I
Ich stehe an der Supermarktkasse und telefoniere mit dem letzten Freund, den mir diese Stadt gelassen hat. Daniel will mich überreden, mir jetzt in die Hose zu pinkeln, als Akt der Rebellion und Befreiung und als surrealistische Aktion. Verunsichert, ob die Hemmung, die ich spüre, sich gesund oder ungesund anfühlt, versuche ich das Thema zu wechseln. Daniel kläfft wie ein süßer Hund: "Verstehst du? Da liegt ein kleines Steinchen am Brunnenrand und du kannst es in den Brunnen schnippen oder nicht. Was sind die Gründe dafür, dass du das Steinchen herunterschnippst oder nicht herunterschnippst? Warum ist es so, dass du manchmal deinen Fähigkeiten nachkommst und manchmal nicht? Ein Staat kann jedenfalls nur funktioniert, wenn seine Bürger nicht all ihre Fähigkeiten kennenlernen." Was würde ich mir beweisen, wenn ich mir jetzt hier vor allen Leuten einpinkeln würde? Ich hätte gern kaltes Wasser über meinen Kopf laufen. Daniel ist ein guter Junge, ausgesprochen depressiv und zurückhaltend, solang er kein Cannabis raucht. Wenn er high ist, sprüdelt er nur so über vor Lebensfreude und Tatendrang. Es ist schön zu sehen, dass sich nicht jeder natürliche Antidepressiva verbieten lässt. Mir reicht Kaffee völlig aus, manchmal rutsche ich, wenn die aktivierende Wirkung des Koffein nachlässt, in eine kalte, alleszerfressende Unsicherheit hinein, in der sich mein Selbstgefühl auflöst und mich von allem abtrennt. Deshalb lass ich besser die Finger von Marihuana, nicht auszudenken, wie es mein Gehirn verändern würde. Die grelle Überempfindlichkeit, die nervenaufreibende Schlaflosigkeit, die mir allein der Kaffee seit Jahren schenkt, beeinflussen mein Denken wie meine Lebensführung wie meinen Musikgeschmack wie meinen Tatendrang derart, dass es mir zu riskant erscheint, einen neuen Stoff mit meinem Gehirn in Verbindung zu bringen: ich steh auf mein Gehirn und ich brauche es mehr als es mich braucht, ich muss wirklich aufpassen, dass ich mich nicht kaputt mache. Ich hätte gern kaltes Wasser über meinen Kopf laufen. Daniel zieht nächstes Wochenende nach Wien und ich muss hier in Erfurt einen Ersatz für ihn finden. Es ist ein heißer, leerer Hochsommer, wir schreiben das Jahr 2013, der Kaffee ist stark und süß und fordert mich auf, etwas aus meiner manischen Abgeschiedenheit zu machen. Meine Aufzeichnungen sind Flicken, aus denen man den Teppich meiner Identität zusammensetzen und so dem Wahn Substanz verleihen könnte, der mich tief in diese grässliche Stadt verschraubt hat und immer tiefer schraubt. Doch für wen? Ich weiß, dass es hier keine Liebe mehr gibt und kann nicht mehr hoffen, dass es sich lohnt zu warten. Ich hätte gern kaltes Wasser über meinen Kopf laufen.
Ich bin sicher, keine fiktive Person zu sein und meine allmorgentlichen Kopfschmerzen lösen sich auf in meiner Freude darüber, was ich mir heute alles erspare, wenn ich den ganzen Tag im Garten sitze und meine Armut verkrafte
und an mir herumspiele. Ich existiere - das bedeutet: ich bin nicht darauf angewiesen, dass man mich für real hält. Ich hänge an meiner Realität, an meiner Nicht-Fiktivität, ich bin sehr froh, nicht bloß ein fiktiver Charakter in einer fiktiven Welt zu sein und stelle mir eine Straße vor, auf der ein großer, schwarzlockiger Typ mit schwarzer Lederjacke, weißem, schmutzigem T-Shirt, dunkelroter Jeans und braunen Turnschuhen läuft, sein Gesicht ist verrust und irgendwas stimmt mit seinen Augen nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihn sympathisch finde oder nicht, er schaut mich an und lächelt, ich spüre, dass er dankbar dafür ist, dass ich ihn mir vorstelle. Meine Phantasie ist seine einzige Existenzgrundlage, er ist so dermaßen von mir abhängig, dass ich mir darauf etwas einbilden könnte, dass er am Leben bleiben will und ich ihn nicht sterben lasse. Klaus Kleber erscheint über meiner Schulter und fragt mich: "Würde es dir etwas ausmachen, ihn zu erschießen mit einem fiktiven Revolver in deiner fiktiven Hand, den fiktiven Abzug gedrückt von deinem fiktiven Finger, der mit einem fiktiven Gehirn verbunden ist, das einem fiktiven Wille gehorcht, der fiktive Ursachen hat? Bist du Herr über deine Phantasie? Hast du sie in der Hand? Wer hat die Kontrolle über das Gesicht des Typen, der dich gerade anschaut?" Ich trinke noch einen Schluck Tee und spüre, wie sich mein weiches Gesicht in die Welt bohrt. Es gibt niemanden, dem ich etwas vormachen muss, denn es gibt niemanden, den ich anfassen will. Es gibt niemanden, der mir etwas zu sagen hat, denn niemand weiß, was ich alles kann. Es gibt nichts, was ich noch lernen muss, denn ich habe keine Bestimmung. Das Bewusstsein stolpert von einer Uneindeutigkeit zu nächsten, versucht Muster zu erkennen und Haltung zu beziehen, bis das Gehirn dafür keine Energie mehr aufbringen kann und stirbt und sich im Erdreich auflöst. Alles, was man tun kann, ist mit den Schultern zu zucken.
Die Natur lässt uns im zunehmenden Alter abstumpfen, damit wir nicht so sehr unter dem Bewusstsein unseres Todes leiden; wir müssen kälter und dümmer und oberflächlicher werden, damit uns der Gedanke an unser unvermeidliches Ende nicht in den Wahnsinn treibt, denn warum sollten wir uns nicht von jeder Moral, jeder Vernunft, jeder Scham, jeder Art von Respekt und Mitleid befreien, wenn wir wüssten, dass wir in eine Ewigkeit puren Nichts stürzen, dass nichts von Dauer ist... Die Antwort auf dieses Warum definiert unsere Individualität. Der Tod trifft auf keinen stärkeren Rammbock als das menschliche Ichgefühl. Ein Mensch, der "ich" spürt und behauptet, negiert den Tod und das Nichts. Wie absurd, angesichts der Tatsache, dass er eines Tages sein Bewusstsein verliert und damit sein Ich und damit seine Unsterblichkeit. Diese Absurdität kann er nicht sein ganzes Leben lang hinnehmen, ohne körperliche und geistige Verfallserscheinungen zu zeigen. Vielleicht ist es also gut, dass wir abstumpfen werden, dass wir langsam erlöschen und den vielleicht viele Jahrzehnte umfassenden Rest unseres Lebens selig vor Stumpfheit dahindämmern, damit wir uns und Andere nicht verrückt machen.
Ich stelle mir einen 12jährigen Jungen vor, der auf einem Baumstamm sitzt, er hat nur eine rote Schwimmhose an und stochert mit einem Stock im Erdboden
herum und entdeckt den Hinterhof und den kleinen Garten. Er weiß nicht, dass ich ihn beobachte und wüsste er es, wäre es ihm egal. Er lebt in einer völlig abgeschlossenen, runden Welt, nur für sich, ganz allein und ohne Sinn für die Zukunft, er bewertet nichts: seinen Körper nicht, seine Wahrnehmung nicht, das Wetter und den Garten nicht, er nimmt alles einfach hin, er nimmt es auf sich, ohne Bedenken, mit einer stillen, erhabenen Freude, ohne einen einzigen dunklen Fleck auf seinem Herzen, wenn nicht mit der radikalen, unschuldigsten Hinnahme der Welt ein derart intensives Glücksempfinden verbunden ist, das das Herz verfinstert, weil man doch zu wenig begreifen und adäquat auszudrücken kann. Der Junge ist sich so sicher, dass er sein Leben nicht verschwenden würde, wenn er jeden Tag seines Lebens damit zubringen würde, im Erdboden mit diesem Stock herumzustochern und auf Bäume zu klettern. Der Sinn des Lebens ist, sich keine Gedanken um die Zukunft zu machen. Ich stelle mir vor, wie ich den Jungen umarme und küsse und neben ihm liege und ihn ganz fest an mich drücke, wie er sich entspannt und schlaftrunken neben mich räkelt, dieses tiefe, ernste, süße Vertrauen, dass ich ihn beschütze vor dem, was auf ihn zukommt, wie ich immer leichter und heller werde. Ich wäre gern wie er so frei und unfähig, etwas mit Worten anzustellen. Mein Sprachzentrum verdirbt meine Wahrnehmung, mein Lebenslust verfängt sich in meiner kalten, spießigen Geschwätzigkeit. Man kann die Kindheit nur genießen, weil man nicht weiß, wie fahl und leer das Leben eines Erwachsenen ist. Man kann nur etwas in seiner ganzen Fülle erfahren, wenn man nicht weiß, dass es nicht für immer da ist. Wenn ich weiß, dass das Glück, das ich empfinde, irgendwann fort ist, dann empfinde ich es nicht wirklich: ich klammere mich nur dran und versuche so viel es geht für mich auszukosten: eine solche Gier, getrieben von absolut berechtigter Verlustangst, verfälscht den Geschmack, verzerrt den Augenblick. Ich werde niemals so frei und leicht und herzig sein können wie ich es damals hätte sein können, ich hab meine Chance verstreichen lassen. Ich würde am liebsten nur Bücher für Kinder schreiben, für die es noch nicht zu spät ist. Die Gewissheit, dass es für Einige noch nicht zu spät ist, gibt selbst an schlimmen, grauen, erstickenden Morgen die nötige Motivation, aus dem Bett zu steigen.
Wir nehmen nie die Wirklichkeit wahr, nur das, was unser Gehirn erzählt. Es sitzt wie in einer Reifenschaukel und schaukelt wie ein Kind, das man irgendwo eingesperrt hat. Wir können nur schauen und vorschnell urteilen, es gibt viel hinzu- und wegzudichten, alles ist fragmentarisch, es gibt immense Lücken, die man füllen kann, aber nicht füllen muss mit allem, was irgendwie nützt. Die Welt ist ein Ding und unsere Wahrnehmung ist ein anderes Ding und wenn beide aufeinanderstürzen, funkt es und diese Funken entfachen unser Ich-Gefühl und mein Ich-Gefühl ist nerviger als fünfzig Mücken in meinem Schlafzimmer. Wird man mich mit solchen Mittelfinger-Sätzen durchkommen lassen? Jeder Leser möchte Butter bei die Fische haben, dabei bin ich noch ganz lebendig und schwimme im Meer und genieße das Leben hier. Jedes Ideal, jeder Leser, jeder Anflug von Ego ist ein Angelhaken: nichts dagegen einzuwenden, solang ich nicht anbeiße! Mein Desinteresse dafür, wer ich bin und was ich sein könnte, macht mich derart nervös, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals darauf angewiesen zu
sein, mich zu irgendwas zu bekennen und würde ich nichts schreiben, hätte ich andere Wege gefunden zu behaupten und zu beweisen, dass ich es nicht nötig habe, mich zu erkennen, mich als etwas darzustellen und dass es niemanden gibt, der mich loben oder tadeln könnte für etwas, das ich tu oder nicht tu.
II
Schweißverklebt erwache ich am heißesten Tag des Jahres in meinem vollgemüllten Raum, der von moorgrünen Vorhängen verdunkelt ist, hinter denen das grelle, aggressive Leben stattfindet, während ich wie ein großes, schwerfälliges Reptil in meiner Höhle auf der Suche nach Wasser und Liebe ins Bad krieche, ohne Stil und Verstand an meinem Leben vorbei. Nicht genötigt, etwas in der Welt zu bewirken, ist mir jedes Unbehagen wie jede Nervenüberreizung, die man gemeinhin Lebensfreude nennt, entglitten. Ist es verwunderlich, dass ich keine Feinde habe und glaube, weit über 100 Jahre alt zu werden?
Draußen im Garten dampft der schwarze Komposthaufen und in diesem Sommer wird etwas Ungeheures auf ihm blühen und gebissen von der Lust, etwas Eiskaltes in meinem Mund zu haben, bewege ich meinen schuppigen Körper in raschen Zickzack-Bewegungen zum Kühlschrank und krall mir das Stracciatella-Eis, das ich mir gestern gekauft habe, doch leider ist es nicht mehr gefroren, weil sie mir jetzt endlich den Strom wie angekündigt abgeklemmt haben. Ich schlecke etwas vom Eis-Schaum, der künstliche Geschmack enttäuscht , erniedrigt mich: ich will doch nur aus einer billigen Plastikbox billigen Eis-Schaum löffeln, der in Massen produziert und günstig verkauft wird, um Menschen eine süße, erfrischende Leckerei zu bieten. Die einfachsten Selbstverständlichkeiten sind mir nicht vergönnt: und das Plaste enthält sicher auch giftige Weichmacher, die an das Eis abgegeben werden, aber dagegen kann man sich nicht wehren, man muss es hinnehmen oder sich leisten können, auf Plastik zu verzichten. Ich bekomme bald einen Brief, in dem mir ein Beamter sagt, wann und wie es weitergehen soll. Ich habe einen Bearbeiter, ich werde bearbeitet. Ich stellte mir vor, wie ein Mädchen sich im Physikunterricht meldet und den Lehrer fragt, ob man Eis als nass bezeichnen kann. Ich würde als Lehrer antworten: "Also nass ist das genaue Gegenteil von trocken, trocken bedeutet: Abwesenheit von Wasser. Da aber Eis gefrorenes Wasser ist, Wasser also nicht abwesend ist, ist es nicht trocken. Und das genaue Gegenteil von trocken ist nass."
Ich braue mir einen sumpfgrünen Mate-Ingwer-Tee, setz mich damit auf den kargen Balkon und die Nachbarin kommt gerade mit einem Wäschekorb aus dem Haus. Wir grüßen uns und sie fragt mich, wie es mir geht und ob ich die Party gestern zu laut gefunden habe. Ich versuche, glaubhaft auszudrücken, dass mich die laute Musik nicht gestört hat, aber fühle mich wie ein biederer Spießer, der sich nur nicht anmerken lassen will, wie verärgert er ist. Ich habe lang nicht mehr mit Leuten geredet und bin nun nichtmal mehr in der Lage, harmlosen Small Talk
zu führen. Ich knüll mich zusammen und rolle mich in mein kühles, vertrautes Zimmer zurück. Mich als einsam zu bezeichnen ist als würde man den pazifischen Ozean als feucht bezeichnen, aber ich wüsste nicht, wem ich etwas bieten könnte und wer mir. Mir ist, als wären andere Menschen nur da, um mich daran zu erinnern, wie einsam ich bin, meine Einsamkeit noch weiter auszudehnen. Zwar schmeckt mir der Tee, aber ich ahne, dass meine Enttäuschung über das geschmolzene Eis meinen Geschmack verzerrt. Vielleicht kann mein Körper ja nur in begrenztem Maße enttäuscht sein und trickst, wenn das Maß voll ist, so gut es geht herum. Und selbst, wenn der Tee wirklich gut ist: er ist nicht deshalb gut, weil ich ihn gekauft habe, niemand hat mir damit persönlich einen Gefallen tun, einen Genuss bereiten wollen, ich hatte bloß Glück, dass ich den Tee abbekommen habe.
