Art Is Resistance

Angegiftet von Koffein und Hoffnung versuche ich mit riesigen Spiegeln das Herbstsonnenlicht umzulenken in die graue, zu Boden gehetzte Menschenmasse und werde von gelangweilten Sicherheitskräften in eine Seitengasse getreten. Ich schaue meine Hände an und sag mir: "So viele Menschen, die ihr auf dem Gewissen haben könntet!" Kann ich alt sein ohne zu bereuen, niemanden getötet zu haben? Was nützt es, ohne Reue zu sterben? Ich sollte mich nie wieder ärgern über Leute, die noch kein Wort von mir gelesen haben. (Ich halte mich übrigens nicht für einen originellen Schriftsteller. Es gibt gar keine Originellen, höchstens welche, denen man nicht gleich ansieht, wen sie imitieren. Ich glaube, jeder kann sich originell scheinen lassen, wenn er heimlich zwei oder mehrere einander kontrastierende Stile, Persönlichkeiten, Haltungen, Gewohnheiten übereinanderlagert und plötzlich zur richtigen Zeit als sein Genie wie einen Revolver aus der Hose zieht.) - Manche Menschen müssen verwirrt werden. Die Leute brauchen außerordentliche Erlebnisse, damit das anständige Leben in den üblichen Mustern nicht mehr attraktiv genug ist. Das ist die Aufgabe der Künstler. "Du kannst doch so viel mehr aus deinem Leben machen als das", steckt in jedem guten Lied, es kommt nur darauf an, ob man es vor dem Aufstehen oder vor dem Zubettgehen hört. "Von wem willst du dir was sagen lassen? Was kannst du noch ernst nehmen", sollte über jedem Plattenladen geschrieben sein. - Manche Menschen aber müssen einfach im Schlamm versickern. Man kann ihnen nicht mehr helfen, weil sie unempfindlich geworden sind, unknackbar: "Lass uns weiter auf die grüne Glühbirne starren und Substanz abbauen! Niemand hat irgendetwas mit uns vor! Wir sind hier an diese unfreundliche Welt gekettet, bis wir irgendwann ans unfreundliche Nichts gekettet sind." Eine Krähe steckt optimistisch ihren Kopf in einen Totenschädel, ich stoße eine brennende Mülltonne den Abhang runter, denn niemand interessiert sich mehr für irgendwas, nur noch für Extreme. Die Kanäle werden immer enger, die großen Gefühle immer kleiner. Statt echter Persönlichkeiten finde ich nur nervöse, trübe Nervenlichter hinter blassen Stirnen flackern, in dieser Stadt gab es lang kein echtes Gewitter mehr. Ich hasse mich für meine Unfähigkeit, darüber zu heulen und mit meinem Heulen andere Leute zum Heulen zu bringen. Ich muss diese Unfähigkeit knacken; wüsste nicht, welches Mittel mir dafür nicht recht wäre. Das Wort Möglichkeit verbinde ich mit einer roten Ziegelmauer, das Wort Lebensfreude mit einem Vorschlaghammer. Wer

wirklich versteht, dass die Stadt ein riesiges Theater ist, hat weniger Hemmung, etwas lauter oder schäbiger oder schöner oder witziger oder aufrichtiger zu sein als der Rest.