Daniel ist ein guter Junge, ausgesprochen depressiv und zurückhaltend, solang er kein Cannabis raucht. Wenn er high ist, sprüdelt er nur so über vor Lebensfreude und Tatendrang. Es ist schön zu sehen, dass sich nicht jeder natürliche Antidepressiva verbieten lässt. Mir reicht Kaffee völlig aus, manchmal rutsche ich, wenn die aktivierende Wirkung des Koffein nachlässt, in eine kalte, alleszerfressende Unsicherheit hinein, in der sich mein Selbstgefühl auflöst und mich von allem abtrennt. Deshalb lass ich besser die Finger von Marihuana, nicht auszudenken, wie es mein Gehirn verändern würde. Die grelle Überempfindlichkeit, die nervenaufreibende Schlaflosigkeit, die mir allein der Kaffee seit Jahren schenkt, beeinflussen mein Denken wie meine Lebensführung wie meinen Musikgeschmack wie meinen Tatendrang derart, dass es mir zu riskant erscheint, einen neuen Stoff mit meinem Gehirn in Verbindung zu bringen: ich steh auf mein Gehirn und ich brauche es mehr als es mich braucht, ich muss wirklich aufpassen, dass ich mich nicht kaputt mache. Ich hätte gern kaltes Wasser über meinen Kopf laufen.
Daniel zieht nächstes Wochenende nach Wien und ich muss hier in Erfurt einen Ersatz für ihn finden. Es ist ein heißer, leerer Hochsommer, wir schreiben das Jahr 2013, der Kaffee ist stark und süß und fordert mich auf, etwas aus meiner manischen Abgeschiedenheit zu machen. Meine Aufzeichnungen sind Flicken, aus denen man den Teppich meiner Identität zusammensetzen und so dem Wahn Substanz verleihen könnte, der mich tief in diese grässliche Stadt verschraubt hat und immer tiefer schraubt. Doch für wen? Ich weiß, dass es hier keine Liebe mehr gibt und kann nicht mehr hoffen, dass es sich lohnt zu warten. Ich hätte gern kaltes Wasser über meinen Kopf laufen.
Ich bin sicher, keine fiktive Person zu sein und meine allmorgentlichen Kopfschmerzen lösen sich auf in meiner Freude darüber, was ich mir heute alles erspare, wenn ich den ganzen Tag im Garten sitze und meine Armut verkrafte und an mir herumspiele. Ich existiere - das bedeutet: ich bin nicht darauf angewiesen, dass man mich für real hält. Ich hänge an meiner Realität, an meiner Nicht-Fiktivität, ich bin sehr froh, nicht bloß ein fiktiver Charakter in einer fiktiven Welt zu sein und stelle mir eine Straße vor, auf der ein großer, schwarzlockiger Typ mit schwarzer Lederjacke, weißem, schmutzigem T-Shirt, dunkelroter Jeans und braunen Turnschuhen läuft, sein Gesicht ist verrust und irgendwas stimmt mit seinen Augen nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihn sympathisch finde oder nicht, er schaut mich an und lächelt, ich spüre, dass er dankbar dafür ist, dass ich ihn mir vorstelle. Meine Phantasie ist seine einzige Existenzgrundlage, er ist so dermaßen von mir abhängig, dass ich mir darauf etwas einbilden könnte, dass er am Leben bleiben will und ich ihn nicht sterben lasse. Klaus Kleber erscheint über meiner Schulter und fragt mich: "Würde es dir etwas ausmachen, ihn zu erschießen mit einem fiktiven Revolver in deiner fiktiven Hand, den fiktiven Abzug gedrückt von deinem fiktiven Finger, der mit einem fiktiven Gehirn verbunden ist, das einem fiktiven Wille gehorcht, der fiktive Ursachen hat? Bist du Herr über deine Phantasie? Hast du sie in der Hand? Wer hat die Kontrolle über das Gesicht des Typen, der dich gerade anschaut?" Ich trinke noch einen Schluck Tee und spüre, wie sich mein weiches Gesicht in die Welt bohrt. Es gibt niemanden, dem ich etwas vormachen muss, denn es gibt niemanden, den ich anfassen will. Es gibt niemanden, der mir etwas zu sagen hat, denn niemand weiß, was ich alles kann. Es gibt nichts, was ich noch lernen muss, denn ich habe keine Bestimmung. Das Bewusstsein stolpert von einer Uneindeutigkeit zu nächsten, versucht Muster zu erkennen und Haltung zu beziehen, bis das Gehirn dafür keine Energie mehr aufbringen kann und stirbt und sich im Erdreich auflöst. Alles, was man tun kann, ist mit den Schultern zu zucken.
