Ich habe heute erfahren, dass ich bald aus meiner Wohnung geworfen werde, weil der Vermieter das Haus grundsanieren will. Ich trinke einen Energy-Drink zu viel und laufe euphorisch verwirrt in der Stadt herum. Vielleicht sollte ich mit meinen Freunden aus Erfurt wegziehen und in Leipzig oder Halle eine WG gründen? Ich treffe Frank im Speicher, er versteht meine Euphorie, fühlt sich selbst aber wohl in Erfurt. The Residents wohnen in meinem Gehirn und führen etwas im Schilde, dem ich vielleicht nicht gewachsen bin. Gefährliche Musik; ich ahne, dass ich sie bald nicht mehr verkrafte und lobe mich auch für meine Sensibilität, indem ich im Bett mit Kopfschmerzen herumgrinse. Ich schubse meine Nachbarn wie eine Tür zur Seite, ich wohne in einem warmen Haus in dem Freunde tragende Wände sind, alles was ich will und brauche und bin ist hier in meinem Bett, einige Leute verstecken sich unter den Dielen, diese niederträchtige Le Pen denkt über die Guillotine nach und in einem Traum eben sah ich, wie mich ein bürokratischer Metzger mit investigativem Besteck auf meine Reflexe hin überprüft, sein Gesicht versucht mir zu sagen, dass alles okay ist und ich nächste Woche nochmal wiederkommen soll, aber ich höre im Rausgehen, wie er die Praxishilfe beauftragt, dem Scharfschützen auf dem Dach Feuerbefehl zu geben. Ich tu so, als hätte ich nichts mitbekommen, aber die beiden wissen, dass ich nur so tu. Es ist ein schöner Frühlingstag, der Scharfschütze steht mit Sonnenbrille auf dem Schuldach und zielt auf mich, ich bin im Gebüsch und plötzlich weckt mich der jämmerliche Raucherhusten von Jürgen, der über mir wohnt, wieder auf. Ich denke an einen schwarzen Brunnen, in den man so tief fällt, dass man oben wieder rauskommt. Die Tatsache, dass es einen Mund gibt, den ich küssen will, distanziert mich vom Universum. Ein Hubschrauber, der über das Haus knattert, vielleicht schmeißt Nordkorea oder Russland eine Bombe auf diese Stadt. Der Weltpolitik bin ich genau so hilflos ausgeliefert wie meiner Liebe und meinem Musikgeschmack. Der Sturm hat das Haus fest im Griff, es zieht und pfeift und heult, vielleicht platzt gleich ein Fenster oder etwas kracht aufs Haus. Die Leute gehen vorbei als ob nichts wär. Vielleicht hat irgendeine Koksnase mit Atombomben im Keller gleich keine Lust mehr zu leben und leitet den Weltuntergang ein. Vielleicht hab ich es deshalb auch so eilig mit dem Berühmtwerden. Ich will das Wort KNIESKNADDEL in die Stadt stanzen, während mein Gesicht auf dem Karussel meiner abendlichen, euphorischen Unfähigkeit, Karrusell richtig
zu schreiben, einschläft mit der Arroganz all derer, die sich nicht von mir küssen lassen wollen.
Auf Youtube finde ich einen Vortrag von Christian Rätsch über Schamanismus und Hanf. Ich hoffe es wird nicht esoterisch. In Interviews macht er einen guten Eindruck, bei 3nach9 gibt er eine Runde Aphrodisiakum aus. Will er damit zeigen, dass Drogen mehr können als zudröhnen? Oder will er sich an die dümmliche Moderatorin ranmachen? Niemand scheint ein ehrliches Interesse an ihm zu haben. Huch, wünscht er sich echt eine Orgie? Aus einer Welt, in der jeder mit jedem schläft, wäre ich schon längst verschwunden. Der Hanfvortrag ist ganz nett, ich glaube im Publikum sitzen nur steife Hobby-Kiffer, die sich von Christian Rätsch ihr schlechtes Gewissen herausreferieren lassen wollen. Er redet von der alten, anarchistischen, genossenschaftlich organisierten Donauzivilisation, die tausende Jahre vor dem Christentum ganz pazifistisch, „ohne Waffen, nur mit Werkzeugen“ (die Trennung kommt mir willkürlich/idealistisch vor) einen aktiven Schamanismus gelebt hat. Er glaubt, hier die eigentliche Wiege der europäischen Zivilisation auszumachen. Immer wenn jemand den Pazifismus und die absolute Herrschaftslosigkeit hochhält, werde ich ein bisschen unruhig. Der Mensch ist kein nettes Lebewesen, und ich denke nicht, dass daran die Religionen oder die Gesellschaft oder der Kapitalismus schuld sind. Der Mensch ist ein nervöses, unsicheres, zerbrechliches Tier. Ich möchte nicht, dass irgendeine Moral alle Menschen der Erde gleich macht. Besser wäre es, wenn es viele verschiedene Gesellschaften gäbe, die alle eine andere Art haben, den Menschen zu verwalten und zu gestalten. Jeder sollte seine Gesellschaft wählen können. Vielleicht muss man die Leute auch zu ihrem Glück zwingen, sie brutal zwingen, mit dem ganzen Quatsch aufzuhören, der sie krank und dumm und lieblos macht; vielleicht können bestimmte gesellschaftliche Miseren nur mit Gewalt beseitigt werden.