Ich hau mich ins Bett und umarme Decke und Kopfkissen und beobachte wie mein Becken zuckende, stoßende Bewegungen macht, wenn mich mein Körpergeruch nicht so anwidern würde, könnte ich auch eine Erektion bekommen. Ich rieche nach altem Ossi, nach Wolfgang, nach Ronny, nach Mike, nach Heiko, so richtig gewöhnlicher, biederer Malocher-Schweiß. Ich beschließe, ein Bad zu nehmen. Dazu bedarf es einiger Erledigungen: ich muss den Boiler anstellen, das schmutzige Geschirr, das schon seit Tagen in der Wanne aufweicht, sauber machen (ich hab kein Spülbecken in der Küche), mir neue Klamotten rauslegen, eine CD für das Bad-Radio auswählen. Es dauert ungefähr eine dreiviertel Stunde, bis das Wasser im Boiler heiß genug ist.
Der Kontrast, den die grauen, hässlichen Wände mit der schönen, klaren Musik von Bach bilden, ist so stereotyp, dass ich mir wie in einem Abschlussfilm von Kunststudenten vorkomme. In der Wanne liegt ein untersetzter, haariger, unförmiger Körper, viel zu lang um vom Hals abwärts unter Wasser sein zu können: das Wasser reicht bis zum unteren Rand der Brustwarzen, die sperrigen Beine sind angewinkelt und mit haariger Gänsehaut überzogen. Ich hab beim Einlassen zu spät Duschbad dazugegeben, sodass sich kaum Schaum bilden konnte und so muss ich meinen ekligen Körper sehen und unweigerlich identifiziere ich mich mit ihm, ich kann keinerlei Differenz zwischen meinem Inneren und Äußeren aufrechterhalten. Meine Kleidung hat nicht nur die Aufgabe, mir meinen Körper, sondern vor allem meinen Charakter, mein Schicksal zu verschleiern. Ich wollte mich ja unbedingt erfrischen, ohne darüber nachzudenken, ob ich das überhaupt verdient habe. Ich finde es falsch, dass man sich, obwohl man sich ekelhaft findet, etwas Gutes tut, genau so wie ich es falsch finde, eine unsympathische Person umarmen oder sogar küssen zu wollen, aber wenn man sich nicht vernichten kann, dann soll man sich auch nicht vernichten wollen. Kein Elefant reißt einem Geier die Flügel aus, klebt sie sich an die Schultern und versucht damit zu fliegen.
Das Wasser hat nun eine Temperatur die mit der gefühlten Temperatur der Luft übereinstimmt, sodass es scheint, als wäre die Wanne leer und ich läge nackt in der frischen Luft einer Meeresdüne. Ich stell mir vor, wie eine kühle Briese meinen
ganzen Körper umfährt. Ich liege breitbeinig da, niemand sieht mich, mein Schwanz ist völlig ungeschützt, aber es ist absolut unmöglich, dass jetzt jemand mit einem Werkzeug danach schnappt. Absolut sicher und entspannt, scheint es mir, dass sich das ganze Leben um solche Momente dreht. Es ist völlig egal, wie man aussieht oder was man tut, solang man sich dabei so wohl fühlt wie ich in einer Badewanne. Ich bin absolut frei, weil mich niemand wahrnimmt. Ich könnte wichsen oder ins Badewasser kacken, niemand würde es mitkriegen, es ist absolut unmöglich, dass jemand mir irgendwann ansieht, dass ich mal in die Wanne geschissen hab. Meine Bewusstheit über meine Freiheit erregt mich. Ich spiele an meinem Arschloch herum, obwohl sich das irgendwie nicht gehört, es ist kindisch und eklig, aber es fühlt sich gut an. Jeder, der auch nur ein klein wenig Menschenkenntnis hat, weiß, dass meine Art zu leben zwangsweise dazu führt, dass ich mir am Arschloch herumspiele. Insofern verwirkliche ich mich selbst und vielleicht ist jemand, dem danach lüstet, fremden Leuten in den Kleiderschrank zu scheißen und diese Lust auch Schritt für Schritt verwirklicht, genau so glücklich wie jemand, der sich Tag für Tag dem ungeheuren Druck in der Fabrik beugt und sich schief und krumm arbeitet, um seine Familie zu ernähren.
Langsam wird es mir zu kalt in der Wanne. Während ich das Wasser auslasse, kleckse ich die Reste des Duschbads auf meine Handflächen und schrubb mich von oben bis unten sauber, dusche mich ab, steig aus der Wanne und trockne mich ab, während ich den Drang spüre zu pissen. Wie ein Spatz mit rotem Gefieder, der in Erwartung einiger Brötchenkrümel zu mir hüpft, hüpft der Gedanke, mich in Unterhosen in die Wanne zu setzen und mich vollzupissen, in mein Herz. Eine ungemeine Vorfreunde überwältigt mich und ich zieh mir meine grauen Shorts an und wische mit meinem Badetuch die Wanne trocken. Es ist mir etwas peinlich, das so vorzubereiten, ich komm mir wie ein alter, fetter Mann vor, der, bevor er die Nutte fickt, nochmal kurz ins Bad geht und seinen Penis sauber macht, oder wie ein Wolfgang, der einen Spaß daran hat, kleine Katzen qualvoll zu ermorden und penibel eine Cellophan-Plane im Wohnzimmer ausbreitet und die Gardinen zuzieht und das Werkzeug bereitlegt. Glücklicherweise ist das Lustgefühl, das ich erwarte, größer als meine Scham - und ich bin mir ja absolut sicher, dass mich niemand sieht. Ich hole mir noch einen Plastebeutel aus der Küche, um die Unterhose dann schnell darin zu verpacken.
Jetzt lieg ich in Unterhosen in der Wanne, sie ist noch ganz warm vom Badewasser. Es ist gar nicht so einfach, loszupissen, ich spüre eine Sperre, die mich erregt. Seit meiner frühsten Kindheit habe ich gelernt, den Harndrang solang zu unterdrücken, bis ich auf Toilette bin oder mich draußen unbeobachtet fühlen konnte. Trau dich! Es ist absolut nicht schlimm, selbst wenn du scheißen musst, lass einfach alles raus, es gibt keinen Grund, zivilisiert zu tun, wenn man unbeobachtet in der Badewanne liegt. Kannst du dich überraschen? Kannst du etwas Irrationales machen? Kannst du einfach mal ganz und gar frei und entspannt sein? Kannst du dich unabhängig machen von Leuten, die du niemals anfassen wirst? Jetzt kommen die ersten Tropfen. Gegen meinen Willen halte ich
wieder an. Schon gut, lass es raus, piss dich richtig voll! Und plötzlich sprudelt es fröhlich heraus, das Grau der Hose verdunkelt sich, ich zieh sie etwas runter und pinkel meinen Bauch und Oberkörper voll und verteile mit der linken Hand die warme, fast geruchsneutrale Pisse über meinen ganzen Oberkörper und zwischen meine Beine und es kommt immer mehr Pisse, mir ist, ich stell mir vor, wie ein haariger, lustiger, kleiner Teufel auf einer sonnigen Waldlichtung liegt und sich vollpisst und wohlig grinst. Ich bekomm eine ungewohnt harte Erektion und beginne zu onanieren. Eigentlich brauch ich dazu immer Pornos, doch jetzt reicht mir die Gewissheit, dass ich mich gerade vollgepisst habe. Ich räkel mich leise stöhnend in der Wanne; das Stöhnen ist nicht authentisch, ich stöhne bewusst, um mich damit anzutörnen. Meine vollgepisste Haut reibt quietschend an der Badewanne, ich steiger mich total in die Tatsache rein, dass ich in meiner Pisse liege und wichse, ich bin so ein dreckiger, verkommener Mensch, es gibt keinen Grund, das zu leugnen, ich steck mir zwei Finger ins Arschloch und nach einer Weile ejakuliere ich in meine Shorts und verteil das Sperma über meinen ganzen Oberkörper. Ich zieh die Shorts aus und wisch mir damit den Oberkörper ab, dann beug ich mich aus der Wanne heraus, schnapp mir den Plastikbeutel und pack die Hose rein und dusch ich mich nochmal richtig ab. Ich glaub, so sauber war ich noch nie. Ich zieh mich an und stopfe den Beutel mit der vollgepissten Unterhose in einen leeren Pizzakarton, den ich nachher in die Mülltonne vorm Haus entsorgen werde, erstmal mach ich mir noch einen Tee und schaue auf arte.tv eine Dokumentation über Cannabis an und frage mich, ob ich nun, fast am Ende meiner Zwanziger, reif für die Pflanze bin, vor der ich mich bisher aus Angst, paranoid zu werden, gedrückt habe.
Es klopft und ich freu mich, dass jemand etwas von mir will. Es ist mein Nachbar André, ebenfalls frisch geduscht und braun gebrannt, der mit zugekiffenen Augen, eine Blume im schwarzen, lockigen Haar fragt, ob ich mit einkaufen komme, er will Bier holen und braucht Hilfe beim Tragen. Ich sag, dass ich mich noch kurz frisch machen will und dann gleich bei ihm klingel. Ich werde versuchen, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich spüre, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Es ist ganz bestimmt nicht wegen mir, also kann ich schonmal ganz entspannt sein. Vielleicht hat er wieder Probleme mit seiner Mitbewohnerin. Ich werde einfach nichts weiter sagen, solang es nicht etwas wegen mir ist, interessiert es mich auch gar nicht. Wir haben schon lange Zeit keinen richtigen Bezug mehr zueinander. Ich weiß gar nicht, warum, ich hab es einfach so hingenommen, denn wahrscheinlich hat sich einfach für uns beide herausgestellt, dass wir nicht viel miteinander anfangen können. Ich werde manchmal zum Grillen in den Garten eingeladen oder gefragt, ob ich bei der ein oder anderen Sache mithelfe, aber ich bin nie wirklich bei der Sache und ob das die Anderen merken, ist mir egal und ich weiß was meine Gleichgültigkeit bedeutet. Ich nehme auf dem Weg nach draußen den Müllbeutel mit und hoffe, dass André nicht fragt, was drin ist. Er schaut den Beutel so an, als würde er sich die Frage verkneifen, aber es ist gar nicht möglich, dass mich jemand gesehen hat. Ich hau den Beutel in die Hausmüll-Tonne und als ich den Deckel wieder zuknall, hab ich Angst, dass André mir sagt, dass Plastikmüll in die Gelbe Tonne gehört. Aber er sagt nichts, er sagt auf dem ganzen Weg zum
Supermarkt nichts und ich versuche so zu tun, als wäre es mir egal. Ich nehm mir immer vor, etwas Tolles, Neues, Interessantes zu kaufen, ende aber immer wieder mit Tiefkühlpizza. Vielleicht ist das die Zusammenfassung meines Lebens, das Einzige, was man über mich wissen muss. Vor uns an der Kasse steht ein süßer Junge mit einer grauen, engen Jeans und zuhause tauche ich meinen Kopf ins Waschbecken und mir wird bewusst, dass mein Leben sehr einfach ist.
Mein Leben ist ein kleines Badezimmer, in dem ich tun und lassen kann, was ich will. - Da liegt ein kleines Steinchen am Brunnenrand und du kannst es in den Brunnen schnippen oder nicht. Was sind die Gründe dafür, dass du manchmal deinen Fähigkeiten nachkommst und manchmal nicht? Unser Staat kann nur funktioniert, wenn seine Bürger nicht in Extreme abrutschen, sondern lieb und mittelmäßig sind. Nicht jeder ist in der Lage, sich freiwillig in die Hose zu pissen und meine Fähigkeit, dabei noch Lust zu empfinden, lässt mich daran zweifeln, dass ich einen Personalausweis verdient habe. Alles was man tut, tut man nur für sich selbst, um die eigene Persönlichkeit auszubauen, zu stabilisieren, um sich zu erzählen, wer man ist, um sich klar zu machen, wo man steht, um sich für andere Leute, von denen man mehr oder weniger abhängig ist, zu schmücken. Es wird immer wärmer, ich kann mich kaum mehr bewegen, alles läuft ganz langsam ab, mein Metabolismus kann nur das Allernötigste tun, eine Fliege summt aufgeregt herum. Ich weiß nicht, ob ich angespannt oder entspannt bin. Bald werde ich wieder pinkeln müssen und mit einem schweren, dunklen Grinsen grüßt mich die Lust, mich wieder in Unterhosen in die Badewanne zu setzen und mich vollzumachen. Werfe ich das Steinchen in den Brunnen? Ich starre die Zimmerdecke an und döse ein und träume davon, neben einem Jungen zu liegen, den ich sehr liebe, ich versuchte über den ungewöhnlich heißen Sommer zu reden, aber er sage: "Mann, sei ruhig, ich will schlafen." Ich fühle mich dumm und ekelhaft und mir wird bewusst, dass ich ihn nie küssen werde und stell mir vor, wie ich in Unterhosen in der Badewanne sitze und mich vollpisse, plötzlich wache ich auf, weil ich merke, dass dünnflüssige Kacke aus mir fließt und plötzlich springt der Junge erschrocken auf und ich schaue ihn mit dem hässlichsten Gesicht an, zu dem ich fähig bin und weiß endlich ganz sicher, dass ich ein völlig kaputter Mensch bin, der sich niemals eine aufrichtige Umarmung, niemals einen Kuss verdienen wird. Ich überlege, ob ich meinen Schiss nehme und damit den Jungen bewerfen sollte, damit er denkt, ich bin wahnsinnig, denn vielleicht kann man einem Wahnsinnigen eher verzeihen als einem Gesunden. Während der Typ entsetzt das Fenster aufmacht, stottere ich aufgeregt: "Ne, na? Ne, na? Das muss ein Traum sein, ein furchtbarer Traum, nur ein Traum, ein Traum." und erwache in meinem Bett, brauche ein paar Sekunden um zu verstehen, dass ich nur geträumt habe.
Ich zieh mir mein bordeaux-farbenes Kordjackett über und streife durch die Stadt, die nach Flieder und Autoabgasen riecht. Im Gewerbegebiet hat diese Woche ein kleines Kino neu eröffnet, in dem von 22 Uhr bis weit in die Morgenstunden Filme gezeigt werden, die leider nur eine Minderheit
interessieren. Ich bezahle 10 Euro für die ganze Nacht. Heute laufen "Withnail & I", "Das Gespenst der Freiheit", "Mann beißt Hund" und "El Topo". Das Ende des letztens Films bekomme ich nicht mehr mit, weil ich einnicke. Der Besitzer stupst mich am Ende der Vorstellung mit einem Besen an. Ich schrecke auf und blicke in ein strenges, liebloses Gesicht. "Hey, wir machen jetzt zu, du musst gehen." Ich steh auf und laufe auf zittrigen Beinen nach draußen, die Morgengrauen-Kulisse wird in die Stadt geschoben, kaltes Gähnen zieht über die Dächer, treibt die Tauben auf den Jahrmarkt, am Straßenrand blühen Eiskaffee-Schirme auf und die Tankstellenwärter reiben sich den Sand aus den Augen, überladene Lastwagen krachen über die Narben der Stadt, ungehortete Kinder laufen rückwärts in den Park, treiben ihre Späße mit den Bauarbeitern, deren geil rammelnden Maschinen die Nervenkostüme der alles blockierenden Auto-Fahrer wie Klaviersaiten bespielen. Auf der Suche nach Kaffee begegnet mir kein einziges freundliches Gesicht, niemand würde mir ein paar Cent geben, wenn ich darauf angewiesen wäre, jeder möchte mich aus seinem Leben raushalten, niemand fühlt sich für mich verantwortlich. Ich setze mir ein ernstes, selbstbewusstes Gesicht auf und husche licht- und geräuschempfindlich wie ein Lamm durch dunkle, enge Gassen in mein Versteck zurück, wo ich mich erstmal aufs Klo setze und pisse, mich dann in mein Bett kuschel und hoffe, mindestens vier Stunden durchzuschlafen.
III
Ich verbringe den ganzen Tag im Steigerwald, ich liege auf weichem Moos und schaue durch die hellen, rauschende Bäume in den blauen Himmel, sitze auf einem Baumstamm und beobachtet die Ameisen am Boden einen toten Schmetterling wegtragen, klettere auf einen Baum, mache es mir dicht unter der Krone gemütlich, fühle mich unerreichbar und zu allem bereit, atme ganz tief ein und wieder aus, wie nach einer langen Anstrengung, wie Frühlingswind durch den Garten huscht, wie ein junges Reh herumhüpft und Gießkannen und Eimer umhaut.