Die Natur lässt uns im zunehmenden Alter abstumpfen, damit wir nicht so sehr unter dem Bewusstsein unseres Todes leiden; wir müssen kälter und dümmer und oberflächlicher werden, damit uns der Gedanke an unser unvermeidliches Ende nicht in den Wahnsinn treibt, denn warum sollten wir uns nicht von jeder Moral, jeder Vernunft, jeder Scham, jeder Art von Respekt und Mitleid befreien, wenn wir wüssten, dass wir in eine Ewigkeit puren Nichts stürzen, dass nichts von Dauer ist... Die Antwort auf dieses Warum definiert unsere Individualität. Der Tod trifft auf keinen stärkeren Rammbock als das menschliche Ichgefühl. Ein Mensch, der "ich" spürt und behauptet, negiert den Tod und das Nichts. Wie absurd, angesichts der Tatsache, dass er eines Tages sein Bewusstsein verliert und damit sein Ich und damit seine Unsterblichkeit. Diese Absurdität kann er nicht sein ganzes Leben lang hinnehmen, ohne körperliche und geistige Verfallserscheinungen zu zeigen. Vielleicht ist es also gut, dass wir abstumpfen werden, dass wir langsam erlöschen und den vielleicht viele Jahrzehnte umfassenden Rest unseres Lebens selig vor Stumpfheit dahindämmern, damit wir uns und Andere nicht verrückt machen.
Ich stelle mir einen 12jährigen Jungen vor, der auf einem Baumstamm sitzt, er hat nur eine rote Schwimmhose an und stochert mit einem Stock im Erdboden herum und entdeckt den Hinterhof und den kleinen Garten. Er weiß nicht, dass ich ihn beobachte und wüsste er es, wäre es ihm egal. Er lebt in einer völlig abgeschlossenen, runden Welt, nur für sich, ganz allein und ohne Sinn für die Zukunft, er bewertet nichts: seinen Körper nicht, seine Wahrnehmung nicht, das Wetter und den Garten nicht, er nimmt alles einfach hin, er nimmt es auf sich, ohne Bedenken, mit einer stillen, erhabenen Freude, ohne einen einzigen dunklen Fleck auf seinem Herzen, wenn nicht mit der radikalen, unschuldigsten Hinnahme der Welt ein derart intensives Glücksempfinden verbunden ist, das das Herz verfinstert, weil man doch zu wenig begreifen und adäquat auszudrücken kann. Der Junge ist sich so sicher, dass er sein Leben nicht verschwenden würde, wenn er jeden Tag seines Lebens damit zubringen würde, im Erdboden mit diesem Stock herumzustochern und auf Bäume zu klettern. Der Sinn des Lebens ist, sich keine Gedanken um die Zukunft zu machen. Ich stelle mir vor, wie ich den Jungen umarme und küsse und neben ihm liege und ihn ganz fest an mich drücke, wie er sich entspannt und schlaftrunken neben mich räkelt, dieses tiefe, ernste, süße Vertrauen, dass ich ihn beschütze vor dem, was auf ihn zukommt, wie ich immer leichter und heller werde. Ich wäre gern wie er so frei und unfähig, etwas mit Worten anzustellen. Mein Sprachzentrum verdirbt meine Wahrnehmung, mein Lebenslust verfängt sich in meiner kalten, spießigen Geschwätzigkeit. Man kann die Kindheit nur genießen, weil man nicht