Das Recht auf Dissoziation

Ich finde keinen Anklang, ich weise ab, ich dreh mich im Kreis, ich habe einen fragilen Körper, mit dessen Grenzen ich mich nicht identifizieren kann: ich bin mehr. Die Vergangenheit schleppe ich wie einen Traum im löchrigen Rucksack meiner Identität mit mir herum. Da zwackt was, da kitzelt was. - Jede Utopie ist eine Droge ist ein Vehikel ist ein Geschoss in die richtige oder falsche Richtung. Genieße den Schuss, genieße den Körper, fische dir alles Nützliche aus dem Leben, nimm dir was dir zusteht, nimm dir was dir nicht zusteht, nutze Leute aus, sei laut, sei schön, sei berühmt, sei dreckig, lass dich knuddeln, lass dich küssen, lass dir helfen. Jeder soll seine Sonnenblume zum Leuchten bringen. Jeder ist eine Blume. Blumen sind Dogmen. Dogmen sind Drogen. Drogen sind Antworten auf die soziale Frage. Drogen sind eine Antwort auf dein Gehirn, Drogen sind eine Antwort auf das Gesicht, das das Leben in dieser Stadt erzwingt. Mein Körper ist ein banaler, glücklicher Körper an irgendeinem Rand, irgendeinem Bordstein- eine kleine Zumutung für dich und den Rest der Tiere und Pflanzen. Du hast meine Stimme, du hast meine Fresse, du hast mein Herz. Ein immenser Druck auf der Brust. Hallo Körper! Ich habe einen Körper. Ich versuche irgendwas mit mir anzufangen, ich versuche, irgendwas mit mir anzufangen, wie jeder irgendwas mit sich anzufangen versucht. Jeder ist dazu verurteilt, etwas mit sich anzufangen. Ich bin eine Fahne, die man jeden Abend hisst, ich möchte mich in ein Quadrat verwandeln. Ich möchte ein schwarzer Punkt sein, damit so viel wie möglich Leute einen Nutzen von mir haben. Ich spüre, dass mein Gehirn die Wirklichkeit fest im Griff hat. Mein Gehirn kann nicht aufhören an seiner Umwelt teilzunehmen. Ich würde es toll finden, wenn all meine Freunde unsterblich wären und an mir kleben würden.

Nur als Schriftsteller habe ich die Möglichkeit, gleichermaßen ehrlich und genau zu sein. Mein Gesicht verrät nichts, meine Gespräche sind notwendigerweise grob, ich stottere, fühle mich genau beobachtet von meinem Gegenüber, alles was ich sage, hat Einfluss auf das Image, das Andere von mir haben. Ich muss fürchterlich aufpassen, was ich wie sage, um nicht missverstanden zu werden, im Idealfall nimmt man sich Zeit für mich, so wie ich mir Zeit für meine Freunde nehme. Ich liebe es, mich zu verlieren, wenn ich mich mit anderen Leben beschäftige, ich werde Teil im Leben der Anderen. Meinem Freundeskreis verdanke ich mehr als meinen Eltern. Ohne den Hass auf meine Erzeuger, der früh gewachsen ist, hätte ich mich mit den geregelten Bahnen eines bürgerlichen Lebens zufrieden gegeben.

Es gibt nichts schöneres, als in einer harmonischen, sinnvollen Welt zu funk- tioneren; wir definieren die Werte, die uns zusammenhalten können: Ehrlichkeit,

Genauigkeit, Gemütlichkeit, Freundlichkeit. Diese Werte wollen wir leben mit unseren Berufen und Familien und Selbstgesprächen. Und wenn die Umgebung zu kalt und hoffnungslos ist, muss man sie wechseln. Allein weil ich das Glück hatte, aus dem trostlosen Erzgebirge fliehen zu können, fühle ich mich unendlich solidarisch mit all den Abermillionen Menschen, die auf der Flucht sind.

Hierbleiben oder woanders hin? Das ist eine Grundfrage, die jeder sich persönlich stellen muss und ich behaupte als Menschenrecht, dass man selbst die Antwort geben muss: keine Institution sollte Grundfragen beantworten. Indem wir in nationalen Kategorien denken, indem wir Zuständigkeiten unseres Mitgefühls beschränken, lassen wir all die Millionen Menschen im Stich, die genau so ein gutes Leben verdient haben wie wir. Wir alle stecken in der Großen Maschine fest, sie lehrte uns, das Nichtfunktionieren schlecht für uns ist. Wir können nur noch abwinken, wenn ihr mit uns sprechen wollt, wir können uns nur schämen, wenn wir uns klarmachen, dass wir von euch abstammen. Ich hoffe, dein Absatz knickt um, Mama, und ich hoffe, du bekommst bald einen Herzinfarkt, Step Daddy, ich verfluche Euch, es ist mir ganz ernst damit. Wenn ich daran glaube, dass mein Fluch wirkt, dann wirkt er auch. Jesus hatte Recht, man muss einfach dran glauben. Ich verfluche euch für alles, was ihr darstellt, ich verbanne euch aus meinem Leben, all die Jahre musste ich eure bleiche Liebe mit ansehen, zusammengeschweißt zu einem tristen Ehekadaver, der noch heute vor den Karren einer Depression gespannt und durch den Innenstadt-Kreisverkehr von Zwickau gepeitscht wird. Oh, vulgäre, unfreundliche Provinz! Ich verfluche dich! Du böse Wüste! Ich verbanne dich aus meinem Herzen! Mit vollem, Morgenrot blutendem Herzen verfluche ich das Leben meiner Eltern, spalte ich mich von meinem Stammbaum ab, verliere endgültig das Recht auf einen bürgerlichen Namen, je länger ich nicht richtig geschlafen habe, umso lustiger bin ich, mich durch alle Instanzen zu klagen für mein Recht auf Dissoziation.

Ich möchte fortan nur noch maskiert öffentlich auftreten, meine Eltern sollen mich nicht mehr sehen, sie haben kein Recht auf mein Gesicht. Ich will, dass sie wissen, dass ich derjenige da mit der Maske bin, der so abscheuliche Wahrheiten von seinen hässlichen Erzeugern berichtet. Die pure Rache treibt mich an, ich möchte sie psychisch zerstören, ich möchte ihre Gehirne kaputt machen mit meiner Lieblosigkeit, ich möchte eine absolute, unaufhebbare Trennung von meinem Elternhaus behaupten mit allem, was ich als Kulturschaffender Erfurt zufüge. Ich behaupte die absolute Trennung vom morschen Gerippe meines Stammbaums, soll es ohne mich faulen und seinen Todesgeruch verbreiten; im Erzgebirge wohnt eine böse Kälte, die immer schamloser nach Macht giert: meine Eltern werden es sein, die zusehen, wie Flüchtlingsheime abgefackelt werden, sie werden es sein, die nicht auf die Zeichen geachtet haben; die Kälte die ich für sie empfinde, lässt die winterlichen Temperaturen in meinem Zimmer frühlingsmild werden. Hiermit behaupte ich den absoluten Bruch!

