Ich wurde in ein müdes, buntes Haus verfrachtet, dessen Bewohner nur nachts wach sind und ihre von Not und Mitgefühl befreite Existenz am Rand der Stadt vertiefen. Der Regen, der Wind und Polizeitaschenlampen finden fast überall einen Weg hinein. Die ironische Freundlichkeit des leeren Himmelblaus leugnet das Gemütliche meines Bettes und ich blinzel mit den Augen und der Sand meiner Wimpern rieselt auf mein steifes Kopfkissen. In einer Tabakpfeife ist ein winziger Graskrümel so intensiv wie ein halber, freundlicher Wasserpfeifenkopf und getrübt von meinem Charakter, getrübt von den Schlägen der Zeit auf mein Rückgrat schaue ich in die Mittagssonne, bis der Gedanke, dass jede Eigenschaft eine Fessel ist, finstere Pläne schmiedet. Ich gehe etwas spazieren, aber etwas will unspaziert bleiben. Man sollte ja nur rausgehen, wenn man sich eingestehen kann, dass es nichts gibt, das man zustande bringen könnte.
Zwei Stunden öffentlich-rechtliches Kulturradio hören und in den Tag dämmern. Unbeeinflusst von Substanzen wie Koffein oder THC oder Alkohol; keine Bewegung, außer von einer auf die andere Seite drehen; kräftiges Gähnen macht feuchte Augen: ich bin der freundlichste Mensch weit und breit. Ich verwirkliche mich als mündiger Bürger, wenn ich mir überlege, welche Funktion ich in diesem Staat übernehmen will; ich spüre einen Ehrgeiz in mir, aber ich weiß nicht, worauf er sich richten will. Hilflos und ruhig räkel ich mich von einer Minute in die nächste. Auf dieser Basis kann man den Tag beginnen lassen. Der tägliche Liter Mate gibt mir genügend Größenwahn, um mich vier oder fünf Stunden am Stück mit meinen Texten zu befassen. Meist bringe ich Dinge in Form, die ich in der Nacht zuvor aus den Posaunen meiner Schamlosigkeit geblasen habe. Beim Arbeiten höre ich keine Musik, bloß Regenplätschern von mynoise.net, um die Autos zu blockieren, die wenige Meter vor dem Fenster ihre Endlosschleifen ziehen und mich schneller altern lassen wollen. Ich verdanke dem Betreiber der von mynoise.net mehr als nur Seelenfrieden. Jeden Tag berauscht mich das Schreiben, oft halte ich mein Glück nicht aus, das mir mein Buch gibt, oft hat mein Arbeiten jede Selbstverständlichkeit verloren. Sobald ich länger als fünf Minuten an einer Stelle hänge - und das passiert jeden Tag-, breche ich ab, setz mich auf's Fahrrad und mach mich ohne Ziele und Erwartungen in der Innenstadt breit, treffe Freunde, verfange mich in deren Leben, wir stehen gemeinsam Banalitäten und Hoffnungen durch, planen Konzerte und trauen uns nicht, über bestimmte Dinge zu reden und zu schweigen.
Es sind einfache Zeiten für uns, gerade weil die Schmerzen so einfach sind und die Angst vor einer unvorstellbaren Katastrophe so plausibel sein will. In unseren apokalyptischen Zeiten braucht es eine angemessen apokalyptische Ästhetik. Gerade jetzt auf der Seite der Armen, der Entrechteten, der Misshandelten, der Exekutierten zu stehen, gerade jetzt das Gute und Schöne und Zarte und Freundliche pflanzen in den unwirtlichen Schrottplatz unserer Träume. Universelle Menschenrechte sind etwas Schönes, etwas Poetisches. Jede neue Generation muss ihre Rechte verteidigen gegen Rechte der Alten. Es ist schön, dass nicht jedem Menschenrechte und Tierrechte und Umweltrechte egal sind. Wer die Welt freundlicher, entspannter, lieblicher machen will, ist grundsätzlich sympathischer, liebenswerter, unterstützenswerter als die im gleichen Takt atmenden und fressenden Lahmärsche, die nur einen einfachen Platz in der Legebatterie wollen, solche wie meine verblödeten Eltern, die das Hoffen auf und Arbeiten für eine bessere Welt immer nur lächerlich machten und sogar in Wut gerieten über sentimentale, optimistische Besserwisser im Fernsehen oder am Abendbrottisch. Nur wer nicht depressiv ist, kann sich eine schönere Welt vorstellen. Die Depression ist unbedingt zu vermeiden! Ein bisschen Gewalt ist akzeptabel, nur ein bisschen.
Wer nicht an seine Hoffnung glaubt, ist Knecht seiner Realität. - Der Hass auf meine Mutter und die Abscheu vor meinem Stiefvater steigern sich manchmal derart, dass ich meine Ahnung, wer ich bin, ganz und gar verliere. Manchmal reicht ein Kuss eines Freundes, um mich wieder zu beruhigen. Ohne meine Freunde wäre ich nichts. Wir sitzen gern herum und schauen uns den Himmel an, stehen Leuten im Weg oder kommen uns lächerlich vor oder haben keine Ahnung, wie es weitergeht. So vieles lohnt sich nicht zu erzählen.
Gekettet an den Beton der Melancholie, von steriler Frische der Ausweglosigkeit umweht, biete ich der Zeit und der Menschheit die Stirn. Wann holt mich die schwarze Angst nach hause?
Berauscht, aber ohne Inspiration, nährt die Leere meiner Freiheit die expandierende Ekstase meiner Abwesenheit und hinterlässt blasse Funken wie diesen.
Die Schreibmaschine meiner Angst presst meine Abstumpfungserscheinungen zu Schwarzpulver zusammen.
NEUE ALPTRÄUME. INPUT! WO BLEIBT MEIN NEUER INPUT? Konzeptkonzeptkonzept! nirgends bleibt mein Konzept. - Ich kann nur aus meiner Selbstzerfälligkeit ein Kloster machen, in dem es nur Platz für mich und ein paar Besucher gibt - und jeden Sonntag werden wir ein Festival auf dem Marktplatz veranstalten, das die Uferlosigkeit der nächsten Jahre fundieren soll für alle, die weder ein Boot noch ein Meer noch ein Ufer wahrhaben wollen.