weiß, wie fahl und leer das Leben eines Erwachsenen ist. Man kann nur etwas in seiner ganzen Fülle erfahren, wenn man nicht weiß, dass es nicht für immer da ist. Wenn ich weiß, dass das Glück, das ich empfinde, irgendwann fort ist, dann empfinde ich es nicht wirklich: ich klammere mich nur dran und versuche so viel es geht für mich auszukosten: eine solche Gier, getrieben von absolut berechtigter Verlustangst, verfälscht den Geschmack, verzerrt den Augenblick. Ich werde niemals so frei und leicht und herzig sein können wie ich es damals hätte sein können, ich hab meine Chance verstreichen lassen. Ich würde am liebsten nur Bücher für Kinder schreiben, für die es noch nicht zu spät ist. Die Gewissheit, dass es für Einige noch nicht zu spät ist, gibt selbst an schlimmen, grauen, erstickenden Morgen die nötige Motivation, aus dem Bett zu steigen.
Wir nehmen nie die Wirklichkeit wahr, nur das, was unser Gehirn erzählt. Es sitzt wie in einer Reifenschaukel und schaukelt wie ein Kind, das man irgendwo eingesperrt hat. Wir können nur schauen und vorschnell urteilen, es gibt viel hinzu- und wegzudichten, alles ist fragmentarisch, es gibt immense Lücken, die man füllen kann, aber nicht füllen muss mit allem, was irgendwie nützt. Die Welt ist ein Ding und unsere Wahrnehmung ist ein anderes Ding und wenn beide aufeinanderstürzen, funkt es und diese Funken entfachen unser Ich-Gefühl und mein Ich-Gefühl ist nerviger als fünfzig Mücken in meinem Schlafzimmer. Wird man mich mit solchen Mittelfinger-Sätzen durchkommen lassen? Jeder Leser möchte Butter bei die Fische haben, dabei bin ich noch ganz lebendig und schwimme im Meer und genieße das Leben hier. Jedes Ideal, jeder Leser, jeder Anflug von Ego ist ein Angelhaken: nichts dagegen einzuwenden, solang ich nicht anbeiße! Mein Desinteresse dafür, wer ich bin und was ich sein könnte, macht mich derart nervös, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemals darauf angewiesen zu sein, mich zu irgendwas zu bekennen und würde ich nichts schreiben, hätte ich andere Wege gefunden zu behaupten und zu beweisen, dass ich es nicht nötig habe, mich zu erkennen, mich als etwas darzustellen und dass es niemanden gibt, der mich loben oder tadeln könnte für etwas, das ich tu oder nicht tu.
II
Schweißverklebt erwache ich am heißesten Tag des Jahres in meinem vollgemüllten Raum, der von moorgrünen Vorhängen verdunkelt ist, hinter denen das grelle, aggressive Leben stattfindet, während ich wie ein großes, schwerfälliges Reptil in meiner Höhle auf der Suche nach Wasser und Liebe ins Bad krieche, ohne Stil und Verstand an meinem Leben vorbei. Nicht genötigt, etwas in der Welt zu bewirken, ist mir jedes Unbehagen wie jede Nervenüberreizung, die man gemeinhin Lebensfreude nennt, entglitten. Ist es verwunderlich, dass ich keine Feinde habe und glaube, weit über 100 Jahre alt zu werden?