Ich nasche 200mg Promethazin, um die 700ml Energie-Pisse zu relativieren. Alex, der mir die Tabletten geschenkt hat, sagt, ich werde zwei Tage durchschlafen. Ein bisschen benebelt, bald totales Versacken in den Moment. Anflug von Endzeitstimmung. Die Welt wird an einem Übermaß an Verwirrung, an einem Zuviel an Möglichkeiten zugrunde gehen. Ich würde gern in zwei Tagen wieder aufwachen. Falls das hier meine letzten Aufzeichnungen sind: ich habe den Büchern, die ich gemacht habe, nichts hinzuzufügen. „Entspannt Euch alle so lang und tief wie möglich!“ wäre meine letzte Bitte an die Welt. Vielleicht hat ein Land, das dem toten, kalten, lustlosen Blick von Angela Merkel vertraut, den Untergang verdient. Eine Welt voll liebloser Musik, vergiftet von Glaubenswut, von erniedrigenden Standards … was soll man dem überhaupt entgegensetzen? Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, auf seinem Sterbebett ehrlich zu sein. Selbst im Angesicht des Todes ist man nicht frei von Idealismus. Der Wunsch, so und so in Erinnerung bleiben zu wollen, und die allgemeine Unfähigkeit genau zu wissen, was man denkt, was man fühlt („eindeutig“ denkt, „eindeutig“ fühlt...), zwingt auch in den letzten Momenten des Lebens zu Ungenauigkeit, Vergröberung,
Mehrdeutigkeit, Verschleierung, Lügen... Einem Sterbenden sollte man nicht mehr vertrauen als einem, der noch mit Saft und Kraft im Leben herumirrt... Meine Bewegungen werden langsamer; der Lust, reglos zu bleiben, ist immer weniger entgegenzusetzen, und draußen zwitschern die Vögel, es scheint die Sonne, es braust der Wind und Autos fahren irgendwohin, Menschen leben ganz selbstverständlich: „Jetzt hat ein neuer Tag begonnen, also machen wir weiter. Wir müssen das tun, wir müssen leben, weil wir noch können.“ Sie tun so, als hätte es keine Unterbrechung (also keinen Schlaf) gegeben. Sie haben irgendwas mit ihrem Leben vor, sie wollen sich weiter mahlen lassen, sie wollen weiter müder und älter werden, sie stecken in irgendeinem Automatismus fest, sie fühlen sich geliebt, gebraucht oder versuchen sich so wenig wie möglich aus der Ruhe bringen zu lassen. Dass man existiert ist sowas Seltsames, dass man sich schuldig fühlt. Hier dockt jede Religion und Politik an. Manchmal versaut der Drang, ein gutes Ende zu schreiben, den ganzen Text. Dabei muss man sich einfach eingestehen, dass kein Schluss vollständig zufrieden macht. Das Finale ist das eklige Verdauungsendprodukt des Textes. Oder: der letzte Satz ist alles was zählt... Mein Atem pumpt mein Gehirn wie eine Luftpumpe mit Promethazin auf. Dass die Dopplung von „pump“ objektiv weder gut noch schlecht ist, dass es eigentlich auch egal ist, ob ich schreibe oder nicht, macht die Rückseite meines Gesichts immer weicher, die Weichheit drückt mich runter an den Nullpunkt des Augenblicks... .... in der Tiefe kann sich alles lösen .... … und ich habe 12 Stunden durchgeschlafen. Es ist toll zu wissen, dass ich an der Geschichte dieses Tages nicht teilgenommen habe. Ich bin heute nicht gealtert. Die nächsten Stunden fühle ich mich sehr schwer und weich und unantastbar; ich genieße die Einsamkeit in meinem kleinen Raum.