von Erfurt
Indem ich aufhöre, für mein Zimmer Miete zu bezahlen und stattdessen eine Loopmaschine und Cannabis kaufe, will ich den Ernst des Lebens so ernst wie möglich nehmen und mein Leben zu einem relevanten Kunstwerk erheben, für das mir alle geeigneten Mittel heilig sein sollen. Es gibt keinen Grund, warum Julius mir gegenüber kalt und dumm tut; er hat nix übrig für die Nähe, die ich zu ihm aufgebaut habe; er knickt ein. Ich hab mich in seine traurige Gier nach Ekszess verschossen, er bezahlt auch keine Miete mehr, der Staat ist schon mit zwei bösen Fingern in seinem Arsch, mit einem halben in meinem, immerhin, seine Gier ist kalt, seine Zuversicht manisch. Wir sind alle den Gesetzen ausgeliefert, die wir uns gegeben haben. Was sind alle Naturgesetze zusammengenommen gegen das irre Universum der von Menschenhand erschaffenen Gesetzesbürokratie? Oh Rechtsprechung, du vulgäres Monster! Ich spucke auf dich und deine Brut! Um das Wohl der Menschen zu mehren genügt es, Rechtsanwälte überflüssig zu machen: die Gesetze müssen so einfach sein, dass jeder sie verstehen kann, dass jeder sich auf sie berufen kann: die Einfachheit der Gesetze und Regelungen und Normen führt zu einer Stärkung des sozialen Gefüges: die Menschen haben endlich ein klares Wissen und handfestes Gefühl davon, in welcher Welt sie leben. Ich verlasse die Rolle des vom grimmigen Wohlfahrtsstaat gut durch die letzte Jahre gebrachten Selbstanklägers und riskiere das einzige, was ich habe, indem ich das einzige tue, was ich wirklich will: Songs und Bücher machen. Hier habt ihr mein Leben, meine Flüchtigkeit, mein Scheitern an meinen Maßstäben oder mein Scheitern an euren? Meine Unsicherheit ist ein tropischer Regenwald, der sich rings um Erfurt wie ein Gebirge über die Häuser und Straßen biegt: Lamas springen auf der Wiese, schwarze Adler ziehen ihre Kreise dicht unter dem grauen Wolkenschleier, Pierre räumt den Geschirrspüler aus, während ich direkt daneben in meinem Zimmer auf dem Bett sitze und an dieser Szene schreibe. Ich wollte eben einkaufen gehen, der nervige Junge, der mir manchmal auf dem Weg ins Edeka begegnet, weißt mich darauf hin, dass heute Sonntag ist. Ich glaub es ihm erst, als ich sehe, dass der Edeka wirklich zu hat. Eine kleine Demütigung zu so früher Stunde! Je ernster man das eigene Unglück nimmt, desto trauriger wird man. Deine Lebensfreude hängt von dejner Fähigkeit ab, alles leicht und humorvoll zu nehmen. Ich sitze in einem Garten, fröhliche, bunte Blumen aus Pappe und Butter und echtem Gänsefleisch, Pierre sagt, es wäre ihm scheißegal, was ich von ihm denke, wie kann er das sagen? Wie dumm kann ein dreiblättriges Kleeblatt sein? Glücklicherweise gibt es noch einige Andere, die ich liebe: jeden
meiner Freunde liebe ich anders, die Intensität verändert sich ständig, es können keinerlei Berechnungen getroffen werden, mein Sozialleben ist ein amorpher Strudel, ich bin voller Liebe und eines Tages bin ich der Bürgermeister dieser Stadt, eines Tages bekomme ich die Anerkennung, die ich verdient habe, eines Tages wird aus mir die Ballerina, die Mama immer sein wollte! Eines Tages werde ich von mächtigen Menschen konsultiert, eines Tages zünde ich aus Liebeskummer das Neubauviertel in dem Dorf an, in dem ich geboren wurde! Der Tag wird kommen, da ich mich als den vollkommenen, absoluten Menschen entblößen werde vor den Augen der panischen Weltöffentlichkeit! Mir gehört dieses Land und ihr müsst mir meine Diktatur finanzieren! Werft euch vor mir in den Dreck und leckt meine Stiefel! Ich bin der ungeheuerliche Hauptmann in dieser gottverlassenen Scheißgegend! Nuklearer Müll, totalitäre Aasgeier, von Armut und Krankheit geschundene Kinderkörper, der bittere, farblose Gestank des Versagens; das unendliche Elend. Wir müssen radikahahahahahaha.
"Komm zu dir!", hört man überall. "Entspann dich!", rät man jedem. "Vertiefe dich in deine Genüsse!", ruft man besten Willens Depressiven und Ziellosen zu. "Lass dich gehen, vergiss all den Quatsch, der dich runterzieht!", hält man ihnen lächelnde Daumen ins Gesicht. Aber das Entscheidende sagt man nicht: "Benutze alle Mittel, die du dafür nötig hast." Nur wenn ich schreibe, kann ich meiner Nichtigkeit Würde verleihen. Ich bin wie ein aufgeblasener Electro-DJ, der die wohl temperierte, alternative Studentenschaft mit apokalyptisch-euphorischen Beats unterhält, einen fröhlichen, kalten Nihilismus in tanzbare Schwingungen versetzt; und ich sehe mehr als einen betrunkenen Vollidioten, der einfach nicht wusste, was er mit diesem kalten, klaren Novemberabend anfangen sollte und hier bei mir gelandet ist. Es gibt in Erfurt kein kulturelles Konzept, alles ist ein beliebiges Nebeneinander von selbstbezogenen Geschäften. Die Stadt kommuniziert nicht miteinander, die Leute laufen aneinander vorbei, als wären sie Fremde. Die Geschwindigkeit der alltäglichen Ereignisse will keine Möglichkeit lassen, langsam und vorsichtig und frei zu entscheiden, welchen Weg man gehen, welches Werk man anfangen, welche Tür man öffnen oder schließen sollte. Ich bin ein harter Typ, ich bin reich und mächtig und unglaublich hart, ich bin der Kapitalismus. Mein Mittelfinger kitzelt dir, altes Europa, schamlos an deinem Arschloch herum, so wie ich meinen Cousin früher angeschwult habe, wenn er seine sozialistische Gesinnung hervorblicken ließ, also wenn er sich ernst genommen hat: es hätte nicht bei sexueller Nötigung bleiben sollen, ich hätte ihn wirklich mal zur Strafe für seine Weichheit ficken sollen, sein Widerwille wäre genau so künstlich und halb spaßig wie seine läppischen Schläge, mit denen er mich von sich losscheuchte, als ich ihm an seinem Arsch herumfummelte. "Wir hörten Jazz Musik und drehten an all unseren Knöpfen.", flüsterte ich an die Schlafzimmerdecke starrend und er liegt neben mir und lacht. Yeap, Europa ist definitiv reif dafür. In letzter Zeit sehe ich rot-leuchtende Umrisse von wütend-schreienden Gesichtern in der Dunkelheit aufblitzen, manchmal erschrecke ich vor ihnen. Ich
gehöre ganz sicher zu denen, die Gras nicht vertragen. Ich liebe es, umzukippen, ich liebe es in Bausch und Regenbogen vom Balkon zu stürzen, nur um die eilig zur Hilfe Nahenden mit einem kräftigen Händedruck zu begrüßen. "Danke sehr! Danke sehr!" - Yeap. Yeap. Die Sackgasse, in der ich sitze, hält mir die Rush Hour vom Hals. Ich freu mich auf die nächste Bandprobe, es fühlt sich so an, als könnte ich mir alles erlauben, jetzt wo Donald der Präsident der USA wird. Europa muss sich ernster nehmen als bisher, ein vereintes, multikulturelles, weltoffenes Europa, das einen neuen Humanismus, eine felsenfeste Gemütlichkeit definiert und lebt und feiert. Vielleicht macht es nur mit Cannabis Spaß, über einen schönen Sozialismus nachzudenken: wäre kein Einwand gegen eins der beiden, aber gewiss gegen die Prohibition und gegen Nationalismus und Kapitalismus.