Draußen im Garten dampft der schwarze Komposthaufen und in diesem Sommer wird etwas Ungeheures auf ihm blühen und gebissen von der Lust, etwas Eiskaltes in meinem Mund zu haben, bewege ich meinen schuppigen Körper in raschen Zickzack-Bewegungen zum Kühlschrank und krall mir das Stracciatella-Eis, das ich mir gestern gekauft habe, doch leider ist es nicht mehr gefroren, weil sie mir jetzt endlich den Strom wie angekündigt abgeklemmt haben. Ich schlecke etwas vom Eis-Schaum, der künstliche Geschmack enttäuscht , erniedrigt mich: ich will doch nur aus einer billigen Plastikbox billigen Eis-Schaum löffeln, der in Massen produziert und günstig verkauft wird, um Menschen eine süße, erfrischende Leckerei zu bieten. Die einfachsten Selbstverständlichkeiten sind mir nicht vergönnt: und das Plaste enthält sicher auch giftige Weichmacher, die an das Eis abgegeben werden, aber dagegen kann man sich nicht wehren, man muss es hinnehmen oder sich leisten können, auf Plastik zu verzichten. Ich bekomme bald einen Brief, in dem mir ein Beamter sagt, wann und wie es weitergehen soll. Ich habe einen Bearbeiter, ich werde bearbeitet. Ich stellte mir vor, wie ein Mädchen sich im Physikunterricht meldet und den Lehrer fragt, ob man Eis als nass bezeichnen kann. Ich würde als Lehrer antworten: "Also nass ist das genaue Gegenteil von trocken, trocken bedeutet: Abwesenheit von Wasser. Da aber Eis gefrorenes Wasser ist, Wasser also nicht abwesend ist, ist es nicht trocken. Und das genaue Gegenteil von trocken ist nass."
Ich braue mir einen sumpfgrünen Mate-Ingwer-Tee, setz mich damit auf den kargen Balkon und die Nachbarin kommt gerade mit einem Wäschekorb aus dem Haus. Wir grüßen uns und sie fragt mich, wie es mir geht und ob ich die Party gestern zu laut gefunden habe. Ich versuche, glaubhaft auszudrücken, dass mich die laute Musik nicht gestört hat, aber fühle mich wie ein biederer Spießer, der sich nur nicht anmerken lassen will, wie verärgert er ist. Ich habe lang nicht mehr mit Leuten geredet und bin nun nichtmal mehr in der Lage, harmlosen Small Talk zu führen. Ich knüll mich zusammen und rolle mich in mein kühles, vertrautes Zimmer zurück. Mich als einsam zu bezeichnen ist als würde man den pazifischen Ozean als feucht bezeichnen, aber ich wüsste nicht, wem ich etwas bieten könnte und wer mir. Mir ist, als wären andere Menschen nur da, um mich daran zu erinnern, wie einsam ich bin, meine Einsamkeit noch weiter auszudehnen. Zwar schmeckt mir der Tee, aber ich ahne, dass meine Enttäuschung über das geschmolzene Eis meinen Geschmack verzerrt. Vielleicht kann mein Körper ja nur in begrenztem Maße enttäuscht sein und trickst, wenn das Maß voll ist, so gut es geht herum. Und selbst, wenn der Tee wirklich gut ist: er ist nicht deshalb gut, weil ich ihn gekauft habe, niemand hat mir damit persönlich einen Gefallen tun, einen Genuss bereiten wollen, ich hatte bloß Glück, dass ich den Tee abbekommen habe.
Ich hau mich ins Bett und umarme Decke und Kopfkissen und beobachte wie mein Becken zuckende, stoßende Bewegungen macht, wenn mich mein Körpergeruch nicht so anwidern würde, könnte ich auch eine Erektion bekommen. Ich rieche nach altem Ossi, nach Wolfgang, nach Ronny, nach Mike, nach Heiko, so richtig gewöhnlicher, biederer Malocher-Schweiß. Ich beschließe, ein Bad zu nehmen. Dazu bedarf es einiger Erledigungen: ich muss den Boiler anstellen, das schmutzige Geschirr, das schon seit Tagen in der Wanne aufweicht, sauber machen (ich hab kein Spülbecken in der Küche), mir neue Klamotten rauslegen, eine CD für das Bad-Radio auswählen. Es dauert ungefähr eine dreiviertel Stunde, bis das Wasser im Boiler heiß genug ist.
