Ich weiß nicht welchem Stil ich mich anpassen muss. Wer liest? Wer klopft an die Tür? Ich versacke. Oder befreie ich mich? Auch hierin bin ich, wie ich gerade herausgefunden habe, verskeptikt: ich weiß nicht, was grad mit mir passiert. Es gibt mich nicht objektiv. Das heißt: jedes Urteil über mich ist falsch, weil es nur aufgrund jener Beweise, die nicht objektiv sind, gefällt wurde. Also kann niemand wissen, ob das, was ich mit meinem Leben grad mache, für irgendetwas gut ist oder nicht... Jeder sollte das Recht haben, sich für ein paar Jahre in die Garage einzusperren und mit irgendetwas zu experimentieren: sei es Musik, sei es Drogen, sei es die große Weltliteratur. Es sollte eine Partei geben, die Klientelpolitik für experimentelle Künstler betreibt. Ich wünschte, ich würde von einem Ort träumen, an dem sich erstmal nichts rentieren muss, wo alles aufweicht und über die Tageskante suppt. Es gibt plötzlich keine Instanz mehr, die mir sagt, ob das, was ich tu, richtig ist. Ich könnte mich mit allem hier irren. Jeder wird was anderes sagen. Vielleicht ist in dem Wald, in dem ich mich gerade auf allen Vieren im Kreis drehe, nur ein großer Bär mit scharfen Zähnen, aber vielleicht bin ich größer und hab schärfere Zähne. Für diesen Satz schäme ich mich zart, aber ich schreibe ihn auf, eben weil ich von mir wegkommen will, also muss ich akzeptieren in meinem Cockpit was mich ekelt; Hauptsache ich fliege in einen Turm hinein....
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Ich werde von irgendwem gefragt, wie ich zu Putin stehe und dem Islamischen Staat und dem Papst und Bodo Ramelow. Ich weiß nicht, was ich mit der Erwartung, dass ich ein Ich habe, das Dinge meint, das zu Dingen steht, das Dinge glaubt und nicht glaubt, anfangen soll und antworte nicht und stell mir vor, wie ich in einem Park sitze und mir vorstelle, wie ich an mich denke und sich dabei meine Haut auflöst und es sich herausstellt, dass mein Gehirn schwarzer, qualmender, ätzender Schlamm ist, in dem Kinder spielen, die noch nie geschlafen haben, die nicht wissen, was sie mit diesem pastellgelben, kitschigen Sonntag-Nachmittag machen sollen, den ich über ihnen aufgestellt hat. Ich wünschte, ich wäre so süß wie die Kinder, ich wünschte ich hätte ihre schwarzen Augenränder, ich wünschte ich hätte ihr lasziv-gleichgültiges Charisma, ihre erotische Verdrießlichkeit, ihre niedliche, weiche, warme, arrogante Distanz zur Welt. Das einzige, was mich mit ihnen verbindet, ist mein Neid - und dieser Neid, glühend und unbarmherzig, lässt mich tragischer Weise aussehen, als hätte ich eine feste Meinung zum Weltgeschehen.
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Sobald wir es uns in echter Arbeitslosigkeit, in echter Einsamkeit gemütlich gemacht hat, bleibt dem Ich nichts anderes übrig, als sich zu entblößen als das schwarze, klebrige, zersetzende Prinzip, welches in unserer Fülle waltet und sich, falls die Außenwelt von allen Gelegenheiten befreit ist, nur gegen sich selbst richten kann. Schreibend zeige ich mit meinem letzten Finger auf die Maschine, die mich vollständig verstümmeln wird.
Das ist der Anspruch, den ich meinem Delirium verordne: mein Leben muss mehr bedeuten als das Leben der Anderen, ich muss tiefer gelangen als sie, ich muss an den Untergrund, den Hintergrund, ins Kellergeschoss, ins Fundament des Lebens kommen, das ist der Anspruch, den ich meinem Delirium verordne: ich möchte zurückschauen und sagen: ich war nicht Sklave meiner Sprache, nicht Sklave meiner Möglichkeiten. Nur von meinen Träumen werde ich mich in Ketten legen, nur von meiner Liebe zum Kauderwelsch werde ich mich knechten, nur von meiner Heiterkeit zum Unsinn werde ich mich verurteilen lassen. Das ist die Hoffnung, die ich meinem Dahängen verordne. Gib mir etwas in die Hand und ich zerpflücke es dir, damit du mir mit großen, roten, neugierigen Augen in meine großen, blauen, neugierigen Augen schaust und vielleicht mich küsst aus meiner mitteldeutschen Starre. "Ein so ruhiges Gesicht muss doch etwas verbergen!", brüllen bunte Vögel von den schwarzen Bäumen unserer Langeweile - das ist die Hoffnung, die ich meinem Dahängen verordne.