(in Auszügen)
Die erste Nacht im neuen Zimmer markiert immer den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Hier in Halle fällt der Dreck und die Langeweile von mir ab, die ich in den letzten 15 Jahren in Erfurt angesammelt habe. In den turbulenten Umzugstagen habe ich frohen Herzens mein Leben entrümpelt, um Platz für neuen Trödel zu schaffen; und ich reise gern mit leichtem Gepäck. Ich habe ein kleines Zimmer in einer großen, freundlichen WG in ruhiger Gegend, Justizvollzugsanstalt und Friedhof und Apotheken in idealer Reichweite, dazu riesige Parkanlagen, schlaflose Vögel in grauer Rentnerschicht, vegane Würste und Taxifahrer in Drag, zwei Faschos und sehr viele normale Menschen, deren Leben vielleicht sehr interessant oder sehr uninteressant ist. Die Schönheit der Tatsache, niemanden hier zu erkennen, ist so rund und freundlich wie der noch abwesende, gesunde Vollmond.
Beim Schreiben schau ich auf einen grünen Hinterhof, der dem Himmelgrauen stramm entgegentrotzt. Ich liebe die Stille, die Sauberkeit, die hellen Wände, die
hohen Decken, die verkehrsberuhigte Zone im Viertel, den freundlichen Vermieter und den schwarz duftenden Komposthaufen unter meinem Fenster. Ich spüre, wie sich innerhalb einer Woche Erfurt von mir absondert. Heute habe ich meinen Ausweis mit neuem Passbild abgeholt. Ich wohne nicht mehr in Erfurt, ich seh so gut aus, ich könnte mir den ganzen Tag Schlagsahne vom Arsch lecken. Bedrohlicherweise ist der November viel zu warm und die faschistische Bedrohung ist unser täglich Brot. Vielleicht werden die Vereinigten Staaten von Amerika sich endgültig verabschieden. Was wird mit dir passieren, Europa? Verlass uns nicht auch noch! Die faschistische Bedrohung ist uns sicher, es hat schon lang nicht mehr gewittert.
Indem ich mit meinem Wegzug von Erfurt bewiesen habe, von dieser Stadt nicht ausreichend zerstört worden zu sein, soll mein 2010er-Projekt "Die fröhliche Abschaffung von Erfurt" als erfolgreich abgeschlossen gelten. Die fröhliche Abschaffung von Ostdeutschland ist die neue Utopie, die mir auf dem Weg durch meine 30er Jahre mein kreatives und politisches Schaffen inspiriert oder endgültig vernichtet. - Die Abschaffung von Ostdeutschland gilt als vollendet, wenn Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu einem Land namens Weimar verwachsen sind, Brandenburg mit Berlin zusammengeht und Mecklemburg-Vorpommern mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
*** Vor meinem neuen Bücherschrank steh ich und überfliege die Buchrücken, erfreue mich an meinen literarischen Freunden. Nie hab ich ein Werk vollkommen durchdrungen, nie bin ich Experte von irgendwas geworden, warum auch? Apokalyptische Visionen stehen sich echter Liebe gegenüber, und noch zwei Schritte zusammenrücken, und das unvermeindbare Ende wird etwas gemütlicher. Alles könnte jederzeit zugrundegehen. Eine tausende Jahre alte Weisheit. Eine Scheiße! An all unseren unberührbaren Vorbildern erkennen wir, nach welchen berührbaren Freunden wir uns sehnen. - Vorbilder, die nicht rechtzeitig in die Werkzeugkiste zurückgelegt werden, verwandeln sich in Geister, die Götter werden wollen. Ich segle mit meinen Freunden dem Sonnenuntergang entgegen, ein gemütliches Hausboot für meine echten und imaginären Freunde wie meine ewigen White White Wild Wild Boys Crew, die besteht aus Franz Kafka, Friedrich Nietzsche, Hermann Hesse, Novalis, Bertolt Brecht, Emil Cioran, Roger Willemsen, Fernando Pessoa, Walt Whitman, Henry Miller, Albert Camus, Robert Musil, William Borroughs, Aldous Huxley, Hunter S. Thompson, Erich Fromm, Charley Bukowski, dem Marquis de Sade, Heinrich Heine, Rio Reiser, André Breton, Georg Büchner, Heiner Müller, Samuel Backett, Erich Mühsam, T.W. Adorno, Albert