Der Kontrast, den die grauen, hässlichen Wände mit der schönen, klaren Musik von Bach bilden, ist so stereotyp, dass ich mir wie in einem Abschlussfilm von Kunststudenten vorkomme. In der Wanne liegt ein untersetzter, haariger, unförmiger Körper, viel zu lang um vom Hals abwärts unter Wasser sein zu können: das Wasser reicht bis zum unteren Rand der Brustwarzen, die sperrigen Beine sind angewinkelt und mit haariger Gänsehaut überzogen. Ich hab beim Einlassen zu spät Duschbad dazugegeben, sodass sich kaum Schaum bilden konnte und so muss ich meinen ekligen Körper sehen und unweigerlich identifiziere ich mich mit ihm, ich kann keinerlei Differenz zwischen meinem Inneren und Äußeren aufrechterhalten. Meine Kleidung hat nicht nur die Aufgabe, mir meinen Körper, sondern vor allem meinen Charakter, mein Schicksal zu verschleiern. Ich wollte mich ja unbedingt erfrischen, ohne darüber nachzudenken, ob ich das überhaupt verdient habe. Ich finde es falsch, dass man sich, obwohl man sich ekelhaft findet, etwas Gutes tut, genau so wie ich es falsch finde, eine unsympathische Person umarmen oder sogar küssen zu wollen, aber wenn man sich nicht vernichten kann, dann soll man sich auch nicht vernichten wollen. Kein Elefant reißt einem Geier die Flügel aus, klebt sie sich an die Schultern und versucht damit zu fliegen.
Das Wasser hat nun eine Temperatur die mit der gefühlten Temperatur der Luft übereinstimmt, sodass es scheint, als wäre die Wanne leer und ich läge nackt in der frischen Luft einer Meeresdüne. Ich stell mir vor, wie eine kühle Briese meinen ganzen Körper umfährt. Ich liege breitbeinig da, niemand sieht mich, mein Schwanz ist völlig ungeschützt, aber es ist absolut unmöglich, dass jetzt jemand mit einem Werkzeug danach schnappt. Absolut sicher und entspannt, scheint es mir, dass sich das ganze Leben um solche Momente dreht. Es ist völlig egal, wie man aussieht oder was man tut, solang man sich dabei so wohl fühlt wie ich in einer Badewanne. Ich bin absolut frei, weil mich niemand wahrnimmt. Ich könnte wichsen oder ins Badewasser kacken, niemand würde es mitkriegen, es ist absolut unmöglich, dass jemand mir irgendwann ansieht, dass ich mal in die Wanne geschissen hab. Meine Bewusstheit über meine Freiheit erregt mich. Ich spiele an meinem Arschloch herum, obwohl sich das irgendwie nicht gehört, es ist kindisch und eklig, aber es fühlt sich gut an. Jeder, der auch nur ein klein wenig Menschenkenntnis hat, weiß, dass meine Art zu leben zwangsweise dazu führt, dass ich mir am Arschloch herumspiele. Insofern verwirkliche ich mich selbst und vielleicht ist jemand, dem danach lüstet, fremden Leuten in den Kleiderschrank zu scheißen und diese Lust auch Schritt für Schritt verwirklicht, genau so glücklich wie jemand, der sich Tag für Tag dem ungeheuren Druck in der Fabrik beugt und sich schief und krumm arbeitet, um seine Familie zu ernähren.