Halsüberkopf in die sterile Fülle sämtlicher Möglichkeiten. Bruchlandungen ohne Folgen. Keine Geschichten mehr! Garstige Kinder. Wir sind erst authentisch, wenn wir den Boden unter den Füßen verloren haben, so als würde Bodenhaftung uns nur erinnern an die Unbestechlichkeit des Friedhofs, wo uns immer das letzte Urteil gesprochen wird.
Wir müssen unsere Gesichter neu erfinden und abfotografieren und in die Welt halten und sagen, was wir können wollen und wollen können; erstmal die Fresse weit aufreißen und durchdrehen. Ich komme mir vor wie in einer MDR- Nachmittags-Casting-Show auf weichen Sofas, auf denen es darum geht, Leute für einen Verlag zu finden. Ich müsse mich von meiner besten Seite zeigen, haben sie mir geraten. Ratschläge in die Magengrube. Meine Wörter zu einem grauen, zähen, klebrigen Brei zusammenkauend, stehe ich mit beiden Beinen im Leben und erkläre all mein Hoffen und Zittern für ungültig. Alles ist so wunderbar ärgerlich! Ich habe keinerlei konkrete Vorstellungen von irgendwas. Ich bin ein freundliches, geschlechtsloses Wesen, das in sich selbst feststeckt wie in einem Film ohne Handlung. In welchem Film willst du sitzen?
Wie können wir Leuten, die nicht glücklich sind, nicht zugestehen, ihr Leben, ihr Bewusstsein, ihre Zukunft zu verändern wie die Einrichtungsgegenstände in ihren Wohnungen, wie ihre Freunde, wie ihre Youtube-Playlisten? Meine solidarischen Grüße an alle, die rufen: "Wo bekomme ich genug Wahnsinn her, der meine Scham und Zweifel ersticken kann? Ich will sie zappeln und ganz langsam sterben sehen. Ihnen vielleicht zwischendurch bisschen Hoffnung geben, sie könnten doch entkommen, aber nein nein, ihr bleibt hier und sterbt weiter!" - Vielleicht ist man es seiner Jugend schuldig, dass man sich mit Optimismus besäuft, vielleicht werde ich immer verklemmt bleiben. Ich muss mit irgendwas verschmelzen, bevor ich mit nichts mehr kompatibel bin.
In der Einsamkeit fangen die inneren Leitlinien zu funkeln an.
Autismus oder Epilepsie: die zwei reizvollsten Möglichkeiten, das Leben abzu- runden. Ich befinde mich in einem bunten, lauten, heruntergekommen Haus voller Alkoholiker, Kommunisten, Hacker, illegaler Asylanten, Free-Jazzer, Trödel- händler und Waisenkinder. Meine Funktion hier ist mir noch nicht klar und vorerst bin ich absolut nichtig, aber wenn ich es schaffe, mit anderen Menschen echten Kontakt aufzunehmen und echte, langlebige Sachen zu machen, wenn ich mich entspannt gehen lasse, bloß nicht verkrampfe, wenn ich heiter und skeptisch und neugierig bleibe, dann erst werde ich meine Nichtigkeit ertragen können und dann behaupte ich: "Eigentlich ist alles ganz wunderbar: ich bin frei und genieße das Leben manisch wie depressiv: die Niedergeschlagenheit erdet die Maschine, die die Manie erzeugt: ich meine das Gehirn. Leeres Herumhängen, hermetische
Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, lange Schmerzen, schillernde Langeweile, schillernde Todesangst und noch Mordlust und Suizidphantasien kühlen dich ab, damit du an deiner Kreativität, deiner Liebe, deinem Tätigkeitsrausch, deinem Fanatismus, deinem Optimismus nicht zu Grunde gehst. Kaffeesüchtige Schmetterlinge, schwule Außerirdische, kleptomanische Engel, arbeitslose Geheimagenten, peinliche Bettnässer, HIV-positive, transsexuelle Stubenhocker, cannabissüchtige Apokalyptiker, alle sind vernetzt, aktiv, kreativ, alle leuchten, zittern, warten auf den Startschuss. Alle rücken immer näher zusammen, eine ungeheure Spannung baut sich auf. Unser Haus ist eine Drüse, die Hormone in die Stadt abgibt und plötzlich erfahren wir von einem Terroranschlag in Berlin, bei dem ersten Schätzungen zufolge über 20.000 Menschen ums Leben gekommen sind. Eine Bombe im Fußballstadion. Die Rechtsradikalen werden schon heute Abend ihren Einzug in den Bundestag feiern, vielleicht überholen sie die Sozialdemokraten. Unter meinem Spülbecken ein warmer, dunkler Sumpf, blau-leuchtende Libellen und entspannt den Feierabend genießende Mücken, die Sonne geht mit schiefem Grinsen hinter einer Bierflasche unter, sie wünscht mir eine gute Nacht, ich lieg auf dem Rücken und zähle die grünen, tropfenden Flecken an der Decke wie Sterne, und eine rote Spinne flitzt über meine Stirn, ich gähne und will mir einen Kaffee machen und dann den weichen, warmen Filter in den warmen, dampfenden Sumpf unter meinem Spülbecken schmeißen. Ich öffne das Fenster und der violette, nach Regen, Sommerwald und Schweiß riechende Morgen strömt durch mein Zimmer, in meine Lungen und ich fühle mich belohnt für eine Tat die ich erst noch vollbringen werde. Von zärtlichen Klagen tieftrauriger Jungs emporgerissen aus meiner mittsommerlichen Gleichgültigkeit