** Jemand sägt an unseren Nerven, wenn wir versuchen, heil aus der Einkaufshölle der Innenstadt zu gelangen. Heil, das heißt: sensibel, offen und entspannt. Jede größere Stadt macht aus Menschen gefräßige, bösartige Trampeltiere. Alle Menschen sind hier Trampeltiere, die Glücksspiele spielen. Ihre Arbeit, ein Glücksspiel, ihre Erziehung, ein Glücksspiel, ihre Träume, ein Glücksspiel, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, Glücksspiel, Pechspiel, Lirum-Larum-Spiel. Wer sowas ernst nimmt, will auch eine Verschärfung des Asylrechts. Herr Flamingo hat es eilig, er weicht den Pfützen im Weg aus und johlt: "Wenn ich zur spät zur Arbeit komme, gehen sie mir an mein Gefieder!" Die Unfähigkeit, sich richtig auszudrücken, die Unfähigkeit, linear zu denken, gerade zu stehen, den Gesprächen zu folgen, der Ampel zu gehorchen, die Unfähigkeit, Ekel und Freude und Verwirrung zu unterdrücken, die Unfähigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren, die Unfähigkeit, schwere Maschinen zu bedienen, Kindern Brot zu schmieren und Obdachlose zu ignorieren, ist eine Superkraft, die ihn verwundet. Seine blanke, geschmacklose Sucht nach ETWAS lässt seine Ufo-Augen azurblau aufleuchten. Er gorkt: "Jenseits meiner Kräfte erwacht mein Potential!", mit Lametta und kleinen Wunden geschmückt, blauäugig durch das Treppenhaus stürzend, sich das Genick anbrechend; den Galgen knapp verfehlt, die Familientradition noch nicht fortgesetzt. "Wir kommen gut ohne dich zurecht!", ruft der Körper hinterher, wenn die Seele sich zusammenballt und wie ein Partybus die Böschung abstürzt. Böschung und Absturz gehören seit Anbeginn zusammen. Sobald man sich vorstellt, auszuticken, ist man bereits ausgetickt. Sobald man sich vorstellt, auszuticken, ist man bereits ausgetickt. Sobald man sich vorstellt, auszuticken, ist man bereits ausgetickt. Nikotin den ganzen Tag. Herr Flamingo hustet oder kackt rote, dünne Gulaschfladen zu Schlagermusik auf Plastikrosen, gelangweilte Rentner müssen mit ansehen, wie die dampfenden Schissfladen wie in einem TÜV-geprüften
Bungey-Seil in die Tiefe befördert werden. Dicke, rauchende Trinker in Anzügen und tief verschuldet lachen derart übertrieben über diese Szene, dass sie fast umkippen ins Jenseits des Stils. Ich schreibe meinem Sozialarbeiter: "Wollen Sie mich retten, Herr Schlendrian? Ich wohne schon seit mehreren Monaten verteilt in drei verschiedenen WGs und gebe allen immer ein bisschen Geld. Die Wohnung am Amselberg hab ich nie wirklich ernst genommen. Ich hasse meinen depressiven Mitbewohner, ich fühle mich sehr unwohl und bin daher kaum da. Vielleicht können wir es mit dem Herrn Schickimicki so drehen, dass ich gar nicht offiziell eingezogen bin? Schauen Sie sich mal die Wohnung an: ein einziges Dreckloch. Seit Franks Freundin fort ist, bricht hier alles zusammen. Wollen wir uns mal treffen? Liebe Grüße!" Unfähig, wesentliche Dinge im Blick zu behalten, überfällt mich eine namenlose Panik, der ich gewachsen bin, wenn ich mir John Adams Shaker Loops an die Kehle halte. Ich habe Lust, Gott einen Honigklecks von der Wange zu lecken. Wenn er wirklich weiß, dass meine Hoffnungen auf eine gemütliche neue Welt echt sind, dann kann er nichts dagegen haben.
