Das Licht wird voller, die Farben wirken elektronisch verstärkt, die Musik im Hintergrund verbindet sich damit und eine Art Lampenfieber durchfährt mich. Meine Herzfrequenz erhöht sich, ein seltsamer Zustand von Panik und Entspannung. Sie versucht mit mir zu reden, aber ich bringe keinen Satz raus, mir ist es äußerst unangenehm, dass ich die typischen Stoner-Symptome zeige. Ich kann den Rausch durchbrechen, indem ich mir bewusst werde, dass ich nur gekifft habe und dass ich mich nicht gehen lassen kann, weil ich nicht allein bin. Das Mädchen beobachtet mich und ich tu so, als wenn mich das nicht stört oder es gar nicht richtig wahrnehme, aber es stört mich maßlos, ich nehme es maßlos wahr. Ich versuche freundlich zu gucken und will sagen, dass das ganz schön heftig war, sage aber sowas wie: "Oh, das ist... also weil das ist ja... ich will nicht ... wirken wie... da ... die Musik passt gut, ja." Sie ist jetzt sehr unsensibel. Anstatt mich torkeln zu lassen oder wenigstens mit mir über den Rausch zu sprechen, fängt sie an über Veganismus zu reden. Ich schließe die Augen und bemerke, dass die üblichen bunten Lichtflecken, die man bei geschlossenen Augen wahrnimmt, sehr symmetrisch sind und sich passend zur Musik bewegen. Ich habe Angst, dass dieser Zustand für immer anhält, dass ich mit dem Zeug mein Leben kaputt gemacht habe. Ihr Blick verrät mir, dass sie eine Frage gestellt hat und ich erinnere mich, dass ich mir vorgenommen habe, sie mit "Ja" zu beantworten, während mein Herz sich aus seiner Befestigung zu reißen droht. Sie lacht und wiederholt die Frage. Wann ich das letzte Mal Fleisch gegessen habe? Ich weiß es nicht. Hab ich jemals Fleisch gegessen? Hab ich wohl, aber die Tatsache, dass ich nicht weiß, wann, könnte auch die Tatsache, dass ich jemals Fleisch gegessen habe, umkehren, sodass ich noch niemals Fleisch gegessen habe. Ich möchte sie nicht belügen, aber will auch nicht von ihr verurteilt werden. Vielleicht hat sie Pfefferspray mit und fühlt sich bedroht von mir. Ihr Herz rast bestimmt genau so. Die Musik rumpelt weiter, so als würde sie gerade in diesem Moment entstehen in einer Garage hinter meinem Gehirn, sie möchte Narben auf meinem Körper hinterlassen, aber sie weiß, dass ich noch nicht so weit bin. Mir wird bewusst, dass die Musik in der Vergangenheit aufgenommen wurde und auch morgen noch auf diesem Tonträger existiert.
Dieser ganze Rausch ist im Grunde nur eine Ausdehnung jenes Zustands, in dem man sich befindet kurz bevor man einschläft. Ein langer, weicher, wirrer Einschlafzustand. Ich habe ihre Frage schon wieder vergessen und so geht es immer weiter: sie fragt etwas und ich denke darüber nach und schweife ab und habe dann die Frage wieder vergessen. Ist dies ein euphorischer Zustand? Will er mich glücklich machen? Oder habe ich gerade nur eine Psychose? Es gibt nichts, was ich aus diesem intensiven Schwindelgefühl machen kann. Ich nehme mein Gehirn wahr, wie es mühlengleich nach Worten und Mimiken und Gestiken sucht, wie es stampft und schlürft, ein Hund an der Leine, der gelernt hat, nicht zu ziehen: früher ist der Besitzer, als der Hund gezerrt hat, stehen geblieben oder hat die Richtung gewechselt. Nach einigen Monaten hat der Hund begriffen, dass das Ziehen nicht effektiv ist. "Ich esse keine Leichen." sagt sie, "Alle Lebewesen sind gleich und ich esse auch keine Menschen, weil ich keine Tiere esse." Ich stelle mir nicht vor, wie ich ihr in die Waden beiße, ich schmeiße sie nicht aus der Wohnung, ich trinke nicht meine Wasserflasche leer, ich schlafe nicht ein, ich bin nicht wahnsinnig, das ist nicht das Ende.