Man lernt die mit Erinnerung und Phantasie gepolsterte Innenperspektive des Organismus, in den man sich eingeklemmt hat, als Ich zu behaupten und was man gelernt hat, kann man wieder verlernen. - Das Ich ist ein Programm im Kopf des Menschen, das sich aus klaren und unklaren Gedanken zusammensetzt. Das Ich ist ein Modell, ein Gedankenkonstrukt und folglich genau so instabil, ambivalent, mehrdeutig, dezentral, wild und ziellos wie das Denken selbst. Dieses Buch versucht nichts weniger als die Tatsache zu zelebrieren, dass ich keine Person bin.

Es ist unmöglich, keine Rolle zu spielen. Das Konzept der Authentizität muss verworfen werden, denn es gibt nicht den wahren Kern an einem Menschen. Das Ich ist nur eine Behauptung, genau wie der Staat nur eine Behauptung ist, genau wie Gott nur eine Behauptung ist, genau wie die Alternativlosigkeit der Marktwirtschaft nur eine Behauptung ist, genau wie Liebe und Kunstwerke nur Behauptungen sind, genau wie Wahrheit und Sinnlosigkeit nur eine Behauptung ist.

Jede Behauptung verdient eine gegenteilige Behauptung. Dieses Buch wird von der Behauptung zusammengehalten, dass es sich lohnt, zwischen allen Behauptungen seinen Krieg und seinen Frieden zu finden. - Ich bin, was ich von mir behaupte; ich bin, was Andere von mir behaupten; ich bin der, der ich sein muss, ich habe keine Wahl, denn es gibt niemanden in meinem Körper, der eine Wahl hat, denn ich bin nicht der, der einen Körper hat, sondern ich bin der Körper, der "Ich" behauptet. - Ich bin ein Schriftsteller, weil ich behaupte, ein Schriftsteller zu sein und alles, was mich als Schriftsteller geil macht, beeinflusst mein Werk und Wirken; und indem ich von mir selbst Zeugnis ablege, definiere ich mich und solang mich niemand sieht, existiere ich nicht, und sobald mich jemand sieht, existiere ich.

Mit diesem Buch lege ich Indizien für die Behauptung vor, dass ich keine Person sein muss, um ein Menschenrecht auf Wohnen und Essen und Bewusstseins- veränderung einfordern zu dürfen.

Ich möchte von allen Menschen verstanden werden, also muss ich mich auflösen. Ich muss einfacher und transparenter werden. Es ist ein Wahn, ein starker Wahn: er ist mein Schlittenhund, er entscheidet alles.

Die Struktur meiner Texte simuliert und stimuliert die Struktur meiner Ichauflösung. Die Auflösung meiner Schriftsteller-Identität euphorisiert die Gefahr, ganz umzukippen. Wie naive, selbstbewusst trötende Hühner tanzen meine Gedanken durch diese Zeilen, die sich unendlich vervielfachen und den Raum überziehen, der viel Platz zum Brüten bietet. Ich erschließe Raum, ich bin selbst nur Raum, ich bin die Flamme in meinem Kopf, die einen Raum einnimmt,

die genauso Raum wie jeder andere Raum ist. Ich stecke nirgendwo.

Ich bin Sprecher eines unsichtbaren Abschaffungsunternehmen.

Ich weiß nicht welchem Stil ich mich anpassen muss. Wer liest? Wer klopft an die Tür? Ich versacke. Oder befreie ich mich? Auch hierin bin ich, wie ich gerade herausgefunden habe, verskeptikt: ich weiß nicht, was grad mit mir passiert. Es gibt mich nicht objektiv. Das heißt: jedes Urteil über mich ist falsch, weil es nur aufgrund jener Beweise, die nicht objektiv sind, gefällt wurde. Also kann niemand wissen, ob das, was ich mit meinem Leben grad mache, für irgendetwas gut ist oder nicht... Jeder sollte das Recht haben, sich für ein paar Jahre in die Garage einzusperren und mit irgendetwas zu experimentieren: sei es Musik, sei es Drogen, sei es die große Weltliteratur. Es sollte eine Partei geben, die Klientelpolitik für experimentelle Künstler betreibt. Ich wünschte, ich würde von einem Ort träumen, an dem sich erstmal nichts rentieren muss, wo alles aufweicht und über die Tageskante suppt. Es gibt plötzlich keine Instanz mehr, die mir sagt, ob das, was ich tu, richtig ist. Ich könnte mich mit allem hier irren. Jeder wird was anderes sagen. Vielleicht ist in dem Wald, in dem ich mich gerade auf allen Vieren im Kreis drehe, nur ein großer Bär mit scharfen Zähnen, aber vielleicht bin ich größer und hab schärfere Zähne. Für diesen Satz schäme ich mich zart, aber ich schreibe ihn auf, eben weil ich von mir wegkommen will, also muss ich akzeptieren in meinem Cockpit was mich ekelt; Hauptsache ich fliege in einen Turm hinein....

Ich werde von irgendwem gefragt, wie ich zu Putin stehe und dem Islamischen Staat und dem Papst und Bodo Ramelow. Ich weiß nicht, was ich mit der Erwartung, dass ich ein Ich habe, das Dinge meint, das zu Dingen steht, das Dinge glaubt und nicht glaubt, anfangen soll und antworte nicht und stell mir vor, wie ich in einem Park sitze und mir vorstelle, wie ich an mich denke und sich dabei meine Haut auflöst und es sich herausstellt, dass mein Gehirn schwarzer, qualmender, ätzender Schlamm ist, in dem Kinder spielen, die noch nie geschlafen haben, die nicht wissen, was sie mit diesem pastellgelben, kitschigen Sonntag- Nachmittag machen sollen, den ich über ihnen aufgestellt hat. Ich wünschte, ich wäre so süß wie die Kinder, ich wünschte ich hätte ihre schwarzen Augenränder, ich wünschte ich hätte ihr lasziv-gleichgültiges Charisma, ihre erotische Verdrießlichkeit, ihre niedliche, weiche, warme, arrogante Distanz zur Welt. Das einzige, was mich mit ihnen verbindet, ist mein Neid - und dieser Neid, glühend und unbarmherzig, lässt mich tragischer Weise aussehen, als hätte ich eine feste Meinung zum Weltgeschehen.

Sobald wir es uns in echter Arbeitslosigkeit, in echter Einsamkeit gemütlich gemacht hat, bleibt dem Ich nichts anderes übrig, als sich zu entblößen als das schwarze, klebrige, zersetzende Prinzip, welches in unserer Fülle waltet und sich, falls die Außenwelt von allen Gelegenheiten befreit ist, nur gegen sich selbst richten kann. Schreibend zeige ich mit meinem letzten Finger auf die Maschine, die mich vollständig verstümmeln wird.