Alles miteinander verbinden. Alles was nicht dringend ist, soll wuchern oder zerfallen: diese Maxime rettet mich durch Schreibblockaden, die notwendige Folge des Erfurter Stadtbildes zu sein scheinen und der Paranoide spürt nicht nur seine Unsicherheit, sondern auch die der Anderen. Wir haben alle keine Freunde mehr: was bleibt uns also übrig, als den ganzen Tag richtig gute Musik richtig laut zu hören, bis sich unser Selbstgefühl mit der Musik verwechselt. Ich habe Lust, alle Mittel zu verwenden, die ich habe, um Erfurt abzuschaffen. "Bewusstseins- erweiternde Substanzen sind Neuland für Deutschland.", erklärt die Kanzlerin. Freu dich am besten überhaupt nicht mehr! Wir brauchen eine Software, die das weltweite Kunstgeschehen strukturiert und einen Kunstmarkt überflüssig macht. Ich schließe meine Augen, um den einzigen Raum zu erforschen, der mir zusteht. Sensibilität fängt erst an, interessant zu werden, wenn sie sich gegen jene Sinnesorgane richtet, auf denen sie beruht. Wir haben alle keine Freunde mehr, dafür brennt im Internet immer ein Licht, um das wir kreisen können. Ein Computer hat keine Angst vor dem Tod, deshalb brauchen wir auch keine zu haben. Ein Computer glaubt nicht an Wahrheit, er führt einfach nur Programme aus: genau so sollten wir es auch machen. Der nüchterne Körper ist nur die Hardware, das Ich ist nur der Desktop, Sprache ist nur ein Virus, Drogen sind nur Treiber, Moral ist nur Malware, Skeptizismus ist nur ein Ad-Blocker: auf was willst du dich verlassen? Wir können immer nur mit uns selbst reden, deshalb werden wir niemals echte Freunde haben. Ich unterstelle jedem, die Welt wie ich wahrzunehmen und glaube deshalb, dass Manche die falschen Konsequenzen ziehen aus dem, was sie wissen; ich vergesse immer wieder, dass es keine Objektivität geben kann, solang irgendwer noch in seiner Subjektivität eingesperrt ist. Ich nehme mir das Recht, im Zentrum zu sein und ihr dürft alle durch mich hindurchgehen. Die Qualität meines Bewusstseins hängt am Rauch glühender Disteln. Alles was du fröhlich aussprichst, bringt dich weiter nach oben:
ins Licht.
Im Jetzt zusammensacken wiedas weiche, schwarze Zelt der Nacht in einen Brunnen gesaugt wird, sabbernde Kettensägefresse zwischen dampfenden Baustellen und schwitzenden Ampeln. Es rolltsichjemand über die Strasse, if you have common problems you need uncommon friends. Meine Dunkelheit ist ein Rost, der sich durch die Ausgeglichenheit der Stadt schleift. Menschen atmen. Die Haare der Menschen wachsen. Die Sonne scheint. Es ist erstmal ein Skandal, dassman gezwungen ist, etwasvon sich zu halten. Wenn man mitdem Flixbus in Bad-Them-Württenberg feststeckt wie eine dumme Schnecke und dissoziiert, lernt manFreunde zu hassen und Feinde zu lieben. Ich stecke alles inden Schrank. Die Wellen der Stadtbrausen vollvon Augen und Wegen aneinander vorbei und ich flatterewieein dunkler violettner Schmetterling bei rot über die Ampel, unsicher ob Glaswände nichtdas Lächeln einer Stadtentfachen. Every season has an end. Du kannst einfach den Schraubenschlüssel loslassen.
*** Ich wache auf und weiß sofort, dass ich noch lebe und dass dies die Realität ist und dass ich Teil der Menschheit bin, dass ich das Jahr 2016 als das gegenwärtige Jahr definiere. Ich weiß, dass es Milliarden Menschen auf der Welt gibt, die ein schlimmeres Leben haben als ich! Wie viel Leid, wieviel unfassbares Leid ist in der Welt! Man kann ihm nur einen Sinn entringen, wenn man sich von ihm inspirieren lässt, es abzuschaffen. Nie werde ich mich und mein Leben und Wirken genießen, nie als selbstverständlich nehmen können, solang es noch einen Menschen gibt, der schlimmer als nötig leidet. Sobald ich aufwache, wird mir bewusst, dass ich mich dazu berufen fühle, mit allem, was ich schreibe und singe und veranstalte, das Leid in der Welt zu mindern. Noch wird mir nicht die Aufmerksamkeit dafür geschenkt, noch muss ich keine Rolle spielen, noch muss ich nicht pathetisch gegenüber einer fremden Menschenmasse sein, noch bin ich der einzige, den es zu überzeugen gibt, dass ich keinen Fehler begangen habe, als ich mich auf eine künstlerische Karriere beschränkt und seitdem sämtliche Kompromisse vermieden habe. Doch zur Tragik meiner Freiheit gehört, dass ich meinen Denk- und Sinnesorganen nicht vertrauen kann; sie konstituieren mir das Universum, ich bin ihnen ausgeliefert und genau betrachtet steckt der Geist in der Sprache und der Sprache alleine: wir sind nichts als Worte, das Ich ist nur ein Gedanke, es gibt keine objektive Perspektive, von der aus ein objektives Urteil über die Welt und das eigene Leben möglich wäre. Das selbe Organ, das für die Wirklichkeit zuständig ist, ist für die Phantasie zuständig. Um zu wissen, wer man ist und wer man nicht ist, muss man dieses Organ untersuchen, indem man es von oben bis unten benutzt, erfährt, wahrnimmt; alle Zustände zwischen absoluter Anwesenheit und absoluter Abwesenheit auszukostend bildet man das Fundament seiner Persönlichkeit; in der Gesamtheit aller möglichen Zustände das Potential des wahren Selbst ausagierend und mit der chaotischen, unberechenbaren Umwelt interagierend, vervollkommnet man sich als ewiger Flaneur seiner Selbst, unfähig, zwischen
Realität und Phantasie zu unterscheiden, alles ernst nehmend, was der Geist aus dem Gehirn kratzt: hier bin ich: im lebenslangen Taumel um eine unsichtbare Idee, die dem Gehirn entspringt und mit so viel wie möglich Überdruss dahin zurückgedrängt werden muss. Unterwerft Euch nicht mehr den Ideen, unterdrückt die Konzepte, wie sie Euch unterdrücken! Benutzt die Worte nicht mehr so, wie es sich gehört, sondern so, wie sie euch passen! Sprecht Euch heilg! Baut einen Autounfall! Tut jemandem Unrecht! Ihr müsst nicht funktionieren, ich seid von keinerlei Hoffnung abhängig, ihr könnt alles im Stich lassen! Ihr seid niemandem etwas schuldig, ihr müsst euch nehmen was ihr zum Leben und Genießen nötig habt! Niemand hat das Recht, unglücklich zu sein: außer die Heiligen und die Narzisten. Das Leben ist dazu da, die Lust gegen die Unlust zu verteidigen, den Genuss gegen die Entsagung, die Entspannung gegen die Angst, die Faulheit gegen die Materialermüdung, die Möglichkeit gegen die Notwendigkeit, die Phantasie gegen die Wirklichkeit, die Solidarität gegen die Depression. Kein Mensch sollte fürchten müssen, zu leiden, zu verhungern, zu erfrieren, zu verblöden. Die Behauptung, dass das Leben dazu da ist, genossen zu werden, muss unbedingt verteidigt werden! Der Staat muss sich einzig der Aufgabe verschreiben, allen Bürgern ein Leben frei von existentiellen Nöten zu ermöglichen. Die Verhältnisse müssen unter allen Umständen radikal gemütlicher gemacht werden; die Verhältnisse müssen weltweit ausgeglichen werden, es müssen überall die gleichen Sozialstandards herrschen, erst dann ist die Menschheit auf dem Planeten wirklich angekommen, erst dann kann sie zueinander finden. Alles muss neu verhandelt werden! Alles muss neu verhandelt werden!