Da steht eine Kuh auf der Weide, die Sonne lacht, es ist ein Prospekt und ich blättere darin und nehme mir vor das morgen ganz genau durchzulesen, ich habe die Ahnung, dass es mein Leben verändern wird, vielleicht werde ich erwachsen. Sie steht im Türrahmen und winkt mir freundlich zu. Jetzt werde ich also allein gelassen. Meine Wohnung hat sich nicht verändert, es ist meine Wohnung, alles darin repräsentiert mich, alles darin hält mich beisammen, wie eine Mutter die dem Kind verbietet, bei Gewitter in den See zu gehen, und doch glaube ich, sie ist zu streng, irgendwas stimmt nicht mit ihr. Sie ist es nicht gewohnt im Rampenlicht meiner Konzentration zu stehen. Ich höre das Schwindelgefühl in meinem Kopf, einem rostigen Karussell gleich, an dem bunte Ballons hängen. Vielleicht bin ich dieses Karussell. Ich mach mir eine Flasche voll mit Leitungswasser und trinke sie fast in einem Zug aus. Habe ich heute schon was getrunken? Habe ich das Mädchen gebissen? Nein, sonst wäre sie beim Abschied nicht so freundlich gewesen. Hat sie mir übel genommen, dass ich sie nicht zur Tür gebracht habe? Vielleicht hat sie angenommen, ich übertreibe das bekifft sein. Ich schäme mich für meine Unsicherheit und genau das hat sie wahrgenommen. Nach einer Weile lässt das Schwindelgefühl nach und ich beginne plötzlich zu wissen, dass ich sehr ernst und glaubwürdig und selbstbewusst aussehe. Niemand kann mir etwas vormachen. Ich schaue auf den Prospekt und finde es schade, dass gerade niemand hier ist, um sich meine Meinung anzuhören. Ist das meine Meinung? Oder will ich damit nur kokettieren? Ist meine Meinung nur ein Eindringling? Eine Art Infekt? Was hat meine Meinung mit mir vor? Hat sie Geheimnisse vor mir? Wird sie von einer Institution kontrolliert? Was hat die Meinung mit mir zu tun? Wem nützt sie? Will sie aus mir einen Hampelmann machen? Ich kann die Fragen nicht beantworten, deshalb ist es nicht schlimm, sie nicht zu beantworten. Ich habe Angst vor Leuten, die mit dem strengen, vorwurfsvollen Blick einer Mutter und der kalten Entschlossenheit eines Vaters und der süßen Liebenswürdigkeit eines klugen Kindes mich und sich und alle Menschen auf die selbe Stufe wie ein Schwein stellen, doch niemand hört mir zu, ich gebe niemandem ein Interview, ich stehe auf keiner Bühne. Ich werde jetzt noch etwas draußen herumlaufen, bis sämtliches Schwindelgefühl weg ist. Ich sehe schon, wie ich ganz normal mein Leben weiterführe. Der Gedanke, dass der Rausch Narben hinterlassen wird, irgendwas verfinstern oder zersetzen wird, ist nur Teil des Rausches. Gedanken können nicht die Zukunft verändern. Gedanken können nicht die Zukunft verändern. Gedanken können nicht die Zukunft verändern. Dieses Mantra erlöst mich.
Ich geh an den Computer klicke in den Verlauf und suche das Fotoalbum, aber man hat nur Zugriff darauf, wenn man mit ihr befreundet ist. Ich sag laut "Ach Scheiße!" und erschrecke darüber, aber nur ein bisschen und leg mich ins Bett, stell mir vor, die hübschesten, süßesten, freundlichsten Jungs der Welt unter meiner Decke versammelt zu haben. Wir schmusen und küssen uns, wiegen uns in den Schlaf. Ich lecke imaginäre Erdbeersoße aus imaginären Bauchnabeln, drücke warme, hell leuchtende Kinderkörper an mich und bin erfüllt von Liebe. Eine unerschütterliche Zartheit macht sich in mir breit und ich spüre, wie sich mein Gesicht um zehn Jahre verjüngt. Ich liege auf einer schlammigen Wiese, suhle mich mit den nackten Boys herum als wären wir Hunde, wir pissen und kacken uns lachend voll, schreien, bellen, zerfleddern rohes Kalbsfleisch mit unseren Zähnen, stinken fröhlich und spielen mit unserer zart blühenden Sexualität und laufen gegen Abend verdreckt und frei durch die Straßen, schmeißen Autoscheiben ein, überfallen einen Späti, stellen meinen Eltern lebensgefährliche Fallen und liegen nachts eng zusammengekuschelt in unserem Baumhaus und fühlen uns beschützt bis ans Ende unserer Tage.
