Zerrüttet

Was wären wir ohne die Dinge, die wir nicht begründen können? Was wären wir ohne Dinge, die die die die die die? Der Grund, der Grund, der Grund ist ein Loch im Kopf des Denkers in der Hängematte.

Ein Leben in Zweifel, auf Distanz, in der Fremde, in der Schwebe, in Bewegung muss möglich und angenehm sein.

Ich fühle mich gerade so klar, so sicher, so weise, dass ich mir vorstelle, wie ich gleich mit dem Oberkörper durch den Glastisch, vor dem ich sitze krache und sterbe und für immer tot bin.

Die Euphorie, die kommt, wenn man erkennt wie komplex und unsicher alles ist, wie schwer sich alles formulieren und bewerten lässt, erinnert uns an die Euphorie unserer Kindheit, in der wir verwirrt und hypersensibel durch die Straßen und Wälder gestolpert sind. Es ist so kalt hier, obwohl die Heizung an ist, das Tippen tut weh. Irgendwas hab ich falsch gemacht.

Wer ist man, wenn man übersensibel ist? Wer, wenn man zu empfindlich ist, um sich an ein konsistenten Ich zu klammern?

Ich schichte viele Ich-Fiktionen-Folien von mir in meinem Hirn übereinander. Die Durchsichtigsten kommen nicht mehr zur Geltung, wenn mein Gehirn erleuchtet ist. - Man sollte nicht für dies abstrakte "Ich" sprechen, sondern für das konkrete Gehirn im Kopf. Unser Gesicht verhindert, dass wir uns den anderen richtig nähern können.

Selbstsicherheit ist immer eine Illusion, auf die man verzichten muss, wenn man sich für das Wesentliche interessiert. Sprache bekräftigt diese Illusion, wenn sie nicht schlickfattendubi. Das Keuchen des Laptops macht sich über all meine Gedanken lustig, steht im Weg wie ein bösartiges Kind, das mich nerven will.

Indem ich mich zu nichts bekenne, versuche ich mich aus der Zeit zu verdrücken, einen Bogen um die Stadt, um das Universum zu machen. (Wer nicht losläuft, kann nicht ankommen.)

Geistige Instabilität ist ein aufregender Tanz der Wirklichkeit mit der Möglichkeit.

Die Realität und die Welt der Worte sind voneinander abgetrennt.

Es lohnt sich nur über unangenehme Dinge ernst zu reden, denn dadurch entkräftet man sie. Die angenehmen Dinge tragen sich von selbst.

"In der Wirklichkeit kann ich mich nicht über die Wirklichkeit hinwegtrösten" - die Parole jeder alternativen Lebensform.

So wie ich auf bestimmte Glücksfälle nicht stolz sein kann, kann ich mir auch bestimmte Unglücke nicht verübeln - so erst habe ich überhaupt einen echten Zugang zu mir.

Die Überzeugung, dass das Leben eine gerade Linie ist, deprimiert mich wie das Todesurteil einen Unschuldigen deprimieren soll.

Schuldgefühle? Vergleichbar mit einem Liter Blut trinken.

"Ich bin grob und gerade, weil es am einfachsten ist", sagen und sitzen die einfachsten Menschen auf einem einfachen Thron und lachen.

Jenseits der Manie: Wahnsinn. Jenseits der Depression: Tod.

Je tiefer ich den Wahnsinn schraube, desto mehr will er in Tod geerdet sein.

Wer Selbstmord begeht, hat die Metapher nicht verstanden.

Wenn es keine Karriere gibt, die dich auf Kurs hält: versuch nicht lustig oder besonders niveauvoll zu sein. Steh hinter irgendeiner Sache oder stoße alles von dir ab, aber tu es nicht, um Andere von dir zu beeindrucken. "Ich habe keine Lust, Euch weiter zu unterhalten." So musst du stolz die Nase hoch tragen und hoffen, dass dich die Menschen, die du liebst, niemals ernst nehmen werden.

Es fühlt sich an, als würde mein Trotzen gegen die Widrigkeiten und Widerlichkeiten meines Lebens mir Gehirnsubstanz abtragen, besonders in dem Areal, wo mein Bedürfnis nach Würde und Selbsterhaltung produziert wird. - Ich saß eben eine halbe Stunde im Bett und hab die schwarz-gestrichne Wand angeschaut und wirklich nichts zu geben. Ich kann dem Gedanke, dass meine Freunde langsam einknicken, nichts entgegensetzen. Ich kann nur mein halbtotes Gesicht in die Welt halten.

Meine Lederjacke versteckt meine Verzärtlichung, meine Biegbarkeit, meine Instabilität. Bloß nicht zu viel blicken lassen!

Allem überdrüssig, hänge ich 1,4-Butandiol in den Garten der Abtrünnigen.

Meine empfindlichen Ohren sind von Langeweile betäubt. Mein Telefon hat keine Lust zu klingeln, umwickelt mich mit Stille die nach frischgewaschener Wäsche riecht. So gern würd ich mich mit meinem liebsten Freund in einen Zwischenraum absondern. Ich warte darauf, dass das Telefon klingelt. Dieses Warten macht etwas in mir müde, damit etwas anderes sich durchsetzen kann: ein bitterer Zynismus, der mich von allem isoliert. Indem ich diese Isolation mich erdrücken lasse, vertiefe ich mich in meine einzige Existenz, gelange ich zum Kern meiner letzten Möglichkeiten.