Das ist der Anspruch, den ich meinem Delirium verordne: mein Leben muss mehr bedeuten als das Leben der Anderen, ich muss tiefer gelangen als sie, ich muss an den Untergrund, den Hintergrund, ins Kellergeschoss, ins Fundament des Lebens kommen, das ist der Anspruch, den ich meinem Delirium verordne: ich möchte zurückschauen und sagen: ich war nicht Sklave meiner Sprache, nicht Sklave meiner Möglichkeiten. Nur von meinen Träumen werde ich mich in Ketten legen, nur von meiner Liebe zum Kauderwelsch werde ich mich knechten, nur von meiner Heiterkeit zum Unsinn werde ich mich verurteilen lassen. Das ist die Hoffnung, die ich meinem Dahängen verordne. Gib mir etwas in die Hand und ich zerpflücke es dir, damit du mir mit großen, roten, neugierigen Augen in meine großen, blauen, neugierigen Augen schaust und vielleicht mich küsst aus meiner mitteldeutschen Starre. "Ein so ruhiges Gesicht muss doch etwas verbergen!", brüllen bunte Vögel von den schwarzen Bäumen unserer Langeweile - das ist die Hoffnung, die ich meinem Dahängen verordne.

Eingeklemmt in einer Welt, in der jeder in der näheren Umgebung sich eine Meinung von mir bildet, sich vorstellt wie es wäre mich zu küssen oder mit mir wenigstens irgendwo hinzugehen, werde ich entweder abgenickt oder abgeschüttelt. Ich möchte nichts mit den Bewegungen und Geräuschen zu tun haben, die meinem Körper einfallen. Das kann nur bedeuten, dass das ICH bestrebt ist, vom Körper und seinen Hintergründen loszukommen.

Steigerung: in unseren Knochen wohnt ein Mörder und unser Musikgeschmack entscheidet, wen wir abschaffen: unseren Körper, unseren Geist, oder den Geist oder Körper eines Anderen.

Ich distanziere mich von meiner Wahrnehmung und mein Selbstmodell verschwindet und ich bin ganz Körper, der seine Umwelt registriert. Alles was vage an mir ist, will ich verteidigen mit der transparenten Fahne, die ich immer bei mir haben will, wenn ich einen Schritt zurück getreten bin von meinem Selbstmodell. Ich lass mich auf alles ein. Ich weiß, was gut für mich ist und was nicht. Ich bin wie jeder Andere nur ein Mensch. Die Wahrheit interessiert mich nur, wenn sie mir Lust bereitet. Die Unwahrheit kann ein Mittel sein, Unlust zu vermeiden. Alle Klischees verkörpernd, wünsche ich mir zu zerreißen. Der Druck nimmt zu, alles wird ernster, mein Gehirn leuchtet. Mein Ich ist nur ein Programm, das dieser Organismus, in dem es steckt, entwickelt hat, um auf einer bestimmten Bahn zu bleiben. Leugne ich die bestimmte Bahn, verändert sich das Programm. Zwingt mich ein Gesetz, ich selbst zu bleiben? Niemand kann mich zwingen, ich selbst zu bleiben. Ich kündige hiermit den Vertrag mit meinem Ich-Gefühl.

Mein Ich ist umzingelt von unendlich vielen alternativen Ichs, die alle das gleiche Recht haben wie du. "Du sitzt hier nur, weil wir dich lassen... Warum? Weil du eh bald von selbst gehst." Ich hatte gerade die intensive Vorstellung, dass mich eine alte, böse Frau mit furchtbar tiefen Falten vorwurfsvoll anschaut. Die Zeit der Schuldgefühle ist vorbei. Indem ich mir nicht am Kopf kratze, weil ich nicht weiß, wer mir hier zuschaut, kratze ich mir in meiner Phantasie um so heftiger an den Kopf.

Man muss den Selbsthass pflegen, um sich niemals von einem Charakter beugen
zu lassen.
Charakterzüge entgleisen, wenn man niemanden mehr imitiert.

Alles was wir unterdrücken, arbeitet in uns weiter, nimmt Anlauf, bleibt trotzdem noch aus, wartend, Kraft sparend, den richtigen Moment abwartend.

Es gibt kein wahres Gesicht: alles ist Maske. Das Chaos im Inneren kann von keiner Mimik, keiner Institution, von keinem Wort, keiner Idee aufgehoben werden. Mit der Idee eines "wahren Ichs" übertüncht man noch am Allerbesten die Abgründe, die niemals verschwinden werden: sobald du aus deinen Routinen herausgleitest, sobald du aufhörst, an dich zu glauben, sobald du dir fremd wirst, sobald du das Fremdsein als Rausch erfährst, der dich schließlich ganz neben dir stehen lässt, erfährst du einen solchen Schub an neuen Möglichkeiten zu denken und zu fühlen, dass du dich völlig neu ordnen musst und dadurch ein anderer Mensch wirst.

Wenn du depressiv bist, habe ich Hoffnung für dich: du kannst den Gedanke, dass du an deinen Charakter, deine Seele, dein Ich gekettet bist, abschaffen, und deine Depression verliert die Grundlage ihrer arroganten Allgegenwärtigkeit. Erst wenn du überzeugt bist, dass es keinen unveränderlichen Kern, kein zentrales Wesen, keine klare, eindeutige Essenz in dir gibt, können deine Störungen und Gedrücktheiten zwischen allen Vorstellungen ins Nichts kleckern. Wenn du ängstlich bist, habe ich Sehnsucht für dich: wenn du dich von dir losmachst, erhebst du dich über all deine Eigenschaften und du kannst über deine Ängste und Hoffnungen, deinen Ekel und deine Liebe verfügen wie über Spielzeug, mit dem du machen kannst, was du willst.

Was leidet in dir an einer depressiven oder ängstlichen oder aggressiven Grundverstimmung und müsste sich hoffnungsvoll strahlend an die Utopie der Dissoziation klammern wie die Niedlichkeit des Lammes den Schlachter von seiner Lohnarbeit abhalten will? Hier ist Weisheit: das Ich ist ein Wahn, der gleichzeitig manisch und depressiv macht; ohne Ich kann man keinen Beruf ausüben; mein Stolpern über meine eigenen Füße ist mein Orakel-Sprechen über die Zukunft der Europäischen Jugend.

Manchmal entgleise ich, dann bin ich gezwungen etwas Kaltes, Dummes, Unwitziges zu sagen, das nichts mit dem zu tun hat, wie ich sein will. Und ich bin doch der, der ich sein will, oder? Ich bin nur authentisch, wenn ich mich leiden kann, oder? Wenn ich mich nicht leiden kann, kann ich nicht authentisch sein, oder? Jeder bastelt an sich, oder? Es gibt niemanden, der sich bloß ertragen will, oder? Alle basteln an sich herum, oder? Alle würden davon profitieren, den selben Musikgeschmack zu haben wie ich, oder?