VII
Verwelken
Am häufigsten empört sich der Mensch, wenn Dinge getan werden, die „an sich“ unmoralisch sind, ohne dass er irgendwie negativ von den Handlungen betroffen ist. Er ist eigentlich allein von dem unangenehmen, ihn herabsetzenden Gefühl gestört, das sich einstellt, weil eine „an sich schlechte Handlung“ in seiner Gegenwart begangen wird - und seine moralische Empörung soll ihm dieses Gefühl erträglich machen oder vom Hals schaffen. Sein Mittel: das Ideal einer Handlung „an sich“, welches ihm das Recht gibt, jedes menschliche Tun eindeutig zu kategorisieren. Doch es gibt keine „Handlung an sich“, jede Handlung ist ein Unikat, jede Handlung hat eine andere Geschichte, hat andere Motive, andere emotionale Begleitzustände, Bewusstheitsgrade überhaupt: dies aber gründlich zu verneinen oder wenigstens zu übersehen ist Grundbedingung jeder einseitigen Moralpredigt. Die Empörung, die schnelle, unbedingte Erlösung sucht, bedient sich schlechter Augen und grober Ideale, um die Handlung aburteilen zu können - versiegelt mit religiösem Pathos - und so lügt der Fürsprecher einer allgemeinen Moral gleich allen Fürsprechern. - Wären die Pforten unserer Wahrnehmung frei von Moral, erschiene uns der Mensch, wie er ist.
Der Rausch der Liebe ist nützlich, um der Kälte der Gedanken und der Überhitzung der Eingeweide etwas Ausgleichendes, Vermittelndes entgegenzustellen. Er bewahrt uns davor, einen Mord zu begehen, dessen Konsequenzen wir noch nicht tragen können und gibt uns eine Wärme, die uns nicht an uns erfrieren lässt.
Die schönste Liebe und die grässlichste Mordlust sind zwei Gesichter einer menschlichen Eigenschaft; man verurteilt einen Mörder für die selben großen, schönen Gefühle, die auch ein Liebender hat; der Mörder wird von seinen Gefühlen in eine andere Richtung getrieben als der Liebende, aber fühlt sich eigentlich nicht schlechter und dreckiger als der Liebende. Gefühle von unten sind immer mächtiger als moralische Vorurteile (Worte, die den Menschen schlecht und klein machen) von oben. Gegenbeispiele liefern nur Menschen mit geistigen (religiösen, sozialen, neurologischen) Krankheiten.
So wenig wie ein Vulkan entscheidet, ob er ausbricht, so wenig entscheidet ein Mensch, ob er jemanden tötet.
Wer bist du? Ein Körper der herausfindet, ob er seine Bedingungen durchsetzen kann oder nicht.
Keinen sahst du bisher, der die richtigen Konsequenzen aus dem zog, was du erlebt hast.
Die Reaktion seines Herzens, die der moralisch Handelnde von seinem Tun erwartet, ist die einzige Motivation seiner Handlung - und nicht nur die des moralisch Handelnden.
Moral ist die Wärmeflasche für den unterkühlten und der Eisbeutel für den überhitzten Lieblosen.
Der tragische Konflikt zwischen Triebe und Moral wird am deutlichsten ersichtlich, wenn man die Schönheit der Musik und die Notwendigkeit von Strafgesetzen gegenüberstellt.
Da man die Dinge nie so kompliziert wahrnehmen und beschreiben kann, wie sie tatsächlich sind, muss man sie einfacher wahrnehmen und einfacher beschreiben lernen als sie sind: man muss lügen, um nicht den Überblick zu verlieren, man muss lügen, um Haltung zu wahren.
Wir müssen uns schützen vor der ansteckenden Wirkung eines Gesichts, das uns den Glauben an die Menschheit erhalten will: denn wohin sollte uns dieser Glaube führen, wenn nicht in die totale Selbstaufgabe, die absolute Verneinung unserer Lust und Widerstandsfähigkeit, die Dementierung unseres Musikgeschmacks und unserer Selbstgespräche.
Lenke dein Interesse nicht auf das, was Leute sagen, sondern auf das, was sie mit dem Gesagten verbergen wollen. Lenke dein Interesse nicht auf das, was du denkst, sondern auf das, was dein Denken verbergen soll. Niemand soll leichtfertig denken, dass er genau weiß, was er denkt und fühlt, was er nicht denkt und nicht fühlt, dass es überhaupt einen Unterschied zwischen Denken und Fühlen gibt. Niemand soll leichtfertig glauben, dass Gedanken einen freien Willen haben, dass Gefühle wissen, was sie anrichten, dass der Autor dieser Zeilen seine Absicht verfehlen wird.