Mein hellgrün-blaugrau-schimmernder Faulpelz blüht in den großen, donnernden Innenstadtverkehr, meine Augen sind Teleskope, die ich in der Straßenbahn wie bunte Regenschirme zum blanken Entsetzen der Leute aufspanne und wieder zu und wieder auf und wieder zu.
Ich fordere jeden Morgen, Herr über meine Eigenschaften zu werden, und niemand hört meine Forderungen, also stolpere ich in die üblichen Verhaltens-muster wie eine betrunkene Frau in ihren feucht-fröhlichen Fünfzigern auf der Suche nach dem vorletzten Prosecco in überfüllte Straßenbahnen stolpert. Niemand hört meine Forderungen, niemand hat Ohren für meine unsichtbaren Pläne, niemand Augen für meine unerreichbaren Trübnisse. Ich knüpfe mir einen Galgen und werfe ihn um den grauen Kummer der Welt, der wie eine brüllende, Strom und Gift spuckende Eisenbahnbrücke den langweiligen Sonnenuntergang verstellt. Ich öffne das Fenster, schnippe mit dem rechten Finger die Eisenbahnbrücke über den Horizont und der babywangenrosa Sonnenaufgang umarmt den hellblauen Kummer der Welt, ich schneide mir den Strick vom Hals und kaufe mir einen veganen Kakao. Eine Depression läuft wie ein dicker, wortkarger Karsten parallel zu mir auf der anderen Straßenseite und ich nicke ab und an freundlich rüber und stelle mir vor, dass ich ihm meinen kleinen Finger in seinen Arsch stecke und ich glaub, er kann meine Gedanken an meinem Gesicht ablesen, denn er biegt
plötzlich in eine Seitengasse und ich verliere ihn aus den Augen. Die Depression ist auch nicht mehr das, was sie mal wahr.
Ich weiß genau, wie ich mir gute Gefühle und Gedanken mache. (Ich verrate Euch nicht alles.) Ich fahre Straßenbahn und schaue allen Menschen in die Augen und Brigitte wird von einem hochprozentigen Luftstoß auf meinen Schoß geschubst und ihre leuchtenden Ohrringe verheddern sich in meinen Haaren und wir lachen und fummeln uns auseinander. Ich habe Lust, mir von ihr die Welt erklären zu lassen, wenn sie mir dafür ein Bier ausgibt. Leider ist das einzige, was sie sagt, bevor sie an der nächsten Station aussteigt, dass sie gerade in zwölf Männer und vier Frauen gleichzeitig verliebt ist und dass man sich von niemandem etwas gefallen lassen muss, das man nicht seinem besten Freund zumuten würde und dass Liebe ganz einfach ist und Leute länger leben, die in kalten Jahreszeiten Geburtstag haben und dass sie, bevor sie einen letzten Prosecco in der allmorgendlichen Badewanne trinkt, irgendwem noch Geld schuldet.
** Ich fühle mich wie eine weiche, unentdeckte, noch nicht in den Bereich der Relevanz vorgedrungene Eidechse, genieße meine wintermüden Bewegungen auf dem feuchten, dreckigen Boden unter meinem Tisch, unter meinem Bett. Mein Herz ist ein nasser Sack und hängt wehrlos in meinem Körper, versorgt mich mit Existenz, ich lege mir fünf blaue Dreiecke in den Mund und mein schwarzes, heißes Rückgrat in "Get Ready For Love" von den Bad Seeds. - Der weiße Himmel über mir, das blaue Bett, ein Tropfen Blut auf meinem Kopfkissen, ich knabbere an einer fetten Ingwerknolle, die Schärfe distanziert mich von Erfurt, mein Herz ist ein Gullideckel, ich kann nicht fliegen. Ich sitze auf einem Strohballen und rauche Damiana und schaue mir die schwarzen Vögel im weißen Himmel an, die sich gehorchen, wie die in Watte eingepackten Kinder an der Bushaltestelle. Da kommt ein Transvestit mit einer Kalaschnikow aus einem Blumenladen. Er hat ein Starkstromkabel im Mund und sieht sich umringt von Polizisten mit gezückten Waffen und Journalisten mit gezückten Mikrophonen und Kameras. Er weiß, dass niemand einen Überblick hat, niemand hat ein Gefühl für diese Situation. Ein Junge mit Hasenohren und Hasenzähnen kommt aus dem Blumenladen und schaut mich an. Ich wusste, dass ich etwas zu tun habe hier. Er gibt mir einen goldenen Revolver. Ich habe Lust auf Toast mit Honig. Jetzt den Job erledigen und dann zurück in den Sarg. Ich steige mit dem Hasen und dem Transvestiten ins Auto und entkomme gerade noch zur rechten Zeit. Was war das für eine Geschichte?, frage ich mich, während ich mich abschminke und erkenne, dass ich der Teufel bin und hinter mir alles in Flammen aufgeht und der Hase und der Transvestit blasen mir einen und wir fahren in ein glitzerndes, betäubendes Wochenende nach Las Vegas. Wir werden alles vereinnahmen.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass unter Cannabis das Gehirn weitaus aktiver ist und Politiker haben herausgefunden, dass die Kriminalitätsrate in
Cannabis-Hochburgen deutlich gesunken ist und dann haben Wissenschaftler noch herausgefunden, dass Cannabis sich positiv auf die Lungenfunktionen auswirkt, wenn man es pur raucht und konservative Politiker verweigern Schmerzpatienten Cannabis, diese bösartigen, kaltherzigen Idealisten! Meine Unfähigkeit adäquate Beleidigungen zu formulieren vervielfacht meinen glühenden Hass und dann haben Beamte des sogenannten Jobcenters einem Arbeitslosengeldbezieher einen Lottogewinn von 1000 Euro zu 100% angerechnet .... wie können die nur so bösartig sein? Ich bin mir ganz sicher, dass diese Leute früher unter Hitler jeden Volksfeind ordentlich gemeldet hätten. Diese Behördenmenschen, die sich ehrenhaft an die Gesetze halten, süchtig danach sind, alles einzuhalten, sind so loyal, dass selbst ihre Träume und ihre Fehlschläge immer im Rahmen der Gesetze bleiben. Für den Staatsapparat sind 1000 Euro ein Klacks, ach nichtmal ein Klacks, ein Bruchteil eines kleinen, unbedeutenden Klacks. Aber was sind 1000 Euro für einen alleinerziehenden Vater oder eine depressive Trinkerin? Die Zukunft und die Welt! Und diese lieblosen, bösartigen Beamten führen lieblose, bösartige Gesetze aus, wie in einer gigantischen Maschine, die sich