unter schattigen Bäumen zur Morgendämmerung, könnt Ihr Euch auf mich verlassen, ich liebe Euch! Ihr seid meine allerbesten Freunde... Manchmal denken wir über Politik nach und wundern uns darüber, dass die Bundeskanzlerin so eine alte, steife, uninteressante Persönlichkeit ist. Die unerträgliche Banalität ihrer Macht lässt uns wünschen, dass es faszinierende, kreative, vitale Lobbybestien gibt, die im Hintergrund die Fäden der Politik in der Hand haben. Der Nachrichtenmann im Fernsehen macht ein sachliches Gesicht, das als zuversichtlich fehlinterpretiert werden will. Es will mir vormachen, dass es meiner Paranoia gleichgültig bis verächtlich gegenübersteht. Auf dem Markt kaufe ich die rotesten Tomaten und die größten Auberginen und die weichsten Bananen und die süßesten Trauben und die gesündesten Säfte und eine pinke, nuttige Perücke und ein hässliches, rotes Kleid und einen teuren Schnaps aus dem vorigen Jahrhundert, um genau zu sein von 1995, dem Jahr in dem mein Großvater starb. Ich hab Lust, zum nächsten Open Mike ins Retronom zu gehen und mich aufgetakelt als trashige Transe mit den Jungs zu battlen, diesen heterosexuellen, lahmarschigen, süßen Pseudo-Matchos. Ich mag es dort. Ich möchte den ganzen Laden zerlegen mit meinen zerschmolzenen Kampfschlagern von Liebe und Schmerz. Ich verteile rostige Nägel an ein besoffenes Publikum, ich schwitze meine Verachtung sämtlicher Verhältnisse in meinen ekligen Fummel. "Maria ritzt sich wieder ihre verdammte Zuversicht auf, und Daniel fickt ein Loch
in seine Gleichgültigkeit, der Mann gegenüber ernährt sich nur von Nostalgie, seine Frau schmiert sich fleißig Intensität in die Fresse - wenn es Frühling wird in Erfurt Nord." Ich werde langsam richtig betrunken und verfluche meine Entscheidung und sehne mich nach einem entspannten Nachmittag mit meinen Jungs im Park. Ich habe das Gefühl, in Erfurt alles bekommen zu können, was ich will. Ich bring das Lied zu Ende und stolpere dann übertrieben gekünstelt aus dem Lokal. Kunst kommt von wollen. Ich verschwinde in meinem Bett in dem Wissen, nichts mehr als ein Möchtegern zu sein, ein weicher, stolzer Möchtesehrgern. Wieviel Zufriedenheit halte ich aus? Wieviel Gegenwart kann ich behaupten? Der Gedanke, morgen jemand anders zu sein, macht dass ich kurz vor meinem 30. Geburtstag nicht älter als 20 aussehe. Ich gehöre glücklicherweise zu den am wenigsten respektierten Menschen in Europa, fröhlich arm und fröhlich nutzlos, wissend dass ich meine Wohnung und meinen Verstand nicht verlieren kann, obwohl es Viele geschafft haben. Ich bin dankbar für die Freiheit, die man mir gibt. Ich persönlich habe keinen Grund, dem Staat etwas übel zu nehmen: die Institutionen tragen mich in kalten, weichen Tüchern. Ein Arsenal an Freunden, Therapeuten, Sozialarbeitern, Sachverständigen, Notaren, Sonderbeauftragten stehen dem Deutschen in mir zur Verfügung, um durchzuatmen und also will ich mein Rezept gegen alles predigen: Gemütlichkeit, Freundlichkeit, euphorische Schwammigkeit. Fröhliche, schiefe, leichtfüßige Ernsthaftigkeit, ein kleines, sicheres Zimmer, begehbare Musik verteilt im Labyrinth der Straßen und Hoffnungen, gute Freunde und ein paar nette Worte gegen die allgemeine Ungewissheit, ein paar weiche Weisheiten und harte Stimulanzen gegen Trägheit und Pessimismus, dumme Verwicklungen und hässliche Situationen. Petra wollte mir dann einen Wein runterbringen und wahrscheinlich über ihren Selbstmordversuch von letzter Woche reden. Ich höre es mir gern an, aber ich hoffe, sie erwartet nicht allzu viel Pietät von mir, was nicht heißen soll, dass ich so sonderlich cool wäre: ich kenne mich mit dem Tod einfach überhaupt nicht aus. Ich stelle mir vor, wie ich sie in der Badewanne mit aufgeschlitzten Pulsadern finde und sie sagt: "Lass mich bitte sterben.", während sie ansetzt, um sich einen weiteren Schnitt zu verpassen, ganz auf meinen Gesichtsausdruck konzentriert. "Sag mir einen Grund, auf dieser beschissenen Welt zu bleiben!" und ich bin nicht froh, dass sie genau auf mein Gesicht aufpasst. Im grünen Neonlicht des Badezimmers grinst ihres teuflisch, so spontan würden mir da jetzt gar keine Gründe einfallen, Petra. Herrje, wenn es drauf ankommen würde, hätte ich keine Argumente parat, die sie vom Selbstmord abhalten könnten. Ich bin irgendwie froh, dass mich meine Unsicherheit verwirrt - ich versteife mich grinsend wie ein dummes Engelchen in die Behauptung, dass Verwirrung die einzige Peinlichkeit ist, die nicht peinlich ist. Ok, nichts Unüberlegtes tun: will sie wirklich sterben? Werde ich ihren Tod verkraften? Was ist wahrscheinlicher? Wer ist das in mir, der da ein Urteil sprechen will? Wer möchte ich sein?
