Junischaum

Die Stadt klafft in der Mitte eines missmutigen, zerrissenen Europas, noch unver- sehrt, abwartend, nervös. Ein großer, schwarzhaariger Junge läuft barfuß durch die Pfützen, die Sonne kommt hinter den grauen Wolken hervor. Er hat sich nicht mehr im Griff und leuchtet von Innen wie die Mangos, die er eben auf dem Markt gekauft hat. Der Nachmittag blüht in der feuchten, paratropischen Luft wie nach einem Alptraum auf. Wenn er sein Obst und Gemüse im Sonnenuntergang zu seiner Wohnung trägt und Flöte spielt und mit seinen zwei Hunden an der Gera spazieren geht, fühlt er sich wie ein südamerikanischer Vagabund, fühlt er sich weise, nicht weil er vieles weiß, sondern vieles nicht weiß. Heute fiel sein Entschluss, die Schule zu schmeißen und sich für unbestimmte Zeit nur um sich selbst zu drehen. Kann man sich hier ganz und gar verlieren, oder verfängt man sich mit jedem Befreiungsschlag nur noch mehr in der Stadt? Jeder sucht Auswege, mancher findet Auswege; neue Hoffnungen für eine neue Generation von fröhlichen, disfunktionalen Subjekten, die jeden Tag große Augen machen und schwer atmen und stehlen und weinen und Flüche lallend und Unsinn stotternd auf Dächern tanzen und betrunken von der Straßenbahn angefahren werden und sich Geld leihen und nicht zurück geben können und Angst vor Übermorgen haben und an allen Blumen riechen wollen und eigentlich nur mit sich selbst befreundet sein können und alles und jeden dafür vereinnahmen und ihren guten Musikgeschmack verteidigen würden wie ihr Augenlicht und sich im Mittelpunkt der Stadt wähnen, wenn sie Hustentabletten missbrauchen und auf einer kargen, blauen Halde an einer lauten Autobahn in den Nachthimmel starren und am nächsten Morgen ganz normal ihrer Wege gehen und den Pennern auf der Straße Kaffee und Kuchen kaufen und vor Straßenbahn- Kontrolleuren wegrennen und versuchen ehrliche Gedichte zu schreiben und noch die Gage für den letzten Auftritt bekommen, die auf ihrer Blauäugigkeit reiten wie auf Krokodilen und die Kunst so süß nötig haben, um die Hoffnung und die gute Laune nicht zu verlieren und die sich ein paar Jahre im Kreis drehen müssen, um das Leben mit Schicksal und Zufall und Wunder aufzuladen. Die Verwirrung ist deine beste Freundin, das Staunen über die Aufgebrachtheit der Welt; alle Welt ist aufgebracht und ich würde mich gern mit allen Verwirrten und Zerstörten in den Park setzen und Mandalas ausmalen und auf neuen Regen warten, der die Stadt weiter abkühlt und verdrängte Wünsche und Haltungen herauslockt. - Ich möchte mich mit allen, die sich schämen, mit allen die Angst haben, mit allen die sich verachten, mit allen die sich nicht motivieren können, im Kreis sitzen und wissen, das im Free Jazz mehr Hoffnung steckt als im Neuen Testament und in diesem Wissen ernst und in beliebigen Farben und Formen strahlen.

Ich spüre, wie Erfurt zu meiner Heimatstadt werden will, alles ruft Erinnerungen einer unbewiesenen Kindheit wach und es ergeben sich jeden Tag echte, kleine

Wunder, die man kaputt machen würde, wenn man versuchen würde, sie zu verstehen und zu bewerben. - Ich stolpere auf der Suche nach einer Pointe über die Straße, ich spüre, wie mein Blut mich erfüllt, ich schwitze, aber hatte es noch niemals eilig und möchte es auch niemals eilig haben. Ich bin ein Schimpanse, der einen Kunststudenten parodiert, ich möchte mit Obst und Sonne gefüttert werden und mich reinigen vom ermüdenden Zeitgeist, der über Europa das Licht ausblasen will. Ich werde Nachtwache halten. Ich mal mir einen roten Punkt auf die Stirn. Ich bin erleuchtet, oder ich tu nur so, was das selbe ist.