von Geld ernährt und Millionen verlorener Menschen befielt, sie zu füttern. Der Mechanismus der Ausbeutung steckt in ihren tiefsten Empfindungen, sie sind physisch nicht in der Lage, Verlierern Glück zu gönnen. Ich weiß nicht, warum all diese Leute ihre absurde Hörigkeit nicht in Frage stellen können. Diese bürokratischen Fanatiker. Ist da noch ein bisschen Zweifel und Schamgefühl in Euch vorhanden oder seid Ihr komplett mitgerissen? - Flaute. Windstill. - Ich habe eine große, dunkle Ehrfurcht vor Sekten wie Scientology oder der Volkstempel von Jim Jones. In meinen Träumen erarbeite ich mir manchmal eine Stellung in einer autoritären, spirituellen Nazi-Sekte. Jeder Mensch möchte Teil eines mächtigen Systems sein; eine wehrhafte Bastion, eine militante Glaubensfamilie, eine gespenstisch kalte, perverse Todesahnung, die durch die leeren Korridore der Kindheit weht. Niemand möchte mit einer apokalyptischen Stimmung alleine sein, außer die, die glauben, niemals jemanden zu finden, mit dem sie zusammenpassen. Eine Sekte ist eine institutionalisierte Psychose, die sich auf drastische Weise abgrenzen muss, um eine Würde aufzubauen, die es mit der Würde des Staates aufnehmen kann. Eine Sekte ist eine surreale, faschistische Abspaltung vom Staatsorganismus, wie unter Einfluss einer Droge. Ein alternatives Sicherheitsversprechen, das genau so plausibel ist wie das Sicherheitsversprechen der führenden Politiker... und ebenso unhaltbar. Wenn die herkömmlichen Ideologien scheitern, keimt in den Menschen eine Sehnsucht nach anderen Ideologien. Je intransparenter, undemokratischer eine Regierung wird, desto mehr radikalisiert sich die Opposition. Die Großkapital-orientierte Bundesregierung bietet einer neuen radikalen Rechten Nährboden. Die Hoffnung, dass es sich nicht weiter verschärft, dass sich alles verlangsamt, alles aufatmet, alle Gehetzten, Geknechteten, Drangsalierten im warmen Sommerregen beten, auf allen öffentlich-rechtlichen Sendern, hält mich jung und vielleicht auch blöd. Das Cannabis zwischen meinen Zähnen fragt: wäre es nicht schön, wenn alle
Menschen entspannter wären? Wie müsste eine Gesellschaft strukturiert sein, in der Menschen ganz automatisch so entspannt und kreativ und munter sind? Wie muss dein Zimmer aussehen, wenn du dich so wohl fühlen willst wie unter Cannabiseinfluss? Wichtig ist, dass man sich bewusst macht, welchen Einfluss die Umwelt auf das Gehirn und damit das Bewusstsein hat - und dass man gegeben- enfalls bestimmte Umweltbedingungen ändern muss, um zu verhindert, dass man jemand wird, der man nicht sein will. Man braucht ein klares Bild von sich, um wenigstens motiviert zu sein, etwas zu machen, ganz egal ob man dem Bild von sich entsprechen wird oder nicht. Ja, man kann authentisch nur sich selbst gegenüber sein, aber nur, wenn man ein konkretes Bild von sich hat. Idealisiere dich, unterwerfe dich dem Ideal, verteidige das Ideal mit aller Gewalt: sonst kommst du bald nicht mehr aus dem Bett... Ich erinnere mich plötzlich an all die Momente, in denen mich Andere nicht ernst genommen haben, oh wie viel Macht sie über mich hatten! Das ist die große Herausforderung: wenn man nie ernst genommen wurde und sich also selbst nie ernst nehmen konnte, findet man im Vergleich mit Anderen heraus, dass man sehr viel besser leben kann, ohne etwas ernst zu nehmen, solang man irgendetwas tut, sich beschäftigt, sich ablenkt von den allerkleinsten Fragen im Universum: "Wer bin ich?" Wer sowas fragt, verdrischt auch kleine Mädchen mit Sonnenblumen. Es gibt niemanden, der so eine Frage stellt, das kann ich dir gleich sagen, also konzentriere dich lieber darauf, wie du wahrgenommen wirst, das ist die eine zentrale Forderung, die das Leben in dieser Gesellschaft an dich stellt: erfinde eine Rolle und zieh sie durch - oder sei in jeder Minute jemand anderes. Man kann noch einen kleinen Schritt weitergehen und erkennen: derjenige in dir, der verschiedene Rollenspiele von dir beobachtet, spielt selbst eine Rolle. "Es muss mir doch möglich sein, ohne mein Ich auszukommen!", das ist die allerkleinste Antwort auf alles. Der Körper muss gereinigt werden von den Giftstoffen, die das Selbstgefühl in den Körper abgibt, um ihn zu unterwerfen. Erst wenn ich komplett leer bin, kann ich mich selbst erfinden. Und später dann mit einem Ratgeber "Scheitern ertragen lernen" bei allen Verlagen und Agenturen scheitern, keine andere Karriere-Idee mehr haben und sich der unumkehrbaren Bedeutungslosigkeit hingeben, bläuliche Chemieabfälle trinken, davon Ohrensausen und Herzrhythmus-Störungen bekommen und hunderte Zysten, die im Mund sprießen, und in eine tiefe, paranoid-depressive Psychose fallen, buntes Konfetti im Haar und wissen: "Eigentlich ist mein Geschmack alles, was ich habe." Das Konfetti schmeckt nach Spaß am Sinnlosen, Ziellosen, an der eigenen Leere und Bezuglosigkeit, an der äffischen, nervigen Geste. Die Psychose schmeckt nach einer aus den Fugen geratenen Phantasie, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzt, obwohl es keine reale Gefahr gibt. Die Neurotransmitter, die in dieser Panik ausgeschüttet werden, schmecken nach Bewusstseinsveränderung. Die Chemieabfälle schmecken nach Dystopie und dann eine Erleuchtung mit dem unendlichen Holzhammer: das Ich gibt es nicht. Wahnsinnig aufgeregtes Vor- und Zurückwippen. Ich bin nie ich selbst, ich tu immer nur so. Plötzliche, wahnsinnige Heiterkeit. Weil das Ich nicht lokalisiert werden kann, kann es auch nicht sterben. Neuronale Übererregtheit. Unendliche Ruhe. Ich hab noch nie was geschrieben was ich so meine. Dieses schwarze,
elektrische Zucken im Hirnstamm, wenn man etwas verstanden hat und nichts mehr dagegen tun kann.