Es ist, als ob Erfurt permanent Gift produziert und in die Luft abgibt. Die Menschen sind bedrückt von Arbeitsstress und Desinteresse, aufgedunsen von Zukunftsangst, die beständig gefüttert wird vom unkontrollierbaren Lärm der Autos und Fabriken und ständig die Ahnung, dass gleich jemand die Fassung verliert, dass gleich ein panisches Geschrei über die Stadt hereinbricht und Schüsse und Sirenen. Wiegt Euch nicht in Sicherheit, Bürger dieser Stadt! Je länger die Katastrophe auf sich warten lässt, desto notwendiger und schlimmer wird sie.
Dort auf der Treppe vorm Edeka sitzt ein niedlicher Junge, etwa 13 Jahre alt, braune Haare, weiches Gesicht mit dunklen Augen, ein grünes Sonic-Youth-Shirt, kurze, zerrissene Jeans, rote Turnschuh. Er passt nicht in diese Stadt, er hat irgendeine Strategie gefunden, sich nicht von ihr gängeln zu lassen und ich spüre, dass ich kein Recht habe, herauszufinden, welche. Ich habe bloß das Recht, ihn zu
bewundern und von diesem Recht mache ich Gebrauch wie von einem Säbel, mit dem ich mich vom Wald durch die Innenstadt nach Hause schlage.
Kein Buch der Welt kann einen Spaziergang in einem duftenden Wald ersetzen und mein Herz zeigt seine Zähne. Ich schaue mir auf Youtube eine Live-Aufnahme von Steve Reichs Music for 52 Instruments an und döse ein bisschen. Ich träume davon, dass das Orchester in allen Straßenbahnen der Welt rund um die Uhr über Lautsprecher zu hören ist und dass man der Frau, die diese Idee hatte, jeden Tag einen riesigen Blumenstrauß vor die Tür legt, der immer eine andere Farbe hat.
Ich wache auf und draußen sind alle Laternen der Straße aus, vielleicht ein Fehler im Netz oder ein neues Gesetz, mein Bauch kribbelt, als wäre ein warmes, weiches Licht darin gefangen und ich muss lächeln. Selbst Affen und Hunde sind glücklich aufgeregt, wenn etwas Neues im Käfig passiert. Bewaffnet mit einem Messer, denn es könnte ja irgendein Bösewicht die Dunkelheit benutzen, um böse Dinge zu tun, denn in der Dunkelheit können Menschen besser über ihren moralischen Schatten springen, schleiche ich barfuß durch die Straße, so als gehörte sie zu meiner Wohnung und streiche mit dem Finger über das kalte Metall der Autos, lege mich mitten auf die Straße und schaue in den trüben Himmel, der grad noch genügend Licht abgibt, damit ich mich orientieren kann. Alles ist ganz ruhig, nur ein leichter Wind zieht durch die Straße. Ich könnte jetzt alle möglichen Sachen tun, niemand kann mich sehen. Ich könnte mir einen runterholen oder Autoreifen zerstechen oder auf eine Motorhaube scheißen. Wann habe ich mich - außer in meiner eigenen Wohnung - jemals so unbeobachtet gefühlt? Manchmal kommen mir während eines sexuell sehr aufgeladenen Traums der Gedanke, dass er an eine Wand projeziert wird und vor den Augen meiner Eltern von Ärzten und Polizisten analysiert wird. Ich schiebe meine rechte Hand in meine Hosentasche und reibe meinen steifen Schwanz und denke ausnahmsweiße nicht drüber nach, wie mein Gesicht dabei aussieht: solche Gedanken sind völlig unangebracht, wenn es dunkel ist; aber die Straße wird langsam unbequem und ich stehe auf und gehe ein paar Mal die Straße auf und ab und tippte an einen Mercedes-Stern und habe Lust, so mutig zu sein ihn abzubrechen und stelle mir vor wie mein Mut anschwillt zu einer wütenden Flut und zu immer ekstatischer werdender Musik gegen die Brandung schwappt. Bin ich das Musikstück? Was, wenn die Sirene des Wagens anspringt? Kann ich barfuß gut rennen? Ich geh eine Straße weiter und noch eine, scheinbar ist das ganze Viertel dunkel und mein Verlangen wird immer stärker und in einer Nebengasse bücke ich mich zwischen zwei hintereinander stehenden Autos und ramme das Messer ganz langsam in den Hinterreifen des größeren Wagens. Ein Mensch hätte jetzt schon wild aufgeschrien, manches Tier wäre jetzt schon tot, aber der Autoreifen lässt das alles über sich ergehen, wie ein alter, müder Gefangener, der sich gegen die Giftspritze nicht mehr wehren will, obwohl er weiß, dass er kein Verbrechen begangen hat. Ich ziehe das Messer langsam wieder raus und kann ganz leise das Austreten der Luft hören. Ich stelle mir vor, wie die Frau, der der Wagen
vielleicht gehört, morgens hektisch mit ihrem Kind auf dem Arm zum Auto rennt, um pünktlich ins Büro zu kommen, aus der Parklücke fährt und feststellt, dass der Reifen einen Platten hat und wie sie flucht und vor sich ihren ganzen Tag zusammenfallen sieht. Vielleicht hat sie einen wichtigen Termin, der ihr ganzes weiteres Leben bestimmt. Vielleicht wäre ihr aber auch ein Unfall passiert, wenn sie heute ganz normal ihren Alltag durchgeführt hätte. Ob ich sie in die Scheiße geritten oder ihr das Leben gerettet habe: ich habe mich in die Welt eingebracht, ich habe einer anderen Person den Tagesverlauf entscheidend verändert.
Ich laufe über die Hauptstraße in ein anderes Viertel, in dem die Straßenlaternen noch an sind. Mitten im Weg ist eine Baustelle, abgesperrt mit rot-weißem Absperrband. Ich gleite mit den Händen dicht drüber, was wird hier überhaupt gebaut? Ich berühre das Band, wann kommen die Arbeiter? Ich hab Lust, es abzureißen. Ich erinnere mich an eine Parabel von Kahbil Gibran: eine neue Freude zieht in die Stadt und es erscheinen ein Teufel und ein Engel vor ihrem Haus und streiten darüber, ob sie eine Tugend oder eine Sünde sein soll. Wo ist die Grenze?
IV
Die Moral und ihre schönen Feinde
(1)
Es kann nur ein Zeichen von Müdigkeit, Alter, Furcht und Schwäche sein, wenn man in schöner, zarter, böser Lust nur noch einen Einwand, ein Defizit, ein Problem sieht. Was deine Lust zu einem Problem für dich werden lässt, stellt den Kern deines Wesens, das Zentrum deines Lebens, die Ballance deiner gesamten Existenz in Frage. Wofür? Kannst du das dulden? Oder hast du dich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt?
Wenn der Einzelne sich aus der Gesellschaft herausgelöst hat, darf er nicht verbittern; erst wenn er wirklich glücklich ist mit seiner Freiheit, ist er ihrer würdig. Ein bösherziger Eremit ist eine Schande in den Augen der Göttin der Einsamkeit, seine Aggressivität und Missgunst ist offensichtlich Frucht unverdauter Freiheit - und erzeugt chronische Schmerzen, die wiederum die Behaglichkeiten der Gesellschaft verlockend erscheinen lassen wollen. Man sieht es schon an seinem Gesicht, dass die Gesellschaft, aus der er floh, immer noch ihre zwei drei Finger in seinem Hintern stecken hat; noch hat sie ihn nicht freigegeben, noch steckt er in der Maschine fest. Erst, wenn er gerne frei, gerne außen vor ist und zwischen den Begriffen, über den Dingen, hinter den
Idealen steckt, erst wenn er also keinen Gram mehr gegen jene hegt, die sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt haben wie er, wenn er alle Verbitterung losgeworden ist, verlieren die Lockungen der Gesellschaft ihren Reiz und ihren Sinn.
Die Lust ist das Zentrum, um das meine Werte kreisen. Meine Ästhetik ist das Fundament meiner Moral. Mein Geschmack hat mein Weltbild im Griff. Ich wünschte, die Menschen würden weniger Angst vor ihrer Lust haben; den Anblick von unzufriedenen Leuten kann ich nicht ertragen, ohne abzustumpfen, und so geht es allen Leuten, besonders wenn sie es nicht wissen. Verdriesliche Gesichter wollen verdriesen. Das ist die erste Grundregel des sozialen Lebens in der Thüringer Provinz.
Kennt ihr Leute, die sich wegen dem, was ihnen lieb ist, als etwas Besonderes oder vielleicht sogar als etwas Relevanteres vorkommen? Solche Leute haben ein großes Herz und einen klaren Weg vor sich: der Weg in die Sackgasse ihrer Identität.
Dir gehört nur das, was du geschenkt bekommen oder gestohlen hast. Deine Kassenzettel und Quittungen sagen dir niemals, was dir gehört. Man kann nur das richtig besitzen, was man nicht gekauft hat. Alles, was wir gekauft haben, klebt und stinkt, vergiftet die Lebenslust und erniedrigt den Geist. - Wir müssen immerzu stehlen, weil wir unbedrückt leben und besitzen wollen - so wollen wir uns definieren. - Wir wollen uns alles einverleiben, was wir nötig haben - und auch mit Dingen, für die die Meisten keine Verwendung haben, wollen wir experimentieren. Jedes Verbot ist nicht mehr als ein Ball, den man dir zum Spielen zuwirft. So wie der Ball es dem Kind nicht übel nimmt, wenn er im Spiel kaputt geht, so angemessen ist es, wenn du ein Verbot übertrittst, ganz gleich welches es auch sein möge. Es ist Ausdruck echter, wehrhafter Lebensfreude, wenn du keine Ehrfurcht vor den Regeln im Menschenpark hast und so ernst und stolz und entrückt deinen Weg behauptest wie ein Kind im Sandkasten sein Spiel behauptet.
Vergreife dich erst an den Kleineren und Schwächeren, kämpfe mit ihnen und unterdrücke sie, zu reinen Übungszwecken, lerne das Gefühl von Macht und Sieg kennen und such dir allmählich immer stärkere Gegner. - Als Kind hast du dir einen Zauberspeer gewünscht, mit dem du deinen Körper durchlöchern kannst, ohne zu sterben, ohne Schmerzen zu empfinden oder anderweitig Schaden zu nehmen. Schon lang weißt du, dass deine Sinne ständig neues erleben müssen, um nicht kaputt zu gehen.
Ein Regelwerk, an das sich alle halten sollen, ist genau so eine schlimme Idee wie Musik, die alle hören sollen, wie Essen, das alle essen sollen. Jeder hat etwas Anderes nötig, jeder ist zu etwas Anderem befähigt, weil jeder einen anderen
Körper hat, der ganz eigene Bedingungen und Bedürfnisse hat. Mit allem was ich schreibe, versuche ich mich gegen eine Vereinheitlichung des Menschen zu wenden und den Gedanken an eine wirkliche Vielfalt, eine für die herrschenden Verhältnisse vielleicht gefährliche Vielfalt frisch zu halten. Die größte denkbare Perversion hat ihre Rechtfertigung, ihre Notwendigkeit und groteske Schönheit. Ein sinnlicher Mord, eine amüsante Hinrichtung, eine dreckige Orgie auf einem Friedhof. Das Leben will alle Lust. Die Gier nach Fleisch und Loch, nach Verrat und Todschlag pulsiert in den Schläfen aller Menschen. Die Gier bejahen hält jung, zum Preis einer langsamen Verblödung und Radikalisierung.
Es ist eine Lust, Dinge die einem etwas bedeuten, kaputt zu machen, es ist eine Lust, sich hässlich zu fühlen, es ist eine Lust, da zu sein wo man nicht hingehört, es ist eine Lust, in der Dunkelheit herumzuschleichen, es ist eine Lust, kleinen süßen Jungs den Arsch zu küssen. Dass ich mir ein bescheidenes, harmloses, demütiges Leben gewünscht habe, war ein Loch, das eine himmlische Lebensmüdigkeit in meine Substanz gebohrt hat, das sich sehnt, gestopft zu werden mit Irrsinn. - Es sind nicht Gedanken, die uns am Leben halten, sondern bestimmte Lüste. Wehe, du lässt dich nicht vertrösten! Wehe, man hat dich nicht genügend erniedrigt! Wehe, du kannst dich nicht zurückhalten! Wehe, deine Geilheit ist größer als deine soziale Vernunft! Wehe, du bist unzufrieden mit dem, was die Unterdrückung deiner Geilheit erzeugt! Wehe, der Druck deiner Moral kommt nicht gegen den Größenwahnsinn deines Körpers an! Wehe, deine Organe funktionieren noch einwandfrei! Wehe, du willst glücklicher und widerstandsfähiger sein als deine Freunde! Wehe, du kannst dich mit deiner Ungerechtigkeit, deinem Bösen, deiner Sterblichkeit abfinden! Wehe, du kannst noch herzlich lachen und weinen!
(2)
Ein Kind, das zum ersten Mal weint, weil die Eltern es für eine Handlung bestrafen: es weint, weil es spürt, dass es nicht verantwortlich für sich ist, es weiß, dass es sich kein Ich ausgesucht hat, dass es nichtmal eine feste Ich-Substanz (die Ursache von Handlungen wäre) gibt und es nur ein Spielball der inneren und äußeren Kräfte ist und deswegen ständig in Interessenkonflikte gerät. - Die Eltern werten dem Kind dieses schauerliche Erlebnis als eine notwendige Empfindung um, die man bekommt, wenn man etwas an sich Böses tut und verderben das Kind mit der Lüge, es wäre allererste Ursache einer absolut falschen, kranken, strafbaren Handlungen. - Das Kind weint, weil es sich im Moment der Strafe absolut nicht geliebt weiß: seine Eltern haben es so wie es war in die Welt gesetzt, nach ihren persönlichen Wünschen und Fähigkeiten erzogen, das Gefühl von Liebe und Geborgenheit geschenkt, und plötzlich wenden sie sich gegen ihre eigene Zeugung, gegen ihr eigenes Werk. Die ehemals als bedingungslos empfundene Liebe wandelt sich in eine an moralische Prinzipien gebundene Liebe. Mit dieser Erkenntnis verlässt der Mensch das Paradies seiner Kindheit und geht über in die Pubertät.
Strafen dienen dazu, gewisse Handlungen zu verdrängen und andere zum Vorschein zu bringen. - Das Gewissen ernährt sich von dem Gefühl der Schwäche, das einen belastet, wenn man gewisse Dinge nicht tun kann, ohne bei anderen Leuten Ärger, Stress, Zorn zu erzeugen. Es ist keine moralische Empfindung, die ein Kind davon abhält, im Supermarkt etwas zu stehlen, sondern der Ärger über die Unfähigkeit unbemerkt etwas zu stehlen und die Angst vor den Konsequenzen des Erwischtwerdens. Diesem Ärger und dieser Angst verleiht die Idee des "guten Gewissens" einen edlen Anstrich, er sorgt dafür, dass man sich nicht erniedrigt fühlt. Einen Schritt weiter in der intellektuellen Entwicklung und das Gewissen selbst wird endlich als erniedrigend empfunden und als ein wesentlicher Grund für die eigenen Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen erkannt und Schritt für Schritt gegen eine stärkere, schönere Idee eingetauscht.
Strafen können nicht verbessern, sie unterdrücken nur. Es muss ein gutes Zeichen sein, wenn eine erduldete Strafe das Böse erst richtig entfacht. Von jeher habe ich Sympathien für ehemalige Häftlinge gehabt, die sich am Justizsystem rächen wollten. Der Staat hat sie erniedrigt: um nicht depressiv zu werden, müssen sie sich rächen, um ihre Ehre wiederherzustellen, die genau jene Würde ist, die im Grundgesetz wie eine Flagge hochgehalten wird. Am Umgang mit gewalttätigen, bösartigen oder kranken Menschen verrät der Staat seine Seele.