Alle Ampeln in Erfurt heißen Mirko, haben einen fetten Bauch vollgestopft mit Hackfleisch und stehen immer nur im Weg herum, aber ich kann mich unmöglich über irgendetwas aufregen, ohne mich lächerlich zu machen. Viele Leute müssen einfach von liebevollen Menschen an die Hand genommen werden. Jemand muss Erfurt über die Straße bringen, es wartet schon so lange und traut sich nicht, es ist so laut und unübersichtlich und seine Knochen sind alt und seine Hoffnung trüb und seine Vergangenheit sitzt ihm genau so schwer im Magen wie das süße, hoffnungsvolle Ferkelchen, von dem man sich für einen Euro am Domplatz ein Stück abschneiden kann.

Es würde mir reichen, jedes Jahr von Neuem Romanfragmente in die Stadt zu streuen. Ich finde es nicht langweilig, immer an der selben Stelle in den Fluß zu steigen und von ihm zu trinken. Es ist gut und richtig, einen Körper zu haben, es ist gut und richtig, ihn zu benutzen, aber ein Esel will ich nicht werden und ein Schmetterling auch nicht. Ich kann mich am besten mit mir identifizieren, wenn ich barfuß in der Gera herumlaufe und Flöte spiele und mich darauf freue, dass bald alle Menschen synchronisiert sind. Das ist meine Utopie, die ich mir verordnet habe, als mich die Idee, dass die Menschheit ein einziger Organismus ist, zu Boden gebracht hat. Ich würde es schön finden, wenn wir uns alle beruhigen und gemeinsam zur gleichen Zeit nach innen schauen würden, dahin also, wo wir unsere Liebe versteckt haben.

Ich lasse alles durch mich hindurchströmen: den Abgas-Skandal von Volkswagen, der unseren ganzen deutschen Stolz herausfordert und der Pegida- Chef wird wegen Volksverhetzung verurteilt und Trump gewinnt offenbar auch Indiana und Frankreich kürzt seine Sozialleistungen für die Ärmsten und die Panama Papers zeigen, wer die wirklichen Feinde unserer Zivilisation sind und im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge und von der Leyen rüstet die Bundeswehr auf und auf den Philippinen wird ein großmauliger Bürgermeister Präsident ein und schwuler Junge wird in Saudi-Arabien mit einer Machete geköpft und mein Fuß ist eingeschlafen und die deutsche Popmusik ist einen sehr sehr subtilen Furz wert, und ich furze ihn, während die Faschisten im Stadtzentrum zu Tausenden sich im Sinne der alten Schaltpläne synchronisieren und ich trinke einen Kaffee

Ich sitze umhüllt von weißem Juniwetterschaum in einer Collage aus Worten und Spiegeln und Gespenstern und Fehlern und Löchern und radioaktivem Sternenstaub und ekelhaften Eltern und Terroranschlägen von dunkelhäutigen und weisshäutigen Terroristen und weich ist das Denken und weit die Gedanken und es geht die langsame Treppe nach unten, ins Glück der Eingeweide, ins Blut, das hoffentlich noch eine Weile meinen Laden am Laufen hält.

Die Geschichte ist die Ursache der Gegenwart, die Zukunft ist die Folge der Gegenwart. Unser gegenwärtiges Denken ist eine Collage aus Erinnerung und Phantasie. Wir schauen in lauter vergangene Momente, in denen wir auch nur mit etwas Anderem beschäftigt waren. Wir sind niemals gegenwärtig, wir bleiben niemals stehen: wie könnten wir aber sonst gründlich darüber nachdenken, wer wir sind und sein wollen?

Als ich gestern überlegt habe, was ich in einer Talkshow auf die Frage antworten würde, was ich den wieder deutlich aufblühenden faschistischen Elementen entgegnen würde, nämlich: "Welche Kultur wollt ihr denn verteidigen? Nennt doch mal fünf deutsche Größen der letzten 30 Jahre! Wer repräsentiert euer Deutschland?", hab ich auf der Straße 30 Euro gefunden. Im Hintergrund meines Selbstgesprächs flatterte die Frage, ob die letzten 30 Jahre überhaupt etwas Objektives über unser Land und seine Individuen aussagen. Die 30 Euro machen mir die letzten zehn Tage des Monats gemütlicher als erwartet. Manchmal gibt es echt gute Tage in Erfurt: wenn ein starkes Sativa in der Stadt ist und es allerhand zu tun gibt. Ich bin so glücklich über symbolisch aufgeladene Zufälle, dankbar für all die tollen Leute, die ich in letzter Zeit kennenlernte. Je ernster ich mich nehme, desto mehr Möglichkeiten ergeben sich für mich. Ich glaube, ich war noch nie so glücklich.