Alles ist Natur, aber du willst etwas anderes sein, du willst isoliert sein und dir aussuchen können, welches Wort du als nächstes liest so wie du dir aussuchen willst, was du als nächstes denkst und tust. Aber diese Freiheit gibt es nicht, kann es nicht geben und muss es auch nicht.
In erster Linie tadelt man jemanden nicht um ihn zu verbessern, sondern um sich selbst zu demonstrieren, dass man Macht über jemanden hat. Niemand will eine Welt, in der man keine Macht über Andere hat.
Moralische Gefühle? Nichts weiter als Sympathien für Fernsehhelden.
Das Gute und das Böse müssen sich bekämpfen, um stolz auf sich zu sein - und brauchen den Stolz, um ihre Wahrheiten nicht zu verwechseln mit den Wahrheiten der Gegenseite.
Der Wille zum Guten macht das Herz weich, damit das Gehirn hart werden kann.
Jedes Gefühl ist arrogant gegenüber anderen Gefühlen und will nicht „begründet“ werden. Die Tatsache seiner Existenz ist Rechtfertigung genug. Es ist da, also ist es real, also ist es wahr, also bringt es sich ein ins Große und Ganze. Niemals kann man den Brunnen ausschöpfen, aus dem ein Gefühl gesprungen kommt - lieber soll man sich über den goldenen Ball freuen, den es mitgebracht hat.
Es ist ja bekannt, dass Polizisten so ein großes Problem mit dem Sichten von Kinderporno-Material haben, weil sie nicht wissen, wie sie die Erektion bewerten sollen, die sie bekommen und die sich nicht schlechter anfühlt als die anderen Erektionen.
Wenn du dich mit jemandem streitest und alles wird immer härter und ihr kommt nicht weiter, dann legt euch einfach auf den Boden, schaut den Himmel an, sagt für ein paar Minuten gar nichts und atmet tief ein und aus. Dieser plötzliche, unkonventionelle Bruch tut gut. Man kann nur anders denken und fühlen, wenn man seinen Körper in eine andere Position bringt.
Sein letztes Argument dagegen war: „Etwas in mir wehrt sich trotzdem und trotzdem und trotzdem!“ Kein Wort konnte er benutzen, um sich wahrhaft zu rechtfertigen, er hätte neue Worte erfinden müssen. Sein Unglück war, dass er nicht lügen wollte. Er hätte viel erreichen können.
Du hast das Gefühl, dass es etwas gibt, was jeder außer dir in seiner frühsten Kindheit gelernt hat. Du spürst ganz gewiss, dass Leute etwas an dir voraussetzen, aber sie sagen es nicht, weil es absolut selbstverständlich und zugleich ein ungeschriebenes Tabu ist, darüber ein Wort zu verlieren.
Es passiert jeden Tag tausendfach, dass die tiefe, ehrliche, gegenseitige Liebe zwischen zwei Menschen ganz unerwartet, von einer Sekunde auf die andere abreißt und man eine ungeheure Leere zwischen sich und dem Anderen empfindet. Leider hat man dann meist nicht den Anstand, sich zu entschuldigen und sich wieder zu trennen, so als wäre nichts gewesen; nein - man versteckt sich hinter Ritualen, Komplimenten, Geschenken, Perversitäten.
Die Herrscherin über all deine verschiedenen Unglückszustände ist die Unaussprechlichkeit. Wie streng sie ihr Regiment führt, so abhängig ist sie von dem, was sie regiert und drückt. Sie wird niemals sich entthronen lassen.
Die unrealistischste, übertriebenste Phantasie, die dein Gehirn dir bisher in dein Bewusstsein gegeben hat, verhält sich zu dem, was es eigentlich weiß, wie ein Mohnkuchen-Krümel zu einem halben Kilo Heroin.
Der Dumme hat mindestens vor seinen Ungewissheiten Angst, der Erhabene höchstens vor seinen Gewissheiten.
Ein enges Weltbild engt die Gefühle und die Sprache ein und letztendlich die Ansprüche ans eigene Leben.