Schweizer, George Orwell, ... meine ewigen super whiten super wilden super Boys.... die schnüffeln in der Nachbarschaft rum, streiten um den letzten Klumpen Fleisch, atmen Abgase ein, täglich berauscht vom Dreck der Moderne
leben sie zurückgezogen in meinem Hinterkopf als Höheres Kollegium, unerreichte Superfreunde. Keine Frauen, keine Asiaten, keine Afrikaner. Westlicher Hipsterkanon. Ich überfliege die Namen und hoffe, wenigstens einen Juden zu finden. In hundert Jahren wird der Literatur- und Wissenschaftsbetrieb hoffentlich so befreit sein, dass im allgemeinen Kanon Frauen keine kleine Minderheit mehr sind. Mir wird ein wenig schwindlich von der Tatsache, dass ich auch nur ein Kind des 20. Jahrhunderts bin, aber bald wird die Relevanz der alten Klassiker ohnehin schwinden, angesichts der vollkommen neuen Lebensbedingungen auf dem Planeten. Erst wenn die Flut steigt, werde ich mich nicht mehr schämen können für die Geschlechtsteile meiner literarischen Freunde. Und so bin ich einer von vielen weissen Boys, die mit anderen weissen Boys rumhängen, um sich das eigene Weltbild zu bestätigen. Drogen nehmen, sich weit aus dem Fenster lehnen, unkontrolliert produktiv sein, monatelang im seichten Abseits dahintrödeln und leise welken, einfrieren, den Winter kommen und gehen lassen, auftauen, neu erblühen, das innere Licht entdecken, das böse Prinzip erforschen, neue Auswege erkunden, schlechte mit besseren Ideen auswechseln, Mist bauen, Mist wegräumen. Etwas Relevantes tun und Irrelevantes nicht tun; der Unterschied ist im Detail versteckt. Aber ich möchte mit meinen Erfahrungen nicht prahlen, ich möchte keinen Blumentopf gewinnen. Erstmal lehne ich mich zurück, trinke einen Tee und lade Euch ein, in meinem neuen Büro im Institut für Dissoziation vorbeizuschauen, wenn ihr in der Nähe seid. Es gibt hier eine gute Street Food Scene und ich kann auch kochen und schweigen. Ein Gebet? Ein Pfeifchen? Ich bin hier. Eine Playlist anmachen und bisschen frieren, das ist schön.
*** Ich genieße mein Leid zu wenig, um wahrer Künstler zu sein, ich habe keine Leidenschaft für meine Laster, um ein wahrer Verbrecher zu sein. Mein Schreiben soll nicht Ausdruck von Verzweiflung und Traurigkeit sein, sondern von Freude und Freundlichkeit. Das Buch, das ich von mir erwarte, muss ein gesundes Buch sein: deshalb kann es nicht von einem wahren Künstler geschaffen sein. Als wahrer Künstler müsste ich gerne leiden, müsste mich an meinem Leiden ergötzen, mich von meinem Ergötztsein inspirieren lassen und müsste ständig heftige Werke in die Literaturgeschichte stellen: ich müsste meine Krankheiten kultivieren und ausbeuten. So ein intensives Künstlerleben birgt die Gefahr, schnell zu altern und irre zu werden. All die donnernden Schicksalschläge, all die furchtbaren Entbehrung, all das riesige Gefühlstheater kann sich nicht gut auf die Gefäße und Nervenbahnen auswirken. Ich ziehe es vor, eine gute Haut, ein gutes Herz, eine gute Leber zu haben. Mein Faible für gutes Essen, langsames Fahrradfahren und entspannte Sonntagsausflüge mit echten Freunden verbietet mir im Grunde jede künstlerische Tätigkeit. Lieber hab ich gesunde Zähne, als Rimbaud zu folgen, lieber atme ich, als so cool wie Morrison zu sein. Ich suche keine Umwege über meine Werke, sondern Auswege aus den
Sackgassen der Identität, ich will nicht starr werden, felsenfest, dogmatisch, selbstherrlich aus Gewöhnung, ideal. Ich möchte mich nicht finden, nur dann bin ich nicht verloren. Ich möchte nicht in ein Wort oder Zustand passen, ich bin kein Schauspieler und keine Person und kein Buch, nur Buchstaben liest du und ein Teil von dir will sich mit mir identifizieren und Teil von dir nicht. Ein Teil von mir ist gesund wie dieses Buch und ein Teil von mir nicht.