Meine Dissoziation ist der Zenit meiner Euphorie, es fühlt sich an, als würde ich den Europäischen Mythos neu begründen, auf einer Bank in meinem immergrünen Hinterhof an einem tropischen, graugrünen Julinachmittag in der Mitte von Europa, in dem Land, in dem es am leichtesten ist, komfortabel nichts zu tun. Ich bin der Entspannteste von den Ärmsten, der Unabhängigste von den Freien, ich schleiche mich überall durch, ohne irgendwo dazuzugehören, die Behörden lassen mich in Ruhe, der Vermieter lässt mich in Ruhe, alle lassen mich in Ruhe; von dem Geld, das ich Mama-und-Papa-Staat abzwacken kann, kann ich mir alles leisten was ich brauche: ein Zimmer, Obst, Tee, Cannabis, Internet und Musik- instrumente.

Wir müssen uns darüber im Klaren werden, dass langweilige Musik uns töten wird, der Rest ergibt sich aus den Konsequenzen, die wir aus unserer Beispiellosigkeit ziehen. Ich stelle mir vor wie ich einen weißen Hasen schlachte und seine Gedärme über die Straßenbahn-Leitung werfe wie Verliebte ihre zusammengebundenen Schuhe. Ich mal mein Gesicht schwarz, starre an die schwarze Zimmerwand.

Ab der Volljährigkeit gilt, dass man mit jedem Jahr in harter, stressiger oder langweiliger Erwerbsarbeit ein Jahr biologisch altert. Ich bin also - nach einem Jahr Sozialdienst - seit zehn Jahren neunzehn und in einer Woche werde ich plötzlich dreißig und brauche dann zehn Jahre, um meine biologischen Zwanziger auszuleben. Fast all meine Freunde sind fünf bis zehn Jahre jünger als ich und nach ein paar Jahren wechsel ich sie wieder. Alles ergibt sich ganz von alleine, ich kann mich ganz passiv machen und die Ereignisse tun das Nötigste, um mich meiner guten Bestimmung zuzuführen. Ich hänge seit vielen Jahren in Erfurt fest, ohne zu altern, weil ich nicht arbeite, halbwegs gesund lebe und im Grunde nur das tue, was ich begeistert tue und seit zwei Wochen hab ich ein fünftes Brusthaar.

Morgen trinke ich mit einem Gerichtsvollzieher schwarzen Kaffee, danach mit meinen drei besten Freunden einen grünen Tee, dann gehen wir ins Atelier und arbeiten an einer Noise-Poetry-Performance, die wir im Treppenhaus der Kunstuniversität abfackeln, zum Vollmond nächste Woche. Ich glaube, ein allabendliches Lagerfeuer im Kreise meiner besten Freunde würde mich versöhnen mit der ganzen Welt und mich bunt und wild träumen lassen und den nächsten Tag mit frischem, ehrlichem Größenwahn beginnen lassen. Ich hab Lust mich der ganzen Welt zu zeigen, alles läuft darauf hinaus. Mein Herz ist ein schwarzer Magnet, der alle schönen Dinge anzieht und mich auf gute Gedanken kommen lässt. Meine Lebendigkeit ist lebendiger als die Lebendigkeit der Sonne. Meine Weisheiten langweilen mich wie bunte Tapete. Wenn Trump Präsident wird, ist alles erlaubt. Das wäre wirklich eine Zeitenwende. Eigentlich wäre das die richtige Zeit, um mit diesem Buch berühmt zu werden, aber vielleicht ist alles auch zu spät. Dann kann ich The Birthday Party auch richtig laut hören und solang mich von Kaffee, Obst und Gras ernähren, bis alles einstürzt. Das ist das großartigste Jahr meines Lebens: 2016. So viel wunderbare Zufälle, so viel wunderbare Begegnungen, so viel Licht und Wahnsinn, so viel Gemütlichkeit, so viel neue Songs, so viel neue Auftritte. Dieses Buch ist ein goldener Blumenkranz, den ich dieses Jahr 2016 aufs Haupt setze. Ich hab Lust nur noch weiße Sachen zu tragen, ich habe Lust mich viel langsamer zu bewegen und ständig laute Musik zu hören und ich träume immer deutlicher von einer wirklich wilden Band und ich küsse all meine Freunde. - Marihuana ist gut für dich, denn auch Free Jazz ist gut für dich: Fröhlichkeit ist Kreativität gegen die Abstumpfung. Dafür lohnen sich alle Delikte und Fehler und Peinlichkeiten! Wenn man sich dagegen wehrt, irgendwas zu bereuen, kommt man auf die einzige Bahn, die zum Ziel der Ziele führt: die schiefe Bahn nämlich, die dich direkt zu dir selbst führt.