Ich kann nicht wahrhaben, dass mein Bewusstsein nur ein Produkt von Materie ist. Der Mensch ist ja bloß ein komplizierter Gegenstand, der sich darüber bewusst ist, was er ist: Materie, die eine Egoperspektive entwickelt hat. Wie kann man auch nur eine weitere Bewegung machen, wenn man herausgefunden hat, was man ist? Ich spüre, dass das Licht, das von draußen über meine Tastatur streicht und gegen die Brandung meines Zimmerlichts kracht, Abendlicht ist.

Wer sich zu stottern schämt, wer nicht in Interjektionen und Imperativen vom Frühling reden will, sollte keinen experimentellen Jazz hören.

Der Gedanke daran, dass ich mich in einem Weltall befinde, wird mich irgendwann vor allem, was mich umgibt, zurückschrecken lassen. Seltsam. Steuert meine Ich-Idee meine Finger und Hände? Was in diesem Körper kontrolliert seine Bewegung? Was in ihm schreibt diese Frage? Was in ihm akzeptiert die Musik und was in ihm hat Angst in die Musik zu stürzen oder in einen paranoiden Zwangsgedanken? Welches Lied meint es ehrlich mit mir? Ornette Coleman ist gestorben, ein schader Tag.

Ich schreibe, dass ich schreibe. Mein Schreiben lässt sich von mir kraulen, es lässt sich bürsten wie ein schwarzer Elefant sich bürsten lässt, er kommt auf mich zu und lässt sich bürsten, es ist mir erlaubt, ihn zu bürsten. "Ich mag dieses aktive, kribbelige Durchhängen, während Andere um ihre Arbeitsplätze besorgt sind.", sage ich wie ein Nachtwächter, der mit einer plüschigen Taschenlampe das Kaufhaus sicher macht. Diese Angst, völlig loszulassen... Man schreibt nur, wenn man nicht loslassen kann, man macht nur Musik, wenn man nicht loslassen kann, man steht jeden Morgen nur auf, weil man nicht loslassen kann.

Meine Hände schreiben nicht Buchstaben, sie versuchen mir zu entkommen, sie fühlen sich beobachtet: "Vielleicht finden wir, indem wir diese Knöpfe drücken, zu dem Schalter, der uns von deinem Körper trennen kann."

Das echte Leben spielt sich nicht im Bereich der Notwendigkeiten ab, sondern dort, wo es besonders gemütlich oder besonders aufregend oder besonders seltsam ist.

Charakterzüge entstehen, wenn man lang genug andere Menschen parodiert. Charakterzüge entgleisen, wenn man aufhört, irgendwen zu parodieren.

Ich habe nichts dagegen, wenn man meine Bücher als Bewerbungen für das Amt des Bundespräsidenten versteht.

Lieber noch werde ich verachtet als von Leuten, die mich nicht umarmen würden, "interessant" gefunden zu werden. Ein banaler Gedanke, aber ich kaue ihn gerade und dieses Kauen ist anstrengend, aber führt zu nichts, vermutlich macht es mich nur ein bisschen älter und unbestechlicher. Irgendwann kann ich mich selbst nicht mehr mit Hoffnung bestechen - dann könnt ihr mit mir machen was ihr wollt...

Alles, was man von sich sagen kann, lohnt, manisch vertieft zu werden. Wenn man lang genug drauf kaut, fängt es zu blühen an. Dein Gehirn ist eine gigantische Sammlung von Gedanken, die Handlungen auslösen können.

"Irgendwann musst du dich stellen!", dröhnt es, schwankt es, der Atem zieht Leben in die Puppe und immer noch kein Sinn für das Ernste, komische Gesten in die Luft kraxelnd, es guckt ja niemand zu. Meines Selbst müde, steige ich in die Treppe herab. Was kann schon so verkehrt sein, mal wirklich ganz unten anzukommen? Ist es oben lebenswerter? Ein aufregendes Leben ist genau so gerechtfertigt wie ein langweiliges Leben. Ich niese über den Gedanke, dass mein Taumeln nur eine Folge meiner Einsamkeit ist.

Wenn man nicht spüren kann, ob die Zeit zu schnell oder zu langsam vergeht, steckt man in der Zeit fest und altert nicht.

Ich weiß, dass mir Einiges bevorsteht, aber ich bin zu entspannt und skeptisch, um wahnsinnig zu werden. Auf der Schaukel am Rand meines inneren Zauberwaldes schaukeln die schwarzen Schatten der Kinder, den die Straßenlaternen aus einer anderen Welt werfen wie einen Löffel voll Honig.

Mein Wunsch, ein hartes Lächeln gegen den weichen Ernst der Wahrheit zu entwickeln, ist der beste Freund, den ich dieses Jahr gefunden habe. Bald werde ich den Mut haben, meinen Eltern zu schreiben, dass ich sie nicht mehr liebe.