Der Staat unterdrückt das kranke, verzweifelte, sich-selbst-peinliche Verbrechen ebenso wie das schöne, vitale, schamlose Verbrechen. Die einen sind die letzten, heimlichen Schreie einer degenerierenden Menschheit, die anderen sind das immer wiederkehrende Seufzen einer übermutigen, neuen Menschheit - die einen schauen bitter nach innen und ziehen die letzten Konsequenzen, die anderen schauen nach drüben und kennen ihre Jas und Neins, aus denen ein Weg, ein Ziel erwachsen wird. Der Staat missversteht die Verbrecher als Ausschussmenschen, er ist unfähig, ihre Notwendigkeit zu erkennen und ihre Not mit Blumen zu schmücken. Die einen Verbrecher werden immer hässlicher und kranker, die anderen immer schöner und gesünder und selbstbewusster.
Die vornehmen Mörder haben eine gesunde Selbstachtung, weil sie ein Ohr für starke Musik haben. Nur wer für Musik nicht empfänglich ist, wer sich von Musik nicht verzaubern, mitreißen lassen kann, nur wem Musik keine Würde geben kann, wird keinen leichtherzigen, selbstbewussten Mord begehen können. Ein Richter, der Motive objektiv bewerten muss, darf nichts ahnen von der mächtigen Lust und Unlust, mit der man dem Notwendigen gegenübersteht. „Nicht der Mord ist illegal, sondern dabei erwischt zu werden.“ Das ist ihre Empfindung.
V Beton Heute einen Ausflug nach Leipzig gemacht, das erste Mal seit Monaten aus Erfurt rausgekommen, bisher nicht genug Selbstachtung dazu; - gelohnt hat es sich aber nicht. Die alte Frau, die mir im Zugabteil schräg gegenüber sitzt, ist wegen mir ganz unruhig, vielleicht ekel ich sie mit meiner Heruntergekommenheit an; "Wie kann man sich nur so gehen lassen?", wird sie ihrem Mann beim Abendbrot sagen. Ich schaue nach draußen, eine graue Landschaft rauscht vorbei, die Wolken schimmern grün, am Horizont kommt die untergehende Sonne etwas hervor, so unbeeindruckend, unpoetisch, leer; ich sehe mein Gesicht in der Scheibe: ein kaputtes, aufgedunsenes, frustriertes Gesicht, jeder der ein bisschen Menschenkenntnis hat, kann sofort erraten, was ich für einer bin, es gibt keinen Zweifel, dass alles, was ich jemals getan und gedacht und gefühlt habe, genau zu meinem Gesicht passt. Ich kann meine Schande nicht verbergen. Ich weiß, dass es sehr liebe, offene, entspannte Menschen gibt, in ihnen leuchte schon immer eine unbedingte Menschenliebe, sie sind mit allen Menschen befreundet und überall zuhause; ich verkörpere viele Jahre schon ihren Antipoden, ich stelle ihn dar: was ich wirklich bin, das ist die Gesamtheit all meiner Zustände; niemand kann mit dem Finger auf mich zeigen und mich meinen. In den endlosen Einkaufsstraßen Leipzigs erschrecke ich über die Substanzlosigkeit meines Lebens; die Distanz zu Erfurt überwältigt mich; so muss sich ein psychedelischer Schub unter Marihuana oder LSD anfühlen. Die Tatsache, dass es diese Drogen gibt und ich zwar so viel schon davon gehört habe, aber noch nie einen Selbstversuch wagte, freut mich: denn mein Interesse, was diese Substanzen anbelangt, hält mich gewissermaßen davon ab, suizidal zu werden, wenn ich mir vorstelle, was ich als Schriftsteller für Möglichkeiten hab, aus der prekären Sackgasse zu kommen, in die mich der liebende Sozialstaat gesperrt hat, sehr zum Wohle aller. Bevor ich von hier verschwinde, suche ich mir auf jeden Fall einen Schamanen. Niemals aber werde ich psychedelische Drogen ausprobieren, solang mich die Schlaflosigkeit und das Nichts mich menschenhassend, weltverachtend durch meine Wohnung torkeln lässt; ich trinke entgegen meiner Gewohnheiten eine Flasche Wein leer und schreibe dies und schreibe das und schlafen kann ich sowieso nicht, zur Ruhe kommen, in die weiche Dunkelheit fallen, ein frischbezogenes Bett, mein mit rosa Schaum gewaschener Körper, deine Abwesenheit aufsaugend und ausflennend, schnaubend, hustend, kotzend aus dem Fenster! Schaut mir in die Augen, Bürger von Leipzig! Könnt Ihr sehen, was ich für einer bin? Ich bin sehr leicht geworden, ich könnte jeden Moment davonfliegen. Haltet mich fest mit Euren Blicken, definiert mich mit Euren Augen, stellt mich klar. Ich verfüge über ein riesiges Arsenal an Hilflosigkeits-Gesten, Fragezeichen- Mimiken, ich zittere am ganzen Körper, meine Existenz steht auf zwei krummen, wackligen Füßen und Ihr schaut mich nicht an! Ihr geht an mir vorüber, weil Ihr meine Gedanken nicht lesen, mein Herz nicht schlagen spüren könnt. Gleich wird
der kalte, graue Regen auf diese kalte, graue Stadt plätschern und Ihr werdet hastiger, Eure Laune wird noch ein bisschen schlechter, Eure Kleider werden schwerer, die Luft wird sauberer. Meine Augen leuchten, mein Gesicht ist eine weiße Festung, ich habe das Gefühl schon viele hundert Jahre auf der Erde zu sein und dass ich bald eine entscheidende Schlacht zu gewinnen oder zu verlieren habe. Der Wein rührt in meinen Gedanken herum, wie ein fetter, verschwitzter Koch mit seinen Füßen den Obstsalat umrührt. Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal länger als zwei Stunden geschlafen habe. Mein Rücken quält mich, als würde er mich dafür bestrafen, dass ich mich noch nicht umgebracht habe. Mir fällt es sehr leicht, schwere Worte wie "umbringen" zu benutzen. Mein Arsch ist kalt und meine Füße sind eingeschlafen, die Leute rauschen an mir vorbei, eine verschwommene, graue, dampfende Masse, darin blitzen immer wieder bekannte Gesichter von früher auf, schauen überrascht, sie dachten nicht dass ich noch existiere und versuchen so zu tun als würden sie mich nicht erkennen, ich zieh mich an dem Verkehrsschild neben mir hoch und versuche mich zu orientieren. Links geht es zum Bahnhof zurück, rechts geht es in die Innenstadt, und wenn ich durch die Gasse vor mir gehe, komme ich zum Theaterplatz und dahinter dann zum Stadtpark. Ich heb die leere Weinflasche auf und schmeiß sie in den Mülleimer gegenüber und geh zum Bahnhof zurück.
*
Ich habe so Angst, mich zu irgendetwas zu bekennen, in irgendeine konkrete Richtung zu gehen, aber schon meine Unfähigkeit, mich zu definieren, ist Substanz. Mit jedem Atemzug schlingt sich die Kette meiner Existenz fester um die Idee, das ich mit meinem Leben tun kann, was ich will, aber ich weiß nicht, was und denke, bald den Mut zu haben mich weit, viel zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Wenn die Zivilisation ein Strom ist, der ins Unbekannte fließt, dann bin ich ganz vorn mit dabei. Ich schwimme ganz oben auf der Welle des Fortschritts, ich bin einer der empfindsamsten, mutigsten, unbestechlichsten Menschen. Meine Traurigkeit und Ungeschliffenheit und Abgeschiedenheit macht mich unverwund- bar. Ich lungere wie eine unsterbliche Eidechse in einer kleinen Box tausende Meilen unter dem Meeresgrund eines unbewohnbaren Planeten in der Mitte des Universums. Wie eine zerbrochene Glasflasche wandert meine Einsamkeit durch meinen Darm und ich erwarte jeden Moment, dass mich ein heftiger Schmerz zerreißt. Es gibt nichts, was ich mehr genießen kann, es gibt nichts, was mir mehr schmeckt. Ich fresse irgendwelches Fertigfutter, weil mein Körper daran gewohnt ist: er erzeugt mir ein Unlustgefühl, wenn ich ihm Essen verweigere, aber er belohnt mich nicht mit einem Lustgefühl, wenn ich ihn versorge. Meine Abgeschiedenheit von der Welt erscheint mir als die universelle Antwort auf die Fragezeichen, die mein Herz Zeit meines Existierens in die Welt geschlagen hat. Ich bin in einem ekelhaften, schwachen Körper eingeklemmt, der in einer kalten, düsteren Welt eingeklemmt ist, in der es noch niemals einen Grund gab, sich die Hände schmutzig zu machen oder auch nur einen Finger zu rühren. Die Tatsache,
dass ich jetzt in diesem Moment nicht Schluss mache mit allem, beweist, dass ich ein absoluter Versager bin. Ich kann nichts mehr zwischen mir und meiner Bedrückung schieben, keine Lust, keine Sensation, keine Hoffnung, keine Nostalgie, ich bin völlig aufgedunsen von einer kalten, alles verderbenden Stumpfheit, mein Blick schiebt alles, was ihm begegnet, weit zurück, meine Gedanken lecken lustlos an sich selbst herum, mein Herz ist ein morscher Baumstamm, der langsam in einem grauen Sumpf versinkt. Selbst der barmherzigste Christ wäre außer Stande, mich zu bedauern. Ich erinnere mich an kein Paradies, ich möchte niemanden entthronen, es gibt nichts, das ich mit Lust zerstören könnte; ich bin ein magerer, sperriger Niemand, sämtliche Nichtigkeiten, die normale Menschen in regelmäßigen Abständen von sich abschütteln, habe ich zusammengestaut, bis sie zum Kern meines Wesens wurden, dessen Radioaktivität alles ringsherum auflöst und der irgendwann in sich selbst stürzt.
*
Der Mensch ist das einzige Tier, das sich permanent beobachtet fühlt. Selbst ein Löwe im Zoo vergisst für Momente sein Ausgeliefertsein. Der Mensch spürt es jede Sekunde. Was er Selbstkontrolle nennt, ist bloß der Versuch, seine Nervosität auf einem Level zu halten, auf dem er sich nicht zum Feind seiner Mitmenschen macht. So kriecht er verbuckelt von Überreiztheit und seinem Hass auf seine Affekte durch die Ödnis, die er über fast den ganzen Erdball ausgebreitet hat.. Ich stell mir einen fetten Typen vor, den feuchte Träume von nackten Jungs derart entsetzen und bedrücken, dass er auf die Straße geht und mit Nazis für die Todesstrafe für Kinderschänder plädiert. Wo ein Schwanz ist, ist ein Wille zum Loch. Wo ein Schwanz und ein Loch sind, ist eine Gelegenheit. Gelegenheiten kann man nutzen oder ungenutzt lassen. Wenn man sich vorstellen kann, einen pädophilen Bundespräsidenten auf einem Scheiterhaufen vorm Reichstag zu verbrennen, kann man sich auch vorstellen, einen Jungen, statt richtig zu gebrauchen, zu missbrauchen. Alles, was man gebrauchen kann, kann man missbrauchen. Es gibt keinen Grund, mich dafür zu schämen, dass ich voll und ganz auf meine Kosten kommen will. Ich muss mich nur vor uniformierten Wach- und Jagdhunden in Acht nehmen. Ich habe Lust, mich mitten auf die Straße zu hocken und zu kacken oder mir an der Bushaltestelle vor alten Omis einzuschiffen. Wenn ich mit meinem Leben machen kann, was ich will, kann ich auch mit meinem Schwanz und meinem Arsch machen, was ich will. Jeder würde es genießen, Macht auszuüben, jeder will am längeren Hebel sitzen, jeder will stark und schön und berühmt sein, jeder will Kontrolle über den allesentscheidenden Roten Knopf haben. Das Leben findet immer einen Weg: der Efeu schlängelt sich um den Panzer, riesige Pilze wachsen in radioaltiv verseuchtem Gebiet, Zirkuslöwen fallen ihre Dempteure an, wahnsinnig gemachte Jugendliche laufen Amok: wie kann jemand, der sein eigenes Leben als das Wertvollste überhaupt erkennt und das
gesellschaftliche System als erniedrigend, solche Ausbrüche des Lebens nicht wunderbar, nicht tröstlich finden?
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Ich kann nicht viel mehr als diesen kleinen Stich wahrnehmen, der hinter meinem rechten Auge sitzt und all meine Hoffnung und Klarheit verbiegt und verzerrt, die ich mir mit meinen Texten versucht habe aufzubauen. Alles was ich noch sagen kann ist, mich vor meiner Hoffnung zu schämen, dass der Frühling irgendeine Besserung bringt. Vielleicht hat man es geschafft, wenn man sich zu einem heiteren Lied umbringen könnte, mit einem Lächeln im Gesicht, als wäre das Leben nur eine nette, kleine Anekdote, die niemand erfahren muss. "Na dann verschwinde ich eben von hier.", tröstet sich jeder Selbstmörder. Ich sitze am Rand eines Traumes und betrachte lüstern die Kehlen vorbeijoggender Hipster. Ich schwöre, dass Gras etwas Gutes ist, weil auch Träume etwas Gutes sind. Wahrer Widerstand muss im geheimen stattfinden. Für die wirkliche Subversion darf es keine Manifeste geben. Die Kunst hat die Aufgabe, den geheimen Widerstand zu euphorisieren.
Je länger ich sitze, desto dümmer komm ich mir vor. Das Zimmer ist so klein und seine Wirkung auf mein Herz ist verwandt, vielleicht identisch mit dem zarten, dumpfen Schmerz, den meine zwei Daumnagelbett-Entzündungen erzeugten. So pervers es ist, sich selbst die Daumen abzuhacken, so pervers ist es, in diesem Zimmer zu sitzen und diesen Satz zu schreiben. Alles was ich der Welt hinterlasse, kommt aus meiner Unfähigkeit, über meine Bedeutungslosigkeit und Einsamkeit zu weinen oder zu lachen. Wenn ich wirklich was zu geben hätte, denke ich mir plötzlich, würden meine Freunde viel näher bei mir sein und wir hätten schon irgendwas Tolles mit uns gemacht; aber jeder sitzt im kalten, stinkigen Fett seiner eigenen, ordinären Depression (das Ordinäre macht es natürlich noch schlimmer) und holt sich auf seine Verlassenheit und Ratlosigkeit und Zukunftsabwesenheit einen runter. Ich hasse die Arroganz der depressiven, schweigsamen Nichtsnutze. Sollen sie doch fröhlich und laut ihr Nichts, ihre Angst, ihre gescheiterte Adoleszenz in falschen, übertriebenen Metaphern durch den grauen Himmel peitschen. Unsere Späße haben ihren Reiz verloren. Wir wissen und wollen immer zu wenig. Unsere Lieder sind schmächtig, verwanzt und aufgeblasen. Wir haben Angst unser Gesicht zu verlieren, dabei haben wir bisher nur Masken getragen. Das wahre Gesicht könnte man gar nicht verlieren. Wem erzähl ich das?