Panikpanikpanik. Die Musik lässt mich genüsslich Schlimmes ahnen, ich erinnere mich an die Angst beim Klettern auf Hausdächern. Ich weiß, es gibt hier keinen Grund für Todesangst, meine Emotion passt einfach nicht zur Situation. Dieser Kontrast ist eine Qualität der Euphorie.
Ohne einen Standpunkt zu behaupten bin ich ausgerutscht und falle auf dein gemütliches Kopfkissen. Du bist unauffällig gekleidet und hast blutunterlaufene Augen, weil du heut deine Kontaktlinsen ungeputzt auf deine Hornhaut gelegt hast. Du bist so süß, wenn du infiziert aussiehst, so sexy, wenn du deine Augen ganz nach oben drehst, sodass man nur noch das stechende Weiß sieht, als Antwort auf die Frage, was du beruflich machst. Meine bockige Fresse will dich nach hinten knicken lassen, aber ich will es nicht. Ich liebe dich, weil du dich nicht von meinem skeptischen Gesicht abschrecken lässt. Wir rauchen etwas starken Tobak und stellen uns dem Universum. Der schwarze Vulkan in meiner Brust, der triefende Abfluss in der Küche, die elektrische Sonne im Himmel. Sieh, wie ich immer ernster werde, sieh wie ich dein fleischiges HERZ verknote! Was ist Euphorie anders als Wahnsinn? Was ist Wahnsinn anders als Empfindlichkeit? Was Empfindlichkeit anders als Möglichkeit? Je mehr Möglichkeiten ich habe, desto besser kann ich mich verwirklichen. Du sagst, wir sind dazu verurteilt, uns zu verwirklichen. Ich stürze in die Zukunft ohne mich zu kennen. Ich spüre jeden Tag deutlicher, wie mich meine Kleidung und meine gewöhnliche Stimme und mein Zimmer und meine Mitmenschen prägen - ich warte, bis ich die beste Art gefunden habe, zurückzuprägen. Die Angst ist Folge einer Faulheit, die Symptom einer Depression ist. Je weniger ich tue, desto mehr verdichtet sich die Leere, die mich reinigt von meiner Persönlichkeit. Meditation ist ein Reset-Vorgang. Angst ist wesentliches Merkmal meiner Persönlichkeit. Ich lege mich mitten auf die Straße und weiß, dass nichts passieren kann. Angst ist wesentliche Persönlichkeit meines Körpers. Ich meditiere eine katatone Partygesellschaft in den Karneval meiner Depression. ICH HAHAHABE ETWAS DÜSTERES GESCHLUNGEN! kreischt ein weicher, zerfließender Engelschor und übergibt sich in einem bläulichen Stereo, bunte, grobe Blumen rieseln den Himmel herab.
*** Warum Möglichkeiten ungenutzt lassen?
Ich wurde heute aus dem Speicher geschmissen, weil ich kein Getränk gekauft hab, sondern mich nur ins Gäste-WLAN klickte. Schon viele Male hab ich das gemacht, aber heute hatte die böse neue Hippiekellnerin plötzlich was dagegen. "Kunstraum" nennen sie sich, geben sich einen offenen, kulturvollen Flair und sind - wenn es um Alltägliches geht - spießige, herrschsüchtige, missgünstige
Scheißfotzen. - In diesem Jahr ist Roger Willemsen gestorben und Donald Präsident geworden und die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte sind weiter gestiegen, es ist nicht das Jahr um vulgär zu sein, wirklich nicht! Jeder neue Anschlag auf ein Asylheim lässt mich an der Relevanz meiner Libido zweifeln. Zwischen Domplatz und Theaterplatz gibt es einen Dönerladen, der Blumen- Humus-Wraps anbietet, die sind so köstlich, ich fühle mich danach immer gereinigt und bin durch und durch Humanist und Demokrat und glückliches Cannabis-Opfer, zitter meinen unstillbaren Liebeskummer in mein kaltes, aufgeräumtes Zimmer, vielleicht liegt mein Vater im Sterben, das letzte Mal sah er nicht gut aus. Würde mich freuen, wenn dieser traurige, cholerische Langweiler verschwinden würde. Hätte Lust, meinen Ekel vor seiner uncoolen, arroganten, kalten, atzigen Art in bunten, brüllenden Farben an jede Litfaßsäule der Stadt zu plakatieren. "Eltern sind die größten Irrtümer!", prahle ich in die Kälte und mein Herz feuert zustimmende Ausrufezeichen an meine Kinnspitze. Ich verachte die erzgebirgische Mentalität in einem Maße, für das ich mich unmöglich schämen kann, ohne körperliche und psychische Substanz einzubüßen. Wenn ich nicht wirklich die Plattensammlung meines Vaters zerstöre, bin ich nur ein feiger, selbstgefällig strampelnder Schriftsteller, der nicht mehr als ein ironisches "Och du Armer!" verdient hat. Ich stell mir vor, wie ich meine Eltern von einer Klippe schubse und dann feixe, als hätte ich gerade den Kaffeefilter aus dem Küchenfenster geworfen. Diese Phantasie hat jedenfalls nicht viel mit mir zu tun, weil es mich gar nicht gibt.