Ein Mittel gegen Resignation: der Gedanke an extreme, unentrinnbare, ungewiss lang andauernde Schmerzen. - So müde deine Glieder, dein Geist, dein Gewissen, dein Geschmack, deine Lust auch sind: Schmerzen wecken die tiefsten, stärksten Triebe zum Leben. Oft erkennt man erst unter den größten, körperlichen Qualen, dass man nicht sterben will. Der sich peinvoll krümmende, hilflose, fanatische Leib ist die erste Ursache eines grundlegenden Bewegung gegen Verfall und Todessucht.
Wir gefährlich! Er schätzt sich im Glück. Vielleicht gehört es zu seinem Pech, sich glücklich zu fühlen, obwohl er unglücklich ist. Und der da drüben? Er verteufelt sein Unglück, aber nachher könnte dieses Unglück sich als Glücksfall herausstellen. - Wir urteilen allzu oft allzu schnell über Glück und Unglück. Vielleicht sind viele kleine Glücksmomente Bedingungen eines großen Unglücks, und vielleicht sind die vielen kleinen und großen Unglücke Voraussetzungen für ein großes, namenloses, dauerhaftes Glück. - Wir müssen uns über unsere voreiligen Wertschätzungen erheben, uns distanzieren von den alltäglichen Affekten, um die Proportionen unserer Innenwelt besser einschätzen zu können.
Der Wille zur Toleranz entsteht in dir, wenn dein Unvermögen auf Gleichgültigkeit stößt.
Die Moral in diesem Staat sorgt dafür, dass Überflüssige, Kranke und An-sich-selbst-müde-Gewordene keine Rechtfertigung zum Leben finden müssen. „Wir leben, weil wir nicht getötet werden dürfen.“ sagen sie selbstzufrieden.
Der Humanismus hat keine Rechtfertigung außer in sich selbst; und das ist zu wenig, um wahr zu sein - da es doch um Leben und Tod geht!
De Sade zeigt uns, was unter der sauberen Oberfläche unserer Zivilisation schwimmt, vielleicht zeigt er uns ihren Grund und Boden. Wenn wir von ihm lesen und schreien „Unmöglich!“, dann schreit unser Herz fröhlich „Möglich!“. Wenn ich ihn lese, lächle ich wie ein Vater, der sieht wie sein kleines Kind die ersten Schritte macht. Der Marquis war ein Pferd, das eingesperrt wurde in einem engen Stall und ausschlug um in die freie Wildnis zu gelangen, all seine Schönheit und Kraft zu entfalten. Die Menschen seiner Zeit verstanden nicht, seine Kraft nutzbar zu machen, ihn vor ihren Karren zu spannen und mit ihm neue Gefilde des Menschseins zu erforschen, neue Höhlen und Meere und Sonnenaufgänge. Man fühle sich von ihm beleidigt (ertappt!) und sperrte ihn weg. Unser Jahrhundert ist weniger hart, aber genau so dumm.
Unser Körper altert, weil wir die Geister unserer Kindheit nicht loswerden.
Eine hässliche Fratze wird schöner, wenn man sie blutig schlägt.
Die Leute in meinen Gedanken schauen mich an, als ob sie wissen, dass ich ihr Äußeres mit meinem Inneren vergleiche.
Niemand ist dazu befähigt, etwas zu empfinden, was nicht mit dem eigenen Gesicht vereinbar ist.
Ein Gourmet ist jemand, der sich beim Essen all seine Kleidungsstücke vollkleckert.
Märtyrern geht es immer nur um ihren eigenen Tod; die Sache, für die sie zu sterben vorgeben, erfüllt nur die Rolle eines Alibis.
Jede Unterhaltung, jede Lust ist amoralisch. - „Mensch, sowas haben wir hier noch nie erlebt.“ - „Das hat uns völlig aus dem gewöhnlichen Trott gebracht.“ - „Das war was, so ein Stress!“ - „Was werden wir noch alles erleben?“ Vielleicht tut man empört, aber Erlebnisse, die solche Reaktionen hervorrufen, machen das Leben erst lebenswert.
Wem es schwer fällt, euphorischen Menschen zu misstrauen, verdient höchstes Misstrauen und ein bisschen Mitleid.
Keiner von euch Menschen lässt all seine Gedanken zu. Ihr glaubt, das denken zu können, was ihr wollt, ihr glaubt, dass eure bewussten Gedanken die einzig relevante Wirklichkeit eures Geistes ist und dass diese Wirklichkeit euer Selbst ist. Ihr glaubt, dass Gedanken, die ihr nicht wollt, keine richtigen Gedanken sind.