Beweg dein Gesicht nicht auf mich zu! Meine Hände sind schmutzig, ich bin ständig gereizt, zwischen meinen Beinen ist nichts mehr zu holen, ich habe keinerlei Vertrauen in meine Organe, ich fühl mich wohl in meiner Wohnung, gestern ist mein Vater gestorben. Jeder muss mit seiner Fassung glücklich
werden. Meine Kopfhaut juckt. Wir haben keine Ziele, die über die mageren Gewissheiten unserer Eltern hinausgehen. Wir nuckeln immer noch an der Brust von Mama und nur weil wir mit Sexualität vertraut sich, macht uns das nicht erwachsen. Wir kratzen uns am Kopf und merken nicht, dass es unser Bewusstsein ist, das juckt. Unser Körper ist eine Panne und wir können uns für keinen Ersatzreifen entscheiden. Alles, was rund ist, ziehen wir in Erwägung, halten unsere Daumen in alle Himmelsrichtungen und hoffen, dass uns jemand mitnimmt, aber hier draußen am Rand der Ordnung hält niemand freiwillig an und unser Stolz darüber heißt Ronny und nennt sich Dude. Das Herz ist ein schöner Stein, ein geheimnisvoller Stein mit einem goldenen Kern purer Langeweile. Wir ernähren uns gesund, wir legen saubere Eier, wir verdienen uns eine goldene Nase am Unrecht, das wir unseren Kindern aufbürden und jeden Tag werden wir ein bisschen schwerer, wir wollen alles, was möglich ist, verdichten zu einem endgültigen Vielleicht und unter den Teppich kehren. Ich kann mich nur auf die verlassen, die gegen mich arbeiten. Der letzte Schuss geht an den, der mich nicht verraten hat. Wir schauen auf eine Welt zurück, in der wir irgendwie um bestimmte Tragödien herumgekommen sind, nur daraus beziehen wir unser Selbstbewusstsein. Ist das nicht so töricht wie dem brutalen, dummen Vater, der schläft, einen Bolzenschneider an den kleinen Finger zu setzen und in den grünen Halbmond zu grinsen mit weißen, glühenden Augen und die Zange herunterzudrücken und sein ekstatisches Schreien vor Schmerz, seine extreme Verwirrung, Angst, Panik, die viel intensiver vielleicht noch als der Schmerz an der Hand ist, hohl grinsend über sich ergehen zu lassen..?
Weitsicht macht panisch. Besinnungslos werden ist die Utopie jeden Nachmittags hier. Irgendetwas Böses breitet sich hier aus und verfestigt sich seit Jahren, seit vielen, traurigen Jahren im unteren Mittelstand, erniedrigende Kleinstjobs haben uns gelehrt, wie böse der Mensch noch immer ist. Die Gemütlichkeit, aus der heraus diese Demokratie gestaltet werden sollte, können sich immer weniger Leute leisten. Wir können gar nicht panisch genug sein angesichts der gigantischen Depressionen, die auf uns zugerollt kommen.
Niemals kann man die gelangweilten, phantasielosen, sparsamen, deprimierten Geister meiner Generation wieder in einen anderen Zustand prügeln - ihre stumpfe Gier nach Abwechslung, Sensation und Rührung wird von der medialen Traumlandschaft perfekt kanalisiert, kommerziell verwertbar gemacht; die neue Sonne, ein Tumor aus abgestandenen Gedanken und Zuckungen. Nur die metaphysisch Veranlagten unter uns hoffen noch, eine echte Erfüllung zu finden - nur eine so mächtige Idee wie Gott ist noch im Stande, dieser Generation das Leben zu rechtfertigen. Alles andere scheint sich als falsch, unmöglich oder unbrauchbar bewiesen zu haben. Deshalb wird in Zukunft die Zahl derer steigen, die mit irgendeiner Staatsreligion, einer Sekte oder einer anderen Esoterik ihr Glück versuchen wollen. Für die Unempfänglichen bleibt immer noch der Selbstmord. Wem erzähle ich das?
Fettige, dümmlich-grinsende Leute am künstlichen Strand, die sich erholen wollen von ihrem alltäglichen Stress wie Kinder, die zu viel Fast Food gefressen haben, geröstet von einer bösen, violetten Sonne und die Schulkinder auf dem Heimweg, die sich wieder haben zustopfen lassen mit schwerem Gerümpel und die Soldaten, die meinen, eine wichtige Funktion für die Gesellschaft zu erfüllen und deshalb Respekt verdient zu haben und die immergleichen, kurzweiligen Rockkonzerte, die einheizen wollen und die Sänger, die mit den stumpfsinnigen Trotteln im Publikum spielen und die Supermärkte, diese übertriebene, gehässige Buntheit, das perverse Überangebot, die abartige Verschwendung, die hungrigen Menschen, Alkohol in schrecklichen Mengen, Männer die Frauen anschnauzen, von billiger Chemie stumpfgefressene Kinder, vereinsamte Omas, die auf ihre Anbauwände starren, besoffene, von Gram und Schande zerfressene Opas und die überfreundliche, rechtwinklig produzierte Hintergrund-Musik, die fetten, glatzköpfigen Wachmänner, diese ganze bestens geölte Maschine - und es wird der Tag kommen, an dem ich mitten in den Supermarktgang scheiße. Oder macht es Sinn, jemanden zu töten? Niemand kann sowas unbefangen entscheiden. Ist die Gewaltlust, die ich spüre, Ausdruck von Vitalität, Heiterkeit, Freiheit? Oder zeugt sie nur von Frust, von Wahnsinn, von Fatalismus? Die Lust, ein Verbrechen zu begehen, gehört zu den Grundbedingungen eines glücklichen Lebens und kann ein unglückliches noch unglücklicher machen. Manchmal erschallt eine Stimme in meinem Kopf, die mich trösten will wie unser Großvater uns nie trösten konnte: "Töte wie ein Tier tötet, nicht wie ein Mensch. Töte ohne Gewissen, statt mit schlechtem. Töte leicht und fröhlich und furchtlos und heiß. Wieviel Menschen hast du denn schon in Gedanken getötet? Schuldig bist du jetzt schon - es macht keinen Unterschied, ob du dir einen Mord bloß vorstellst oder auch begehst." Die meisten Menschen finden nur einen Sinn im Leben, wenn sie arbeiten. Sie erwarten, dass der Staat ihnen Arbeit schafft, weil sie sich selbst keine Arbeit, keinen Lebenssinn finden, erfinden können. Allein dieser riesige, bürokratische Jobcenter-Apparat, all diese überübermäßigen Normen und Regelungen schaffen Arbeitsplätze - nur deshalb gibt es sie überhaupt, nur deshalb wird nichts gegen diese Perversität getan - auch wenn sie so viel Leid erzeugt. Meine Unfähigkeit zu begreifen, warum sich darüber noch niemand totgelacht hat, treibt mich langsam in den hellen Abgrund. Dagegen hisse ich ein altes, doch nimmermüdes Pathos: die verdrängte Langeweile ist die Mutter aller Übel! Erst, wenn man sich mit ihr versöhnt, kann sie das Leben in eine neue Richtung knicken. Habt keine Angst vor ihr: ersetzt sie mit Euren Hoffnungen und geht ganz in ihr auf: Ihr werdet Euch verwandeln - und mit Euch: die ganze Welt. Die meisten Menschen sind gierige, heiße, ziellose, Gift konsumierende, Gift ausscheidende, sinnlos verwelkende Feiglinge. Sie gammeln vor sich hin und verbreiten überall ihren giftigen Verwesungsgestank - bis der Gestank ausgeht und sich herausstellt, dass er allein ihre Seele zusammengehalten hat, die mit
seinem Verschwinden in sich zusammenfällt, ein schwarzes Loch bildet und den Körper einsaugt. Man muss den stinkenden, sterbenden Ochsenmenschen alle Körperöffnungen zustopfen mit scharfem, düsteren, saftigen Humus, jede Hautpore verkleistern mit rotem, gläsernem, scharfem Honig. Aber niemand hat sich seine Organe ausgesucht. Die meisten Menschen werden zurückbleiben, da ihre Sinnesorgane sich nie richtig ausgeprägt haben oder nicht mehr so sensibel wie früher sind, um feine, komplex wirkende Reize aufzunehmen, sie nehmen die Welt viel hässlicher, öder, uninteressanter wahr als sie ist und sind folglich schnell gelangweilt, frustriert und aggressiv. Aber bemitleidet sie nicht oder versucht ihnen zu helfen. Euer Mitleid würde sie nur beschämen und eher würdet ihr einem Elefanten das Fliegen beibringen als einem Unempfindlichen seine Wahrnehmung zu verfeinern. Geht solchen Menschen besser aus dem Weg. Sie beneiden Eure Gelassenheit und Euren Frohsinn, am liebsten würden sie Euch kaltstellen. Alles was sie von Euch mitbekommen ist ihnen ein Affront gegen ihre flache, gereizte, instabile, stumpfe Glückseligkeit.
"Berufe dich im Umgang mit gebrochenen Menschen nur auf deinen Ekel, wenn du wirklich nicht mehr weiterwissen solltest.", mahnt die großväterliche Stimme, mitten im Treppenhaus, zum Glück begegnet mir keiner und die Stadt ist grell, die Luft ist grau, die Menschen maskieren ihre Müdigkeit. Wie schön wäre es, wenn sie die Dinge einfacher nehmen würden als sie sind. Wie schön wäre es, wenn sie langsamer leben würden, heiterer, offener, geduldiger und ohne Scham und Reue - statt sich zu betäuben bis zur Unkenntlichkeit! Wie schön wäre es, wenn die Zeiten ruhiger werden würden und die Menschen erhabener, sensibler, einfacher, stabiler, wenn sie lernen würden, was ihrem Körper am besten tut, wenn sie sich neue Narrative suchen und sich an ihnen entwickeln würden! Wie schön wäre es, wenn jeder an seinem Platz wäre! Wie schön wäre es, gäbe es einen neuen, rauen, frühlingsfrischen Zeitgeist, der alle Linien neu verhandeln, alles umgraben und neugestalten will! Alles was Ihr bisher getan habt, zeugt von einer so krankhaften Angst vor Langeweile, dass ich graue Haare bekommen will. Was werdet Ihr wohl erkennen, wenn Ihr wirklich mit Leib und Seele gelangweilt von allem zur Ruhe kommt und Euch nur auf Euren Herzschlag konzentriert? Euer Selbst löst sich auf, wenn Ihr nicht mehr getreten und herumkommandiert und ausgebeutet und verarscht werdet und Ihr werdet jeder Nation, jeder Bürokratie, jeder Laufbahn entgleiten und Lust bekommen auf Solidarität mit denen, die ebenso abgekommen sind wie Ihr.
Die Menschen leben vielleicht nicht gern genug, sonst würden sie sich gegen ihr Unglück viel leidenschaftlicher wehren. Der Grund, weshalb viele Menschen depressiv werden: es ist so schrecklich einfach, depressiv zu werden: man muss die Dinge nur so ernst nehmen, wie sie es verdienen. Viel schwieriger ist es, die Dinge leichter, lustiger zu nehmen, zu allem eine Distanz zu halten und sich so wenig wie nur möglich zu entscheiden. Ich will irgendwo einen stabilen Platz finden, unter einem Torbogen oder auf dem Friedhof leben.
Ich träume viel in den letzten Tagen. Ich bin immer in Bewegung, an der frischen Luft, auf Reisen, in großen Hotelanlagen geistere ich herum, wie in einem Schulgelände, das ein Krankenhaus ist, in dem viele Menschen wohnen die ich bisher kennengelernt habe. Weite Straßen, sternenklare Nächte, jeder hat eine Funktion, alles hat eine Bedeutung, aber die führt sich nicht wie ein Holzhammer auf, der benutzt werden will, sie liegt einfach in der Luft und will wahrgenommen, aber nicht unbedingt benutzt werden. - Ein Junge fällt hin und weint. Seine Mutter kommt und tröstet ihn mit einer herzlichen Umarmung, einem Kuss auf die Stirn, einem beschwichtigenden Lächeln und einer lieben, warmen Stimme: "Nichts passiert." So spricht auch mein Herz zu mir: "Nichts passiert. Nichts passiert." Vielleicht ist es, weil es den meisten Menschen die diesen Planeten bewohnen, schlechter geht als mir, gar nicht nötig, etwas mit meinem Leben anzufangen. Der Sinn des Lebens ist, sich so sehr zu langweilen, dass man Lust hat, mitten auf die Straße zu kacken.
Alles, was den Menschen vom Tier unterscheidet, definiert seine Unfreiheit. Damit will ich nicht sagen, dass es sich lohnt, wie ein Tier zu leben, sondern dass Unfreiheit nötig ist, wenn man sich nicht damit abfinden will/kann, wie ein Tier zu leben. Wann immer ich Lust habe, in mein Bett oder auf die Straße zu kacken, hinterfragt mein Körper das Ideal, in das ich mich zwänge, um liebenswert zu erscheinen.
Wenn du wirklich frei sein willst, dann darf dich niemand mehr brauchen, dann kannst du überall nur noch stören und deine hohle Einsamkeit als Sieg feiern und mit bedeutungslosen Gesten ausschmücken und wenn deine Freiheit bald niemandem mehr Probleme bereitet, dein Wachstumstrieb sich gegen keine Welt mehr richten kann und du dich völlig vergessen kannst, bist du ein Gespenst, das sich wie ein Parfum in einer Sackgasse verflüchtigt.
Du darfst nicht mehr klarkommen! Du musst dich verbeißen in irgendeinen Wahn, irgendeinen Fanatismus, irgendeine Lüge, irgendeine Halluzination, irgendeinen Irrtum. Du darfst nichts mehr erwarten von den dir angebotenen Wahrheiten! Du musst JA zu deinem heulenden Herzen und deinem verlogenen Gesicht sagen, JA zu deinem Gestank und deiner unausschlachtbaren Erbärmlichkeit, JA zu deiner zähen Geilheit und deiner Gleichgültigkeit, JA zu deinem Ekel und deiner Faulheit, immer JA JA JA sagen zu allem was du bist und NEIN NEIN NEIN und MIR EGAL MIR EGAL MIR EGAL zu allem Vergangenen und Zukünftigen! Du musst alle Brücken, die zu dir und von dir weg führen, niederbrennen! Du sollst komplett verschmelzen mit dem glühenden, lächerlichen Irrsinn, der deinen Körper erfüllt und zum Platzen bringen will! Du musst dich wie ein dummes, krankes Tier reinsteigern in deine Gegenwart und jede Lust und jeden Schmerz ausschöpfen! Erst wenn du nichts mehr mit deinem Namen und deinem Gesicht anfangen kannst und über deinem Haupt ein Heiligenschein aufgeht, dann erst kann ich dir verzeihen, dass du jemals ein Jobcenter von innen gesehen hast.
Oh Vater! Schau mich ein letztes Mal an! Höre meine Worte. Mit diesen Worten fundiere ich die letzten Reste meiner Existenz, das, was mir mein verschwenderisches Rasierklingen-Leben gelassen hat. Hiermit stehe ich. Hiermit bin ich mir etwas. Bereit endlich für das, was kommt - auch für das, was nicht kommt. Die Welt ist auseinandergebrochen. Ein Spalt klafft unter mir seine Unendlichkeit dahin wie ein Kind in die Ecke spuckt, um cool zu sein. Ich bin entschieden. Alles, was uns gut und schlecht getan hat, hat uns zu dem getrieben, was wir sind. Mein Ich besteht nur noch aus der Hoffnung auf den kommenden Zerfall seiner selbst. Der Rest ist unpersönlicher Leib, auf den ich keinen Zugriff habe. Ich wende mein Gesicht der Sonne zu. Wir sind am Ende angekommen. Es gibt keine Geheimnisse mehr, es gibt keine verborgenen Schätze mehr, es gibt keine Hoffnung mehr.
Es ist deprimierend, einem adipösen, alten Fließbandarbeiter zuzusehen, wie er sich auf Arbeit mit Rückenschmerzen und Migräne und Atemproblemen abplagt, nur um ein bisschen Geld mit nach Hause zu nehmen, um sich täglich sein mieses Fressen und seine lieblos eingerichtete Wohnung leisten zu können: er lebt für seine Arbeit, er kauft Zeugs, damit er arbeiten kann, er schläft, damit er morgens wenigstens einigermaßen in der Lage ist, weiterzuarbeiten. Er leidet am ganzen Körper, aber er hat keine Wahl, er kann es sich nicht leisten, richtig zu entspannen, wochenlang am Meer herumzuliegen, leckere Cocktails zu trinken, am bunten, interessanten, schönen Leben teilzunehmen und etwas wirklich zu genießen, mit allen Konsequenzen. Nein, er ist ein kranker, dicker Hund, der sich ein Leben lang quält und irgendwann, sicherlich recht früh, sterben wird und dann ist es das für immer gewesen mit ihm.