Setzt Euch mit mir auf den Boden. Wir brauchen jeden Abend samtene, euphorische Abende, in Zeitlupe, voll klarer Gedanken, verziert von den filigranen Fäden des süßen Rauchs, in Erleuchtung eingeweicht; rotleuchtende und blauleuchtende Stehlampen, frisch geerntete Sessel aus DDR-Zeiten, noch regenfrisch; jeden Abend unschuldige Fummeleien und träge Zuversicht, kalte Finger und stinkige Klamotten; sich überschlagende Herzen, ein fast evangelisches Taumeln und Zucken gegen die dehnbaren Ränder unserer Wohnung. Wir können auch ein bisschen in die Stadt gehen! Es fängt wieder an zu regnen und die Gesichter werden hässlicher und selbst ich erkenne mich nicht mehr im Spiegel, ich schaue unglaublich böse und arrogant manchmal. Riesige, rote Luftballons steigen am Horizont auf, sind es die poetischen Ballons meiner Hoffnung oder die Werbeballons der Sparkasse? Bin ich ein Dichter oder ein Journalist? Hab ich Talent oder tu ich nur so? Wen versuche ich zu imitieren? Ich weiß, es ist keine Sparkassenwerbung auf den Ballons. Sie kommen aus meinem Herzen, sie leuchten meinen Freunden ein Lächeln zu, das ihnen dabei helfen soll, sich selbst, das heißt ihre besten Eigenschaften ernst zu nehmen und keine Kompromisse zu machen. Wir kommen hier nur raus, wenn wir jeden Glauben verlieren und alles übertreiben: wir schmeißen Erfurt aus unserer Wohnung raus, dann aus unserem Treppenhaus, dann aus den restlichen Wohnungen des Hauses, irgendwann vielleicht aus der ganzen Straße, aus dem ganzen Viertel vielleicht. Die Stadt ist nicht zu ertragen, wenn man nicht
übersteuert ist, das ist die Behauptung dieses Buches, das ich Euch an Eure Stirn binden würde, wenn Ihr Euch nicht wehren würdet.
Ich hab Lust, mein Leben kaputt zu machen, damit die Götter etwas zu Lachen haben, damit die Ikonen hinter meiner Stirn verblassen, aber ich möchte das Selbstmitleid des Selbstmörders überspringen und mein Ich gründlich abschaffen und damit auch den, der böse ist und den, der an den Konsequenzen leidet: oder willst du dich ernsthaft mit Bürokraten und Anwälten und Ärzten darüber streiten, wohin es mit dir gehen soll? Sie werden immer das letzte Wort haben und über dich verfügen so gut sie können: aber sie haben dich nur in Griff, wenn du eine Person bist und sie finden es selbstverständlich, dass man ein festes Ich hat, dass man nicht einfach anders oder niemand sein kann. Das Recht, die Vergangenheit von sich abzuschneiden und die Gegenwart neu zu ordnen und damit die Zukunft neu einzustellen, sollte sich jeder nehmen, der nichts mehr mit sich anfangen kann, der Nüchternheit als Gefängnis empfindet und der angeödet von sich und seinem Umfeld von einem Fettnäpfchen ins andere stolpert, nur um zu sehen, dass die Welt ein großer, unübersichtlicher Ort voller Schönheiten und Gefahren ist, ein Klischee, das sich Gott am siebten Tag ausgedacht hat. Ich rücke ein bisschen näher an die Kamera heran, damit sich jeder angesprochen fühlt: "Du erinnerst dich plötzlich, dass du heute davon geträumt hast, deinem Stiefvater mit einem Schlagring das Gesicht kaputtzuschlagen. Wenn du dich wirklich gründlich abgeschafft hast, gibt es niemanden mehr, auf den sie zeigen können, schließlich wirst du auch denjenigen abgeschafft haben, der sich abschaffen wollte: du bist vollkommen verschwunden und entdeckst, dass es dich nie gegeben hat: du bist bloß der Einzige in deiner Perspektive, der Einzige in deinem Körper, ausgeliefert dem Körper, ausgeliefert den Ideen, ausgeliefert der Erinnerung und der Erwartung."
Jeden Abend schaffe ich im Vollbesitz meiner Zerfahrenheit diese leblose Stadt ab, ich pumpe meine wohl-begründete Depression mit pflanzlichem Wahn auf, bis ich mein Herumhängen und Trübsalblasen nicht mehr rechtfertigen kann und setze ein aggressives Sonntagsgesicht auf, webe meine Anmaßungen in die unendliche Routine, die fast die ganze Menschheit für nichts und wieder nichts in Geiselhaft hat, ich starre meine tränenden Augen in den trüben, roten Bildschirm über dem Horizont, ich kann niemandem etwas vormachen, ich bin die pechschwarze Essenz eines wirren Verlierers, aufgeladen mit unglaubwürdiger, weil nicht zu rechtfertigender Zufriedenheit, die nichts wirklich abfedern, bloß hinauszögern kann; bald wird mir meine Idiotie auf die Füße fallen! Ich schüttel mich und schüttel mich, die schillernde Heruntergekommenheit meiner bunten Garage, in der auf rotem, weichen Teppich ein paar geschmackvolle Verlierer der Stadt über Coolness und Sozialismus diskutieren, spannt mir eine zweifelhafte Hoffnung zwischen meine Schläfen, im Fernsehen regt sich meine Mutter über den Bau eines Flüchtlingsheims in der Nachbarschaft auf, sie erinnert mich daran, wie sie sich darüber aufregt, dass ich den Abwasch noch nicht gemacht habe und der grüne Smaragd hinter meiner Stirn hält mich in Balance, während ich
einbeinig an der Kreuzung stehe und darauf warte, dass das Ampelmännchen grün wird.