Man kommt nie nah genug an das Wesentliche heran. Die Gefühle, die ein Satz erzeugt, rechtfertigen den Satz. Dieser Satz erzeugt im Hintergrund die eigentlichen Gedanken und Gefühle.
Ein Überzeugter wirkt, wenn ich mit ihm rede, frei und stark und klug und gesund, während er, wenn ich mit ihm schreibe, oberflächlich, kaltherzig, engstirnig und wahnhaft wirkt. Bei einem Skeptiker ist es genau umgedreht.
Ein paar gute Sätze zu schreiben ist viel besser als ein philosophisches System oder eine Agenda auszuarbeiten. Mit vielen guten Sätzen mache ich mich zum Heiligen einer Religion, deren einziger Anhänger nur ich sein kann, dessen Glaube aber anderen Menschen in die Magengrube strahlt.
Wahrheit ist wie Musik bloß ein Werkzeug, um bestimmte Früchte zu ernten, bestimmte Wege freizumachen und bestimmte Ärgernisse aus dem Herzen zu waschen.
Alles trifft. Jedes Wort gräbt sich wie eine Beleidigung in meinen Brustkorb, jede Behauptung ist eine Last, jede Aussage will meine körperliche Substanz ruinieren, jeder noch so banal daherkommende Liedtext scheint mich brechen zu wollen, alles was ich sehe erinnert mich an das, was ich nicht bin, alles woran ich mich erinnere und alles was ich mir wünsche, erinnert mich an das, was ich nicht bin. Meine Kopfschmerzen, meine Langeweile erinnern mich an das, was ich nicht bin. Wo stecke ich? Es ist unmöglich zu wissen, wo man steckt.
Es ist möglich, dass sich die Persönlichkeit entscheidend verändert, wenn man etwas, das seit Jahren als geheime Frage im Raum schwebt, beantwortet.
Die Arroganz meines Elends will das Nichtdenken-wollen, Nichtdenken-können als das absolute Heil allen Menschen preisen, gleichgültig ob sie glücklich sind oder nicht.
Etwas zu wollen, für das man nicht geschaffen ist, ist Zeichen einer Krankheit: und diese Krankheit strahlt durch den ganzen Körper und will alles zugunde richten.
Selbst, wenn man nur noch Gründe findet, sich zu töten, sollte man eben wegen dieser Gründe am Leben bleiben und sie auskosten und sich mit ihnen in einen anderen Menschen verwandeln. Es ist möglich, seinem Leben eine radikale Wendung zu geben, wenn man am absoluten Abgrund ist, wenn man die Kälte des Todes spürt.
Ein Kind sitzt auf einer Schaukel und schwingt sich zum Gefühl hoch, dass das Leben ein Eimer Zement ist, der langsam, viel zu langsam trocknet.
Als Kind hast du dir einen Zauberspeer gewünscht, mit dem du deinen Körper durchlöchern kannst, ohne zu sterben, ohne Schmerzen zu empfinden oder anderweitig Schaden zu nehmen.
Selbsthass weckt produktive Kräfte, die man gebrauchen kann, um sich weiterzuentwickeln oder zu zerstören. Letztlich tut man das, woran man am ehesten glauben kann: mancher aber sollte genau das Gegenteil tun.
An den Werken Anderer erkennen wir, wer oder was ihnen nicht im Weg gestanden ist. Es ist so einfach, dass ich am liebsten ein paar bunte Blumen pflücken, sie in die Luft werfen und über mein glückliches Gesicht rieseln lassen würde.
So wie ein Satiriker es nicht wortwörtlich meint, wenn er sagt, der Präsident soll enthauptet werden, so meint es auch mein Atmen, mein Herzschlag, mein Gehirnstrom nicht ernst. Ich bin für meinen Körper ein notwendiges Übel. Er hält von mir so viel wie Hagen Rether vom Papst. Ich schau ihn mit großen, müden Augen an und flüstere: "Warum nur? Warum?" und erwarte einen stechenden Schmerz im Kopf, dessen Ausbleiben mich immer mehr beunruhigt.
Die Fähigkeit, Sympathie zu empfinden für alle Geächteten in dieser Gesellschaft ist eine wichtige Voraussetzung für eine wirkliche Systemkritik. Jede illegale Tat, jede unterdrückte Lust ist eine Entzündung im gesellschaftlichen Organismus.
Ich liebe es, an den euren Maßstäben, mit denen ihr mich erniedrigen wollt, zu scheitern. Was für ein Unglück wäre es für mich, wenn ich euch noch genügen könnte! Mein Unfähigkeit, euch etwas zu bringen, ist mein größter Trumpf, den ich habe.
