Leuten überlegen. Ich fühle mich sehr stabil in dem Neuronengewitter, das mich aushebeln will - das Grollen und Blitzen bin ich, so wie ich mein Gehirn bin und mein Gesicht beim Schlafen. Wasser ist gut gegen Durst, die Sonne sorgt für Wärme und Licht und ich liebe mich. Mit diesen drei Wahrheiten kommt man locker über die Runden. (Der Versuch, authentisch zu schreiben, lässt den Mond platzen und die Hasen sterben.)

Ich hänge an meinem Gehirn, meinem Kreislauf, meinem Verstand, meiner Kritikfähigkeit, meiner Liebe, meiner Empfindlichkeit und meinen Zweifeln. Ich bin die Überlagerung all meiner Organe und Eigenschaften, deshalb werde ich erst frei sein können, wenn ich von keinem Körper mehr abhänge und wenn keine Persönlichkeit mehr wie ein Kettenhemd auf meinem Potential sitzt. Ich bin frei, wenn ich mich mit meinen dezentralen, nonlinearen, assoziativen Werken identifiziere. Ich stehe mit beiden Beinen auf der Erde, atme die leere Novemberkälte auf dem Petersberg, fühle mich vom Grau der Stadt, ihrem Lärm, ihrem Dreck, ihrer monotonen Hektik eingeklemmt, zurechtgewiesen, definiert. Mein Atem und mein Herzschlag und mein Verdauungstrakt und mein Neurotransmittersystem erzählen die Geschichte von der Suche nach Werkzeug, um die Stadt aus meinem ZNS zu operieren. Aus all den psychotropen Substanzen, die ich in den letzten Jahren studiert habe (Koffein, Cannabis, Alkohol, Dextrometorphan, Butandiol, LSA, Meskalin, Psilocibin, 1p-LSD) und all den meditativen Praktiken (Fasten, Übernächtigen, Zen-Meditation, Musizieren, Wandern, luzides Träumen) und aus all meinen lieben, überempfindlichen, wilden Freunden und all meinen Flüchen auf mein Elternhaus und die Bundesregierung, auf Europa und die Große Maschine, aus all meinen willkürlichen oder künstlich herbeigeführten Zuständen, aus all meinen Worten und aus all meinen

Unzulänglichkeiten schmiede ich ein goldenes Schwert, mit dem ich eines Tages, es wird nicht mehr lang dauern, diese Stadt einen Kopf kürzer mache, diese triste, lebensarme Besenkammer abschaffe, die meinen Rücken krümmt, die meine Augen trübt, die mein Herz aushöhlt und die bunten, weichen, unendlichen Getreidefelder meiner Träume in einen schwarzen, knöchernen, unendlichen Parkplatz verwandelt, auf dem fette, gereizte Ossis mit ihren keuchhustenden, stinkenden Karren parken, um sich Bier und Fleisch und Zucker und Kondome zu kaufen. Erfurt ist die Stadt mit den meisten Kirchen, Brücken, Apotheken und Kehrmaschinen in ganz Ostdeutschland: für das leibliche Wohl ist gesorgt, hier schlagen Kinderherzen höher, genießen Sie Ihren Einkauf!