*** Ich den letzten Jahren habe ich eine schöne Abneigung entwickelt gegen so typische Loser und nur unbarmherzige Augen sehen darin Alterungserscheiungen. Theoretisch ist ja viel zu halten von Versagern und Nichtsnutzen: sie versagen sich aktiv einer Sache, sie sind die leibliche Opposition zur Marktwirtschaft; und auch ästhetisch ist so Einiges den Verrückten, den Freaks und Trotteln abzugewinnen, jedes Anderssein ist willkommen in einer eintönigen Waren- und Dienstleistungsgesellschaft. Jahrelang fühlte ich mich geleitet und beschützt von allesamt irren Säulenheiligen, aufgestellt um von der dunklen Energie meiner Blutsfamilie wegzukommen - und siehe! es hat funktioniert, es hat gefunkt: ich habe mich verwandelt, ich bin nicht mehr der Sohn von irgendwem.... All die süßen und rebellischen Verlierer der Weltgeschichte funkelten wie Sterne über meinen finsteren Zeiten, ich unterhielt mich mit Mördern und Heroinabhängigen, frommen Christen und verrückten Künstlern, erfand bald Loblieder auf mein Herumirren und Verdrecken, und fast geriet ich auf die dunkle Seite... hätte ich nicht Leute kennengelernt, die es noch weiter getrieben haben als ich, die immer zerstörter und hässlicher und dümmer und schwächer aus ihren Exzessen gekommen sind und über die Jahre langsam und scheinbar unaufhaltsam verfallen und faul und schleimig werden; zurückgebliebene, ungepflegte, bornierte Karrikaturen ihrer früheren Ideale, saufen Wein und schnauzen große Worte herum, vereinsamt, verbittert und trotzdem linksautonom. Mit solchen Freunden an der Seite wird Selbstachtung zur obersten Maxime. Die Angst, dass Dreck aus mir wird, lässt meine Knochen leuchten und ich weiß nicht, wer alles zu mir gehört, aber ich weiß, wer niemals. Der normale Wahnsinn im Leben von Künstlern, Aussteigern und Rebellen aller Art liest sich vielleicht als Roman gedichtet spannend oder sieht auf der Leinwand magisch aus; als nicht wahnsinniger Zuschauer des echten Wahnsinns frage ich aber, ob es wirklich so verrückt, so vorhersehbar, so brutal, so selbstzerstörerisch, so klischeehaft sein muss... Es ist ja immer das gleiche... diese groben, unzuverlässigen, verbrauchten Nullen, die die einfachsten Sachen nicht gebacken kriegen; zu saftlos um Staub zu wischen, liegen sie aller Welt und sich selbst nur im Wege herum, parasitäre Besserwisser, die Anmerkungen zum Körpergeruch mit der Systemfrage zerstören. Nein danke, diese dunklen Zeiten müssen abgeschlossen werden. Ich werde noch viel wählerischer sein müssen auf der Suche nach Mitbewohnern. Saubere, ruhige, freundliche Menschen sind doch letztlich cooler als weirde, launische, divenhafte Kunstpisser. Ganz normale Leute will ich haben, denn ich bin absolut kein Loser, das wollte ich hiermit unterstreichen. Man kann sich mit mir stundenlang ganz
normal und nett unterhalten, ich seh ziemlich gut aus und ernähre mich gesund und bin undogmatisch und rücksichtsvoll und habe eine angenehme Stimme, ich weiß recht gut Bescheid über das, was so los ist und gehöre ganz sicher nicht zur Dunklen Seite, auch wenn ich in mir eine böse, gierige, unvernünftige, irre Energie habe und ich in höchster Not oder tiefster Langeweile auch einen sympathischen Menschen die Treppe herunterstoßen könnte und ein Faible für Kabelknipserei, Diebstahl und Pyromanie habe. Ich gehöre zu den Guten, zu den Progressiven, den Liberalen und den Sozialisten. Ich habe ein anarchistisches Herz und einen langweiligen, lebenserhaltenden, staatstragenden Verstand