Der große Ernst
Es ist vielleicht unmöglich herauszufinden, wann die letzte Möglichkeit ist, einen Schnitt zu machen und endlich das Leben zu leben, das jenseits all der selbstironischen Fassade, die man sich aus Hilflosigkeit vor dem ziellosen Chaos der Triebe erschaffen musste, seufzt. Der Mensch strebt nicht danach zu leben und auch nicht danach zu sterben, er möchte verwirklichen, was in ihm wartet. Sein Leben ist nur das Werkzeug seiner Organe, die sich abnutzen wollen und sein Tod kommt aus Mangel oder wegen einem Zuviel an Reibung. Der Verstand haut allzu oft dazwischen und verdirbt alles, bloß damit der Körper noch ein bisschen weiter lebt. Der Körper ist nicht für ein langes, glückliches Leben gemacht: aber für ein kurzes. Wenn man daran zweifelt, schaue man sich die Augen von Kindern an und vergleiche sie mit den Augen ihrer Eltern. - Augen werden immer blasser und trüber und ab dem 35. Lebensjahr werden auch die mutigsten, frischsten unter ihnen von den älteren Mitmenschen zur Raison gerufen und von da an sind sie nur noch Larven ihrer Kindheit, ausgeputzt von einem idealistischen Adler, der in seinem Fressen seine Rechtfertigung zum Leben bezieht - und so müssen auch die Kinder gleich ihm ihre Rechtfertigung finden in ausgelebten Ideen ihrer erwachsen gewordenen Vorfahren. Alles Glück der Kindheit ist nun davon - und ja, am Ende strebt der Mensch immer nur zu einem Glückszustand, den er aus seiner Kindheit erinnert, und wenn es nur ein Tag, eine Stunde des Glückes war, das er erlebt hat: es hält ihn auf Kurs und das Ziel ist: eine lange, tiefe, abenteuerliche Kindheit. Die Lust gesunder Kinder, der Ernst in ihrem Spielen ist die große Seligkeit des Lebens, alles was danach kommt ist Verwaltung des Lebens - und langsames Dahinsterben in Bitterkeit und Demenz. - Kein Erwachsener kann sagen, worunter er leidet, weil sein Kinderherz zerdrückt von seinem erwachsenen Körper sich nicht mehr artikulieren kann. Er muss sich Demut, Ironie, Selbstdistanz, Frömmigkeit, Idealismus erlernen, er muss lernen, die innere Erkaltung, das Lahmwerden zu rechtfertigen: dazu benutzt er Mittel, die er als Kind nur für seinesgleichen angewandt hat, nun für alle Menschen: Respekt, Anstand, Liebe. Der Erwachsene kann nicht mehr hassen, kann nicht mehr in die Hose scheißen, kann nicht mehr glaubwürdig auf der Straße herumhüpfen und singen, hat kaum noch Zugriff auf seine edelsten, feinsten, urgründlichsten Ängste: er ist gefangen in einem schweinischen Zirkus, in dem der größte, lauteste, sauberste Clown das Kommando übernommen hat und noch viele tausend Jahre haben wird. Die Kinder sind nur unfertige Erwachsene und man erlaubt ihnen Freiheiten, die man sich selbst und anderen Erwachsenen nicht erlauben würde. Die Gründe dafür sind so einfach wie unaussprechlich und ich möchte darüber nichts schreiben. Wenn wir unser Bestes und Schlechtestes annehmen, all unseren Ängsten und Perversionen und Schmerzen und Verzweiflungen zujubeln, wenn wir uns für keine Körperfunktion schämen können, wenn wir uns in allem absolut ernst nehmen, so wie man sich denken kann, dass