Wenn ich dissoziiert bin, spüre ich eine unerschütterliche Stabilität und Mitte. Ich spüre, wie das Gehirn meine Erinnerung produziert, gleich einem hyperfeinen, elektrischen Webstuhl. Ich spüre, dass all das nicht real ist. Ich bin der einzige Gott und kann immer nur mit mir selbst reden. Frei von Tätigkeit und Vergangenem wäre ich auch nicht mehr an ein Ich gebunden, aber ich sehe meine Eltern, ich spüre ihre Präsenz in meinem Fleisch, die Erinnerung, die mich in eine Idee von mir einsperrt, die nur ich kenne, die also auch nur ich hassen kann. Dieser Schmerz, dieser dickflüssige Saft, dieser Druck, diese Presse. Der Wahn eines Selbst kann produktiv machen: wenn man an etwas glauben kann: das heißt: wenn man sich nicht begreifen muss. Depressionen entstehen, wenn man nicht darauf vorbereitet war, sich selbst zu begreifen.

WAS IST SYMPATHISCH? Bin ich mir sympathisch? Ist es die Tastatur die sich biegt oder die Musik oder das Licht?

Was wäre, wenn meine Worte Ballons wären? Was wäre, wenn ich jetzt eine neue Tür aufgemacht hätte? Was ist, wenn ich in Zeitlupe eine echte Entscheidung treffen würde? Dein Blut ist das Zentrum. Du bist der Mensch im Mittelpunkt. Auf einer großen Bühne reicht es, mit einem Rassierapperat Musik zu machen. Als Künstler intereressieren mich die Ideen, nicht die Umsetzungen: Ideen, die man umsetzen kann, sind keine Ideen, sondern Pläne. Alles zu seiner Zeit.

Nicht ich nehme Drogen, sondern es.

Irgendwie spüre ich, dass jeder nur so tut, als wäre er mein Freund ...aus Mitleid, irgendwas ist passiert? Was? Ich weiß nicht...Panik. Interessant, dass ein Tier so viel Bewusstsein entwickeln kann. Die Tastatur erscheint im Rotlicht wie ein Plastikteppich, hier hat niemand mehr ein Interesse an irgendwas, ein permanentes Eindringen. Man kann in jeder Situation fröhlich sein, wenn man ganz ganz ganz langsam macht. Manchmal reicht es worte zu wiederholen. manchmal schaust du ohne erwartung in ein weisses, schmieriges buch, dein blick voller angst und sahne, die küche eine kathedrale aus schaum. überall viel zu kleine buchstaben. du bist in einer anderen welt. der hustensaft und das gras.

Irgendjemand in mir weigert sich etwas bestimmtes zu tun.

Als ich gestern überlegt habe, was ich in einer Talkshow auf die Frage antworten würde, was ich den wieder deutlich aufblühenden faschistischen Elementen entgegnen würde, nämlich: "Welche Kultur wollt ihr denn verteidigen? Nennt doch mal fünf deutsche Größen der letzten 30 Jahre! Wer repräsentiert euer Deutschland?", hab ich auf der Straße 30 Euro gefunden. Im Hintergrund meines Selbstgesprächs flatterte die Frage, ob die letzten 30 Jahre überhaupt etwas Objektives über unser Land und seine Individuen aussagt. Die 30 Euro machen mir die letzten zehn Tage des Monats gemütlicher als erwartet. Manchmal gibt es echt gute Tage in Erfurt: wenn ein starkes Sativa in der Stadt ist und es allerhand zu tun gibt: vielleicht werde ich wirklich ein Stadt- Liedermacher, ein echtes Gespenst zum Anfassen. Ich bin so glücklich über symbolisch aufgeladene Zufälle, dankbar für all die tollen Leute, die ich in letzter Zeit kennenlernte. Je ernster ich mich nehme, desto mehr Möglichkeiten ergeben sich für mich. Ich glaube, ich war noch nie so glücklich.

Meine Dissoziation ist der Zenit meiner Euphorie, es fühlt sich an, als würde ich den Europäischen Mythos neu begründen, auf einer Bank in meinem immergrünen Hinterhof an einem tropischen, graugrünen Juninachmittag in der Mitte von Europa, in dem Land, in dem es am leichtesten ist, komfortabel nichts zu tun, als sich um sich selbst zu drehen. Ich bin der Entspannteste von den Ärmsten, der Unabhängigste von den Freien, ich schleiche mich überall durch, ohne irgendwo dazuzugehören, die Behörden lassen mich in Ruhe, der Vermieter lässt mich in Ruhe, alle lassen mich in Ruhe; von dem Geld, das ich Mama-und-Papa-Staat abzwacken kann, kann ich mir alles leisten was ich brauche: ein Zimmer, Obst, Tee, Cannabis, Internet und Musikinstrumente.

Asoziale! Macht Euch bloß nicht von Kommunikationstechnik abhängig! Ich sehe wie sie die Angeln auswerfen und Ihr anbeißt. Seht nur, mich haben sie auch. Alles was ich schreibe, befindet sich auf meinem PC und im Internet, mit einem Virus könnte man gezielt meinen Rechner und mein Lebenswerk ausknipsen. Zum Glück ist gerade das Internet abgestellt, während ich das schreibe.

Die Peinlichkeit meiner Aufmerksamkeitsgier bildet das Gleitgel, das ich brauche, um es meiner Karriere richtig zu geben. Aber ich bin nicht weiser als irgendein Verlierer, ich bin nicht reicher als ein Millionär, ich bin nicht grüner als ein Kleeblatt, ich gebe mein Allerbestes, um Brötchen zu verdienen, indem ich so entspannt und glücklich wie möglich ein Denkmal baue, das die Magie um sich selbst kreisender Kreativität verherrlicht.

Fröhlichkeit ist Kreativität. Nüchternheit ist Resignation. Der Schaffende versucht, die Depression abzuschaffen, die in ihm wohnt und immer mehr Raum einfordert, die sich ernährt von Überempfindlichkeit und Klarsicht. Sein Werk dient ihm als Blitzableiter, wenn das Unwetter der Depression drohend über der Stadt liegt. Der Schaffende überwältigt seine Sensibilität und Angst und Verwirrung, indem er sie als Werkzeuge für seine Arbeit benutzt: eine Arbeit die

genau deshalb fröhlich macht, weil sie von Lebenskraft und Mut und Abenteuerlust zeugt: der Schaffende beweist sich schaffend seine Schöpferkraft: er vergewissert sich tüftelnd, schwitzend, lärmend, kleckernd seiner Vitalität. So treibe ich seit Monaten die immer gleichen Späße in einer Stadt, die es gar nicht mehr gibt: meine Späße haben sie abgeschafft und nichts kann mir meine Fröhlichkeit mehr nehmen.

Der Freitag atmet durch, seine Beine sind schwer und kribbeln, ich torkel zum Springbrunnen, der klares Wasser sprudelt und versuche dabei nicht in die vielen knusprigen Hundehaufen zu treten. Ich weiß, dass es mich nicht gibt. In jenem Körper, zu dem die Finger gehören, die diesen Text in die Tastatur drücken, findet Selbstwahrnehmung statt. Jenes Gehirn, zu dem dieser Körper gehört, nimmt sich selbst und die Welt wahr. Jeden Morgen, plötzlich herausgerissen aus Träumen, behauptet es, dass es existiert und die Welt wahrnimmt, aber es gibt keine Person in diesem Gehirn, die das Gehirn und die Welt wahrnimmt: die Wahrnehmung ist das Selbst. Die Wahrnehmung nimmt sich selbst wahr. Das Gehirn ist Materie, die sich selbst wahrnimmt. Wer bin ich?

