Werk

Ich betrete ein unwirkliches Sumpfgebiet, wenn ich über meinen Widerwillen klettere, den ich gegen meine schriftstellerische Arbeit empfinde. Das dumme Gesicht meiner Mutter, die nicht versteht, was ich mit Autosuggestion meine. Die Welt, die ich erfunden habe mit meiner Sprache, führt eine bedrohliche Koexistenz mit meinem organischen Leben. Ich schreibe, weil ich irgendwas mit der Zeit anfangen muss, die mir niemand geschenkt hat, die ich mir gestohlen habe, als ich aus dem Mund meiner Mutter in die Welt hineingeboren wurde: "DÄMION!", krächzt sie in die karge Küche, "Kickericki!", kichert Klein-Dämion und breitet seine Flügel aus und gleitet durch den Flur geschwind und klettert körperklausig auf den Fenstersims, stößt das Fenster auf und flieht in die Unendlichkeit eines Donnerstag Nachmittags. Die Geschichte endet hier, noch bevor es zum Aufprall kommt. Ich komme ab. Ist man dann authentisch, wenn man das ausspricht, was man gerade als erstes denkt? Ist man authentisch, wenn man filtert? Wer ist es, der da filtert? Wer in mir entscheidet sich für welche Worte und warum? Weil ich diese Frage nicht beantworten kann, tauge ich als Schriftsteller nichts. Zurück. Warum empfinde ich einen Widerwillen gegen das Einzige, das mir geblieben ist? Ich wäre nichts ohne meine künstlerische Arbeit. Je länger ich an einer Sache sitze, desto mehr entgleitet sie mir. Ich bin völlig ohne Führung, mein Orientierungssinn ist noch immer in den Kinderschuhen, abhängig bin ich von

Freunden, deren Leben stabil genug ist, um mir auch ein bisschen Halt zu geben, illusorisch, dass man in diesen Zeiten, in dieser Stadt noch Menschen findet, die bei Trost sind. Ein riesiger, zersplitterter, amorpher Freundeskreis verloren in der edelgrauen Vormittagsmaschine.

Man würde den Werken von Schriftstellern kein Unrecht tun, wenn man sie auch als Bericht über den mentalen und körperlichen Zustand des Verfassers liest - vermutlich oft zwischen den Zeilen. Was sagt mein Schreiben über mich aus? Ich bin so auf Hoher See verloren und fragmentarisch wie meine Erfurt-Trilogie. Ich werde nur von denen verstanden, die etwas mit meinen Worten anfangen können. Kickericki! Kickericki! Ich hab sie noch alle beisammen! Meine künstlerische Arbeit beweist mir, dass ich kein Idiot bin. Kickericki! Hört ihr mich, geliebte Freunde? Ich bin immer noch da. Kickericki! Hat nicht irgendjemand Lust, mir ein bisschen Disziplin einzuprügeln? Ich hab den Plan vergessen, den ich mir herbeihalluziniert habe, als keiner hingeschaut hat.

Ich hab keine Lust mehr, Schriftsteller zu sein, ich will ein Himbeereis und mit meinen Freunden in der Sonne spielen. Wenn man nicht bereit ist, das Luftschloss der Kindheit zu verlassen, in dem man groß geworden ist, muss man eben alles auf eine Karte setzen. Keine Ahnung, was für eine Karte. Keine Ahnung, was ich überhaupt sagen will, vielleicht hab ich mir selbst ein Bein gestellt, vielleicht hab ich euch alle enttäuscht. Aber es würde mich nicht wirklich stören: immerhin bin ich nicht auf der Welt, um für euch abzuliefern, sondern für viel viel viel weniger.