Ich kann mir nicht erklären, warum es mich sexuell erregt, wenn ich Videos sehe, in dem Tiere gequält oder ermordet werden. Sie tun mir wirklich leid und ich würde nur zu gern die Menschen abschlachten, die Tiere in enge, geflieste, dreckige Räume einpferchen und ihnen nacheinander die Kehle durchschneiden. Die Massentierhaltung ist pervers und jeder der sie akzeptiert als notwendiges Übel ist pervers - aber die Perversion ist faszinierend, die Faszination ist erregend, genau wie Dokumentationen über Amokläufer einen wohligen Schauer auslösen, der mich von allem abtrennt, was ich am Gymnasium zu empfinden gelernt habe. Ich sehe die stumpfsinnigen Schlachter, die ihren Job tun, ich sehe sie routiniert die Tiere in Massen töten, Tiere mit putzigen Schlappöhrchen und süßen Näschen, ich sehe, wie sie sich wehren, ich sehe wie sie hilflos um ihr Leben zappeln, ich höre sie fürchterlich schreien, ich sehe Blutfontänen spritzen, ich bin angewidert von der Menschheit und geil in einem Moment, mein Schwanz ist total steif, ich will ihn irgendwo reinstecken, ich hüpfe nervös hin und her und mein Herz brüllt wie ein hysterischer Affe das ganze Haus zusammen, ich spüre, dass ich irgendwo ganz unten angekommen bin. Ich bin viel zu gleichgültig, um mich zu schämen, wissend, wie hässlich mein Gesicht aussieht, wenn ich gleichgültig bin, wie dumm, wie krank, wie abartig ich aussehe. Irgendwann werde ich einen Weg finden, meine Perversionen auszuleben, irgendwann, wenn meine Geilheit meinen Ekel
übertrumpft hat. - Es ist mir jedenfalls unmöglich zu begreifen, wie man so gleichgültig Tiere töten kann, ohne sich in der Lage zu fühlen, ebenso gleichgültig Menschen zu töten.
Ich habe heute Nacht einem betrunkenen, alten Fettsack am Alten Angerbrunnen ein paar Schläge in die Fresse gegeben, weil mir so schrecklich langweilig war, als ich aber heute Nachmittag mit meinen Freunden unterwegs war, hab ich einem Obdachlosen, der für die Mafia etwas Geld für die Portokasse erbetteln muss, eine Mate gekauft. Mein Gewissen ist wieder sauber, aber mein Herz ist von der Arroganz dieser Sauberkeit angefressen und ich kann mich zu nichts mehr motivieren: ich habe nur noch Lust mich auf den Boden fallen zu lassen und eine Schar weißer Tauben auffliegen zu lassen, die mir das entspannende Fieber zurückbringen, das mir gestern Nacht den Weg durch die Stadt geleuchtet hat.
Ich habe nur einen Zugang zu mir, wenn ich mich im Elend der Anderen suhle. Glückliche Menschen bringen mich von allem weg, woran ich meine Identität festmachen könnte, aber unglückliche Menschen geben mir das Gefühl, aktiv zu leben, bei mir selbst und überhaupt ein Mensch zu sein. Das ist mir mit 13 Jahren auf der Beerdigung der Mutter eines Schulfreundes bewusst geworden. Er umarmte mich heulend und ich fühlte mich wie ein Mörder*. Die Trauerfeier gab mir zum ersten Mal ein echtes, stabiles, sicheres Selbstgefühl, hob mich aus dem zähen, kalten Lebensstrom, in den ich mich bisher treiben ließ, ich wusste plötzlich, dass ich ein Individuum bin, mit einem Herz, das feige wie alle Herzen Blut durch meinen Körper pumpt - die Euphorie die mir kommt, wenn ich mir das Elend meiner Mitmenschen vergegenwärtige, lässt mich diese Feigheit erst ertragen, ja sogar genießen. Mehr gibt es über mich nicht zu sagen. Was Freunde und Familie von mir halten, kommt bloß aus der Weigerung, mich so zu empfinden. (*Vielleicht sammelt sich dieses Gefühl immer mehr Rechtfertigung aus meinem Leben zusammen.)
Ich falle aus dem Bett, mein Körper ist so schwer heute und es gibt da ein Licht hinter meinen Augen, das tackert mich gleichgültig flackernd ans Leben im Takt eines aufgeweichten Herzens, das sich irgendwo in einem anderen, ziemlich abwesenden Körper versteckt. Meine Augen sind trocken, weil ich (angeblich) nicht damit klar komme, dass andere glücklicher oder unglücklicher sind als ich. Ich sähe Zwietracht, ich stifte Unruhe und Vergeblichkeit, aber ich hab dafür immer das selbe an, damit man mich besser erkennt. Ich bin so schrecklich müde, dass ich mich frage, ob es sich lohnt überhaupt zu schlafen und vor allem zu träumen. Ich habe meine Lust verloren, etwas zu riskieren, es gibt niemanden, mit dem ich alles an und in mir teilen kann - meine Hoffnung ist die Schlinge, in der mein Verstand baumelt und gleich klopft jemand, den ich gar nicht mehr leiden kann, ans Fenster, weil meine Klingel nicht geht - gleich, gleich. Oder auch nicht. Oh, ich bin so einsam. Ich rolle mich auf dem harten, vermüllten, mit Tran und Schweiß und Moder vollgesogenen Fußboden, weil ich noch nicht ganz am Ende
meines Lebens angekommen bin, heute noch nicht. Die Gewissheit, dass ich mich heute nicht töte, macht mein Herz hart und kalt und zwingt mir das Gefühl auf, ein Gott zu sein; meine Vermessenheit ist meine Liebe zu mir und der Anfang und das Ende von allem.
Ein Mord als Mittel der Genesung in Erwägung ziehen, ist mir durchaus möglich, was bringt es, das zu leugnen! Der Instinkt der Selbsterniedrigung hat das gute Gewissen jedenfalls auf seiner Seite, er nutzt es als sein bestes Mittel aus und das gute Gewissen selbst findet im Instinkt der Selbsterniedrigung seine einzige Daseinsberechtigung. Eine bis ins Fleisch wirkende, „fleischgewordene“ Idee benutzt eine andere - bis alles endgültig aus dem Leim geht... Immer schön selbstgefällig im eigenen süßen Fleisch schwitzen - ohne zu wissen wie verdorben das Fleisch schon ist. Alle Instinkte richten sich auf Vernichtung ihrer Widerstände aus - das verlangt die Unlust, die sie erzeugen. Der Widerspruch zwischen gesund-fühlen und krank-handeln-müssen, krank-fühlen und gesund-handeln-wollen.
Fettgestopft mit kalter, klebriger Lustlosigkeit in meinem Bett hin- und herwälzend und mich von ein paar zartbitteren Selbstgesprächen führen lassend, erhebt sich eine weiche, elektrische Sonnenblume hinter meinem Gesicht und ich spaziere über die Menschheit hinaus. So leer, schwach, uninspiriert - aber darüber kann ich nicht weinen. Ich geh irgendwo hin, es fühlt sich an wie zurück. Depressionen sind Tore. In meinem Bauch öffnet sich ein schwarzes Loch, aus dem ein fetter Skorpion krabbelt. Dann kommt ein rettender neuer Kaffee um die Ecke. Der Koffeinkoffeinkoffeinkoffeinüberüberüberschuss-Schluss ereilt mich und ich schließe alles richtig, denn ich schließe alles auf. Hier ist alles so banal sterblich; die Banalität trübt meinen Blick und übersäuert meinen Magen. Willst du eine höhere, strahlende, ausgewogene Sterblichkeit genießen? Dann komm dahin, wo das höhere Leben wuchert und rauscht. Es ist etwas Reales! Nichts Poetisches, nichts Imaginäres oder Idealistisches! Entweder die Suche nach Liebe oder der Kampf um sie hält dich am Leben. Wer nichts liebt, ist nicht lebensfähig. Liebe ist schön und die Sterne stehen günstig. Ich werde so stark und so glücklich sein, wie ein psychopathisches Kind mit einem unglaublichen Sex-Appeal und einem ungewöhnlichen Geschick im Umgang mit Schusswaffen. Alles ist ein Spiel ohne Regeln. Mein Gehirn ist ein Würfel und meine Genitalien die Spielfiguren. Meine Sterblichkeit wird noch alle Menschen verzücken. Alles, was mich glücklich macht, kann ich mir leisten. Liebe ist das wichtigste, der Pfeffer in der Suppe, das Koffein im Kaffee, die Farbe Rot und die Windung des Bohrers.
Ich hab lang aufgehört, das System anzupissen, weil für mich nichts auf dem Spiel stand. Lieber aß ich Müsli mit frischen roten Früchten. - Lieber gut scheißen als irgendwas beweisen. Wem der Intellekt oder das politische Gewissen wichtiger
sind als die Verdauung oder andere Körperfunktionen, z.B. das Gähnen, das Niesen, das Hyperventilieren, das Taumeln, das Zittern, das Rasen, wie könnte der mit mir befreundet sein? Ich berühre meine Zimmerwand, ein fremdartiges, feuchtes, fleischiges, Alliterationen erzeugendes Material, in das meine feinen Finger furchen, all mein Existieren beschränkt sich auf das genüsslich gleichgültige Graben in diesem saftigen, sinnlichen Stoff, es kommt mir plötzlich vor, als würde er mich fressen und ich versuche gar nicht erst, mich zu wehren, ich schaue zurück und sehe meine Beine strampeln über dem Universum und mir wird bewusst, dass ich gerade von meinem Gehirn gefressen werde, das an einer Angelrute im Weltall hängt.
VI
Ich treffe im Stadtpark ein Mädchen, mit dem ich in eine Klasse gegangen bin. Ich hatte nie viel mit ihr zu tun, aber sie spricht mich trotzdem an: "Hey, wie geht es dir? Was machst du so? Mensch, is ja lange her." Will sie mich verarschen oder ist sie einfach nur blöd? Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass ich diesen unbeholfenen Small-Talk unangenehm finde, aber glaube, dass sie es trotzdem spürt und ärgere mich über ihre Ignoranz. Sie mag es zu reden. Wahrscheinlich denkt sie, dass ich mir Hoffnung mache, dass sich zwischen uns etwas entwickelt. Ihr gefällt scheinbar der Gedanke, sie genießt meine Aufmerksamkeit und freut sich, mich nachher ganz freundlich fallen zu lassen. Ich versuche so desinteressiert wie möglich zu gucken, aber vielleicht ist das für sie nur aufgesetzte Coolness, vielleicht interpretiert sie meinen Gesichtsausdruck als Zeichen meiner sexuellen Frustration. Sie erzählt davon, dass sie nach der Schule eine Ausbildung gemacht hat, dann aber abgebrochen hat und nun erstmal in den Tag hinein leben und vielleicht nächstes Jahr mit ihrem Freund nach Portugal reisen will. Ich hasse es, wenn Leute von ihren Partnern reden, ich unterstelle ihnen immer, dass sie das nur machen, um darauf hinzuweisen, dass sie auf dem Liebesmarkt Erfolg hatten und begehrt und eben nicht einsam sind. "Ich habe einen Freund, ich werde geliebt." Damit wollen sie beeinflussen, wie Andere sie wahrnehmen. "Wie kannst du mich nicht mögen, wenn es sogar jemanden gibt, der mich gern küsst?!" Aber vielleicht tu ich ihr unrecht. Sie ist eigentlich sehr nett, hat eine warme Stimme, wirkt nicht so, als wenn sie eine Rolle spielt oder gierig nach Aufmerksamkeit und Penis ist. Ich möchte kein verdrießlicher Gnom sein. Ich entspanne mich. Es wird langsam dunkel und wir gehen zu mir nach Hause und ich mach uns einen Tee. Sie fragt mich, ob sie kurz ins Internet kann, um bei Facebook reinzuschauen. Ich nutze die Gelegenheit, mich im Bad ein bisschen frisch zu machen. Ich stinke ziemlich. Ich sehe mein Gesicht im Spiegel: irgendwie wirke ich sehr müde, gestresst, frustriert und ungesund, wie ein typischer Bösewicht im Film. Ich fühle mich von meinem Gesicht erniedrigt, aber plötzlich tu ich etwas Irrationales: ich lächle, total krampfhaft, aber ich lächle. Was für eine groteske Fresse. Dann schau ich wieder normal und bemerke, dass ich jetzt ganz anders aussehe: das was mich vorher abgestoßen hat, ist jetzt weg. War es also nur Einbildung? Habe ich meinem Selbsthass mit dem Lächeln einen Stinkefinger
gezeigt? Fühlte sich meine Seele durch das Lächeln geküsst, umarmt und damit bejaht? Sie hat wohl nicht mitbekommen, dass es nur ein aufgesetztes Grinsen war... Ich setze mich neben meinen Besuch an den Computer. Sie klickt sich durch das Fotoalbum einer Freundin. Ich frage wer das ist, und sie sagt "Saskia, erinnerst du dich nicht mehr?" Ich sage: "Ach ja, stimmt.", aber weiß trotzdem nicht, wer das ist. Muss wohl eine Klassenkameradin sein, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Auf einem der Bilder ist ihr kleiner Bruder zu sehen, vielleicht zehn Jahre alt, an einem sonnigen Strand, mit einer roten Badehose: er hat sehr schöne schwarze Locken, ein sehr liebes, herzliches Lächeln, was für ein schönes Kind! Jeder, der das Bild gesehen hätte, würde sagen: "Was für ein schöner, lieber, herzlicher Junge!" Es ist nicht möglich, als gesunder Mensch so einen Jungen unsympathisch zu finden oder ihm irgendwie Schaden zufügen zu wollen. Ich versuche so trocken wie möglich zu sagen: "Sympathische Familie hat sie.", während sie weiter durch die Bilder klickt. Mein Herz ist ganz aufgeregt. Ich will unbedingt, dass sie wieder zurückklickt auf das Bild mit dem Jungen, das Verlangen kommt von ganz tief unten, wie das Verlangen, Schokolade zu essen. Es mag ja schlecht für die Zähne und das Gewicht sein, aber es schmeckt gut. Jetzt im Nachhinein kann ich das so beschreiben, in der Situation war es nicht so reflektiert: ich wollte einfach nochmal das Bild sehen, es einfach so lang ansehen wie ich wollte. Dafür sind doch Bilder gemacht, oder? Weil sie Schönheit abbilden können. Ich denke mir, dass ich nachher, wenn ich wieder alleine bin, nochmal in aller Ruhe das Bild betrachten kann. Wann ist sie denn endlich fertig? Sie holt einen Joint raus und bietet mir an, ihn zu teilen, aber ich lehne ab: "Hab ich schon mal probiert, hat mir nie was gebracht." Sie sagt: "Dann musst du es mal pur in ner Bong probieren. Hast du ne Plastikflasche und ein bisschen Alufolie?" Ich habe kein echtes Interesse, aber sage "Ja ok", weswegen ich mich ein bisschen schäme, und so geh ich in die Küche und suche das Zeug und bring es ihr. Sie spürt nicht, dass ich müde bin und mich nicht für's Kiffen interessiere. "Eine Schere brauch ich noch." Ich bring ihr eine Schere. Sie loggt sich bei Facebook aus und geht ins Bad und ich setz mich auf den Fußboden und kratze mit einem alten Fußnagel, den ich auf dem Teppich finde, über meine linke Handfläche. "Kommst du?", ruft es aus dem Bad. Ich steh wieder auf und geh ins Bad. Sie steht mit der Flasche voller Rauch da und gibt sie mir und ich zieh alles mit einem Mal in die Lunge und muss fürchterlich husten, dann setze ich mich wieder auf den Teppich und plötzlich wird mir total schwindlich, so als hätte ich mich ganz lang um meine eigene Achse gedreht und würde herumtorkeln. Das Licht wird voller, die Farben wirken elektronisch verstärkt, die Musik im Hintergrund verbindet sich damit und eine Art Lampenfieber durchfährt mich. Meine Herzfrequenz erhöht sich, ein seltsamer Zustand von Panik und Entspannung. Sie versucht mit mir zu reden, aber ich bringe keinen Satz raus, mir ist es äußerst unangenehm, dass ich die typischen Stoner-Symptome zeige. Ich kann den Rausch durchbrechen, indem ich mir bewusst werde, dass ich nur gekifft habe und dass ich mich nicht gehen lassen kann, weil ich nicht allein bin. Das Mädchen beobachtet mich und ich tu so, als wenn mich das nicht stört oder es gar nicht richtig wahrnehme, aber es stört mich maßlos, ich nehme es maßlos wahr. Ich versuche freundlich zu gucken und will sagen, dass das ganz schön heftig war,
