Das Gesamtwerk eines Schriftstellers ist das eigentliche Werk, der fruchtbare Komposthaufen, auf dem immer wieder Neues aus Altem hervorgeht. Der Textkörper eines Autoren in Interaktion mit anderen Textkörpern sowie einzel- nen Lesern und den staatlichen und privaten Institutionen sind die zentralen Protagonisten der internationalen Literaturgeschichte. Jedes geheime Tagebuch eines unbekannten Niemands ist Teil des endlosen Stromes menschlicher Kreativität, ist Bestandteil des metamenschlichen Narrativs..
Die Schönheit der Blumen auf dem Komposthaufen beweisen seine Fruchtbarkeit.
Wirf all deine schönen und misslungenen Werke auf den dunklen Komposthaufen im Dickicht des Hinterhofs. Dort wo mordlüsterne Katzen und allwissende Krähen der Langeweile ihr Paradies eingerichtet haben, fern der tödlichen Straßen und Angstfabriken, süße Wolken, violette Disteln, Baumhauslandschaften, Tunnel- systeme, gemütliche Ecken und runde Kanten überall, Haferflocken für die Grünmeise, weiche Holzinstrumente, halbtransparente Tagträumer, Gespenster der Freundlichkeit servieren eine große, heiße Kanne mit drei Beuteln Jasmin- Grüntee, zwei Prisen Damiana, einem Löffel Honig und einem halben Löffel Kurkuma für mich und dich. Lass alles langsam und geduldig ziehen, tritt zurück und entspann dich.
Die Schönheit des Komposthaufens beweist deine Fruchtbarkeit.
Der Komposthaufen vor meinem Fenster wird immer größer, dunkler. Von seinem intensiven Dampfen geht eine elektrische Lust aus, die mein Gehirn und meinen Bauch warm massiert. Es ist kurz nach 14Uhr. Der Himmel, ein graues, liebloses Tischtuch, die bunten Blumen im Hinterhof blühen und ich zieh meine Hose runter, knie mich auf die Fensterbank und schenke dem Komposthaufen einen Teil meiner Verdauungsendprodukte. Mich überwältigt ein Gefühl sonnenklarer Natürlichkeit. So wie ich atme und schlafe, so kacke ich aus dem Fenster. Darmentleerung und Träumen erscheinen als Geschwister, wenn der Sonntag lang und der Himmel leer ist. Ich verwirkliche mich verdauend. Innerhalb weniger Wochen wächst der Komposthaufen in mein Zimmer hinein und ermöglicht mir endlich, dort zu scheißen, wo ich schlafe. Ich esse den ganzen Tag rohe Bohnen, Grünkohl, Äpfel, trinke Kaffee und Mate, flatuliere und kote und höre laut Musik und schreibe gegen das unendliche Licht in meinem Frontallappen an. Die Tapete schält sich von der Wand, in meiner Matratze kämpfen zwei Insektenvölker um die Vorherrschaft, ich bin von Talg und Grünspan überwuchert, es riecht nach frischer Muttererde, Knoblauch, Mangos, Asche und Kot. Auf dem Komposthaufen wachsen filigrane, hellgrüne Flechten, sprießen leuchtende, halbtransparente Pilze und farbenprächtige Tulpen und Rosen und Nelken. Auf allen Vieren erklettere ich meinen Berg, knabbere an dem ein oder anderen Blümchen, bis ich an die Spitze gelangt dreimal tief durchatme und dann herunterrutsche in den dichten Dschungel des Hinterhofs. Hier ist die Luft deutlich wärmer und trockener. Disteln und dornige Hecken bilden den äußeren Rand dieses von den Bewohnern ringsherum vernachlässigten Biotops. Manche Kinder haben hier Buden gebaut und Fallen für erwachsene Eindringlinge. Heute ist es besonders ruhig hier. Ich beobachte einen Schmetterling, wie er einen Tannenzapfen auf und ab läuft. Ich komme ihm langsam mit meinem Zeigefinger nahe, da fliegt er plötzlich in mein Gesicht und beißt oder sticht mir in die Wange, der Schmerz ist kurz, aber heftig; also trete ich für heute den Rückzug an. Mühsam erklettere ich den Komposthaufen und lass mich oben auf meinem Fensterbrett angekommen träge in meine liebste Zimmerecke rollen. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, ich fingere mir an meinem süßen Arsch rum und schlafe grinsend ein.