** Ich würde mir wünschen, dass man dieses Buch sehr langsam gelesen hat, immer wieder gestolpert ist. Ich hoffe ich habe keine Überzeugung geäußert, keine Doktrin mir gewünscht, kein Dogma gesetzt außer dies: "Möge die Stagnation nicht alles sein, was unserem Bewusstsein blüht, wenn wir älter werden, wenn wir einfach endgültig abrutschen, wenn wir uns nicht mehr halten können und in die Suppe der Endgültigkeit stürzen, angekommen in den grellen, fettigen Zwanziger Jahren. Ich hoffe, ich mache einen resignierten Eindruck, ich hoffe ich werde nicht verwechselt mit einem selbstbewussten, selbstmitleidigen Großmaul. Mit meinem Herumschäumen und Stottern und Herummaulen und Bröckeln will ich mich zerkleinern, aus der Bahn werfen, einen Mittelfinger in Volksliteratur verwandeln, ich habe tiefe, schwarze Sehnsucht nach einem Bruch; eine Abrechnung, die mein Leben anknaxt. Und sollte ich es nicht aushalten, so bin ich dennoch ein Schriftsteller, der es nicht aushält; die Frage ist nicht, ob ich den Stift noch halten können werde, sondern ob überhaupt etwas neues passiert... Ich bin selbst so unendlich eingefahren in meiner Bahn.... wer hält mich hier?

Jeder Mensch ist dazu verurteilt, seinem Leben Sinn zu machen: was hat er getan, um solch eine Strafe verdient zu haben? Alles, was ich als Schriftsteller tun kann, ist, eine Struktur in mein Dasein zu interpretieren: meine Werke sind nur Gegenstände, die mein Dasein schmücken, es vielleicht in die ein oder andere

Richtung lenken, keinesfalls aber fundieren sie es: das Wesentliche, auf dem mein ganzes Leben beruht, ist schwer auszumachen, wenn man sich einmal von der Idee verabschiedet hat, dass der Mensch was anderes als ein sprechendes Tier mit einfachen, erfüllbaren Bedürfnissen ist. Das Wesentliche ist vielleicht das Gehirn, das die Egoperspektive erzeugt, die das eigene Leben definiert. Was kann man von so einem Gegenstand wie dem Gehirn erwarten? Der große Skandal ist: wir sind sprechende Gegenstände: das Leben ist so einfach.

Ich habe die Pflicht, mich ernst zu nehmen, aber welches Schriftsteller-Ethos setze ich mir als Goldene Dornenkrone auf? An die Welt gekettet, mit Bewusstsein bestraft, zu Liebe und Schmerz befähigt, bleibt jedem Menschen nur, die Welt hinzunehmen oder sie zu terrorisieren. Ich bin also Schriftsteller, ich muss also liefern. Aber was? Und wem? Vermutlich soll ich Werte verteidigen, Stimmungen inspirieren oder reicht es, viele Bücher zu verkaufen? Je mehr Bücher ein Schriftsteller verkauft, desto näher ist er der Wirklichkeit, desto relevanter, desto wahrer ist das, was er schreibt. Je unbekannter ein Künstler ist, desto weniger real ist er.

Jedes Hirngespinst will wahr sein. - Mein imaginärer Verlag verlangt von mir, Farbe zu bekennen und Farbe zu predigen. Soll ich dich, geheimnisvoller Leser, also ermutigen, dem Sozialismus noch eine Chance zu geben? Oder solltest du lieber lernen, dich damit abzufinden, wie alles läuft? Welche Utopie möchtest du serviert haben? Mit welcher Dystopie möchtest du abgeschreckt sein? Ich bin Schriftsteller und muss liefern. Ich soll dir das Leben schöner machen, verlangt mein imaginärer Lektor. Soll ich dich auf Dinge aufmerksam machen, die du noch nicht wahrgenommen hast oder soll ich dir helfen, bestimmte Dinge zu verdrängen? Soll ich dich klüger und empfindlicher machen? Soll ich deine Vorurteile bestätigen oder widerlegen? Willst du dich verändern? Hast du genug, du selbst zu sein? Willst du dich unterhalten lassen? Willst du ein besserer Mensch sein? Dann bin ich das nackte Huhn ohne Kopf, das wild tanzend die Bühne vollblutet, der ganze Raum schaukelt sachte hin und her, wilde, endlose John-Coltrane-Tollwut dröhnt aus den Boxen, von urchristlicher Reinheit erleuchtet und von Voodoo-Geistern in die Irre geritten, lösen wir uns in der letzten Euphorie des Monats auf.