Ich weiß, dass es mich nicht gibt. Die Materie, die sich selbst wahrnimmt, kann sich an vergangene Ereignisse erinnern. Das Gedächtnis versetzt uns in die Lage, Zeit wahrzunehmen. Das Gedächtnis liefert der Selbstbehauptung Substanz. Das Gedächtnis versetzt uns in die Lage, Sprache zu benutzen. „Ich“ ist ein Wort wie „Baum“. Wenn es einen Baum gibt, muss es auch ein Ich geben. Dieser Irrtum führte zum Glaube an eine Seele oder an Persönlichkeit. Das Ich ist nur ein Wort. Wer bin ich?

Wer stellt sich die Frage, wer ich bin?

Wer behauptet, dass es mich nicht gibt? Was ist mit der Frage gemeint? Die Frage besteht aus Worten. Jede Frage besteht aus Worten. „Du bist Demien.“ „Du bist eine Krankenschwester.“ „Du bist depressiv.“ Nein nein nein. Was hat der Name, der Beruf, eine Laune mit dem Gehirn und dem Körper zu tun? Was genau benennt man mit einem Namen? Wieviel Prozent des Körpers stecken in einem Beruf? Such dich, such dich! Du wirst dich nicht finden, weil es dich gar nicht gibt... Das Ich ist nur ein Gedanke, ein Wort, an das sich die Materie erinnert, die zur Selbstwahrnehmung und Weltwahrnehmung fähig ist. Die Komplexität der Materie brachte Wahrnehmung und Erinnerung und Sprache hervor. Wer bin ich? Es gibt mich nicht, deshalb kann ich kein Schriftsteller sein, deshalb kann ich weder links noch rechts sein, kann nicht depressiv, nicht glücklich, nicht böse oder

sanft sein, nicht ehrlich und authentisch, nicht falsch und ironisch sein; es gibt keine feste Instanz im Organismus, die von der Geburt bis zum Tod gleich bliebe, es gibt keine selbstverantwortliche Materie, die für Gedanken und Wünsche verantwortlich gemacht werden kann: man kann nicht mit dem Finger auf den Mörder zeigen: was an seinem Körper ist ein Mörder und was nicht? Was genau soll bestraft werden? Die Erinnerungsfähigkeit des Mörders? Seine Fähigkeit, Lust und Schmerz zu empfinden? Seine Stimme? Seine Schulbildung? Seine Eltern? Seine Schwäche? Was soll bestraft werden? Es gibt mich nicht. Es gibt ein Gehirn, in dem Erinnerung an Sprache stattfindet. Der Körper denkt. Vergangenheit und Zukunft, Erinnerung und Phantasie: diese Worte existieren. Eine Lebensform auf einem Planeten entwickelt Sprachsysteme. Ich nehme mich wahr. Wer bin ich? "Wer bin ich?" läuft auf die Frage hinaus, welche Eigenschaften jenes Gehirn hat, das gerade jene Finger kontrolliert, die die Tastatur drücken, um Worte in die Welt zu bringen, die verstanden werden können? Auf welche Eigenschaften ist Verlass? Welche Eigenschaften haben sich im Laufe des Lebens derart breitgetreten, dass der Eindruck entstanden ist, eine Persönlichkeit, ein Ich hätte sich entwickelt? Es gibt mich nicht. Es gibt dich nicht. Ich bin immer jemand anderes, es gibt keinen stabilen Beobachter in mir und in dir. Du kannst mich nicht falsch einschätzen, weil es weder dich noch mich gibt, weil es also niemanden gibt, der einschätzen und niemanden, der eingeschätzt werden kann. Worauf ist Verlass? Was bezeichnet man mit einem Namen? Was ist die Persönlichkeit? Was anders als ein Wort, ein Hirngespinst? Selbstsicherheit ist nur möglich, wenn man sich einem Hirngespinst unterwirft. Es gibt ihn nicht. Seine Stimme und sein Gesicht ändern sich häufiger als seine Klamotten und Marotten, flimmernd schwebt er durch die Küche, rote Lampions schaukeln über seinem Kopf, das Boot treibt sorglos im Sturm, er ist wohlig warm eingepackt, sein Gesicht ist ernst und er klettert aus dem Text. Seit ein paar Tagen kommt von draußen ein hochfrequentes, elektrisches Pfeifen, es ist dauernd da und seit kurzem quietscht die Tür von meinem Mitbewohner, immer das selbe Kreischen, immer die selbe, einfallslose Melodie - wie demütigend. Und jetzt ist alles wieder still und mein Körper liegt von Fragen unbedrückt in einer von sich selbst erdrückten Welt ohne Antworten.

"Glücklicherweise gibt es mich ja gar nicht!", ist der letzte Trost, den man sich heute noch spenden kann. Ich will mir diesen Trost vertiefen. Mein Freiwerden von Personalidentität wird all meine physischen und mentalen Eigenschaften entkoppeln von einem imaginären Zentrum, von einem festen, verantwortlichen, verlässlichen Ich. In diesem Zustand der Dissoziation befindet man sich jenseits der Gerichtbarkeit, abgetrennt vom bisherigen Schicksal, außerhalb der eigenen

Geschichte: man betrachtet das Leben nun von außen, im paranoiden Zustand zwischen Objektivität und Subjektivität: es gibt keine Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt, alles ist nunmehr eine ganze Welt, es gibt kein selektierendes Ego, keine Verhaltensmuster mehr, nur Impulse, die mehr oder weniger stark sind und demnach mehr oder weniger im Recht sind. Keine Instanz als den eigenen Körper akzeptieren könnend, erhöht der Dissoziierte die Intelligenz seiner Biologie. Das Ich stand immer im Weg, es kreuzigt den Körper, wie die Depression die Manie, kann aber abgeschafft werden, so wie Kunst die Notwendigkeit von Sicherheit und Wahrheit abschaffen kann. Das Ich lebt von der Illusion seiner Wesentlichkeit, die alles verzerrt und verspannt. Das Ich zertunnelblickt. Das Ich ist eine Psychose, die von der Großen Maschine gemolken wird. Erst wenn man keine Milch mehr gibt, kann man sich zu dem Gedanken aufraffen, dass man weder Kuh, noch Mensch, noch Ich ist: sondern schlichtweg ein von Erinnerung und Hoffnung verzogener Affe, der gelernt hat, sich im Paradies zu langweilen und es folgerichtig dem Erdboden gleichgemacht hat und so wunderlich stolz darauf ist, all die Demütigungen auszuhalten, die er, um seine anstrengende Sehnsucht nach einem besseren Leben loszuwerden, sich selbst verordnet hat.