Gott und ein Löwen und die Sonne und das Nichts sich ernst nehmen können, weil sie nicht anders können, wenn wir uns so ernst nehmen, dass alles in uns in einem warmen, gütigen Licht strahlt, in dessen Helligkeit und Güte wir unsere Rechtfertigung zu Leben beziehen, unseren Trost vor all dem Unaussprechlichen, Unbegreiflichen finden, wenn wir ernst und unsicher und stark und wankelmütig die Höhe unserers Selbst leugnen, wenn wir so glücklich sind, dass wir nichteinmal mehr lachen, tanzen können, wenn wir kurz davor sind, all unsere vermeintliche Menschlichkeit zu verlieren, dann erst werden wir begreifen, was wir ein ganzes Leben lang gesucht haben. Wir werden diese Zustände immer wieder verlieren und immer wieder neu gewinnen; oft scheint es, als seien sie für immer verblasst, aber in einer Unstunde zwischen den Stunden unseres Alltags und in schlimmen, wunderbaren Notsituationen kommen sie hervor und wir strecken unsere Hände nach ihnen aus und das Leben überwältigt, erschüttert uns und unser ganzes chaotisches Innenleben braut sich zu einer infernalischen Flut zusammen und stürzt durch unseren Körper hindurch und alles was wir empfinden, wird wahr sein, alles was uns quält, wird als zauberhafter Akkord unserer Glückseligkeits-Symphonie erklingen und alles was wir hassen, verneinen, zerstören müssen, erscheint als Ruine mit tausenden Rissen, alles was wir lieben ist nahe bei uns und unser Herz strahlt alles, was es besitzt und wir sind vollkommen und lösen uns in dem Bewusstsein, dass wir etwas sind, das geliebt werden kann, auf.
Zwei Katzen
Sie wachen auf, wenn sie aufwachen, sie fressen was man ihnen gibt oder fressen es eben nicht, sie trinken Wasser und sind manchmal draußen, manchmal in der Wohnung, sie schmusen miteinander und kämpfen miteinander. Sie sind nicht nachtragend. Sie leben die Notwendigkeit ihrer Existenz ohne Scham - ihre Organe sind kräftig genug dafür. Sie liegen stundenlang in der Sonne und lassen sich streicheln, dann springen sie plötzlich wieder auf, weil sie in der Hecke etwas Rascheln gehört haben - sie sind gute, kräftige Springer und Kletterer. Manchmal können sie auch von nichts aus der Ruhe gebracht werden. Manchmal sind sie feige und suchen Schutz bei Menschen. Sie denken nicht ans Morgen oder ans Gestern, das heißt: sie sind frei. Alles was sie tun, tun sie mit einem kindlichen, stolzen Ernst. Sie töten mit einem unzerstörbaren Instinkt Mäuse und Vögel, nicht weil sie Hunger, sondern weil sie Lust am Spielen, am Töten haben. Sie können nicht sprechen und nicht lachen und nicht weinen, nur miauzen und quieken. Sie sind zärtlich und brutal und sind frei von jeder Art Moral. Sie sind inkonsequent, unberechenbar und schön. Sie liegen im Garten, kuscheln miteinander und egal was kommen wird, sie werden es annehmen. Sie sind dem Menschen um ein Vielfaches überlegen, wenn es um Existenz- bewältigung geht - deshalb liebt es der Mensch, sie um sich zu haben. - Man kann den Wert eines Menschen daran messen, was er mit den Gefühlen in sich anfangen kann, die ihm kommen, wenn er über das Leben von Katzen nachdenkt.