Dieser Blick, der sagt: ich weiß, dass ich ekelhaft bin, aber ich habe das Recht, zu leben, niemand darf mich töten.
Ein Kind verbrennt sich an einer heißen Herdplatte, eine Depression raubt der Mutter den Schlaf, ein Tumor sitzt dem Onkel auf den Nerven: in jedem dieser Fälle sagt der Körper: dreh dich um! Mach was anderes! Sag nein! Sag ja! Meine Depression will mich am Leben halten wie die Ohrfeige der Mutter, die das Kind mit einer Crack-Pfeife erwischt.
Die Leute machen, wenn es regnet, so ein hässliches Gesicht, weil sie sich bestraft fühlen vom Wetter und gucken hässlich, wenn die Sonne scheint, weil sie sich belohnt fühlen. Es ist zwar eine andere Hässlichkeit, aber sie drückt auf gleiche Weise mein Herz wie Knetmasse.
Wie traurig, dass ich niemandem die Schuld geben kann, dass ich nicht böse genug bin. Es ist die Unfähigkeit, einen Schritt nach vorn zu gehen, aus Angst davor, alles zu verlieren. Nicht zu wissen, warum man nicht augenblicklich zum Monster wird, ist ein gutes Zeichen. Die Angst vor dem Zusammenbruch ist ein Notausgang-Schild, das nicht immer leuchtet. Mit meiner Einsamkeit schneide ich ein böses Grinsen in diese schöne Welt.
Nur die unvollständige Verwirrung bedrückt, die vollständige erfrischt, belebt und macht unter Umständen wild und unbeherrschbar fröhlich.
Meine Wohnung ist viel zu groß für mich, alles steht so gnadenlos zusammen, und was ist das für eine raue Stelle an meinem rechten Fuß?
Als heiliger Nichtsnutz, dessen Verkrampftheit immer ekelhafter wird, empfinde ich jede Sekunde, in der ich empfänglich für die Erwartungen der Anderen bin, als großes Unglück. - Den nächsten Gedanken schon könnte ich für immer vergessen. Überall in meinem Gehirn wartet Einmaliges auf seine Gelegenheit, alles zu verändern.
Ich möchte die zur Pyramide aufgebauten Sektgläser meiner Gewissheiten in einen Scherbenhaufen Ungewissheit verwandeln und zu einem quadratischen Kristall verdichten.
Abzuschütteln, was man mir in meiner Kindheit zum Aufbau einer Persönlichkeit gegeben hat, ist Aufgabe meiner größenwahnsinnig gut aussehenden Langeweile.
Nur in der Überforderung verwirkliche ich mich. Die Nüchternheit sieht in allem den Einwand, den die Rauschsucht eben nicht zu sehen im Stande ist. Ich schütte einen Eimer heiße Ofenasche in die Mülltonne und stinke nach Schweiß und habe keine Aufgabe.
Von Vergangenheit geblendet und von Zukunft erdrückt. Der taumelnde Innenraum.
Mit Ausrufezeichen der Katatonie um mich schlagend, geschmückt mit einem aus seiner Balance gerutschtem Gesicht, das gestempelt werden will, getragen von weicher Einsamkeit zum fröhlich-sprudelnden Wasserfall im Stadtpark unter einem rosa-glühenden Himmel.. Ich fühle mich wie in einem alten Element-Of-Crime-Song, den ein schlafloser Ambient-Tüftler durch den psychedelischen Wolf gekurbelt hat. Hier gibt es nichts zu reißen, hier kannst du nicht tanzen.
Ein freundliches Gesicht nickt den Tag zurück in das Körbchen, aus dem er geschlürft kam.
Ich bin kein Mann. Sag bitte niemals "junger Mann" zu mir. Ich knicke zur Seite, ich falle ins Gebüsch.
Was für die Depression spricht: man kann nicht permanent in Aufruhr sein. - Wir gehen sicherlich keinen goldenen Zeiten entgegen, denn niemand versteht, wohin wir gehen. Wie kann man nicht ununterbrochen schäumen, revoltieren, platzen gegen das karge Ödland Mitteleuropas, vollgestellt mit kniehohen Karriereleitern; immer die selben Worte im Einklang mit immer den selben Institutionen: alle Wege führen in die Hölle.