und eine hübsche Brille... das alles lass ich mir nicht kaputt machen von der Gegenwart der blöden, unansehnlichen Sackgassenjunkies, die einst ich Genossen nannte. Der Geist der Depression verwüstet den Boden so lange schon, hier wird keine Revolution blühen, bevor die Alten und Depressiven und Irren nicht verendet und zu einer neuen, fruchtbaren Schicht verrottet sind. Die Geschichte der Menschen ist zu ernst, zu schwer, um den Narren zu viel Aufmerksamkeit zu geben. Unser Zeitalter der leichten Unterhaltung und Zerstreuung wird dämmern! Eine ganz neue Musik wird kommen, ganz neue Städte werden entstehen, ein ganz neuer Mensch wird darin wohnen: gegen die Affekte des alten Menschen wird er wachsen und gedeihen, auf dem Kompost der alten Welt wird er wuchern und immer feiner, zärtlicher, intelligenter werden die Gesellschaften der Zukunft sein. Unser Zeitalter der Fließbänder, Maschinen und Massenwaren hat so viele Menschen hart und kalt und beliebig werden lassen, deshalb kommt es auf die vielen an, die warm und weich sind - und deshalb gehören meine Freunde und ich zu den Guten und die, unter denen wir leiden, zu den Schlechten. Mein elitäres Herz machte es mir immer schwer, in einer sozialistischen Jugendorganisation Fuß zu fassen. Trotzdem glaube ich an die Farbe Rot. Der Mensch ist ein geknechtetes Wesen und kann sich befreien aus seinem Drecksleben, kann sich solidarisieren und zusammenschließen und eine neue Welt ausdenken. Man kann alles auf den Kopf stellen: aus arm wird reich, aus kalt wird warm, aus hungrig wird satt, aus einsam wird gemeinsam. Doch bestimmte Arten von Losern, Suchtkranken und Wahnsinnigen kann ich echt nicht ausstehen: ich werf ihnen gern einen alten Brotkanten zu, aber halt mir dabei die Nase zu und hoffe, dass sie nicht mehr wollen... mein gutes Biobrot zum Beispiel, oder meine Freundschaft. Ekelhafter Gedanke. Sicherlich hab ich noch Dreck in mir, der mich in die Dunkelheit zieht, aber ich kenne diesen Dreck genau und das unergründliche Ausmaß der Dunkelheit macht mich gar nicht mehr an. Mein Glück, dein Unglück.
***
Ich möchte gern produktiver sein. Vielleicht brauche muss ich eine neue, gute
Tagesroutine entwickeln.
In den letzten Tages des Jahres habe ich mir eine tägliche Routine erarbeitet, die mich in die Lage versetzt hat, meine Worte, Töne und Ideen zu konzentrieren. Das dreckige Virus hat mich gezwungen, mich monatelang um mich selbst zu drehen:
im Dezember erkannte ich voller Schrecken meine zwei verbliebenen Optionen: neue Befehle erfinden und befolgen, oder von der Zimmerdecke erschlagen werden. Nicht realistisch genug für letzteres, erfand ich mir also folgende Tagesstruktur:
08uhr deutschlandfunk & bathtube 10uhr jobbing, shopping, sundays praying 14uhr education 16uhr socialisation 18uhr the good dinner (and maybe a rest) 20uhr words/music for change 23uhr meditation 00uhr drugs or sleep
Indem ich über die Details dieser Struktur nachzudenken begann, begann ich bereits, mein Leben zu organisieren. Natürlich wird es immer auch die Möglichkeit, die Notwendigkeit geben, die Struktur zu verändern oder sogar zu verwerfen. Niemals werde ich den Verlockungen des Fanatismus länger als nötig nachgeben. Die Struktur wie oben dargestellt kann auch als Inhaltsverzeichnis meines Demien-Bartók-Textkörpers dienen, an dem ich seit Jahren arbeite und der sich immerfort verändert und glücklicherweise nie fertig werden will: aus meiner Tagesstruktur kann ich all meine Werte und Werke ableiten.