Ich bin besoffen von Ernst, beleuchtet von einer roten Glühbirne und dem matten Grau des Laptop-Monitors, erregt von weichen, pyromanischen Phantasien in meinem engen, lieblosen Zimmer, das Lachen aus dem Hinterhof ist stumpfsinnig und unecht, ich glaube es ist unmöglich, echte Freundschaften zu schließen und hätte nach dem 1p-LSD-Vorfall eine Cannabis-Pause machen sollen, die Überempfindlichkeit schnürt mir den Oberkörper zu, es riecht nach süßem, minznen Sativa, ich weiß nicht ob ich Lust habe, Ronnsen, dieses rücksichtslose, katatone Arschloch von Vermieter zu töten. Ich schaute heute nachmittag erst in den trüben Sommerhimmel und stellte mir vor, was das für ein Gott sein muss, der meine Liebe nötig hat, kann er mich nicht in Ruhe lassen? Ich möchte an nichts mehr glauben und wie eine freundliche Trauerweide über dem Schulhof hängen und in der Zwangsjacke der Überdosis knicke ich über das Ende eines grellen Tages, knaubelnd an Fingernägeln, bestrahlt von 90er-Jahre-TV- Werbung, die Leute netterweise auf Youtube hochgeladen haben. Ich bin auf der Suche nach Struktur für dieses Buch, wenn ich rotäugig vor Schlaflosigkeit durch enge, verschwitzte Straßenbahnen steige, stinkend nach Kompost und Hartz 4, ich glaub ich wittere Kontrolleure, ich muss unbedingt raus hier! Ich genieße meine Paranoia, sie lässt mich auf alles eine Antwort finden. Alte Menschen schauen mich mit ernsten, von Langeweile und Todesangst versteinerten Gesichtern an, wahrscheinlich wollen sie mich auffordern, stramm zu stehen und zu leiden wie sie damals. Es müsste ein Zauberprinz kommen und sagen: "Du bist eine Ware, aber nur solang du eine Person bist. Wenn du deine Persönlichkeit abschaffst, hat das System keine Kontrolle mehr über dich." - Stell dir vor, es regnet und du hast einen Schirm bei dir. Stell dir vor, du sitzt den ganzen Tag mit deinen Freunden im Wald, um darüber zu reden, wie man die Persönlichkeit abschaffen kann: wir reden nicht mehr über das Vergangene, denn mit ihm, in ihm sind wir Personen, und so verhält es sich mit der Zukunft und wir müssen auch nicht über das reden,

was gegenwärtig um uns ist, denn wir nehmen alle das gleiche wahr. Wir reden über nichts, was uns zu einer Persönlichkeit machen würde. Wir müssen fortan vielleicht gar nichts mehr sagen und nur noch schweigend und ohne Probleme und ohne Fragen vor uns hinleben: Psychedelika sind nun Werkzeuge, den Moment zu vertiefen, die Ichauflösung zu veredeln, das Zentrum endgültig aufzugeben. Ich ekel mich vor dem Ich, zu dem mich die Nüchternheit zwingt. Es ist analytisch, rachsüchtig, verbrecherisch, und es will ganz zweifellos Ronnsen, diese faschistische Ratte, umbringen. Werde ich einmal jemanden töten? Wieviel Leben werde ich beenden? Ich hoffe, ich werde nichtmal meins beenden. Ja, das hoffe ich wirklich. Ich möchte mein Leben nicht beenden. Und ich möchte Klassensprecher von Europa werden. Und ich möchte mit dem Junge der unter mir wohnt schmusen. Und ich möchte weitere Auftritte als Alleinunterhalter. Und ich brauche mehr Geld für Cannabis und 1p-LSD. Paranoia ist eine Strategie. Ich schäme mich nicht mehr, weil es mich nicht mehr gibt. Ich leuchte.

Der Sturz in die Leere der Welt erscheint als Flucht. Hier siehst du, dass dein Ich nur ein Werkzeug war, um dich auf Kurs einer fertigen Welt zu halten, die du einfach nicht wollen kannst. Die Distanz zwischen dir und der Außenwelt vergrößernd, indem du dich vollkommen nach innen kehrst, mischst du die Karten deines Lebens neu. Das Ich war nur das Taxi, das dich auf diesen Abweg gebracht hat. Sind deine Instinkte reif genug, dich aus dem Taxi herauszutrauen? Mit der Bejahung dieser Frage beschäftigt, kann ich dich erstmal in die Nacht schicken. Ich behaupte, dass man eine Sache erst richtig erfahren hat, wenn man sie übertrieben hat und in meinen Augen drehen sich die roten, hypnotischen Spiralen meiner Überzeugungskraft: "Deine Belastungsgrenzen definieren, wer du bist, nicht dein Land, deine Eltern oder dein Beruf."

Erleuchtung heißt: Paranoia genießen können.

Sei den ganzen Tag unter THC-Einfluss und schlafe unter THC-Einfluss ein und wenn du aufwachst gleich wieder. Wenn du es lang genug machst, vergisst dein Gehirn, wie die nüchterne Realität aussieht. Lässt du dann plötzlich die Substanz weg, wirst du einen fürchterlichen, suizidalen Kater erleiden, der dich ein für alle Mal mit den Elenden der ganzen Welt solidarisieren will, wenn du dein Ego vollständig ausmerzt und dir neue Freunde suchst.

Wieviel Angst ist gerechtfertigt? Die unmöglichste Frage in einer Panik, die einzige aber von Wert.

Ich darf mich nicht mit meiner unbequemen Sitzhaltung identifizieren! Und ich habe auch nicht viel mit meinem Zimmer und meinem Haus und meiner Straße und meiner Stadt zu tun. Ich habe nichts mit meinem Musikgeschmack zu tun, nichts mit meinem Schreibstil, nichts mit meinen Träumen, nichts mit meinem Gesicht, nichts mit meiner Vergangenheit. Ich spüre Lust und Leichtigkeit kommen und gehen, extreme Gelöstheit wechselt sich mit extremer Gereiztheit ab. Alles kann benutzt werden. Solang man sich in eine Persönlichkeit zwängt, kann man sich nur bewegen, wenn man glaubt, dass man irgendwie auf seine Kosten kommen wird. Wer nichts zu erwarten hat, aber trotzdem weitermachen will, kann sich ja mal testweise von seinem Charakter distanzieren - ob mit Meditation, Rauschmittel oder einer Psychose, das muss jedem selbst überlassen bleiben. Du musst Zustände benutzen wie Gegenstände. Dein Gehirn verbraucht mehr als 2/3 des Glucose-Haushalts. "Sie haben eine Galaxie in Ihrem Schädel!", brüllt mir ein erleuchteter Biologe in die Suppe, die ich jeden Tag schlürfe, solang bis mein Gesicht wie dieser Teller voll Suppe aussieht.