Ein "talentierter" Künstler? Talent? "Schau mal Mama, was ich alles kann!" - "Ja, fein gemacht! Ganz super!" - Mich gruselt es immer, wenn mir irgendein "Talent" attestiert wird: als hätte ich aus einer Veranlagung, für die ich nix kann, etwas gemacht, um beklatscht zu werden. Ich wünschte mir, man würde Künstler nicht an dem messen, was sie können, sondern an dem, was sie wollen. Talent ist Handwerk und ich will kein Handwerker sein; ich will nicht beklatscht werden für meine Mittel, sondern für meine Absichten. Ich bin keine Robbe, der man Fischstäbchen zuwirft, wenn sie einen Ball auf der Nasenspitze balanciert. Talent brauchen Leute, die nicht genug Anerkennung von ihren Eltern bekommen haben. Immer hören wollen, wie gut man ist, macht korrupt. Im Grunde reicht es mir,

Beifall zu bekommen für das, was ich nicht kann und nicht will; zumal ich nicht glaube, dass man etwas verstanden hat, nur weil man sich berechtigt fühlt, zu loben oder zu tadeln. Ich will niemanden umwerfen, beeindrucken oder neidisch machen: eigentlich will ich nur beweisen, dass ich auf keinen Fall bei Zalando arbeiten darf.

Ich will Euch etwas von der Großen Maschine erzählen, in der ich stecke wie ihr und alle anderen auch. Die Große Maschine wird instand gehalten von fleißigen, demütigen Arbeitern. Schaut wie sie sich krumm und krank schuften für die Große Maschine. Sie macht die Starken dumm, macht die Schwachen feige und die Schönen krank und die Kunst leblos und die Beziehungen lieblos und die Natur kaputt. Deshalb lohnt es sich für mich nicht, mich in der deutschen Literaturszene zu etablieren, auch wenn es wohl unvermeidbar ist - bei meinen Schulden und Tagträumen. Die Behauptung leuchtet und friert: ein gutes Leben im Staat ist nur noch als Parasit möglich. Es ist bereits ein Zeichen von Entartung, von Krankheit, von Perversion, wenn man in diesem Staat eine nützliche Funktion hat. Deshalb sind die Jahre meiner Anonymität und Erfolglosigkeit die Jahre meiner geistigen und körperlichen Gesundheit und moralischen Integrität und meiner höchsten Freiheit. Meine körperliche und mentale Gesundheit hängt an der Unfähigkeit, glücklich und erfolgreich zu sein.

Ich weiß, ich nehme meine Angelegenheiten viel zu ernst, um sie mit einer falschen Bescheidenheit, einer aufgesetzten Nettigkeit verwaschen zu können. Wie sonst hätte ich verhindern können, in dieser Stadt depressiv zu werden? Hier rühmt man sich nur noch für Dinge, die man unterlassen hat. Ich möchte mich jeden Abend neu bewundern: "Was ich mir heute wieder alles herausgenommen habe!" wiegt genau so schwer und lacht wie "Was ich mir heute wieder alles erspart habe!" - Jedes Mittel ist Recht, den für die Adoleszenz typischen, für ein zivilisiertes Miteinander als notwendig angesehenen Abstumpfungserscheinungen entgegenzuwirken.

Ich kennen keinen glücklichen Menschen, der nicht gern zeigen will, dass er glücklich ist, ich kenne niemanden, der sich nicht für das Zentrum seines Lebens hält, auch wenn es nicht immer danach aussieht. Wie kann ich Menschen ernst nehmen, die bescheiden und mäßig sind, die selbstlos handeln, die ganz zärtlich und schüchtern und selbstironisch von sich reden, sich aber trotzdem noch ernst nehmen und sich auf ihrem Geschmack, ihren Träumen und ihrem Selbstgefühl ausruhen?