Ich glaube, dass wir satten Europäer unsere Lebensweise der letzten Jahrzehne ganz grundsätzlich hinterfragen und nachhaltig verändern müssen, wenn der Planet auch in hundert Jahren noch glückliche Menschen beheimaten soll. - Meine Vorschläge, Phantasien und Zweifel sind konstruktiv gemeint. Hat jemand schlechte Werte und eine miese Ästhetik und böse Absichten, dann kann eine Tagesstruktur nach meinem Vorbild schlimmstenfalls dazu führen, dass er oder sie die Welt noch hässlicher und schlimmer macht. Eine Struktur ist nur so gut wie die Werte, die ihr zu Grunde liegen.
- Gutes Erwachen (Träume, Bett, Schlaflosigkeit als Gefahr, (Depression, Selbstwert, Sinn des Lebens) - In guter Wohnung (klein, Nähe/Distanz-Gleichgewicht, Zimmerpflanzen, second hand) - Gute Medien (überparteiisch, öffentlich-rechtlich, investigativ, selbstkritisch, undogmatisch, transparent, interaktiv, antifaschistisch) - Der gute Markt (gute Löhne, gute Arbeitsbedingungen, sinnvolle Jobs) - Die gute Stadt (grün, öffentliches Wohnzimmer, sozial vernetzt, interkulturell) . Gute Institutionen (Sozialismus auf lokaler Ebene) - Das gute Europa - Gute Spiritualität (offen, sozial engagiert, skeptisch, antikapitalistisch) - Gute Bildung (langsam, lüstern, lebenslang) - Gute Freunde (Beispiele)
- Gutes Essen (vegan, maßvoll, Tonne)
- Gute Kunstwerke (Die Blühenden Landschaften)
- Das gute Wochenende (Rausch und Askese)
- Gute Meditation (Das Ich und das Nichts)
- Gute Liebe
- Gute Drogen (Gras, Pilze, DXM)
- Gute Nacht
*** Es gibt wohl Denksysteme, die gefährlich, totalitär, unnütz oder realitätsfremd sind, aber wohl auch Denksysteme, die uns stärken, inspirieren, harmonisieren. Wir schämen uns nicht, Wertmaßstäbe zu benutzen: unsere Werte wohnen im Luxushostel unserer Ideologie. Wir wollen unsere Ideologie wie unser Rauschgift: ungefährlich für Körper und Geist, sensibilisierend, depersonalisierend. Wir wollen uns keinem starren Glauben hingeben, unsere Ideologie ist etwas Immerveränderliches, unsere Helden sind instabile Gespenster. Wir gehen nicht über Leichen, denn die Leichen gehen über uns. Wir bleiben demütig, bis unser Racheplan ausgereift ist. Unsere Ideologie ist ein Tonikum. Ich zumindest kann mir einen freundlichen, offenen, anmutigen Sozialismus denken. Die Sozialistische Ideologie macht ihre glühendsten Anhänger zu den zartesten, herzlichsten, freigeistigen, freundlichsten, wärmsten Menschen der Welt - doch sie muss erst noch erarbeitet werden. Eine Ideologie kann radikal heiter, süß, wohlschmeckend sein. Die gute Ideologie macht gute Gedanken und gute Träume und verschönert die Innenstädte und verbessert das Klima. Ich kann mir einen Sozialismus ohne Gefängnisse denken, eine Reformation der Aufklärung, eine alltagspraktische Revolution der rosa Kopfkissen und Gewürzkräutergärten. So wie die bürgerliche Liebe eine Ideologie der Fortpflanzung ist und die bürgerliche Marktwirtschaft eine Ideologie des ewigen Wachstums ist, kann die sozialistische Liebe nur die Liebe des freundlichen Rückbaus sein, ein Aufruf zu kollektiver Ekstase, erotische Vielsamkeiten in den Dämmerungsparks der neuen, großen Stadt.