Langsam wird es mir zu kalt in der Wanne. Während ich das Wasser auslasse, kleckse ich die Reste des Duschbads auf meine Handflächen und schrubb mich von oben bis unten sauber, dusche mich ab, steig aus der Wanne und trockne mich ab, während ich den Drang spüre zu pissen. Wie ein Spatz mit rotem Gefieder, der in Erwartung einiger Brötchenkrümel zu mir hüpft, hüpft der Gedanke, mich in Unterhosen in die Wanne zu setzen und mich vollzupissen, in mein Herz. Eine ungemeine Vorfreunde überwältigt mich und ich zieh mir meine grauen Shorts an und wische mit meinem Badetuch die Wanne trocken. Es ist mir etwas peinlich, das so vorzubereiten, ich komm mir wie ein alter, fetter Mann vor, der, bevor er die Nutte fickt, nochmal kurz ins Bad geht und seinen Penis sauber macht, oder wie ein Wolfgang, der einen Spaß daran hat, kleine Katzen qualvoll zu ermorden und penibel eine Cellophan-Plane im Wohnzimmer ausbreitet und die Gardinen zuzieht und das Werkzeug bereitlegt. Glücklicherweise ist das Lustgefühl, das ich erwarte, größer als meine Scham - und ich bin mir ja absolut sicher, dass mich niemand sieht. Ich hole mir noch einen Plastebeutel aus der Küche, um die Unterhose dann schnell darin zu verpacken.
Jetzt lieg ich in Unterhosen in der Wanne, sie ist noch ganz warm vom Badewasser. Es ist gar nicht so einfach, loszupissen, ich spüre eine Sperre, die mich erregt. Seit meiner frühsten Kindheit habe ich gelernt, den Harndrang solang zu unterdrücken, bis ich auf Toilette bin oder mich draußen unbeobachtet fühlen konnte. Trau dich! Es ist absolut nicht schlimm, selbst wenn du scheißen musst, lass einfach alles raus, es gibt keinen Grund, zivilisiert zu tun, wenn man unbeobachtet in der Badewanne liegt. Kannst du dich überraschen? Kannst du etwas Irrationales machen? Kannst du einfach mal ganz und gar frei und entspannt sein? Kannst du dich unabhängig machen von Leuten, die du niemals anfassen wirst? Jetzt kommen die ersten Tropfen. Gegen meinen Willen halte ich wieder an. Schon gut, lass es raus, piss dich richtig voll! Und plötzlich sprudelt es fröhlich heraus, das Grau der Hose verdunkelt sich, ich zieh sie etwas runter und pinkel meinen Bauch und Oberkörper voll und verteile mit der linken Hand die warme, fast geruchsneutrale Pisse über meinen ganzen Oberkörper und zwischen meine Beine und es kommt immer mehr Pisse, mir ist, ich stell mir vor, wie ein haariger, lustiger, kleiner Teufel auf einer sonnigen Waldlichtung liegt und sich vollpisst und wohlig grinst. Ich bekomm eine ungewohnt harte Erektion und beginne zu onanieren. Eigentlich brauch ich dazu immer Pornos, doch jetzt reicht mir die Gewissheit, dass ich mich gerade vollgepisst habe. Ich räkel mich leise stöhnend in der Wanne; das Stöhnen ist nicht authentisch, ich stöhne bewusst, um mich damit anzutörnen. Meine vollgepisste Haut reibt quietschend an der Badewanne, ich steiger mich total in die Tatsache rein, dass ich in meiner Pisse liege und wichse, ich bin so ein dreckiger, verkommener Mensch, es gibt keinen Grund, das zu leugnen, ich steck mir zwei Finger ins Arschloch und nach einer Weile ejakuliere ich in meine Shorts und verteil das Sperma über meinen ganzen Oberkörper. Ich zieh die Shorts aus und wisch mir damit den Oberkörper ab, dann beug ich mich aus der Wanne heraus, schnapp mir den Plastikbeutel und pack die Hose rein und dusch ich mich nochmal richtig ab. Ich glaub, so sauber war ich noch nie. Ich zieh mich an und stopfe den Beutel mit der vollgepissten Unterhose in einen leeren Pizzakarton, den ich nachher in die Mülltonne vorm Haus entsorgen werde, erstmal mach ich mir noch einen Tee und schaue auf arte.tv eine Dokumentation über Cannabis an und frage mich, ob ich nun, fast am Ende meiner Zwanziger, reif für die Pflanze bin, vor der ich mich bisher aus Angst, paranoid zu werden, gedrückt habe.