Alle Wege führen in die Hölle, gelobt also sei der Straßengraben! - Lauft nicht mehr vorwärts! Das Ziel ist bloß ein Produkt des inneren Auges gewesen. Indem wir gehofft haben, verneinten wir die Zukunft.
Hoffnung ist wie Dauerwerbesendung im Nachtprogramm. Was für die Depression spricht: sie knipst die Hoffnung aus.
Wenn wir unseren Glauben an Bewegung verlieren, können wir Langeweile nicht mehr als schädlich empfinden.
Ich seh bald nicht mehr wie einer aus, den man per Post erreichen kann.
Ablenkung im Internet ist immer möglich, ich verliere meine Konzentration in Streams und Playlisten, Chatfenstern und Foren. Ich habe überall meine Fühler ausgestreckt, aber interagiere nur im Notfall. Ich liebe es, zuzuschauen. Es ist noch nicht die Zeit, mich selbst ins Internet zu spielen. Ich will zusehen und lernen. Ich hab Lust überall einzudringen, ich bin wie ein hässlicher, buckeliger Langweiler mit Hautausschlag, Mikropenis und Dauererektion, eine stinkende, immerfeuchte Jungfrau, die man gern an Mülltonnen bindet, ich bin hässlich und will berühmt werden, das heißt: in eine Öffentlichkeit eindringen, weil ich in keinen Körper eindringen kann, weil ich andere Körper abstoße. Ich kann nur in euch alle gleichzeitig eindringen: mein Ruhm ist wie Hochwasser in euren Kellern. Ich bin überall und ruiniere die Substanz.
Mit meiner Müdigkeit möchte ich das erreichen, was die RAF leider nicht geschafft hat.
Schönheit und Hässlichkeit sind so objektiv wie Magnete.
20
Der Komposthaufen vor meinem Fenster wird immer größer, dunkler. Von seinem intensiven Dampfen geht eine elektrische Lust aus, die mein Gehirn und meinen Bauch warm massiert.
Es ist kurz nach 14Uhr. Der Himmel, ein graues, liebloses Tischtuch, die bunten Blumen im Hinterhof blühen und ich zieh meine Hose runter, knie mich auf die Fensterbank und schenke dem Komposthaufen einen Teil meiner Verdauungsendprodukte. Mich überwältigt ein Gefühl sonnenklarer Natürlichkeit. So wie ich atme und schlafe, so kacke ich aus dem Fenster. Darmentleerung und Träumen erscheinen als Geschwister, wenn der Sonntag lang und der Himmel leer ist. Ich verwirkliche mich verdauend.
Innerhalb weniger Wochen wächst der Komposthaufen in mein Zimmer hinein und ermöglicht mir endlich, dort zu scheißen, wo ich schlafe. Ich esse den ganzen Tag rohe Bohnen, Grünkohl, Äpfel, trinke Kaffee und Mate, flatuliere und kote und höre laut Musik und schreibe gegen das unendliche Licht in meinem Frontallappen an.
Die Tapete schält sich von der Wand, in meiner Matratze kämpfen zwei Insektenvölker um die Vorherrschaft, ich bin von Talg und Grünspan überwuchert, es riecht nach frischer Muttererde, Knoblauch, Mangos, Asche und Kot. Auf dem Komposthaufen wachsen filigrane, hellgrüne Flechten, sprießen leuchtende, halbtransparente Pilze und farbenprächtige Tulpen und Rosen und Nelken. Auf allen Vieren erklettere ich meinen Berg, knabbere an dem ein oder anderen Blümchen, bis ich an die Spitze gelangt dreimal tief durchatme und dann herunterrutsche in den dichten Dschungel des Hinterhofs.
Hier ist die Luft deutlich wärmer und trockener. Disteln und dornige Hecken bilden den äußeren Rand dieses von den Bewohnern ringsherum vernachlässigten Biotops. Manche Kinder haben hier Buden gebaut und Fallen für erwachsene Eindringlinge. Heute ist es besonders ruhig hier. Ich beobachte einen Schmetterling, wie er einen Tannenzapfen auf und ab läuft. Ich komme ihm langsam mit meinem Zeigefinger nahe, da fliegt er plötzlich in mein Gesicht und beißt oder sticht mir in die Wange, der Schmerz ist kurz, aber heftig; also trete ich für heute den Rückzug an. Mühsam erklettere ich den Komposthaufen und lass mich oben auf meinem Fensterbrett angekommen träge in meine liebste Zimmerecke rollen. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, ich fingere mir an meinem süßen Arsch rum und schlafe grinsend ein.