Meine biologischen zwanziger Jahre waren tiefe Pubertät. In diesen zehn Jahren bin ich nicht gealtert. Es waren die glorreichen Jahre der sanften Unordnung. Nun, in meinen Dreißigern, bin ich zu allererst gelangweilt von den immer gleichen Flecken auf der Hose und im Badezimmer, übersensibel dahinwohnend in instabilen Wohngemeinschaften im Norden und Süden und Osten und Westen der Stadt: nie hab ich es bis ins Stadtinnere geschafft. Langsam fühle ich mich reif für die Mitte. Ich spüre, eine freundliche Ernsthaftigkeit hinter meinem Gesicht aufgehen, eine freundliche Abendsonne. Meine Hosen sind sauber und in meinem Klo riecht es nach Echtem Lavendel; nun mag es an der Zeit sein, dem Leben mehr Struktur zu geben. Eine Gute Routine soll mich endlich zu dem Menschen machen, der ich sein will. Ich will der feinste, freundlichste, empathischste Mensch auf der Buchmesse sein. Eine Gute Routine will gut durchdacht sein.
Ich lande beim Aufwachen gern direkt in der Realität, also stell ich mir den Radiotimer so ein, dass ich mit den 8Uhr-Nachrichten geweckt werde, nachdem ich acht Stunden gut geschlafen habe. Ich räkel mich in meinem warmen Bett, morgenhölzern wühle ich mich in den sachlichen Schlagzeilen des Deutschlandfunk. Der Abstand zwischen mir und den Weltereignissen ist am Morgen noch groß und ich fühle mich fast unverwundbar und klar. Ich bin ein guter Mensch und habe gute Freunde und bin auf einem guten Weg und stabiliere mein zartes Streben mit der Guten Routine, die sich täglich verfeinert und verbessert, mal verschlechtert oder gar zu unerwünschten Ererignissen führt.
Guter Schlager.
Es gibt eine dunkle, fruchtbare Energie, die im Herzen aller echten Musik pocht, es ist ein Wahnsinn, den man nicht erfahren kann, ohne Ticks zu bekommen, ein feuchtes Sumpfland in der Dämmerung, der Wunsch den Körper in einen Beat zu werfen, ein todblaues Gewässer, das seine über- und unterirdischen Wege findet, von dem zu trinken immer lockt und immer abzuraten ist. Ein paar Schluck haben Elvis verdorben, Robert Johnson verflucht, Mozart erleuchtet, afrikanische Voodoorituale geheiligt und Syd Barret deprimiert, Nina Simone sublimiert und Rio Reiser beflügelt und Morrissey gerettet und Hitler pervertiert und Bach therapiert und Bob Dylan verführt und Patti Smith junggehalten und ....
Es ist natürlich nicht verwerflich, wenn man von einem glänzend sauberen, wohl verdaulichen Popsong ergriffen ist und es ist auch nicht Anzeichen von Verfall, wenn man sich in die heile Phantasiewelt flüchtet, um dem hässlichen Leben ein wenig zu entkommen. Gewiss gibt es gute Schlager. Einige der für mich einflussreichsten Künstler sind Schlagersänger: Rio Reiser, Jim Morrison, Bob Dylan, Nick Cave, Tom Waits, Morrissey natürlich. Schlager sind Hits sind Popmusik. Und Schnulz und Sentimentalität sind nicht immer beschämend. Dylan kommt als Folksänger zur Form und glücklicherweise versucht er nie, einem Ideal treu zu bleiben, aber freut sich immer über Applaus und Verkaufserfolge. Jeder Künstler will wahrgenommen werden, jeder Künstler will Teil der Kunstgeschichte sein, kaum einer ärgerte sich über einen plötzlichen Verkaufserfolg oder Ruhmesschub. Der Schlager ist die Essenz des Musikers in der Hyperkonsumgesellschaft. Noisemusik ist natürlicher Antipode zum harmonischen, eingängigen Song. Blixa Bargeld hat das Lied mit dem Krach vermählt. Seine Arroganz hat er sich verdient. Er ist neben Rio Reiser und Hildegard Knef einer der wenigen Originale, die der deutsche Schlager nach dem letzten Großen Krieg hervorgebracht hat. In den wilden Zwanzigern und faschistischen Dreißigern gab es Marlene und Brecht, in deren Hoffnungen ich etwas erkenne, das ich auch in meinem Gesicht erkenne. Das Kabarett und die Einheitsfront. Musikalisch schließen etwa Tom Waits und
