Die Abschlussfahrt — Diagnose

Das Schlimmste an meinem Zahnschmerz ist seine Mittelmäßigkeit. Es hämmert nicht wie Wahnsinn, lässt sich aber auch nicht ignorieren. Ich bin noch nicht völlig schlaflos, aber schlafe zu wenig. Mein Studium läuft lustlos dahin, das Licht wird greller und die Gesichter der Mitmenschen hässlicher. Eine Lust nach dunkler Musik in meinem Zimmer, ein leichter März und die Seminarabschlussfahrt steht an, die mich ruinieren wird. Mein Kurs hat sich eine Woche in Berlin gegönnt, sinnleichtes Abfeiern am Puls der Zeit, das ganz große Entertainment - im Vergleich zu den Möbel- haus-Eröffnungs-Karaoke-Feten, die in Erfurt denkmalgeschützt sind. Ich wäre niemals mitgefahren, wenn ich gewusst hätte, dass Pierre sich kurzfristig entscheiden würde, nicht mitzufahren. Er ist der einzige, den ich mag in diesem Kurs. Ich saß schon im Bus, als er absagte und zum Zurückfahren hatte ich das Geld nicht. Ein unfreiwilliges Abenteuer in die Nichtigkeit meiner Phantasie sollte mein Schicksal sein, ein paar hässliche Tage in Berlin, der fragwürdige Nährboden für ein Buch, hinter dem der paranoide Imperativ steht, bloß nicht einzuschlafen, bloß nicht den Anderen ausgeliefert zu sein. Alles sollte immer weiter aufgerieben werden! Berlin hat mich gebissen, als Tier bin ich zurück nach Erfurt geraten. Die laute, vergnügungssüchtige Jenny macht ein Foto von mir, wie ich demütig die Fensterscheibe anhauche und die vorbeirauschenden, welkenden Landschaften segne, graue Gedanken mahlend, zerknirscht und allein. Wie kann dieses Miststück ein Bild von mir machen? Ich beschwere mich bei ihr: "Kannst du das bitte löschen!? Mir ist echt unwohl dabei!" und sie lacht so hämisch wie die dümmste Gans im Land: "Muhoho, das wird die ganze Welt sehen!" und ich fluche laut und der hässliche Jochen dreht sich um und gibt mir einen Cowboy-Blick: "Halt die Bälle mal flach, ja?" Ich möchte sein Gesicht mit einer rostigen Eisenstange umgestalten und lache falsch und eine kalte Panik krabbelt die Innenseite meiner Beine hoch. Auf keinen Fall werde ich ein Auge zudrücken. Ich muss permanent im Alarmmodus sein. Ich kann niemandem trauen. Ich gehöre nicht dazu. Sie gehören nicht zu mir. Ich muss die Sache ernst nehmen. Es wird wahnsinnig anstrengend werden, aber ich muss wach bleiben, ich werde immer wach bleiben. Unmengen Kaffee und Energy-Pisse müssen gekauft werden! Dumpfes Tuscheln, Musik, Sonnenschein, ich niese und packe eine Axt aus und schlage den Gangboden des Busses auf, alle lachen, der Klassenlehrer zieht meine Hose runter und fotografiert meine seltsamen Geschlechtsteile ganz genau, es macht keinen Sinn sich zu wehren, meiner Mutter wächst daheim vor Scham ein Bart, der so flauscht und rauscht wie die Getreidefelder, in denen ich früher mit meinen Freunden gespielt habe. Der Bereich zwischen Wachsein und Schlafen ist ein Schlachtfeld, auf dem sich die Zeit, das Ich und die Welt darüber streiten, wer am wenigsten Substanz hat.