Alles muss schwanken

September 2012

Eine Stadt wie ein Krater voll Knochen und Salz und ein paar abgemergelte Meth- Leichen verkriechen sich bis zur Dämmerung in den Wänden ihrer von Insomnie und Selbstverachtung aufgeweichten Höhlen. Der Himmel leuchtet grau wie der Bürgersteig, auf dem Gehetzte und Ängstliche und Hoffnungslose ihre grellen Gesichter zur Schau tragen müssen, direkt an meinem Fenster vorbei. In meinen Hosentaschen steckt noch ein bisschen Kleingeld, ich glaub ich geh gleich ins Edeka und hol mir einen Tee, aber erstmal den Gestank von meinem Körper befreien und mein Gesicht entheddern, damit die Kassiererin weiter in ihrer Fassung leuchten kann. Ich wünschte, ich könnte all meine Sorgen von meinem Körper kratzen und im Klo runterspülen. Jeder muss ab und an unter seinem Bett aufräumen oder sich zumindest einen Überblick verschaffen über all den Kram, der sich die letzte Zeit so angesammelt hat. Ich erinnere mich an meinen Großvater, der sagte immer, dass es nicht schlimm ist, wenn man nicht weiß, wo etwas hingehört, wo man hingehört, "Hauptsache, du hast immer einen gemütlichen Schlafplatz" und die Sonne scheint und ich bin so müde. Ich weiß nicht wie lang ich geschlafen habe. Hab ich überhaupt richtig geschlafen? Was ist letzte Nacht passiert? Ich habe Angst den Nachbarn zu begegnen ... mit ihren Augen und ihren Ohren. Ich will mit Michael telefonieren, aber er geht nicht ran und ich versuche unbeeindruckt davon in meine Lederjacke zu steigen und ich öffne die viel zu dünne, viel zu offensichtliche Tür und befördere meinen schwerfälligen Körper in den dicken, stickigen, grau-leuchtenden Tag, fröhliche Vögel, ein Himmel, der etwas mit dem harten, leblosen Boden zu tun hat, ich trinke zu viel Grüntee, knabber in der Kassenschlange mein Nagelbett auf, geh wieder zurück nach Hause, brühe eine heiße Jasmin-Grüntee-Kanne auf, während der Kater im vermüllten Hof seine süßen Todesspiele spielt. Auf dem Dach der Garage unter meinem Fenster liegen vermoderte Bretter und ein altes Kopfkissen und Glasscherben. Die Leute, die hier wohnen lieben es, Dinge aus dem Fenster zu werfen und auch ich schütte gern Nudelwasser in die Tiefe. Der Kater hat eine Maus erwischt, er spielt mit ihr wie ein kleiner Junge einer Fliege die Beinchen herausreißt. Erfurt ist keine besondere Stadt. Als Autor sehe ich es keinesfalls als meine Aufgabe, uninteressanten Gegenden etwas Interessantes zu entlocken: mir reicht es, mich an dieser tristen Ereignislosigkeit aufzugeilen. Je öder eine Stadt, desto lebendiger fühle ich mich. Ich ärgere mich über jeden Graffiti-Künstler, der sich anmaßt, diese Stadt zu verschönern. Die Tristesse der Stadt kann man nicht in Farbe ertränken, sie kommt immer wieder durch und zum Leidwesen aller Dichter und Musiker ist es keine poetische, zarte Tristesse, Erfurt ist nicht melancholisch, Erfurt ist auf ganz brutale und banale Art depressiv und niemand kann etwas dagegen tun, deshalb muss die Stadt abgeschafft werden und ich fühle mich allen verbunden, die ihren Beitrag dazu leisten. Alles was diese Stadt an Kultur bietet, erfüllt die gleiche Funktion wie ein paar Flaschen Bier oder Schnaps für genervte oder gelangweilte Arbeiter zum Feierabend. Die Kunst dient hier nicht der seelischen und moralischen Erbauung, sie ist lediglich eine kleine, bescheidene