Patti Smith an die Träume damals an. Der Blues hat eine andere Geschichte als der Schlager. Der Blues empfängt die Schläge. Geboren auf den Sklavenplantagen und in die Städte gezogen, bildet er die Wurzel des Rockschlagers und macht damit alle Popmusik die danach kam zu seinen Verwandten. Das Großartige an der Popkultur des 20. Jahrhunderts ist ihre Vielfalt und Widersprüchlichkeit: dies sind antifaschistische Qualitäten, die es zu bewahren gilt. Der Blues wurde vermarktet wie der Punk und der Hip Hop; daran ist nichts auszusetzen, denn die Vermarktung hat die Mentalität der Bevölkerung maßgeblich verbessert. Die Popkultur ist Ausdruck der moralischen Werte derer, die sie konsumieren. Wenn man die Popmusik verbessert, verbessert man damit langfristig auch die Moral des Publikums. Diese Macht ist wesentlich für den Schlager. Jim Morrisson hat den Blues mit dem Schamanismus verbunden, um ihn zu lockern, da Elvis ihn mit dem weissen Rock verknebelt hat. Elvis ist in der zweiten Hälfte seiner Karriere ein ekliger Gospelfriedrich geworden. Morrisson ist zur rechten Zeit gestorben, genau wie Janis und Jimi. The Doors sind die erste ernste Rockband, die tief unter die Oberfläche dringt. Die düsteren, gefährlichen Seiten des Schlagers in den Flower-Power-60ern loten die Abgründe aus, die in Popmusik vorkommen können. Lou Reed, David Bowie, David Byrne, Nick Cave, Robert Smith und Steven Morrissey sind in diesen Abgründen groß und stark geworden. Nina Simone hat 1965 mit einer einzigen Aufnahme, dem zehnminütigen Gospel "Sinnerman", die Tür weit aufgemacht, durch die in den nächsten Jahrzehnten fragwürdige Größen wie Syd Barret, Kate Bush, Johnny Rotten, Alice Cooper, Ozzy Osborne, Genesis P-Orridge und Marilyn Manson kamen. Fünf Jahre zuvor hat Ornette Coleman den Begriff "Free Jazz" erfunden. Hier öffnete sich eine ganz neue Welt, bewohnt von John und Alice Coltrane, Sun Ra, Pharao Sanders, Charles Mingus, Charly Parker, .... Wir Deutschen werden in hundert Jahren nicht auf eine Vielfalt an Musiktradition zurückblicken können, wie es allein die Nordamerikaner heute schon können, ganz zu schweigen von den afrikanischen und asiatischen Kulturen. Wir Deutschen haben Walter von der Vogelweide, ein paar Wanderslieder, Jägerlieder... Wagner und Schubert und Schumann und Beethoven sind heute Edelschlager, ein Luxus, den sich eine fahle Kulturnation wie unsere gönnen muss, um etwas zu haben, das dem Stolzbedürfnis gerecht wird. Eine Relevanz in der Popkultur haben sie nicht mehr. Sie sind sichtbar, aber haben keine große Wirkung. Sie sind verklungen. Artefakte einer verlorenen Zeit. Und dem Pop des 20. Jahrhunderts wird es auch bald so ergehen. Wollen wir wenigstens den Boden noch etwas fruchtbar halten, der uns genährt hat. Erweisen wir der Musik, die uns geprägt hat, die Anerkennung, die sie verdient hat. Lassen wir uns nun, im neuen Jahrtausend, noch einmal in Ekstase versetzen von unseren Liedlingsschlagern, variieren wir ein letztes Mal noch die alten Formeln von Strophe und Refrain und Dur und Moll, wandeln wir ein letztes Mal durch den Lustgarten der Genre, kosten von jedem etwas, suchen und
finden wir ein letztes Mal die Lieder, die uns entsprechen. Es bleibt nicht mehr viel Gelegenheit für unser großes Zusammenkommen. Die Faschisten werden bald zurück an der Macht sein und dann können wir uns auf keinen Fall mehr Schlagermusik leisten. Dann müssen unsere Lieder zurückschlagen. Die Kraft und Hoffnung, die wir dazu brauchen, finden wir in den schönen Liedern, die uns so halbwegs sicher durch die Pubertät gebracht haben.