Die Essenz des Herbstes
Ich gehöre mir nicht, ich bin nur ein Geschwür an einer dunklen, sinnlosen Welt. Selbstmord ist die beste Therapie. Glück nur im Extremen findend: die Perversion des gedrückten Typus. Die Lust an der Vernichtung - Selbstvernichtung ist noch das Einzige, was der eigenen Kraft und dem ersten und letzten Stolz entspricht - die große Besiegelung. Die Fähigkeiten zu kleinen Lüstchen, meine Geduld, mein Geschmack wurde verdrängt von der großen Lust an absoluten, unumkehrbaren Konsequenzen - Restenergie die sich aus Mangel an Alternativen gegen sich selbst wendet - das allgegenwärtige Gefühl: „Das Ich ist zu Ende", keine revitalisierende Transformation mehr möglich. Alles Denken und Handeln kreist um das Problem des bestmöglichen Abgangs, alles was einst zum Leben verführte, ist nun fremd und fern und spricht nicht mehr zu mir, und wenn doch, dann in einer Sprache die ich nicht mehr verstehe. Das Ich vervollkommnet sich durch die Selbstvernichtung, kommt so erst wirklich zu sich. Der Wille, wenigstens daran noch zu glauben. Es wird nach mir noch so viele Tänze und Schönheit und Rausche und Stürme und so viel Liebe und Musik und Lachen und Abenteuer geben, ich muss nicht dabei sein. Immer wenn ich müde bin, aber nicht schlafen kann, drängen sich Narrative in mir auf, die alle Lust am Leben mir verleiden, deren abgründliche, todesfrische, beißende Kälte mich zu meinen allerletzten Phantasien treibt. Etwas in mir will mich umbringen und wird immer stärker und nutzt vornehmlich Stunden wie diese, in denen ich erschöpft und leer und kalt und unantastbar stumpf und von allen Geistern und Sehnsüchten und Gewissheiten verlassen und verzweifelt- gleichgültig genug bin, um nicht mehr zu wissen, wie ich damit umgehen soll, ob ich damit überhaupt umgehen oder doch lieber umkommen will. Noch ist nichts entschieden. Was ist entscheidend? Der Grad der Gleichgültigkeit. Das Gefühl von Müdigkeit ist eigentlich extreme Wachheit, die der Körper nur nicht schultern kann. Die Gleichgültigkeit, das Bedürfnis sich hinzulegen und sich dem taumelnden Gehirn zu überlassen, die Unfähigkeit die Augen aufzuhalten, die Unfähigkeit klar zu denken - alles Symptom einer extremen Hellsichtigkeit. Ich bin am Leben, um genau jetzt, in diesem Moment der inneren Anspannung zwischen der gleißenden Leere im Herzen und dem dümmlichen Hetzen meines Intellekts (der diese Worte herauskrampft) zu sterben, es gibt keinen Grund, der motivierend genug wäre, hier und jetzt durchzuhalten. Ich krümme mich und mein Herz schaut zu, pocht so kalt und gleichgültig wie mein hartes, ironisches Gesicht jeden Ausdruck von Schmerz und Sehnsucht blockiert. Während sich in meiner Zimmerecke mein Körper zusammenfaltet, führe ich mein letztes Selbstgespräch. Niemand ist für mich zuständig. Der schnelle, leise, heimliche Verfall ist die beste Art für mich, das Leben zu bewältigen, meine gewohnte Inkonsequenz raubt meinen endgültigen Eingeweiden das letzte bisschen Hoffnung; die beste Art und Weise für mich zu sterben ist, meinem Körper zu vertrauen, der seit jeher dazu bestimmt ist, in den nächsten Minuten aus dem Leben zu stürzen.