Ohne meine Fähigkeit zu lügen käme ich mir behindert vor. Ich hoffe, die Pizza ist nicht angebrannt, hat der Kater der Mitbewohnerin schon Futter bekommen? Er hat wirklich den FBI-Chef gefeuert? Kannst du mir trotzdem helfen, einen Refrain für mein Lied zu finden? Ich weiß, ich bin kein Opfer, ich habe keinen Grund zu klagen, ich bin sehr gut mit mir befreundet, ich hab etwas vor mit mir und verdiene ein Küsschen von dir und dir und dir. Alles, wirklich alles muss erlaubt sein, das mir Erfurt vom Hals hält, dieses graue, gelangweilte Gespenst, das meine Knochen schwer und meine Gedanken transparent machen will. Ich sehe meiner unmittelbaren Auflösung entgegen, ich stürze mit weit aufgerissenen Augen und müdem Grinsen aus Eurer Gemeinschaft und Erfurt verwandelt sich vor meinen Augen in das Dorf, das es ist, das lieblose, langweilige Erfurt. Ich spüre, wie mich die Tapete in meinem Zimmer genau so deprimiert wie die grauen Straßen und der blaue Himmel und all die nützlichen Gegenstände ringsherum, die mir suggerieren, dass ich jemand bin und ein Ziel habe; all die Gegenstände in meinem Zimmer sollen mir behilflich sein und lenken mich in eine bestimmte Richtung, definieren meine Möglichkeiten und damit wer ich bin, so wie die Häuserfassaden, wie die Gesichter auf den Straßen von Erfurt, wie der Sound in den Straßen von Erfurt, der Geruch von Entsolidarisierung und Bratwurst. Wenn ich nicht schreiben und musizieren würde, wäre ich schon längst zu dieser Garage geworden, in der ich sitzen und atmen soll. Meine Mitbewohner riechen alle nach Erfurt. Diese WG ist ein genaues Modell von Erfurt. Die Gesichter der Menschen auf den Straßen und in Supermärkten sehen so aus, als würden sie gezwungen sein, den Rest ihres Lebens in unserer WG zu wohnen. Niemand traut sich auszusprechen, was das Leben in dieser Stadt schöner machen würde: mehr Gemüsemärkte, fröhliche Kinder, bunte Sandsteinhäuser, und keine Autos, kein Plastik mehr, dafür wilde Parks, vielfältige Straßenmusik, gemütliche, öffentliche Wohnzimmer, freie Universitäten, freie Medien, freie Kunst. - Ein gemütlicher Staat, eine liebevolle Bürokratie, glühende, schlaflose, unendliche Netzwerke, hach! Erfurt lässt Gedanken und Gefühle schrumpfen, Erfurt macht faul und aggressiv, wenn man nicht größenwahnsinnig oder verliebt ist. Alles ist wirklich nur von der Hintergrundmusik abhängig. Erfurt braucht neue Hintergrundmusik. Irgendwas muss übertrieben werden. Europa bereitet sich auf eine große Depression vor, deren wütendste, kälteste Vorboten die Rechtspopulisten und Neofaschisten sind, deren giftige, leuchtende Blumen den tristen, phantasielosen Garten der Demokratie und Menschenrechte dekorieren wie das Lächeln eines Metzgers über die Hölle der Massentierhaltung hinwegtäuscht. Der Mangel der Linken ist immer der gewesen, dass sie keine Typen hervorgebracht hat, mit denen man sein Brot teilen würde. Entweder sie waren zu elitär für die Armen und zu intellektuell für die Überforderten und zu pathetisch für die Erloschenen, oder sie waren zu bürgerlich, zu marktliberal, zu mittelmäßig. Der Mangel vieler Linksgrüner meines Alters ist ebenfalls, dass sie nicht so
wirken, als würde man gern mit ihnen das Zimmer oder das Müsli teilen. Entweder sind sie zu verlottert, zynisch, selbstbezogen, besserwisserisch, oder zu steif, zu spießig, zu lustlos und aalglatt. Ein ehemaliger Mitbewohner von mir verkörpert alles Schlechte an linker Utopie. Wie konnte ich ihm meinen Verstärker überlassen? Ich will, dass es mein Gegenstand bleibt! Wie dreist er schon in mein Zimmer kam, den Amp gesehen und gesagt hat: "Den will ich auch ausprobieren..." und schon gehört er ihm. Ich hab ihn verloren. Er ist kontaminiert. Lohnt es sich, ihn zurückzuholen? Ich darf mich nicht reinsteigern, sonst laufe ich Gefahr, mich in etwas zu verwandeln, das nie wieder ansprechbar ist von meinen besten Freunden. Ich muss mich konzentrieren auf mein Schreiben, das ich mit meinem Atem synchronisieren will. Das Licht ist hell und wird langsam schlechter. Das Nonverbale, das Einseitige will Kontrolle über mich, will mich aus der Balance kippen, in der mich die Ambivalenz hält. Ich möchte mich einsperren und nur für wenige Freunde erreichbar sein. Mein Mitbewohner gehört nicht zu meiner Familie. Ich muss - solang ich hier wohne - Frieden stiften, gleichwohl hasse ich es, ihm Dinge zu erlauben, die ich ihm nicht erlauben will. Ich möchte mich gut stellen, er darf nichts von meinem Ekel wissen, von meiner Verachtung. Er denkt, ich bin ein lieber Junge, er denkt wir sind Freunde. Er weiß nicht, wer ich bin. Ich bin so aufgepeitscht von dem Licht und der Musik, ich denke daran ihn zu töten und denke nicht daran. Es wird alles scheitern an meiner Unfähigkeit, gelassen mit Leuten umzugehen, für die ich nichts Positives empfinde. . Ich muss mich diplomatisch verhalten. In meiner Manie bin ich so sensibel, dass ich es kaum bei mir aushalte. Ich sehe überall gleichermaßen einen Grund, glücklich und entsetzt zu sein. Die Energie, die mein Körper in dieser Manie verbraucht, ist irgendwann leer. Ich muss auf etwas Schlimmes gefasst sein. Ich werde mir sagen müssen: das ist nicht wirklich schlimm.
