Die fröhliche Gebietsreform

Ostdeutschland ist ein Irrtum; ihn zu beseitigen ist eine Frage der Europäischen Sicherheit. Das Debakel, das langsam aus dem Einheitstaumel der Wendejahre gewachsen ist, verspannte die Schultern derer, die sich als ostdeutsch identifizierten, trübte ihre Selbstachtung und bildet nun die Grundlage für die faschistische Bedrohung, die in der grauen Provinz gärt. Tief enttäuscht, bitter und hoffnungslos geworden, sehnen sich mehr als ein Drittel der Ostdeutschen nach Rache und die Faschisten nähren diese Sehnsucht besonders rücksichtslos.

In der Provinz wohnt das Böse. Ostdeutschland droht zu einer provinziellen Wüste zu werden. Die bunten Großstädte scheinen modern, plural, demokratisch - sie beweisen, dass es möglich ist, dass verschiedenartige Menschen friedlich zusammenleben können. In den ländlichen Gegenden wohnt der reaktionäre, konservative, paranoide Geist: hier herrscht das Unbehagen an Veränderung, die zur Angst vor Überfremdung heranwächst. Wir fröhlichen Antifaschisten träumen von einem Land, in dem es nicht mehr möglich ist, faschistisch zu werden. Im Einheitsprozess von 1990 liegt die Wurzel des Problems. Die DDR ist von heute auf morgen aufgelöst und von der BRD übernommen worden. Vielleicht wäre eine DDR ohne Mauer, Statis und Planwirtschaft als eigenständiger Staat lebensfähig gewesen. Die Wunden sind nicht verheilt, die Schmerzen sind als Symptome behandelt worden, ihre Ursachen hat man mit ein bisschen Marktwirtschaft, ein bisschen bürgerliche Freiheit und ein bisschen patriotische Hoffnung zuzukleistern versucht. Vergeblich. Wir sind nach über 30 Jahren noch immer kein vereintes Volk geworden - ein Umstand der nicht nur beklagenswert ist, sondern auch eine Chance bietet. Oberflächlich gesehen mag es zwar nur noch wenige Unterschiede zwischen Ost und West, doch wenn man tiefer blickt und fühlt, weiß man: der Ostdeutsche ist ostdeutsch geblieben und der Westdeutsche westdeutsch. Vielleicht müssen wir uns damit abfinden. Vielleicht brauchen wir, ähnlich wie die Juden und Palästinenser, eine Zwei-Staaten-Lösung, vielleicht eine Ein-Staaten-Lösung wie eine jüdisch- palästinensische Republik. Vielleicht ist es nun zu spät.

Meine Angst vor den Identitätsproblemen der Deutschen ist nicht nur historisch, sondern auch biographisch begründet. Ich habe den bösen Geist der Deutschen in Büchern kennengelernt und dann ganz leiblich und seelisch erfahren durch meine depressiven, suchtkranken, aggressiven, lieblosen Eltern, die typische Wendeverlierer sind und immer bleiben. Menschen wollen sich mit etwas identifizieren: wenn sie nichts Gutes finden, nehmen sie auch mit etwas Bösem vorlieb. Wenn sie sich nicht mehr mit einem Staat oder einem (neuen) Bundesland indentifizieren können, so identifizieren sie sich mit einer Stadt oder einer Region: das Erzgebirge ist so eine Region, eine düstere Ödnis, dekoriert mit miefiger Tradition und grundiert mit einem endlosen

Strom des Meckerns. Fern von lebendigen Großstädten, vielfältigem Kulturangebot und wirtschaftlichem Optimismus, wartet hier die Kleingartenbevölkerung auf einen charismatischen Faschisten, der von alten Abendröten phantasieren und zu Widerstand und Gewalt reizen kann. Ich möchte ein fröhlicher Antifaschist sein: deshalb will ich all das gründlich hinterfragen, was den Faschisten Mut macht - also kritisiere ich nicht nur Geschlechterstereotypen, Ernährungsgewohnheiten, Fortbewegungsmöglichkeiten und Popmusik, sondern auch Begriffe wie Identität, Freiheit, Heimat und Thüringen. Braucht es die neuen Bundesländer in ihrer jetzigen Form? Kann man sich den Osten nicht auch neu denken?