Tausende Stimmen kommen zum Leuchten, während die Musik am sich zur Ruh' legenden Tag vorbeiregnet. Munter wird die Musik geohrfeigt, nein, sie ohrfeigt mich in greller, ausufernder Munterkeit. Es gibt ein strahlendes Zentrum meines Lebens. Wie sollte man auch in Vorwärtsbewegungen ein Zentrum finden? Wenn man Cannabis nicht steigert, tut man der Pflanze und dem eigenen Körper Unrecht. Ein graues, mitteleuropäisches Hakuna Matata. Es tat weh, als die Anderen flüchteten.... Wenn Zeit eine Illusion des Gehirns ist, kann man versuchen, das Gehirn derart umschalten, dass man jenseits ihres Hinabströmens in der Ewigkeit des Moments verharren kann, also dass wir mit unserem Gehirn bestimmte Areale des Gehirns abschalten, um in die Ewigkeit eines Moments zu kommen. Elegante Langsam- keit, elegante Nervosität, elegante Aussetzer.

Arbeit ist der fade Apfel, in den du beißen musst, wenn du gesund und groß und stark werden willst. Arbeit ist deine Mutti, die dir warme Brötchen gibt. Sie weiß, was gut für dich ist, sie versteht dich ganz und gar, besser als du dich, sie ist dir unersätzlich. Das haben sie dir gesagt, und ich sag dir etwas anderes. - Du kannst den ganzen Tag Weißbrot mit Honig essen, du darfst ruhig ein paar Jahre fett und nutzlos in der Gegend liegen, irgendein Engel wird dich wachküssen. Du darfst dir auch mal ein paar Jahre bloß in der Nase bohren und Leute bespucken, auf Dächern balancieren und bunte Tücher schwenken, irgendein Gespenst wird dich wachküssen. Du darfst auch einfach mal nur wohnen und schwitzen und deine Neigungen übertreiben, dich unerreichbar machen, irgendein Blumenjunge wird dich wachküssen. Du kannst ein paar Jahrzehnte auf Wiesen liegen und den Himmel anschauen, schmollen und all deine Träume zerstören mit dem schwarzen, unendlichen Besteck, mit dem man auch Musik machen kann: man wird dich hören, man wird angezogen sein von dir, man wird dich spüren lernen.

Indem ich meine Nichtigkeit bezeuge, schaffe ich meine Persönlichkeit ab und mein Körper rückt zurück ins Zentrum und die Empfindlichkeit erhöht sich und bildet die Grundlage für neue Werte. Tun wir mal so, als würden die Leute sich in einem gemütlichen Leben entspannen wollen, tun wir mal so, als würden alle sich bloß deshalb wie Idioten an ihren Göttern und Ideologien festhalten, weil sie nicht wissen, was sie sonst mit ihren Problemen machen sollen, keine Chance bisher hatten, sich disruptiv zu entspannen und das Leben disruptiv zu genießen, vermutlich kann man nur dann Frieden mit sich und der Welt schließen. Deshalb ist es klug, gerade auch Streng-Religiösen, Streng-Nationalistischen, Streng- Konservativen, Gewaltbereiten, Desorientierten, Verschwörungs-Paranoikern und natürlich auch ausnahmslos allen Flüchtlingen ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine liebevolle Sozialbetreuung zu gewähren. Es muss radikal darauf hingewirkt werden, dass sich alle Menschen entspannen können. Wir müssen unter allen Umständen aufhören mit all dem Stress und all der Gängelei! Dann können wir ganz von Neuem über Gott und Wahrheit und Sinn und Sterben reden.

Ich kreische euch meine transparenten Flüche über eure Köpfe und oh wie viele Flüche! Ich verfluche den Staat für seine Kälte, ich verfluche die Depression, die seit Jahren von Ostdeutschland kommend in den Westen zieht wie ein schwarzer Sturm. Ich verfluche meine Rationalität, die mir so viele Möglichkeiten vorenthält. Ich verfluche den Polizisten, der mich skeptisch anschaut. Ich verfluche meine Eltern, die gegen ein Flüchtlingsheim auf die Straße gehen, während in Syrien die Welt untergeht. So unfassbar viel Schmerz in der Welt, ich verfluche den Schmerz und ich verfluche das Elend, dieses sinnlose, abartige Elend. Wie kann man sich demütig in einen Beruf zwängen, wenn man auch nur eine Ahnung hat, wieviel Schmerz es in der Welt gibt! Wie kann ich wirklich glücklich sein, wenn ich weiß, dass es so viel Schmerz gibt, so viel sinnlos vergossene Tränen, so viel ausweglose Situationen, so viel hässliche Musik, so viel abgestumpfte Kinder?! Auch wir, die Verschonten, werden bald große Schmerzen erleiden! Wir werden sie erleiden müssen, wir haben sie verdient. Die Einschläge kommen näher, alles ist gesagt. Ihr braucht keine Pläne mehr machen, ihr könnt alles an den Nagel hängen, ihr könnt es euch irgendwo gemütlich machen und warten, bis das Große und Ganze zusammenbricht. "Hallo müde Stadt, hallo müde Freunde, hallo zarte Hoffnung und hallo Atomreaktorkatastrophenwahrscheinlichkeit. Hallo müde Stadt, hallo müde Freunde, hallo zarte Hoffnung und hallo Atomreaktorkatastrophenwahrscheinlichkeit." Ich bin ein respektlöslicher Engel mit kuschligem Pullover, ich bin der Klassensprecher von Europa, ich fühle mich für jeden verantwortlich.

Ich kann euch niemals in die Augen sehen, wenn ich etwas sage (also wenn euch

die Sprachinstanz meines Gehirns etwas mitzuteilen hat, wenn es etwas liefert, das euch betrifft oder gefälligst betreffen soll). Ich kann nicht reden, ohne dass mein Denken über mich und mein Sprechen Einfluss auf das Gesprochene hat. Jeder redet anders: in einer Talkshow bin ich nicht der, der ich auf dem Klo bin oder in der Scheide meiner Freundin. Wo ist man am authentischsten? Jeder der authentisch ist, kommt automatisch dort hin, wo er hingehört. Je tiefer ich mich in mein Songs vertiefe, desto weniger macht es mir etwas aus, dass ich keinerlei Funktion habe.

"Ach geh mir weg, geh mir weg mit allem!", sag ich plötzlich zu niemandem, fröhlich, ironisch, mit ernstem Blicke habe ich mir alle Möglichkeiten erschlossen und mich zur Untätigkeit entschlossen, mein Gehirn ist superhart durchblutet, ich bin eine Maschine, die Dinge wahrnimmt auf diesem komfortablen Abstellgleis meiner Wohnung hinter dem Rand der Stadt. Ich sitze im warmen hohen Gras, alles läuft auf etwas hinaus, ich stehe kurz davor, ein Gedicht zu schreiben, eine Partei, ein Gesicht zu gründen, ich liege in Flammen der Wahrnehmung, falle schräg ab, komm unten ganz dumpf auf, ich bin ein Gehirn in einem Schädel. Ich kann mehr als ihr denkt, ich kann mehr als ich denke. Es gibt Lebensformen und Gegenden, die gibt es noch gar nicht. - "Die Leut sind alle so feige.", spricht es aus mir heraus, ich werde immer mutiger wie eine Oma, die den Dieb mit der Taschenlampe verscheuchen wird. "Husch husch, du Lump! Geh fort." Mein Herz ist ein Blumentopf, alles zieht sich zusammen. Ich vertraue der Musik, die kein Interesse an mir an. Spotify spielt Steve Reich wie mein Rückgrat. Ich sabbere meine Spucke ins Bett und kann mich nicht dafür schämen: meine Spucke hat eine Funktion und mein Bett auch: warum kann ich nicht beides zusammenbringen?