Die Essenz des Frühlings
Lass uns aufn Schrottplatz gehen. Lass uns wild und optimistisch und manisch sein, auch wenn es dazu vielleicht keinen Grund gibt, ja gerade weil es dafür vielleicht keinen Grund gibt, ja lass uns sogar wollen, dass es dazu keinen Grund gibt. Fanatisches, autistisches Lodern der Kreativität. So viel Gewalt wie möglich ausüben. Etwas unheimlich Böses erschaffen und sich damit überidentifizieren, sodass man nur noch lachen kann - aber heimlich. Erster Schritt in Richtung eines wunderschönen Faschismus. Der Faschismus als Grundstock für eine fruchtbare Zukunft. Die Nullstunde. Die Geburt. Die absolute Bejahung der tiefsten Konsequenzen, die unser närrisch- verbrecherisches Fühlen verlangt. Die kalte Erhabenheit über Erwägungen und Bedenken, die nicht aus dem selben Körperteil kommen wie unsere Euphorie. Lass uns Brandsätze bilden aus einem Alphabet dadaistischer Urlaute. Die Freisetzung von göttlicher, d.h. Gott-schaffender Energie. Die Selbsthypnotisierung, Selbstauflösung. Ein strammer, reinigender Rausch. Die Ur-Tiefe. Das Universum und das Gehirn - dazwischen ein Spielfeld des Endzweck-freien Trieb- Chaos und der teuflischen, kulturschaffenden Vernunft. Die frühlingsfrischen, kraftvollen, surrealen Träume und eine Sphäre mütterliche Sicherheit für ihre Realisierung. Meta-Politik. Meta- Psychologie. Meta-Kunst. Meta-Leben. „Faszination Ekel" und „Abenteuer Untergrund". Das bedenkenlose, lustige, lüsterne, naive Lügen, Hochstapeln, Phantasieren aus ganzer Leibeskraft, das ewig- ehrwürdige, unbefleckbare Pathos der Kindheit, das immer fortwährende Stottern und Stolpern über letzte Gewissheiten. Der Mut zur übergroßen Geste, die Melancholie eines ganz einfachen, zarten und doch unzerbrechlichen Glücks, die Melancholie der über- und unter- und metaseligen Lebendigkeit, die Melancholie des sicheren Sterbens in den Wonnen der ersten und letzten Ekstase. Die Freiheit zu jeder Tat, die geschickte Nadel, das zickige Messer, der aphrodisierte Vorschlaghammer. Unglaublicher Lärm beschützt uns vor dem leeren Gähnen des nimmersatten Nihilismus, den wir im Hof angebunden haben, um Einbrecher abzuschrecken. Die Masken des Bösen machen uns empfänglich für das, was die Welt im Inneren zusammenhält, lassen ein frisches, naives, dunkles, gefährlich- gesundes HERZ in uns erblühen, dass uns in seiner vollendeten Rhythmik den Weg unserer Selbstauflösung zeichnet - Erlösung ohne Netz und mit doppeltem Boden. Unser Kreuz, das wir tragen, ist nur das Brennholz für kuschelige Winterstunden. Wir kotzen uns vor Erregung die Lunge aus und mischen das Erbrochene mit altem schamanischen Zauberhumus und segnen onanierend diesen alles-versprechenden Boden und pflanzen darauf den perfekten Baum für unser Baumhaus, den wir in unserer Kindergartenzeit vergeblich gesucht haben. Wir gründen Familien, ziehen singend und polternd und raubend und plündernd und völkermordend und übermenschlich glücklich über die Erde und liegen selig im Wahn eines seltenen Fiebers und warten auf den Schnitter.
Kot
Ein Kind, acht Jahre alt, allein im Bett, pupst und findet den Geruch angenehm. Es nimmt seinen Körper war und denkt, was ein Kind eben über die Existenz seines Körpers denkt: "Krass!". Es nimmt seinen rechten Zeigefinger und drückt ihn auf sein Poloch und riecht dann am Finger und ihm wird ganz nostalgisch ums Herz, es macht mit dem Finger nun kreisende Bewegungen um das Poloch und steckt sich den Finger dann langsam rein und ein rührendes, schauriges Lustgefühl durchbraust den Körper und das Kind schläft ein und träumt unerhörte Dinge. Ein paar Stunden später wacht es mit dem Finger im Po auf. Es spürt das Bedürfnis, zu kacken und beschließt, angespornt von den süßen Hinterlassenschaften des nostalgischen Lustgefühls kurz vor dem Einschlafen, ins Bett zu machen. Was für ein erregender Zauber! Das Kind genießt diese urmenschliche Geilheit wie es noch nie zuvor etwas genossen hat. Dann nimmt es die Kacke in die Hand und spielt damit wie mit bunter Kinderknete. Dieses ausgiebige, ernste, unerschütterliche Spielen ist die Grundlage für all das Glück, das dem Kind einmal widerfahren wird. Wenn es erwachsen ist, wird es viele Menschen zum ehrfürchtigen Staunen bringen - und es wird sterben wie selten ein Mensch stirbt.