Ich stelle fest, dass ich klare Leitlinien und gemütliche Menschen und viel private, intime Sicherheit und Verlässlichkeit brauche, wenn ich manisch bin, sonst droht alles überzuglühen und mich aus Bahnen zu werfen, die mir im Grunde ganz gut tun. Wenn ich meinen Ekel mit demonstrierter Freundlichkeit in die Schranken weise, ist das auch gut. Ich rufe also allen Einsamen und Gedrückten und Empfindlichen und Verlorenen zu: organisiert Euch, schließt gleich nach dem Aufstehen Eure Einsamkeiten in Reihe, bildet ein solidarisches Netzwerk bis mittags, kombiniert Eure Sensibilitäten miteinander, plüscht Eure Entbehrungen, erleuchtet mit Euren subtropischen Augen alle Auswege aus allen Krisen, kuschelt Euch abends in Eurem ewigen Baumhaus in Ausgangsposition für das letzte Jahrzehnt Eurer Jugend. Ihr gehört zu den amorphen, oppositionellen Kräften, die diesem Staat nicht verloren gehen dürfen. Tut was auch immer, um bei Laune zu bleiben, um Euch selbst zu lieben oder wenigstens anzuerkennen als die wunderbar seltsame Masse Lebendigkeit, als die Ihr in die Geschichte eingehen werdet. Beendet den Tag heiter und gemütlich, Ihr seid alt genug, um darauf vertrauen zu dürfen, dass sich
der Rest irgendwie ergeben wird. Ihr seid nicht auf Glück angewiesen: es reicht völlig, nicht die Nerven zu verlieren, um aus Eurem Leben das Größtmögliche zu machen. Warum kann man die Welt nicht wie ein Hotel verwalten? Warum gehen so wenig Putzfrauen in die Politik? Warum werden gemütliche Grundschullehrer nicht gemütliche Diktatoren? Wollen Sie sich nicht mal ein paar Jahre um einen Garten kümmern? Neue Freundeskreise erschließen? Die Menschheit soll Ihnen offen stehen, es soll Ihnen an nichts fehlen. Ich bewerte einen Mensch daran, was er in einer Welt wäre, in der es nichts zu tun gäbe. Denken Sie mal an jemanden, den Sie sehr mögen. Und jetzt stellen Sie sich vor, welche Eigenschaften dieser hätte in einer Welt, in der sein Beruf, den er ausübt, einfach nicht mehr ausgeübt werden muss. Können wir jemanden auch mögen, der den ganzen Tag nichts tut? Schade, dass die verdammten Konservativen keine bessere Musik hören! Politik sollen Wissenschaftler und Künstler und keine Anwälte oder Betriebswirte bestimmen. Es geht nicht darum, vernünftig und wohlhabend, sondern sensibel und vernetzt zu sein. Für lokale Probleme gibt es globale Lösungen, deshalb ist das Internet die Zukunft und Björn Höcke ein Esel: zeigen wir ihm und all den Schafen, die ihm zuhören und ihn feiern, dass wir Recht haben und laden sie, wenn wir fertig sind mit der Arbeit, zu unserem Siegesfest ein. Integrieren wir unsere Feinde in unsere Feste! Wirklich bei uns sind wir in Trance, im Rausch, im Multikulti- Wahn. Jede Irrfahrt ist lebenswerter als die heile Welt im stillen Getriebe. Soll dein Leben in Schwung kommen? Dann bring es aus dem Gleichgewicht, schieß dir mit Lachgas ein Loch ins Gesicht und mal schwarze Kreise an die Mauern der Stadt. Selbstzerstörung ist der Weg aus unverschuldeter Entmündigung. Die Zügel wieder in die Hand nehmen, bedeutet: zu lachen, wenn alles schwankt, wenn alles suppt. Manche werden, während sie nüchtern, das heißt bar jeder Illusion, bar jeder Freude, bar jeder existentiellen Not, betrachten, wie leer und völlig unbedeutend ihr Alltag ist, das Drehen und Kreisen um die selben, langweiligen, unnötigen Probleme als Kraftverschwendung, Zeitverschwendung ansehen lernen; all die Möglichkeiten, die verloren gehen, wenn man sich seiner sicher ist! Man fügt sich in die Zukunft, die der Staat vorgesehen hat, ohne Zappeln ein. Ich habe erkannt, wie ekelhaft es ist, von anderen Menschen irgendwas geboten bekommen zu wollen. Ich stehe im Trenchcoat im Wohnzimmer und schaue mit feurigen Augen nach draußen, auf den Marktplatz, der sich vor meiner Wohnung befindet und spreche in mein Funkgerät: "All die Verloren, die zu weich, zu dumm sind, um sich erniedrigt zu fühlen von der Hoffnung, akzeptiert und unterstützt zu werden, will ich etwas sagen: Je eher man lernt, allein zu leben, desto besser." Ich ziehe die Vorhänge zu, setze mich auf meine Matratze und esse eine Kleinigkeit, damit mein Magenknurren mir meine Nichtigkeit nicht länger verdirbt.
Die Intensität des Lebens kann panisch machen, wenn es keinen Grund gibt, mit ihr etwas anzufangen. Die Wohnung macht seltsame Geräusche und manchmal glaub ich, es hat geklopft. Der Gedanke, dass gleich jemand im Türrahmen steht, den ich nicht kenne und der Augen hat, die mir etwas sagen sollen. Ein sehr schwüler Aprilabend. Meine Asexualität grenzt an Todes-Obsession. Mein Gehirn schiebt Leben und Leere beiseite. Ich habe Lust mir eine Verletzung anzutun, die mein Leben in eine ernste Angelegenheit verwandelt. Ich bin dem Zerspringen so nah und fern wie einer absoluten Selbsterkenntnis: die Zersetzung des Ichgefühls wollen und den Verlust der Selbstkontrolle fürchten. Zwischen meinen Möglichkeiten herumsitzen und Zeit vertrödeln. Panisches Nichtstun. Ekstatische Langeweile. Nordkorea zielt mit Atomraketen auf Amerika, religiöse Fanatiker morden sich durch die Wüste bis an unsere Haustür ran, jeder glaubt was, jeder hofft was. An jedem Menschen interessiert mich der Punkt, ab dem er sämtliche Ideale aufgeben und etwas Schreckliches tun würde. Diese Gereiztheit nach einer durchwachten, alkoholisierten Nacht unter Menschen ist wunderbar. Ich liebe an extremen Stimmungen, dass ich sie nicht anzweifeln kann. Wenn ein Mord endlich genau so infrage kommt wie ein echter Kuss.