Freude für orientierungslose Versager und elitäre Spießer und immer, wenn jemand rennt, um noch die Straßenbahn zu erwischen, hoffe ich, dass er es nicht schafft - ich liebe enttäuschte Gesichter, ich liebe die kleinen und großen Unglücke, die Erfurter ereilen und manchmal rutscht mir ein lautes Lachen heraus, echte, purpur-strahlende Schadenfreude. * Wie viel größer wäre mein Leid, würde ich nicht dem Wahn verfallen sein, der aus meiner Romantisierung des einfachen Lebens gewachsen ist und mir dieses Buch geschenkt hat! Wie viel größer ist das Leid derer, die keine Ausrede haben? Die zu stolz sind, sich in die Scheinwelt der Kulturfabrik zu begeben? Der Künstler kann nicht wirklich empathisch mit den Verzweifelten sein, wenn ihm seine Kunst Halt gibt. Der Verzweifelte hat gar nichts mehr. Niemand, der noch Tasten tippen oder Pinsel schwingen kann ist im Stande, sich echte Haltlosigkeit zu vergegenwärtigen. Er weiß nicht, was es heißt, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Das authentische Zeugnis dieser großartigen Leere und Angst kann nur im Ausagieren der Sprach- und Tatenlosigkeit liegen. Erst wenn ich in der Lage bin, nichts mehr zu tun, wenn ich kein festes Heim mehr habe und keinen Beruf, der wie eine Wirbelsäule mein Wesen definiert, erst wenn ich wirklich ausgestoßen bin, habe ich mich und meine schäbigen Rollen überwunden, dann beginnt die Performance ans Mark zu gehen: nun, zumindest an meins. * Push push, das Guarana lässt mein Herz fetter werden, die Traurigkeit in meinem Gehirn entspannt sich unter den ultravioletten Gewalt-Phantasien; ein Loch in die Straße graben gegen Liebeskummer oder die plumpe Kuh, die an deinen Lippen hängt, die Treppe herunterschubsen; meine Besessenheit wird immer ernster und heiterer, es regnet und ich hab immer noch Lust wichtige Termine unwahrzunehmen, ich laube an eine weiche, unendliche Katastrophe. Ich bin nicht gern verschossen, aber wenn ich es sein muss, dann muss ich auch aus der ganzen Fülle meiner Abirrung schöpfen dürfen. Meine verfassungswidrige Zurechnungs- fähigkeit klebt in der Zimmerecke und wartet, bis der Vermieter hereinplatzt oder der Havariedienst. Es ist möglich, immer gute Laune zu haben, wenn man über die Mittel dazu verfügt. Guarana ist besser als Kaffee, Kaffee ist besser als Liebe, Liebe ist besser als gar kein Schmerz, gar kein Schmerz ist besser als Folter und Giftgasangriffe und Hunger und Hinrichtungen. Ich will mich vergraben in warmer Sommererde, ich richte meine leicht durchschaubaren Imperative in den verwunschenen Garten hinter deinen Augen. Die Zweifel an allem, was man von zwischenmenschlichen Beziehungen erwarten kann, leben wie schwarze, hungrige Vögel im Käfig unter meinem Bett: wie viele Blumenkästen muss ich aus dem Fenster werfen, wie oft muss ich dir auf die Füße treten, wie sehr muss ich mein Gesicht zusammenkneifen, wielang brauchst du, bis du verstehst, dass du die beste Frage bist, um die sich meine Sentimentalität dreht? Ich muss den Glaube kaputtmachen, dass mich die Unerreichbarkeit deiner Lippen mehr verletzt als die Unmöglichkeit einer sozialistischen Revolution: welches Mittel wäre dafür geeignet? Was könnte mich derart runterfahren? *

Alles muss schwanken, wenn du bei dir bleiben willst, wenn du dich nicht verlieren willst im Dienste einer höheren oder niederen Sache. Solang du dich nicht verwirklichst, solang du dich nicht entscheidest, solang du dich nicht im Theater mit den Anderen verhedderst, bist du frei und zu allem im Stande. Wenn du in dieser Luxusposition bist, solltest du die Chance nutzen und nicht einknicken: dazu helfe dir die Kunst, das Parlament oder wenigstens dein lokaler Drogendealer. Hauptsache du verschwendest nicht dein Leben mit Dingen, die dir später zweit- und drittrangig sind. Ich will ein berühmter Politiker, Künstler oder Mörder werden: falls ihr das zu aufgesetzt findet: ich finde es ebenso aufgesetzt. Deshalb möchte ich es ja werden: damit es nicht beim Aufgesetztsein geblieben sein wird. Am Anfang ist immer alles aufgesetzt und verkrampft. Andere finden das vielleicht peinlich, man selbst findet das garantiert peinlich, vielleicht peinlicher noch als die Anderen: aber das muss man verkraften, denn irgendwann verschwindet die Scham für den eigenen Lebensentwurf, und dann kann er in Fleisch und Blut übergehen, irgendwann ist die Maske mit dem wahren Gesicht verschmolzen, irgendwann ist man der König oder Narr oder Bösewicht, der man sein will. Je fanatischer man ist, desto glaubwürdiger ist man: das ist zwar gefährlich für das Gehirn, aber alle anderen Alternativen sind es auch: die Frage ist, ob man sein Gehirn überfordern oder unterfordern will, ob man stabil oder instabil sein will, ob man vor sich davonläuft oder hinter sich hermarschiert oder ob man die Illusion eines festen, zentralen, verantwortlichen Ichs nicht eintauschen möchte gegen ein fragmentarisches, dezentrales, sich ständig veränderndes Leben, immun gegen Versprechungen und Theorien aller Art, immerfort lernend, probierend, irrend. Meine von Schlaflosigkeit und Noise-Musik beladenen Knochen sollen meine einzige Struktur sein.