Panikstarre. - Zwischen Langeweile und Todespanik schwankend, alles entgleitet mir und ich stürze in ein paar glückliche Begegnungen, ich entferne mich von unklaren Beziehungen, je klarer sich mein Leben definiert, desto größer die Angst vor einem Herzkasper. Hypochondrischer Anfall. Ich bin so unendlich sicher, dass ich jetzt nicht sterbe, die Unendlichkeit lässt mich taumeln, ich gerate aus den Fugen, nur wenn alles übertrieben ist, macht es Spaß noch die Kreuzung zu überqueren und die bunten Möglichkeiten zusammenzuknüllen und in den Mülleimer damit, zwo drei, damit zwo drei, damitzudreidamitzwodrei. Ich finde leichten Trost bei inneren musikalischen Wallungen, ich möchte meinen Stil zertrümmern, wenn ich jetzt sterbe, wird mich monatelang keiner finden. Ambivalenz hilft immer, auch wenn es nur ein Wort ist - eine klare, schwarze Nüchternheit: die Panik ist genau so angebracht wie die Entspannung, Pessimismus so angebracht wie Optimismus, das Schwanken zwischen den Positionen ist die einzig mögliche Freiheit. Wenn dir schwindlich wird, kommst du der Sache auf die Spur. Alles lohnt sich, du kannst wählen, was wäre dir lieber? Je belangloser meine Sätze, desto roter glühen in meiner Vorstellung meine Augen, während ich mit ängstlichem Herz die Bewegungen meines Mitbewohners belausche und Lust habe beruhigenden Griesbrei zu essen auf beruhigenden, weichen Getreidefeldern unter blauem Himmel, eine entspannte, weiche,

kornblumige Kapelle, gelbe, fröhliche Zimmermänner, schwarze, freundliche Hunde, schüchterne Riesenkäfer, labile Heuschrecken, überentspannte Ratten, alle haben offene Ohren, einen bejahenden Blick. - Ich spüre wie meine Panik nachlässt. Der Gedanke an eine Gemeinschaft, einen weichen, stolzen, transparenten Freundeskreis, eine zerstreute, pulsierende Schicksalsgemeinschaft, ewiger Mittag. - Irgendwo ist immer grad Mittag. - Eine Pause. - Bestimmte Erkenntnisse fallen wie riesige, schwarze Gummibälle von dir herab, von ganz oben, von ganz ganz ganz oben. Ich bin eine Idee. Ich bin die Idee. Ich wünsche allen Menschen ein paar Monate Mittagsruhe, ich sehne mich nach einer den ganzen Planeten umfassenden Siesta-Solidarität, die ganze Welt ein gemütliches Wohnzimmer, jeder ist der Mitbewohner von jedem, luzide, flimmernde Gespräche, kollektives Träumen, Lustwandeln, Irrlichtern, Dissoziieren.

Ich stehe mit beiden Beinen auf der freundlichen, dunklen Erde, mein Körper ist ein widerstandsfähiges Werkzeug, ein widerstandsfähiges Spielzeug, ein widerstandsfähiges Gefäß, dessen Inhalt ich allein bestimmen will. Ich kann meine Gefühle manipulieren. Ich kann mit meinem Gehirn machen was ich will. ich kann mit meinem Laptop machen was ich will. ich kann mit meinem Ichgefühl machen was ich will. ich kann mit meinen vielleichten Federn machen was ich will. ich kann mit meiner Libido machen was ich will. ich kann mit meiner Langeweile machen was ich will. ich kann mit meinen Süchten machen was ich will. ich kann mit meinem Browser machen was ich will. ich kann mit meinem Garten machen was ich will. ich kann mit meinem Beruf machen was ich will. ich kann mit meinen Freunden machen was ich will. ich kann mit meinem Mund machen was ich will. ich kann mit der Welt machen was ich will.

Ich kann ein sentimentales Lied hören und mir bewusst werden, dass ich meine Eltern nicht liebe und dass daran überhaupt nichts traurig ist. Niemand kann in seiner vergangenen Kindheit glücklich werden. Ich kann versuchen und verfluchen was ich will, kann mich verflüchtigen, sanft zur Seite knicken, mich mit unsichtbaren Disteln betäuben, kann meinen Namen ablehnen, mich an meine Freunde anlehnen, ich kann tun was typisch und was untypisch ist für mich. Ich kann mit meinem Gehirn machen was ich will, ich kann mit meinem Ich machen was ich will, ich kann mit der Welt machen was ich will, ich kann die Musik ernster nehmen als sie es in deinen Ohren verdient hätte, ich kann mich an allem festhalten, was mich hält. Irgendwas staut sich an, irgendwas wird mich überwältigen, ich weiß nicht was, aber es wird mich überwältigen.

Nichts mehr haben außer harte Begriffe und weiche Reflexe, taumelnd in einer lauten, das Nervensystem durchdringenden, entregenden Gleichgewichtsstadt am harten Puls der weichen Zeit, entfalte ich als rhythmisches Gespenst in der Mitte Deutschlands mein Selbstgefühl - in der Mitte eines reichen, mächtigen, traurigen Europas, eine blühende Blume schillert im Echo einer Idee: Europa, eine Wertegemeinschaft aufgeklärter, neugieriger, zärtlicher Länder, mit warmherzigen Philosophen und hoffnungsvollen Neurobiologen voran dem Bewusstsein auf der Spur - im kreativen, endlos offenen Diskurs mit denen, die von Zukunft nichts wissen wollen. Gott und Nation sind ja nur noch das Problem der sich ausbreitenden Hinterwäldler, die kein Interesse an Neurologie und Ambientemusik haben.

Indem ich mir wünsche, ein schwarzes Loch in den grünen PVC-Küchenboden zu bohren, gebe ich diesem Buch ein strahlendes Zentrum; du kannst dich klammern an dieses Zentrum, du kannst deine Neugier oder Langeweile in das Licht schmieren, das ich dir sein will, indem ich dich einlade, in das Loch zu starren, das ich in der Küche gebohrt habe, in meiner kleinen, dummen Wohnung in einem großen, dummen Haus in einer kleinen, grauen Straße in einer großen, grauen Stadt in einem kleinen, stabilen Land in einem großen, stabilen Staat auf einem großen, instabilen Kontinent auf einer großen, instabilen Welt in einer kleinen, instabilen Epoche in einem großen, stabilen Universum.