Entscheide dich so langsam wie möglich und sei zu den Leuten freundlicher als sie es verdient haben und du kommst gut durch Ilversgehofen, wenn der Regen kalt und fröhlich die Stadt reinigt vom Gestank rücksichtsloser Nörgler, und die Säufer, die sich nirgends zu Hause fühlen, fragen sich in dunklen Ecken und von Langeweile und Desinteresse ausgehöhlt, was sie falsch gemacht haben und bis zum Ende der Kornflasche haben sie dieser Frage jeder Dringlichkeit beraubt, damit ihr Gehirn glühen kann in dumpfer Wonne, so als wäre das der letzte Tag ihres Lebens: mit etwas Glück haben sie alles bald hinter sich. Ich sehe in ihren feindseligen Augen, dass sie sich dafür schämen, am Leben bleiben zu wollen: sie wissen, dass niemand ihnen ihr Leben gönnt: sie wissen, dass sie nur geduldet werden. Würden sie sich nur mit Cannabis oder Kaffee berauschen, könnten sie stolz auf ihre Nichtigkeit sein, könnten sie die Erwartungen, die der Staat gut begründet an sie stellt, mit einem weichen Lächeln zerstören: während Alkohol bloß ihre Hemmungen abbaut, Frust abzulassen und wenn sie niemanden finden, der sich von ihrem Frust treffen lassen will, verlieren sie jede Hoffnung und versuchen noch ihren Frust kaputtzutrinken. Zum Leidwesen aller ist ihr Frust derart mit ihrem Körper verwachsen, dass sie sich erst vollständig ruinieren müssen, bis auch der Frust nicht mehr spürbar ist. Alkohol ist eine nihilistische Droge und eine Gesellschaft, für die Alkohol eine Selbstverständlichkeit ist, kann niemals eine solidarische, freundliche, saubere, gemütliche Gesellschaft sein. Ich versuche Alkoholiker als Kranke zu bemitleiden, aber oft überkommt mich nur ein dummes Ekelgefühl, das mich erniedrigt und verkrampft. Ich weiß, es sind nur armselige Opfer der Gesellschaft, jämmerliche Zurückgebliebene, kaputtgemachte Lahmärsche, dummgehaltene Trauerklöße: ich werde niemals ein Gefühl für ihr Leid haben, ich werde nie begreifen, was es heißt, derart heruntergekommen zu
sein. Während mich die Sackgasse, in der sie stecken, an die Sackgasse erinnert , in der meine wohlhabenden, von Arbeit, Bier und Fernsehen abhängige Eltern stecken, keimt in mir der zartegrüne Wunsch, einen Säufer mit einem Schnaps- Butandiol-Cocktail zu töten: "Hier, Chef! Trinkst du was mit mir?" In meiner Flasche ist natürlich nur Wasser. In fünf Minuten müsste er taumelig werden, in fünf weiteren Minuten in Ohnmacht fallen und dann ist es nicht mehr lang, bis sein Atem still steht und mir wird ganz warm in der Brust und mein Gesicht fängt an, violett zu schimmern und zu vibrieren, ich habe Lust mir in die Hosen zu pissen. Nach fast zehn Jahren in der Stadt bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass man, wenn man kein Opfer der Stadt werden will, der Stadt etwas antun muss. Meine Graffiti-und-Edding-Tags reichen mir nicht mehr aus. Ich schaue in der Mediathek vom 3sat eine Scobel-Sendung über die Verrohung der Gesellschaft. Kulturfernsehen erhöht deutlich die Lebensqualität. Arte und 3sat gehören zu meinem täglichen Leben, sie sind die Grundsäulen eines gelebten Europagefühls. Kulturfernsehen ist ein Antidepressivum für Abiturienten. Solche Esel wie meine Eltern können von sowas nicht profitieren. Angesichts der spürbaren Verrohung der Gesellschaft werden mir die langweiligen, christlichen Ideale sympathischer und mein Pathos vom rauen, insomnisch aufgepeitschten Taugenichts unsympathischer. Es muss doch etwas geben, woran jeder sich anlehnen kann, etwas dem jeder vertrauen kann. Der Professor dessen Gesicht dem eines Raben ähnelt: "Ich träume von einem Europäischen Selbstbewusstsein, einen Patriotismus, den man lebt, sobald man glücklich ist in einer freien, offenen Gesellschaft die für jeden da ist." Plötzlich bin ich im hier und jetzt und werde mir der Reichweite meiner Meditationen bewusst: in diesem träumerischen, stürmischen Sommer, während Europa spürbar kälter wird, denn mit der Globalisierung globalisieren sich auch die Probleme, das haben die Wirtschaftsweisen und Börsen-Piraten und Christdemokraten nie bedacht: in der Welt sind, als sie zum Dorf wurde, alle Grenzen zwischen heiler Welt und grausamer Welt verschwunden, alles, was auf der Welt gescheiht, geschieht uns allen, jeder Terroranschlag geschieht uns, jede Hinrichtung geschieht uns, jeder Drogentote, jedes Vergewaltigungsopfer, jeder Bürgermeisterskandal, jeder Wahlbetrug und jeder erschossene schwarze Teenager. Alles, was Menschen einander zufügen, fügen sie allen Menschen zu. Die gesamte Menschheit kann sich erst mit sich selbst beschäftigen, wenn eine Disziplin wie im Seminarraum einer Englischen Eliteuniversität herrscht: das nenne ich Weltfrieden, und bevor der nicht hergestellt ist, müssen wir nicht weiter über mein politisches Engagement reden. Meine Mittel sind begrenzt: ich kann Reden halten und Dinge tragen, und am liebsten schreibe ich, um von meinem Ich loszukommen und mich dissoziierend zu reinigen. Man kann sagen, ich möchte mich für Europa frisch machen. Europa ist für mich erstmal noch ein Gerücht, bevor ich es nicht mal zum Dinner eingeladen hab. Und solang ich in meiner Thüringischen Feigheit vor dem Müßiggang und der Lustwandlerei und Herumschmiererei verharre, kann ich kein Gefühl für das Europa bekommen, zu dem ich uns eines Tages aufraffen will und für dass ich in diesem schönen, wilden Sommer langsam ein Gefühl ertaumel, wenn ich planlos durch Erfurt laufe und die strahlenden Südländer grüße, die es sich auf dem dreckigen, kahlen, feindseligen Anger gemütlich machen, mir Broccoli und