Jeden Tag schaffe ich Erfurt ab, indem ich mir bewusst mache, dass es mich nicht gibt, dass ich nur ein Vorurteil bin, auf das es nicht ankommt! Ich sträube mich mit aller Macht und Ohnmacht dagegen, dass man einen Nutzen hat von den Vorurteilen, die man über mich spricht. Es gibt mich nicht, denn ich bin weder mein Gehirn noch mein Schreiben noch meine Stimme noch meine Vergangenheit, ich bin nicht dieser Körper, es gibt nur diese Innenperspektive eines Organismus, dessen Vergangenheit er nur teilweise erkennen und dessen Handlungen er nur in etwa vorhersagen kann, er kennt halbwegs das in ihn installierte Programm, das ihm wie eine Persönlichkeit vorkommt: meine charakterlichen Eigenschaften haben nichts mit mir zu tun, ebensowenig meine körperlichen.
Ich fühl mich nicht mehr gezwungen, ich zu bleiben, ich möchte mit dem, was ich bisher erlebt habe, eine Weile allein sein und nachdenken und so langsam wie möglich etwas aus meinem Leben machen, das so vage und fragwürdig wie möglich ist. Der Weg in diese Paranoia ist am Rand mit buttergelben Nelken beleuchtet, außer es regnet, dann wärmt er von Innen. Ich rühre mit den schwutzigen Füßen in den kalten Wolken, die sich im Fluß spiegeln, ein schwarzer Vogel warnt vor der Dämmerung, die wie eine humanistische Atombombe Opfer zum Trösten sucht. Hier stehe ich und hör damit auf, ich zu sein und übergebe meinem Körper das Kommando, das ihm weggenommen wurde aus guten und schlechten Gründen, ich lass die Löwen und Lämmer in mir neue Landschaften erkunden, in denen ich die Kullissen zukünftiger, neuer Träume kultivieren kann. Ich packe mir meine Lust, in der sonnigen Innenstadt zu trauriger Musik Mülltonnen anzuzünden, in den Rucksack, schlüpfe in meine Mokassins, poltere aus dem kalten, nach Sperrmüll und Jägerpfanne riechenden Treppenhaus, in die sich langsam drehende und von weichen Lichtpunkten geschmückte Magdeburger Allee auf der Suche nach dem Posaunisten der Cafe-Nerly-Big-Band, der einen Job als Alleinunterhalter für mich hat, als trashiges, kabarettistisches Vorprogramm. Hoffentlich schaff ich es bald, von den nervig paternalistischen Behörden loszukommen und mir meinen Obstsalat selbst zu verdienen. Früher oder später wird Erfurt Nord sowieso zusammenklappen und dann zählt, wer hier die größte Fresse hat und das werde ich sein!
Indem ich mich hiermit also zum Bürgermeister von Europa erkläre, schaffe ich meine Heimatstadt Erfurt ab und damit eine wesentliche Keimzelle der Deutschen Depression, die ganz Europa in die Knie zwängt. Als wirtschaftlich stärkstes Land der EU drückt Deutschland nicht nur die Wirtschaftspolitik, sondern auch die von ihr verursachten psychologischen Schäden seinen Bündnispartnern auf. Als reizbare, aber fromme, grobe, aber demütige Schäfchen nehmen die Erfurter den Schaukampf mit dem unsichtbaren Monster auf, das sie selbst erzeugt haben, das sie selbst sind; ein Kampf der aussichtlos ist, wenn man nicht bereit ist, den Respekt vor Grenzen zu verlieren, die man sich nicht selbst gesetzt hat. Ich bin
fast vollständig dissoziiert, das heißt: es gibt kein Ichgefühl mehr, das heißt: die Illusion eines Zentrums, die Illusion von Verantwortung, die Illusion einer Kontinuität des Charakters kann nicht mehr aufrechterhalten werden, das heißt: die Welt wird nicht mehr durch den Ego-Tunnel verzerrt wahrgenommen, alles wird zur Außenwelt, ich denke an mein Gehirn und an den, der daran denkt, alles ist Außenwelt. "Es gibt dich nicht", ist die frohe Botschaft, die ich allen Depressiven und Geknechteten und Ängstlichen in leuchtenden Buchstaben auf ihre Stirn schreiben möchte. Meine Abwesenheit macht mich so glücklich, dass ich an Europa glauben kann als multikulturelle, pluralistische, radikal menschenrechtliche, aufgeklärte, humanistische, digitale, gemütliche, weltoffene, liebevolle Institution gegen Barbarei, Fanatismus, Unwissen, Tyrannei, Aberglaube, Arbeitswahn, Hunger, Durst, Elend und Tod für alle Menschen auf dem Planeten. Europa soll der Ort sein, an dem die Menschheit zum ersten Mal zur Ruhe kommt und gemeinsam verschnauft und sich gründlich von oben bis unten selbst erfährt: eine Zeit des Festes, eine Zeit der Experimente, eine Zeit der persönlichen Abenteuer, eine Zeit des Müßiggangs und des leichten Sinnes. Der beste Widersacher, auf den diese Vision treffen kann, ist ein wohlstands- verwahrloster, depressiver, arbeitsloser, gefruster, ungebildeter, desinteressierter, fettlaibiger, alkoholkranker Mann. Er bestimmt das Stadtbild vieler ostdeutscher Städte, mit ihm ist weder Kapitalismus noch Sozialismus zu machen und alle Jahre wieder haben die Faschisten versucht an seine Wählerstimme zu kommen und derzeit sieht es gut aus, dass es mal wieder klappen könnte. Glücklicherweise habe ich in diesem stürmischen, trüben Sommer 2016 Möglichkeiten entdeckt, Erfurt aus meinem System zu bekommen und mich für Europa zu öffnen. Erst als ich mich als Person abgeschafft habe, gewann ich ein Gefühl dafür, was es heißt, Teil einer einzigen Menschheit zu sein. Eine depressive Stadt macht irgendwann alle Menschen in ihr faul, missgünstig, ängstlich, stumpf. Deshalb soll man die von Elend und Langeweile bedrohten Kinder sich depersonalisieren lassen, mittels Kunst, Wissenschaft, Kräutertees und Mediation sollen sie das abschaffen, was sie so bedrückt: ihre Personalidentität. Erst dann werden sie ihre Depressionen los und Europa kann aufatmen.