Es klopft und ich freu mich, dass jemand etwas von mir will. Es ist mein Nachbar André, ebenfalls frisch geduscht und braun gebrannt, der mit zugekiffenen Augen, eine Blume im schwarzen, lockigen Haar fragt, ob ich mit einkaufen komme, er will Bier holen und braucht Hilfe beim Tragen. Ich sag, dass ich mich noch kurz frisch machen will und dann gleich bei ihm klingel. Ich werde versuchen, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich spüre, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Es ist ganz bestimmt nicht wegen mir, also kann ich schonmal ganz entspannt sein. Vielleicht hat er wieder Probleme mit seiner Mitbewohnerin. Ich werde einfach nichts weiter sagen, solang es nicht etwas wegen mir ist, interessiert es mich auch gar nicht. Wir haben schon lange Zeit keinen richtigen Bezug mehr zueinander. Ich weiß gar nicht, warum, ich hab es einfach so hingenommen, denn wahrscheinlich hat sich einfach für uns beide herausgestellt, dass wir nicht viel miteinander anfangen können. Ich werde manchmal zum Grillen in den Garten eingeladen oder gefragt, ob ich bei der ein oder anderen Sache mithelfe, aber ich bin nie wirklich bei der Sache und ob das die Anderen merken, ist mir egal und ich weiß was meine Gleichgültigkeit bedeutet. Ich nehme auf dem Weg nach draußen den Müllbeutel mit und hoffe, dass André nicht fragt, was drin ist. Er schaut den Beutel so an, als würde er sich die Frage verkneifen, aber es ist gar nicht möglich, dass mich jemand gesehen hat. Ich hau den Beutel in die Hausmüll-Tonne und als ich den Deckel wieder zuknall, hab ich Angst, dass André mir sagt, dass Plastikmüll in die Gelbe Tonne gehört. Aber er sagt nichts, er sagt auf dem ganzen Weg zum Supermarkt nichts und ich versuche so zu tun, als wäre es mir egal. Ich nehm mir immer vor, etwas Tolles, Neues, Interessantes zu kaufen, ende aber immer wieder mit Tiefkühlpizza. Vielleicht ist das die Zusammenfassung meines Lebens, das Einzige, was man über mich wissen muss. Vor uns an der Kasse steht ein süßer Junge mit einer grauen, engen Jeans und zuhause tauche ich meinen Kopf ins Waschbecken und mir wird bewusst, dass mein Leben sehr einfach ist.
Mein Leben ist ein kleines Badezimmer, in dem ich tun und lassen kann, was ich will. - Da liegt ein kleines Steinchen am Brunnenrand und du kannst es in den Brunnen schnippen oder nicht. Was sind die Gründe dafür, dass du manchmal deinen Fähigkeiten nachkommst und manchmal nicht? Unser Staat kann nur funktioniert, wenn seine Bürger nicht in Extreme abrutschen, sondern lieb und mittelmäßig sind. Nicht jeder ist in der Lage, sich freiwillig in die Hose zu pissen und meine Fähigkeit, dabei noch Lust zu empfinden, lässt mich daran zweifeln, dass ich einen Personalausweis verdient habe. Alles was man tut, tut man nur für sich selbst, um die eigene Persönlichkeit auszubauen, zu stabilisieren, um sich zu erzählen, wer man ist, um sich klar zu machen, wo man steht, um sich für andere Leute, von denen man mehr oder weniger abhängig ist, zu schmücken.