eine Mate kaufe und versuche mich allgemein zurückzunehmen und mich völlig frei von meinen üblichen, aus Angst vor Peinlichkeit entwickelten Handlungsmustern zu machen: Peinlichkeit ist nichts Schlimmes, wenn man bedenkt, wie absurd schwer sich der Mensch das Leben mit seiner Angst vor Peinlichkeit macht. Der Mensch kann nicht aufhören mit all dem erlernten Blödsinn, weil er sich selbst nicht loswerden kann. Viele Menschen wissen, dass sie bösartige, feige, hilflose Idioten sind, aber sie können sich nicht loswerden, ihre Dummheit und Aggressivität und Gier sind fest mit ihrem Körper verwachsen und ich bau mit dem Fahrrad einen Unfall und hau mir einen Schneidezahn raus. Wenn Sie wissen wollen, warum ich nicht schlafen kann, muss ich mich in das immergleiche, verrotzte, unsympathische Husten meines Mitbewohners reinsteigern, diese faustgrobe Unverschämtheit, diese immergleiche, kurze Husten- Melodie. Ich stelle mir genau das dümmliche, beleidigte, jämmerlich hilflose Gesicht vor, das sie hervorbringt. Dass er sich nicht langweilt! Dass er sich nicht vorstellen kann, Andere damit aggressiv zu machen. Ich finde es so ekelhaft, darüber zu schreiben. wein erster Impuls, wenn ich ihn husten höre: "Töte ihn." Ich bin so gereizt, ich kann nicht richtig schreiben, alles kommt mir gewollt und unrein vor, dieses Husten greift mich an einer sehr empfindlichen Stelle an, ich fange an, mich maßlos über Tippfehler aufzuregen, ich finde es grässlich, dass ich so wirke, als wollte ich mich als jemand darstellen, der ein potentieller Mörder ist, sich aber im Griff hat, weil er solche halbfertigen, groben, nach Aufmerksamkeit gierenden Sätze in aufdringlichen Farben in sein Tagebuch schreibt. Ich ärgere mich, dass ich so verärgert über dieses Husten meines Mitbewohners bin, stelle mir vor, dass er selbst genervt von dieser Erkältung ist, aber er tut eben nichts dagegen. So wie ich nichts gegen meine Gereiztheit tue. Ich bin genau so ein nervtötender Idiot wie mein Mitbewohner. Ich dulde mein lebloses, uninspiriertes, kahles, mittelmäßig unordentliches Zimmer, ich dulde meine deprimierende Misanthropie, ich dulde mein planloses, arrogantes Getue auf Arbeit, meine von Worten und Neurotransmittern in die Irre gepeitschte Schwammigkeit, meine unbequeme Liegeposition: schräg vor dem Laptop liegend, wie ein körperlich Behinderter, der alle paar Stunden von Pflegepersonal gewendet werden müsste, um nicht wund zu liegen. Wenn man mit Leuten, mit denen man nichts tu tun hat, herumhängt und nichts zu tun hat, entsteht der Wunsch, sich von den Anderen zu isolieren. Beim Schreiben darf ich nicht vergessen, niemals an die Wand zu kloppen, wenn dieses fette, schwitzende, haarende Tier die Ambientmusik auf Soma.fm mit seinem schleimigen Hustenböllern perforiert. Ich habe es lang genug ausgehalten, glücklicherweise kann ich immer spazieren gehen. Größtes Glück, wenn man niemals Situationen ausgeliefert ist. Ich spüre, wie meine Mutter mir Recht gibt und ich fange an, mich wieder zu hassen, dafür, dass ich immer noch eine Verbindung zu meinen Eltern habe. Sie gehören nicht mehr dazu, aber sind immer noch so präsent. Ich jage blind im Kreis nach dreieckigen Fischen - so geht es nicht weiter! Ich zünde mir eine Pfeife an und geh endlich raus. Ich darf mich
keinesfalls bestraft fühlen, sonst werde ich noch richtig bockig. Ich reagiere immer noch auf vieles so, als würden meine bescheuerten Eltern mir damit etwas sagen. Scheinbar gefalle ich mir in der Opferrolle. "Die Anderen sind zu stark", so belügt und erniedrigt mich die Erinnerung an das Gesicht und die Stimme und die zwiebelnde Ohrfeige meiner Mutter. Weil ich nichts konkretes zu tun habe, muss mein Gehirn Kleinigkeiten aufplustern, um überhaupt noch etwas Leben zu spüren. Vielleicht habe ich bald den selben Körpergeruch wie meine Mitbewohner, vielleicht überkommt mich bald die jämmerliche Dümmlichkeit eines Ronny, der stolpert und alles vollkotzt und sich einfach nicht zu helfen weiß: er lässt seinen Termin beim Jobcenter bewusst verstreichen und beschwert sich dann, dass sie ihm die Mittel streichen - oder der uncool über Kabel stolpert oder sich mit seinem übergroßen, löchrigen Pullover immer und immer wieder in Türklingen oder Besteckschubladen-Griffe verfängt oder der sich einfach nicht aus einer unbequemen Haltung herausbewegt und immer genervter wird - und dümmer - und langweiliger. Igitt! Zum Glück hab ich ihn vor meinem inneren Auge, ich kenne seine Erbärmlichkeit, er hat für niemanden einen Nutzen, er ist ein ekelhafter Verlierer, der versucht cool zu wirken, um nicht zu zeigen, wie hilflos er sich selbst im Weg steht. Er führt seine Depression, seine Unkultiviertheit konsequent zu Ende. Genau wie meine Mitbewohner. Spätestens, wenn ich glaube, genau so zu riechen wie sie, gehen bei mir alle Alarmglocken an. Ich freu mich ab morgen für ein paar Tage auf dem Bauwagenplatz von Samira zu sein. Eine Woche keine Menschen, kein Internet, keine graue, langweilige Großstadt. Ich werde nur lesen, meditieren, Obst und Körner speisen und herumlaufen. Ich frage mich, wovon meine Eltern jeden Sommer Urlaub machen müssen. Ich möchte nicht so gereizt auf den Husten meines Mitbewohners reagieren. Wenn man sich vorstellt, dass ich mal ein berühmter Schriftsteller werde, liest man diesen Text anders als wenn man glaubt, dass ich es niemals zu etwas bringen werde. Ich möchte berühmt werden, damit man mich anders liest und ich mich anders denke.
Auf dem Rücken meiner letzten Cannabis-Krümel bin ich also nach Leipzig geflogen, um auf die Hühner und Katzen von Samira aufzupassen, die gerade in Düsseldorf eine einwöchige Konferenz für Umweltpsychologen leitet. Es ist genau Vollmond, ein kalter 20. April. Hitlers Geburtstag und weltweiter Cannabis- Feiertag. Der schöne Mond und die schönen Katzen wollen, dass ich an meinen Texten arbeite, ich habe Koffein-Entzugserscheinungen und bin wieder einmal verwirrt von meinen Möglichkeiten. Ich könnte nur resignieren, wenn ich damit andere Leute zerstören würde, leider bin ich noch schwach und unbedeutend, also muss ich wohl in den sauren, schwarzen Apfel meines Berufs beißen. Der Widerwille, den ich gegenüber der Idee, fleißig meine Texte zu bearbeiten, empfinde, fühlt sich pervers und befreiend zugleich an. Vielleicht wird alles besser, wenn ich mir in die Hosen pisse und ein schönes Gesicht dabei mache. Ich geh eine Runde spazieren und überlege mir, wie ich meine Gereiztheit auf meine Arbeit lenken könnte.