sage aber sowas wie: "Oh, das ist... also weil das ist ja... ich will nicht ... wirken wie... da ... die Musik passt gut, ja." Sie ist jetzt sehr unsensibel. Anstatt mich torkeln zu lassen oder wenigstens mit mir über den Rausch zu sprechen, fängt sie an über Veganismus zu reden. Ich schließe die Augen und bemerke, dass die üblichen bunten Lichtflecken, die man bei geschlossenen Augen wahrnimmt, sehr symmetrisch sind und sich passend zur Musik bewegen. Ich habe Angst, dass dieser Zustand für immer anhält, dass ich mit dem Zeug mein Leben kaputt gemacht habe. Ihr Blick verrät mir, dass sie eine Frage gestellt hat und ich erinnere mich, dass ich mir vorgenommen habe, sie mit "Ja" zu beantworten, während mein Herz sich aus seiner Befestigung zu reißen droht. Sie lacht und wiederholt die Frage. Wann ich das letzte Mal Fleisch gegessen habe? Ich weiß es nicht. Hab ich jemals Fleisch gegessen? Hab ich wohl, aber die Tatsache, dass ich nicht weiß, wann, könnte auch die Tatsache, dass ich jemals Fleisch gegessen habe, umkehren, sodass ich noch niemals Fleisch gegessen habe. Ich möchte sie nicht belügen, aber will auch nicht von ihr verurteilt werden. Vielleicht hat sie Pfefferspray mit und fühlt sich bedroht von mir. Ihr Herz rast bestimmt genau so. Die Musik rumpelt weiter, so als würde sie gerade in diesem Moment entstehen in einer Garage hinter meinem Gehirn, sie möchte Narben auf meinem Körper hinterlassen, aber sie weiß, dass ich noch nicht so weit bin. Mir wird bewusst, dass die Musik in der Vergangenheit aufgenommen wurde und auch morgen noch auf diesem Tonträger existiert. Dieser ganze Rausch ist im Grunde nur eine Ausdehnung jenes Zustands, in dem man sich befindet kurz bevor man einschläft. Ein langer, weicher, wirrer Einschlafzustand. Ich habe ihre Frage schon wieder vergessen und so geht es immer weiter: sie fragt etwas und ich denke darüber nach und schweife ab und habe dann die Frage wieder vergessen. Ist dies ein euphorischer Zustand? Will er mich glücklich machen? Oder habe ich gerade nur eine Psychose? Es gibt nichts, was ich aus diesem intensiven Schwindelgefühl machen kann. Ich nehme mein Gehirn wahr, wie es mühlengleich nach Worten und Mimiken und Gestiken sucht, wie es stampft und schlürft, ein Hund an der Leine, der gelernt hat, nicht zu ziehen: früher ist der Besitzer, als der Hund gezerrt hat, stehen geblieben oder hat die Richtung gewechselt. Nach einigen Monaten hat der Hund begriffen, dass das Ziehen nicht effektiv ist. "Ich esse keine Leichen." sagt sie, "Alle Lebewesen sind gleich und ich esse auch keine Menschen, weil ich keine Tiere esse." Ich stelle mir nicht vor, wie ich ihr in die Waden beiße, ich schmeiße sie nicht aus der Wohnung, ich trinke nicht meine Wasserflasche leer, ich schlafe nicht ein, ich bin nicht wahnsinnig, das ist nicht das Ende. Da steht eine Kuh auf der Weide, die Sonne lacht, es ist ein Prospekt und ich blättere darin und nehme mir vor das morgen ganz genau durchzulesen, ich habe die Ahnung, dass es mein Leben verändern wird, vielleicht werde ich erwachsen. Sie steht im Türrahmen und winkt mir freundlich zu. Jetzt werde ich also allein gelassen. Meine Wohnung hat sich nicht verändert, es ist meine Wohnung, alles darin repräsentiert mich, alles darin hält mich beisammen, wie eine Mutter die dem Kind verbietet, bei Gewitter in den See zu gehen, und doch glaube ich, sie ist zu streng, irgendwas stimmt nicht mit ihr. Sie ist es nicht gewohnt im Rampenlicht meiner Konzentration zu stehen. Ich höre das Schwindelgefühl in
meinem Kopf, einem rostigen Karussell gleich, an dem bunte Ballons hängen. Vielleicht bin ich dieses Karussell. Ich mach mir eine Flasche voll mit Leitungswasser und trinke sie fast in einem Zug aus. Habe ich heute schon was getrunken? Habe ich das Mädchen gebissen? Nein, sonst wäre sie beim Abschied nicht so freundlich gewesen. Hat sie mir übel genommen, dass ich sie nicht zur Tür gebracht habe? Vielleicht hat sie angenommen, ich übertreibe das bekifft sein. Ich schäme mich für meine Unsicherheit und genau das hat sie wahrgenommen. Nach einer Weile lässt das Schwindelgefühl nach und ich beginne plötzlich zu wissen, dass ich sehr ernst und glaubwürdig und selbstbewusst aussehe. Niemand kann mir etwas vormachen. Ich schaue auf den Prospekt und finde es schade, dass gerade niemand hier ist, um sich meine Meinung anzuhören. Ist das meine Meinung? Oder will ich damit nur kokettieren? Ist meine Meinung nur ein Eindringling? Eine Art Infekt? Was hat meine Meinung mit mir vor? Hat sie Geheimnisse vor mir? Wird sie von einer Institution kontrolliert? Was hat die Meinung mit mir zu tun? Wem nützt sie? Will sie aus mir einen Hampelmann machen? Ich kann die Fragen nicht beantworten, deshalb ist es nicht schlimm, sie nicht zu beantworten. Ich habe Angst vor Leuten, die mit dem strengen, vorwurfsvollen Blick einer Mutter und der kalten Entschlossenheit eines Vaters und der süßen Liebenswürdigkeit eines klugen Kindes mich und sich und alle Menschen auf die selbe Stufe wie ein Schwein stellen, doch niemand hört mir zu, ich gebe niemandem ein Interview, ich stehe auf keiner Bühne. Ich werde jetzt noch etwas draußen herumlaufen, bis sämtliches Schwindelgefühl weg ist. Ich sehe schon, wie ich ganz normal mein Leben weiterführe. Der Gedanke, dass der Rausch Narben hinterlassen wird, irgendwas verfinstern oder zersetzen wird, ist nur Teil des Rausches. Gedanken können nicht die Zukunft verändern. Gedanken können nicht die Zukunft verändern. Gedanken können nicht die Zukunft verändern. Dieses Mantra erlöst mich. Ich geh an den Computer klicke in den Verlauf und suche das Fotoalbum, aber man hat nur Zugriff darauf, wenn man mit ihr befreundet ist. Ich sag laut "Ach Scheiße!" und erschrecke darüber, aber nur ein bisschen und leg mich ins Bett, stell mir vor, die hübschesten, süßesten, freundlichsten Jungs der Welt unter meiner Decke versammelt zu haben. Wir schmusen und küssen uns, wiegen uns in den Schlaf. Ich lecke imaginäre Erdbeersoße aus imaginären Bauchnabeln, drücke warme, hell leuchtende Kinderkörper an mich und bin erfüllt von Liebe. Eine unerschütterliche Zartheit macht sich in mir breit und ich spüre, wie sich mein Gesicht um zehn Jahre verjüngt. Ich liege auf einer schlammigen Wiese, suhle mich mit den nackten Boys herum als wären wir Hunde, wir pissen und kacken uns lachend voll, schreien, bellen, zerfleddern rohes Kalbsfleisch mit unseren Zähnen, stinken fröhlich und spielen mit unserer zart blühenden Sexualität und laufen gegen Abend verdreckt und frei durch die Straßen, schmeißen Autoscheiben ein, überfallen einen Späti, stellen meinen Eltern lebensgefährliche Fallen und liegen nachts eng zusammengekuschelt in unserem Baumhaus und fühlen uns beschützt bis ans Ende unserer Tage.
VII Verwelken
Am häufigsten empört sich der Mensch, wenn Dinge getan werden, die „an sich“ unmoralisch sind, ohne dass er irgendwie negativ von den Handlungen betroffen ist. Er ist eigentlich allein von dem unangenehmen, ihn herabsetzenden Gefühl gestört, das sich einstellt, weil eine „an sich schlechte Handlung“ in seiner Gegenwart begangen wird - und seine moralische Empörung soll ihm dieses Gefühl erträglich machen oder vom Hals schaffen. Sein Mittel: das Ideal einer Handlung „an sich“, welches ihm das Recht gibt, jedes menschliche Tun eindeutig zu kategorisieren. Doch es gibt keine „Handlung an sich“, jede Handlung ist ein Unikat, jede Handlung hat eine andere Geschichte, hat andere Motive, andere emotionale Begleitzustände, Bewusstheitsgrade überhaupt: dies aber gründlich zu verneinen oder wenigstens zu übersehen ist Grundbedingung jeder einseitigen Moralpredigt. Die Empörung, die schnelle, unbedingte Erlösung sucht, bedient sich schlechter Augen und grober Ideale, um die Handlung aburteilen zu können - versiegelt mit religiösem Pathos - und so lügt der Fürsprecher einer allgemeinen Moral gleich allen Fürsprechern. - Wären die Pforten unserer Wahrnehmung frei von Moral, erschiene uns der Mensch, wie er ist.
Der Rausch der Liebe ist nützlich, um der Kälte der Gedanken und der Überhitzung der Eingeweide etwas Ausgleichendes, Vermittelndes entgegenzustellen. Er bewahrt uns davor, einen Mord zu begehen, dessen Konsequenzen wir noch nicht tragen können und gibt uns eine Wärme, die uns nicht an uns erfrieren lässt.
Die schönste Liebe und die grässlichste Mordlust sind zwei Gesichter einer menschlichen Eigenschaft; man verurteilt einen Mörder für die selben großen, schönen Gefühle, die auch ein Liebender hat; der Mörder wird von seinen Gefühlen in eine andere Richtung getrieben als der Liebende, aber fühlt sich eigentlich nicht schlechter und dreckiger als der Liebende. Gefühle von unten sind immer mächtiger als moralische Vorurteile (Worte, die den Menschen schlecht und klein machen) von oben. Gegenbeispiele liefern nur Menschen mit geistigen (religiösen, sozialen, neurologischen) Krankheiten.
So wenig wie ein Vulkan entscheidet, ob er ausbricht, so wenig entscheidet ein Mensch, ob er jemanden tötet.
Wer bist du? Ein Körper der herausfindet, ob er seine Bedingungen durchsetzen kann oder nicht.
Keinen sahst du bisher, der die richtigen Konsequenzen aus dem zog, was du erlebt hast.
Die Reaktion seines Herzens, die der moralisch Handelnde von seinem Tun erwartet, ist die einzige Motivation seiner Handlung - und nicht nur die des moralisch Handelnden.
Moral ist die Wärmeflasche für den unterkühlten und der Eisbeutel für den überhitzten Lieblosen.
Der tragische Konflikt zwischen Triebe und Moral wird am deutlichsten ersichtlich, wenn man die Schönheit der Musik und die Notwendigkeit von Strafgesetzen gegenüberstellt.
Da man die Dinge nie so kompliziert wahrnehmen und beschreiben kann, wie sie tatsächlich sind, muss man sie einfacher wahrnehmen und einfacher beschreiben lernen als sie sind: man muss lügen, um nicht den Überblick zu verlieren, man muss lügen, um Haltung zu wahren.
Wir müssen uns schützen vor der ansteckenden Wirkung eines Gesichts, das uns den Glauben an die Menschheit erhalten will: denn wohin sollte uns dieser Glaube führen, wenn nicht in die totale Selbstaufgabe, die absolute Verneinung unserer Lust und Widerstandsfähigkeit, die Dementierung unseres Musikgeschmacks und unserer Selbstgespräche.
Lenke dein Interesse nicht auf das, was Leute sagen, sondern auf das, was sie mit dem Gesagten verbergen wollen. Lenke dein Interesse nicht auf das, was du denkst, sondern auf das, was dein Denken verbergen soll. Niemand soll leichtfertig denken, dass er genau weiß, was er denkt und fühlt, was er nicht denkt und nicht fühlt, dass es überhaupt einen Unterschied zwischen Denken und Fühlen gibt. Niemand soll leichtfertig glauben, dass Gedanken einen freien Willen haben, dass Gefühle wissen, was sie anrichten, dass der Autor dieser Zeilen seine Absicht verfehlen wird.
Alles ist Natur, aber du willst etwas anderes sein, du willst isoliert sein und dir aussuchen können, welches Wort du als nächstes liest so wie du dir aussuchen willst, was du als nächstes denkst und tust. Aber diese Freiheit gibt es nicht, kann es nicht geben und muss es auch nicht.
In erster Linie tadelt man jemanden nicht um ihn zu verbessern, sondern um sich selbst zu demonstrieren, dass man Macht über jemanden hat. Niemand will eine Welt, in der man keine Macht über Andere hat.
Moralische Gefühle? Nichts weiter als Sympathien für Fernsehhelden.
Das Gute und das Böse müssen sich bekämpfen, um stolz auf sich zu sein - und brauchen den Stolz, um ihre Wahrheiten nicht zu verwechseln mit den Wahrheiten der Gegenseite.
Der Wille zum Guten macht das Herz weich, damit das Gehirn hart werden kann.
Jedes Gefühl ist arrogant gegenüber anderen Gefühlen und will nicht „begründet“ werden. Die Tatsache seiner Existenz ist Rechtfertigung genug. Es ist da, also ist es real, also ist es wahr, also bringt es sich ein ins Große und Ganze. Niemals kann man den Brunnen ausschöpfen, aus dem ein Gefühl gesprungen kommt - lieber soll man sich über den goldenen Ball freuen, den es mitgebracht hat.
Es ist ja bekannt, dass Polizisten so ein großes Problem mit dem Sichten von Kinderporno-Material haben, weil sie nicht wissen, wie sie die Erektion bewerten sollen, die sie bekommen und die sich nicht schlechter anfühlt als die anderen Erektionen.
Wenn du dich mit jemandem streitest und alles wird immer härter und ihr kommt nicht weiter, dann legt euch einfach auf den Boden, schaut den Himmel an, sagt für ein paar Minuten gar nichts und atmet tief ein und aus. Dieser plötzliche, unkonventionelle Bruch tut gut. Man kann nur anders denken und fühlen, wenn man seinen Körper in eine andere Position bringt.
Sein letztes Argument dagegen war: „Etwas in mir wehrt sich trotzdem und trotzdem und trotzdem!“ Kein Wort konnte er benutzen, um sich wahrhaft zu rechtfertigen, er hätte neue Worte erfinden müssen. Sein Unglück war, dass er nicht lügen wollte. Er hätte viel erreichen können.
Du hast das Gefühl, dass es etwas gibt, was jeder außer dir in seiner frühsten Kindheit gelernt hat. Du spürst ganz gewiss, dass Leute etwas an dir voraussetzen, aber sie sagen es nicht, weil es absolut selbstverständlich und zugleich ein ungeschriebenes Tabu ist, darüber ein Wort zu verlieren.
