Die Tage danach fühlte ich mich sehr frisch und erholt und bald saß ich wieder bei Miles und wir rauchten gemeinsam eine Bong mit Sonic Youth und Peter Brötzmann und wir hatten ein sehr langes, zerfahrenes, wild assoziatives Gespräch, mein Gehirn lief auf Hochtouren, es machte unheimlichen Spaß zu denken, zu phantasieren, mich mit Miles auszutauschen, mich in die Musiker hineinzu- versetzen und die Stücke wirklich ernst zu nehmen: ich erkannte, dass die Abscheu, die ich der Stadt und den meisten ihrer Bewohnern gegenüber empfand, meine Empfindlichkeit für tröstende, inspirierende, vitalisierende Kunst herabsetzte, mir also letztlich schadete. "Wie dumm, sich sowas entgehen zu lassen!", seufzte ich immer wieder, "Wie dumm, wie dumm!". Das Gras erinnerte mich schlagartig daran, wie abgestumpft ich mit meinen 28 Jahren schon war, wie gefährlich es wäre, einfach so weiter zu machen wie bisher. Ich recherchierte sehr intensiv über gesundheitliche Risiken und fand heraus, das Gras pur geraucht die Lungen- funktion nicht beeinträchtigt, sogar verbessern kann und dass die Giftstoffe, die beim Verbrennen entstehen, von den antikanzerogenen Substanzen ausgeglichen werden. Einmal bin ich komplett in Heulen ausgebrochen, als mir ein Lied, das mir früher sehr gefiel, das Gefühl gab, immer noch das kleine, überempfindliche, orientierungslose Kind zu sein, das ich mal gewesen bin und irgendwann ist das Leben einfach vorbei und kommt nie wieder. Intellektuell kann man das leicht und gelassen erfassen, aber wenn es auch das Herz versteht, will es den ganzen Körper niederdrücken. In den nächsten Wochen habe ich ab und an mit Miles gekifft, fand aber heraus, dass es mir alleine mehr Spaß macht, denn dann muss ich nicht aufpassen, dass ich keine Dinge sage oder tu, die mir später peinlich sein könnten. Außerdem ist der Rausch intensiver, nachhaltiger und konstruktiver, wenn ich dabei schreibe und schreiben kann ich nur, wenn niemand im Raum ist. Ich war anfangs sehr skeptisch, denn ich konnte nie das Klischee, dass Alkohol die Seele öffnet und die Kreativität anregt, bestätigen: noch nie habe ich betrunken etwas Interessantes von mir gegeben. Es zeigte sich jedoch, dass Cannabis die Art und Weise, wie ich über mich und meine Arbeit und die Welt nachdenke, langsam verändert: dieses Buch versammelt die mir wichtigsten Texte, die ich in den Jahren 2014 bis 2016 geschrieben habe: in dieser Zeit habe ich mich von einem schlaflosen Menschenhasser ohne Zukunft in einen experimentellen Liedermacher mit sozialistischen Hoffnungen verwandelt.