Anmaßungen

Fragmentarisches Denken - letzter Strohhalm der von Schlaflosigkeit aufgeweichten Seelen. Je unruhiger, manischer, trostloser das Denken, desto weniger kann es mit Systemen, nüchternen Analysen und stabilen Geschichten anfangen. Je länger man wach ist, desto ernster wird die Welt. Jede Erinnerung an euphorische Stimmungen erzeugt dann eine kalte, über den Rand des Erträglichen quillende Scheu vor sich selbst, die sich vom Herz aus bis tief ins Gehirn und die Weichteile erstreckt. War ich irre gewesen? Wie konnte ich so ausgelassen sein? War ich ein Hampelmann? Ein Feigling? Ein Idiot? Ich spüre, dass ich noch immer im selben Körper stecke, der mir vor ein paar Tagen eine so überbordende Euphorie aufgeladen hat... im weichen, dämmerig-roten Park liegend, unter rauschenden Bäumen wie eine dicke, gesunde Katze ... und heute, ohne genügend Schlaf, fühle ich mich allem fern und fremd, allem Feind... so angespannt und unstrukturiert und frostig ... ein tief-schwarzer Ernst verwandelt mein Gesicht in eine lächerliche Faust, die höchstens Eindruck machen könnte bei Leuten, die wesentlich jünger sind als ich und noch kein Wort von mir gehört oder gelesen haben. * Ich bin hinter das Geheimnis meiner Schlaflosigkeit gekommen: weil so wenig in meinem Leben passiert, will mein Gehirn mich länger als gewöhnlich wach halten, damit es die vorgesehene Menge an Ereignissen aufnehmen kann... Das erklärt auch noch meinen Hang zu billigen Actionfilmen. Hauptsache es knallt. Je geschmackloser, desto authentischer. Je sinnloser, desto glaubwürdiger. Ich setze Kopfhörer auf und prügel dem Tod in meinem Gehirn etwas entgegen. So wie eine Katze in den Raum schaut, ohne zu wissen, dass sie sterblich ist, so leer und dumm, so will ich mich meinem Bewusstsein stellen. Wenn ich mich nicht damit abfinden kann, zu existieren, kann ich wenigstens das Existieren selbst zusammenstauchen und durchschütteln lassen. Musik und Hoffnung vertieft unsere Nichtigkeit solang bis wir nicht mehr unser Ich bei der Hand haben und deshalb wenigstens nicht mehr an unserer individuellen Existenz leiden, nur noch an Existenz selbst, so wie es ein Tier tut. Der Müdigkeit trotzend, ihr ganz langsame, weiche Worte entgegenhaltend, die Träume ganz in der Nähe, spüre ich, dass mein Bewusstsein nichts dagegen tun kann, dass ich meinen Organen ausgeliefert bin. Ich genieße die Mattheit, die Verspannung, die Kälte, die stinkende Kleidung, mein wüstes Zimmer, meine Gleichgültigkeit. - Indem ich etwas aufschreibe, mach ich es erst richtig wahr. Alles was nicht formuliert ist, bleibt latent. Nur was man bekennt, gehört zum Ich. Der Rest ist schwammiges Gefühl, dessen Wirkung umso stärker ist, je weniger man davon äußert.