Ich stürze mich in der Undarstellbarkeit meines Ichs transparent. Ein Schriftsteller, der nicht übertreibt, ist bloß ein schlechter Journalist.

Menschen die sich undurchsichtigen Kräften ausgeliefert fühlen, müssen ihr Unbehagen voll und ganz annehmen. Sie dürfen sich nicht ablenken oder betäuben lassen. Kunst kann ihnen dabei helfen, sich selbst als Paranoiden ernst zu nehmen und den Mut zu entwickeln, die Konsequenzen daraus zu ziehen.

All meine Texte sind als Hintergrundmusik zu verstehen, die das Gespräch, dass der Leser während des Lesens mit sich selbst führt, beeinflussen soll. Ich will nur ein bisschen abfärben, keinesfalls von irgendwas überzeugen. Will man es wagen, mich in die Manege zu lassen? Können Krimi-Fans reale Morde kunstvoll finden? Ich kann mir vorstellen, dass ich die letzten Jahre meines Lebens im Gefängnis verbringe und ein letztes Buch schreibe.

Ich hätte gern die Phantasie und Disziplin, Horrorfilm zu drehen, der sich mit dem Erwachen aus bunten, wilden Träumen in den erschreckend-sterilen, bösen Alltag befasst. Plötzlicher Schauder und Todesangst bei Routinen, ritualisierter Freundlichkeit. Hypersensibel und wehmütig in den leeren Alltag, dessen Wände kalt und dessen Sitzgelegenheiten hart sind. Der Film muss alles Genormte, Schablonisierte, Berechenbare, Ordentliche als Bedrohung, als Terror, als Vorstufe von Wahnsinn und Tod darstellen.

Erniedrigt von jeder Situation, in der ich nicht in der Lage bin, etwas zu schreiben, so als würde ich, wenn ich nicht schreibe, auch nicht existieren.- "An wen könnte ich meine Texte anpassen?" - leuchtet eine sternenklare Melancholie aus meinem Gesicht, wie ein Junge im dunklen Märchenwald, der sich verfolgt fühlt, suche ich nach klaren Antworten und finde nur die verschwommenen, verzerrten Gesichter meiner Freunde.

Letztlich genügt es, nur so zu tun, als würde man das Ziel, das man sich gesteckt hat, tatsächlich auch erreichen wollen; das Zentralste ist, den Mut, die Kraft zum Leben, den Spaß am Leben nicht zu verlieren. Es genügt, als Wahnsinniger so zu tun, als wäre man ein Künstler. Die Kunst ist ein geeigneter Blitzableiter. Bevor dein Wahnsinn dich erschlägt, lenke ihn in ein Projekt.

Was die Literatur meiner Generation "weiß": Liebe ist schön, Glück ist der Sinn des Lebens, Arbeit ist wichtig, das Gute ist richtig, das Böse ist interessant, hör auf dein Herz, halte durch, es wäre toll wenn sich alle Menschen vertragen könnten, die da oben machen doch sowieso alle was sie wollen, man muss den Tod akzeptieren, ein bisschen Spaß muss sein. Es gibt Schriftsteller, die sich damit zufrieden geben, andere geben sich nicht damit zufrieden. Ich bin verrückt, ich bin sensibel, ich bin cool, ich bin anders, ich wäre gern jemand anders, Menschen sind seltsam, Verlierer können sympathisch sein, das Leben lohnt sich, Nazis sind Idioten, Mutter Theresa ist ein Vorbild für uns alle, jeder soll in seiner Fasson glücklich werden.

Oh weh, ich hoffe, das ist nicht der Konsens, auf dem wir einen auf gute Nachbarschaft machen!