Wollt ihr euch mit mir auseinandersetzen? Wirklich zuhören? Dann müsst ihr entspannt sein. Es geht wirklich nicht anders. Nichts nebenher tun oder denken, nicht aus dem Fenster gucken und die vorbeiziehende Landschaft einordnen. Es braucht einen heiteren Abstand, wie soll ich sagen? Eine warme Wiese. Warme Erde. Fröhliche Vögel und liebe Katzen. Eine Hängematte. Cannabis und Dextromethorphan. Medikamente. Alles ist entweder Medikament oder Gift, je nachdem wohin du willst. Ich finde es toll, dass ich mich früh von meinen Eltern losgesagt hab, sagt man halt so. Es ist gut, dass sie jetzt nicht da sind. Natürlich würde ich mich gigantisch freuen, wenn sie sich mit etwas beschäftigen würden, womit sie mir ein Vorbild sein können. Aber ich bin ganz bestimmt nicht verärgert, es ist nunmal so, ich habe sehr viel Liebe und Licht und lila Libellen in mir. Und ich mag es, wenn andere meine Texte gut finden. Ich würde gern, dass meine Eltern zuhören, wenn andere Leute meine Texte diskutieren. Solang meine Eltern in ihrer Geschwindigkeit und Gereiztheit festsitzen, kann ich ihre Herzen nicht anfassen. Alles was ich schreibe ist an sich ein einziger Text. So wie mein Gesicht mein Gesicht bleibt, bleibt all mein Geschriebenes mein Text. Ich filtere heraus, was ich nicht sein will - um es einfach nicht zu sein. Ich kann sein wie ich will oder? Ich wünschte, ich hätte Worte für die Leichtigkeit, die Zärtlichkeit und Wärme, die mir hinter meiner Stirn dieses Leben webt. Was soll zählen? Die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Indem mir niemand eine klare Antwort geben kann, wächst meine Sehnsucht nach einem Fanatismus, der das Reich meiner Träume in das Reich der Realität strahlen lässt. Meine Leichtsinnigkeit ist eine Feder, mit ihr kitzel ich meiner Bestimmung ein Lächeln in die Brust. Ich würde es toll finden, wenn meine Eltern das, was ich schreibe, toll finden würden. Ich fühle mich bewertet von einem kalten, düsteren Markt. Ich habe ein hässliches, schwitzendes, nach Duschdas duftendes Gesicht im Kopf, das sagt: "Du musst professionell sein! Du musst schon was leisten, du musst uns was geben, das wir nehmen können. Du musst uns nützen. Du musst zeigen, dass du uns gern hast. Du musst dich verkaufen, du musst jemanden darstellen." Eigentlich möchte ich nur für meine Freunde da sein. Irgendjemand in mir bewertet mich. Ich stelle mir immer wieder jemanden vor, der mich abnickt oder tadelt. Dabei muss ich derjenige sein, der mich abnickt und tadelt. Es muss aus mir kommen. Keiner kann einordnen, was ich schreibe und mache, niemand weiß, wer ich bin. Wenn man die Konsequenzen aus allem zieht, was man weiß, läuft man auf einen dunklen Wald zu, in dem eine gemütliche Hexe Kräutertee kocht.
Absolut jeder Moment ist geeignet, einen Schlussstrich zu ziehen. Meine Worte sind Hoffnungen. Ich möchte niemandem etwas vormachen. Das ist der Kern meines Selbst. Leider habe ich keinen sonnigen Onkel, keine Tante die roten Tabak raucht und mit mir redet über all das, was ich zu geben habe. Die Horrorvorstellung: mit meinen Eltern irgendwo eingesperrt zu sein. Die Hoffnung: dass meine Denken und Schreiben wichtiger ist als mein Leben. Jeder weiß doch, dass ich ein seltsamer, toller Mensch bin, also möchte ich auch so behandelt werden. Ich schreibe nur, wenn ich schreiben muss.
Wer in mir sucht sich die richtigen Gedanken und Gefühle raus? Will ich Erwartungen erfüllen oder nicht erfüllen? Ein Kunstwerk ist nur der Samen, als Betrachter blüht er auf. Die Frage, wer man selbst ist, muss als harte, blaue Droge erfahren werden, nicht als esotherischer Small Talk. Es ist ganz hervorragend wichtig, die Sprache zu lockern. Es muss eine Gemütlichkeit entstehen, in der keine Angst aufrecht stehen kann. Es ist sehr sehr wichtig, sich nur mit postitiven, heiteren, lieben, klugen, neugierigen, freien Menschen zu umgeben. Erst dann kann etwas entstehen. Der Rest ist Leiden. Eine wichtige, wackelnde Erkenntnis, das Haus wackelt, auf der Straße ist bunter, fröhlicher, weicher Krach, die Welt lacht, sie ist schüchtern, sie spielt eine Rolle, die Welt ist weiblich und hat einen Oberlippenbart, die Welt hat kein Publikum, die Welt muss morgen wieder was leisten, die Welt steht unter Strom, sie will Spaß und Zuckerwatte-Träume, die Welt ist ein Kino, in das nur Murmeln kommen. Indem ich dieses Bild ausreize, erfahre ich mein Gehirn. Ich werde mich wieder isolieren, ich werde immer die selben Fehler machen, ich werde nichts mit meiner Erkenntnis anfangen, ich werde in einem kratzenden Pullover auf dem Blumenbalkon sitzen und an einen weißen Wal denken, der in einem Aquarium eingesperrt ist, ein warmes Lied von den Smiths wird den Tag umrunden. Und alles nur auf diesem Papier. Welches Gesicht soll ich denn machen? Mit dieser Frage kann man jede Diskussion auf den Boden der Tatsachen holen und jedes Buch beenden.