Es passiert jeden Tag tausendfach, dass die tiefe, ehrliche, gegenseitige Liebe zwischen zwei Menschen ganz unerwartet, von einer Sekunde auf die andere abreißt und man eine ungeheure Leere zwischen sich und dem Anderen empfindet. Leider hat man dann meist nicht den Anstand, sich zu entschuldigen und sich wieder zu trennen, so als wäre nichts gewesen; nein - man versteckt sich hinter Ritualen, Komplimenten, Geschenken, Perversitäten.
Die Herrscherin über all deine verschiedenen Unglückszustände ist die Unaussprechlichkeit. Wie streng sie ihr Regiment führt, so abhängig ist sie von dem, was sie regiert und drückt. Sie wird niemals sich entthronen lassen.
Die unrealistischste, übertriebenste Phantasie, die dein Gehirn dir bisher in dein Bewusstsein gegeben hat, verhält sich zu dem, was es eigentlich weiß, wie ein Mohnkuchen-Krümel zu einem halben Kilo Heroin.
Der Dumme hat mindestens vor seinen Ungewissheiten Angst, der Erhabene höchstens vor seinen Gewissheiten.
Ein enges Weltbild engt die Gefühle und die Sprache ein und letztendlich die Ansprüche ans eigene Leben.
Ein Mittel gegen Resignation: der Gedanke an extreme, unentrinnbare, ungewiss lang andauernde Schmerzen. - So müde deine Glieder, dein Geist, dein Gewissen, dein Geschmack, deine Lust auch sind: Schmerzen wecken die tiefsten, stärksten Triebe zum Leben. Oft erkennt man erst unter den größten, körperlichen Qualen, dass man nicht sterben will. Der sich peinvoll krümmende, hilflose, fanatische Leib ist die erste Ursache eines grundlegenden Bewegung gegen Verfall und Todessucht.
Wir gefährlich! Er schätzt sich im Glück. Vielleicht gehört es zu seinem Pech, sich glücklich zu fühlen, obwohl er unglücklich ist. Und der da drüben? Er verteufelt sein Unglück, aber nachher könnte dieses Unglück sich als Glücksfall herausstellen. - Wir urteilen allzu oft allzu schnell über Glück und Unglück. Vielleicht sind viele kleine Glücksmomente Bedingungen eines großen Unglücks, und vielleicht sind die vielen kleinen und großen Unglücke Voraussetzungen für ein großes, namenloses, dauerhaftes Glück. - Wir müssen uns über unsere voreiligen Wertschätzungen erheben, uns distanzieren von den alltäglichen Affekten, um die Proportionen unserer Innenwelt besser einschätzen zu können.
Der Wille zur Toleranz entsteht in dir, wenn dein Unvermögen auf Gleichgültigkeit stößt.
Die Moral in diesem Staat sorgt dafür, dass Überflüssige, Kranke und An-sich- selbst-müde-Gewordene keine Rechtfertigung zum Leben finden müssen. „Wir leben, weil wir nicht getötet werden dürfen.“ sagen sie selbstzufrieden.
Der Humanismus hat keine Rechtfertigung außer in sich selbst; und das ist zu wenig, um wahr zu sein - da es doch um Leben und Tod geht!
De Sade zeigt uns, was unter der sauberen Oberfläche unserer Zivilisation schwimmt, vielleicht zeigt er uns ihren Grund und Boden. Wenn wir von ihm lesen und schreien „Unmöglich!“, dann schreit unser Herz fröhlich „Möglich!“. Wenn ich ihn lese, lächle ich wie ein Vater, der sieht wie sein kleines Kind die ersten Schritte macht. Der Marquis war ein Pferd, das eingesperrt wurde in einem engen Stall und ausschlug um in die freie Wildnis zu gelangen, all seine Schönheit und Kraft zu entfalten. Die Menschen seiner Zeit verstanden nicht, seine Kraft nutzbar zu machen, ihn vor ihren Karren zu spannen und mit ihm neue Gefilde des Menschseins zu erforschen, neue Höhlen und Meere und Sonnenaufgänge. Man fühle sich von ihm beleidigt (ertappt!) und sperrte ihn weg. Unser Jahrhundert ist weniger hart, aber genau so dumm.
Unser Körper altert, weil wir die Geister unserer Kindheit nicht loswerden.
Eine hässliche Fratze wird schöner, wenn man sie blutig schlägt.
Die Leute in meinen Gedanken schauen mich an, als ob sie wissen, dass ich ihr Äußeres mit meinem Inneren vergleiche.
Niemand ist dazu befähigt, etwas zu empfinden, was nicht mit dem eigenen Gesicht vereinbar ist.
Ein Gourmet ist jemand, der sich beim Essen all seine Kleidungsstücke vollkleckert.
Märtyrern geht es immer nur um ihren eigenen Tod; die Sache, für die sie zu sterben vorgeben, erfüllt nur die Rolle eines Alibis.
Jede Unterhaltung, jede Lust ist amoralisch. - „Mensch, sowas haben wir hier noch nie erlebt.“ - „Das hat uns völlig aus dem gewöhnlichen Trott gebracht.“ - „Das war was, so ein Stress!“ - „Was werden wir noch alles erleben?“ Vielleicht tut man empört, aber Erlebnisse, die solche Reaktionen hervorrufen, machen das Leben erst lebenswert.
Wem es schwer fällt, euphorischen Menschen zu misstrauen, verdient höchstes Misstrauen und ein bisschen Mitleid.
Keiner von euch Menschen lässt all seine Gedanken zu. Ihr glaubt, das denken zu können, was ihr wollt, ihr glaubt, dass eure bewussten Gedanken die einzig relevante Wirklichkeit eures Geistes ist und dass diese Wirklichkeit euer Selbst ist. Ihr glaubt, dass Gedanken, die ihr nicht wollt, keine richtigen Gedanken sind.
Man kommt nie nah genug an das Wesentliche heran. Die Gefühle, die ein Satz erzeugt, rechtfertigen den Satz. Dieser Satz erzeugt im Hintergrund die eigentlichen Gedanken und Gefühle.
Ein Überzeugter wirkt, wenn ich mit ihm rede, frei und stark und klug und gesund, während er, wenn ich mit ihm schreibe, oberflächlich, kaltherzig, engstirnig und wahnhaft wirkt. Bei einem Skeptiker ist es genau umgedreht.
Ein paar gute Sätze zu schreiben ist viel besser als ein philosophisches System oder eine Agenda auszuarbeiten. Mit vielen guten Sätzen mache ich mich zum Heiligen einer Religion, deren einziger Anhänger nur ich sein kann, dessen Glaube aber anderen Menschen in die Magengrube strahlt.
Wahrheit ist wie Musik bloß ein Werkzeug, um bestimmte Früchte zu ernten, bestimmte Wege freizumachen und bestimmte Ärgernisse aus dem Herzen zu waschen.
Alles trifft. Jedes Wort gräbt sich wie eine Beleidigung in meinen Brustkorb, jede Behauptung ist eine Last, jede Aussage will meine körperliche Substanz ruinieren, jeder noch so banal daherkommende Liedtext scheint mich brechen zu wollen, alles was ich sehe erinnert mich an das, was ich nicht bin, alles woran ich mich erinnere und alles was ich mir wünsche, erinnert mich an das, was ich nicht bin. Meine Kopfschmerzen, meine Langeweile erinnern mich an das, was ich nicht bin. Wo stecke ich? Es ist unmöglich zu wissen, wo man steckt.
Es ist möglich, dass sich die Persönlichkeit entscheidend verändert, wenn man etwas, das seit Jahren als geheime Frage im Raum schwebt, beantwortet.
Die Arroganz meines Elends will das Nichtdenken-wollen, Nichtdenken-können als das absolute Heil allen Menschen preisen, gleichgültig ob sie glücklich sind oder nicht.
Etwas zu wollen, für das man nicht geschaffen ist, ist Zeichen einer Krankheit: und diese Krankheit strahlt durch den ganzen Körper und will alles zugunde richten.
Selbst, wenn man nur noch Gründe findet, sich zu töten, sollte man eben wegen dieser Gründe am Leben bleiben und sie auskosten und sich mit ihnen in einen anderen Menschen verwandeln. Es ist möglich, seinem Leben eine radikale Wendung zu geben, wenn man am absoluten Abgrund ist, wenn man die Kälte des Todes spürt.
Ein Kind sitzt auf einer Schaukel und schwingt sich zum Gefühl hoch, dass das Leben ein Eimer Zement ist, der langsam, viel zu langsam trocknet.
Als Kind hast du dir einen Zauberspeer gewünscht, mit dem du deinen Körper durchlöchern kannst, ohne zu sterben, ohne Schmerzen zu empfinden oder anderweitig Schaden zu nehmen.
Selbsthass weckt produktive Kräfte, die man gebrauchen kann, um sich weiterzuentwickeln oder zu zerstören. Letztlich tut man das, woran man am ehesten glauben kann: mancher aber sollte genau das Gegenteil tun.
An den Werken Anderer erkennen wir, wer oder was ihnen nicht im Weg gestanden ist. Es ist so einfach, dass ich am liebsten ein paar bunte Blumen pflücken, sie in die Luft werfen und über mein glückliches Gesicht rieseln lassen würde.
So wie ein Satiriker es nicht wortwörtlich meint, wenn er sagt, der Präsident soll enthauptet werden, so meint es auch mein Atmen, mein Herzschlag, mein Gehirnstrom nicht ernst. Ich bin für meinen Körper ein notwendiges Übel. Er hält von mir so viel wie Hagen Rether vom Papst. Ich schau ihn mit großen, müden Augen an und flüstere: "Warum nur? Warum?" und erwarte einen stechenden Schmerz im Kopf, dessen Ausbleiben mich immer mehr beunruhigt.
Die Fähigkeit, Sympathie zu empfinden für alle Geächteten in dieser Gesellschaft ist eine wichtige Voraussetzung für eine wirkliche Systemkritik. Jede illegale Tat, jede unterdrückte Lust ist eine Entzündung im gesellschaftlichen Organismus.
Ich liebe es, an den euren Maßstäben, mit denen ihr mich erniedrigen wollt, zu scheitern. Was für ein Unglück wäre es für mich, wenn ich euch noch genügen könnte! Mein Unfähigkeit, euch etwas zu bringen, ist mein größter Trumpf, den ich habe.
Dieser Blick, der sagt: ich weiß, dass ich ekelhaft bin, aber ich habe das Recht, zu leben, niemand darf mich töten.
Ein Kind verbrennt sich an einer heißen Herdplatte, eine Depression raubt der Mutter den Schlaf, ein Tumor sitzt dem Onkel auf den Nerven: in jedem dieser Fälle sagt der Körper: dreh dich um! Mach was anderes! Sag nein! Sag ja! Meine Depression will mich am Leben halten wie die Ohrfeige der Mutter, die das Kind mit einer Crack-Pfeife erwischt.
Die Leute machen, wenn es regnet, so ein hässliches Gesicht, weil sie sich bestraft fühlen vom Wetter und gucken hässlich, wenn die Sonne scheint, weil sie
sich belohnt fühlen. Es ist zwar eine andere Hässlichkeit, aber sie drückt auf gleiche Weise mein Herz wie Knetmasse.
Wie traurig, dass ich niemandem die Schuld geben kann, dass ich nicht böse genug bin. Es ist die Unfähigkeit, einen Schritt nach vorn zu gehen, aus Angst davor, alles zu verlieren. Nicht zu wissen, warum man nicht augenblicklich zum Monster wird, ist ein gutes Zeichen. Die Angst vor dem Zusammenbruch ist ein Notausgang-Schild, das nicht immer leuchtet. Mit meiner Einsamkeit schneide ich ein böses Grinsen in diese schöne Welt.
Nur die unvollständige Verwirrung bedrückt, die vollständige erfrischt, belebt und macht unter Umständen wild und unbeherrschbar fröhlich.
Meine Wohnung ist viel zu groß für mich, alles steht so gnadenlos zusammen, und was ist das für eine raue Stelle an meinem rechten Fuß?
Als heiliger Nichtsnutz, dessen Verkrampftheit immer ekelhafter wird, empfinde ich jede Sekunde, in der ich empfänglich für die Erwartungen der Anderen bin, als großes Unglück. - Den nächsten Gedanken schon könnte ich für immer vergessen. Überall in meinem Gehirn wartet Einmaliges auf seine Gelegenheit, alles zu verändern.
Ich möchte die zur Pyramide aufgebauten Sektgläser meiner Gewissheiten in einen Scherbenhaufen Ungewissheit verwandeln und zu einem quadratischen Kristall verdichten.
Abzuschütteln, was man mir in meiner Kindheit zum Aufbau einer Persönlichkeit gegeben hat, ist Aufgabe meiner größenwahnsinnig gut aussehenden Langeweile.
Nur in der Überforderung verwirkliche ich mich. Die Nüchternheit sieht in allem den Einwand, den die Rauschsucht eben nicht zu sehen im Stande ist. Ich schütte einen Eimer heiße Ofenasche in die Mülltonne und stinke nach Schweiß und habe keine Aufgabe.
Von Vergangenheit geblendet und von Zukunft erdrückt. Der taumelnde Innenraum.
Mit Ausrufezeichen der Katatonie um mich schlagend, geschmückt mit einem aus seiner Balance gerutschtem Gesicht, das gestempelt werden will, getragen von weicher Einsamkeit zum fröhlich-sprudelnden Wasserfall im Stadtpark unter einem rosa-glühenden Himmel.. Ich fühle mich wie in einem alten Element-Of- Crime-Song, den ein schlafloser Ambient-Tüftler durch den psychedelischen Wolf gekurbelt hat. Hier gibt es nichts zu reißen, hier kannst du nicht tanzen.
Ein freundliches Gesicht nickt den Tag zurück in das Körbchen, aus dem er geschlürft kam.
Ich bin kein Mann. Sag bitte niemals "junger Mann" zu mir. Ich knicke zur Seite, ich falle ins Gebüsch.
Was für die Depression spricht: man kann nicht permanent in Aufruhr sein. - Wir gehen sicherlich keinen goldenen Zeiten entgegen, denn niemand versteht, wohin wir gehen. Wie kann man nicht ununterbrochen schäumen, revoltieren, platzen gegen das karge Ödland Mitteleuropas, vollgestellt mit kniehohen Karriereleitern; immer die selben Worte im Einklang mit immer den selben Institutionen: alle Wege führen in die Hölle. Alle Wege führen in die Hölle, gelobt also sei der Straßengraben! - Lauft nicht mehr vorwärts! Das Ziel ist bloß ein Produkt des inneren Auges gewesen. Indem wir gehofft haben, verneinten wir die Zukunft. Hoffnung ist wie Dauerwerbesendung im Nachtprogramm. Was für die Depression spricht: sie knipst die Hoffnung aus.
Wenn wir unseren Glauben an Bewegung verlieren, können wir Langeweile nicht mehr als schädlich empfinden.
Ich seh bald nicht mehr wie einer aus, den man per Post erreichen kann.
Ablenkung im Internet ist immer möglich, ich verliere meine Konzentration in Streams und Playlisten, Chatfenstern und Foren. Ich habe überall meine Fühler ausgestreckt, aber interagiere nur im Notfall. Ich liebe es, zuzuschauen. Es ist noch nicht die Zeit, mich selbst ins Internet zu spielen. Ich will zusehen und lernen. Ich hab Lust überall einzudringen, ich bin wie ein hässlicher, buckeliger Langweiler mit Hautausschlag, Mikropenis und Dauererektion, eine stinkende, immerfeuchte Jungfrau, die man gern an Mülltonnen bindet, ich bin hässlich und will berühmt werden, das heißt: in eine Öffentlichkeit eindringen, weil ich in keinen Körper eindringen kann, weil ich andere Körper abstoße. Ich kann nur in euch alle gleichzeitig eindringen: mein Ruhm ist wie Hochwasser in euren Kellern. Ich bin überall und ruiniere die Substanz.
Mit meiner Müdigkeit möchte ich das erreichen, was die RAF leider nicht geschafft hat.
Schönheit und Hässlichkeit sind so objektiv wie Magnete.