Es wird immer wärmer, ich kann mich kaum mehr bewegen, alles läuft ganz langsam ab, mein Metabolismus kann nur das Allernötigste tun, eine Fliege summt aufgeregt herum. Ich weiß nicht, ob ich angespannt oder entspannt bin. Bald werde ich wieder pinkeln müssen und mit einem schweren, dunklen Grinsen grüßt mich die Lust, mich wieder in Unterhosen in die Badewanne zu setzen und mich vollzumachen.
Werfe ich das Steinchen in den Brunnen? Ich starre die Zimmerdecke an und döse ein und träume davon, neben einem Jungen zu liegen, den ich sehr liebe, ich versuchte über den ungewöhnlich heißen Sommer zu reden, aber er sage: "Mann, sei ruhig, ich will schlafen." Ich fühle mich dumm und ekelhaft und mir wird bewusst, dass ich ihn nie küssen werde und stell mir vor, wie ich in Unterhosen in der Badewanne sitze und mich vollpisse, plötzlich wache ich auf, weil ich merke, dass dünnflüssige Kacke aus mir fließt und plötzlich springt der Junge erschrocken auf und ich schaue ihn mit dem hässlichsten Gesicht an, zu dem ich fähig bin und weiß endlich ganz sicher, dass ich ein völlig kaputter Mensch bin, der sich niemals eine aufrichtige Umarmung, niemals einen Kuss verdienen wird. Ich überlege, ob ich meinen Schiss nehme und damit den Jungen bewerfen sollte, damit er denkt, ich bin wahnsinnig, denn vielleicht kann man einem Wahnsinnigen eher verzeihen als einem Gesunden. Während der Typ entsetzt das Fenster aufmacht, stottere ich aufgeregt: "Ne, na? Ne, na? Das muss ein Traum sein, ein furchtbarer Traum, nur ein Traum, ein Traum." und erwache in meinem Bett, brauche ein paar Sekunden um zu verstehen, dass ich nur geträumt habe.
Ich zieh mir mein bordeaux-farbenes Kordjackett über und streife durch die Stadt, die nach Flieder und Autoabgasen riecht. Im Gewerbegebiet hat diese Woche ein kleines Kino neu eröffnet, in dem von 22 Uhr bis weit in die Morgenstunden Filme gezeigt werden, die leider nur eine Minderheit interessieren. Ich bezahle 10 Euro für die ganze Nacht. Heute laufen "Withnail & I", "Das Gespenst der Freiheit", "Mann beißt Hund" und "El Topo". Das Ende des letztens Films bekomme ich nicht mehr mit, weil ich einnicke. Der Besitzer stupst mich am Ende der Vorstellung mit einem Besen an. Ich schrecke auf und blicke in ein strenges, liebloses Gesicht. "Hey, wir machen jetzt zu, du musst gehen." Ich steh auf und laufe auf zittrigen Beinen nach draußen, die Morgengrauen-Kulisse wird in die Stadt geschoben, kaltes Gähnen zieht über die Dächer, treibt die Tauben auf den Jahrmarkt, am Straßenrand blühen Eiskaffee-Schirme auf und die Tankstellenwärter reiben sich den Sand aus den Augen, überladene Lastwagen krachen über die Narben der Stadt, ungehortete Kinder laufen rückwärts in den Park, treiben ihre Späße mit den Bauarbeitern, deren geil rammelnden Maschinen die Nervenkostüme der alles blockierenden Auto-Fahrer wie Klaviersaiten bespielen. Auf der Suche nach Kaffee begegnet mir kein einziges freundliches Gesicht, niemand würde mir ein paar Cent geben, wenn ich darauf angewiesen wäre, jeder möchte mich aus seinem Leben raushalten, niemand fühlt sich für mich verantwortlich. Ich setze mir ein ernstes, selbstbewusstes Gesicht auf und husche licht- und geräuschempfindlich wie ein Lamm durch dunkle, enge Gassen in mein Versteck zurück, wo ich mich erstmal aufs Klo setze und pisse, mich dann in mein Bett kuschel und hoffe, mindestens vier Stunden durchzuschlafen.
III
Ich verbringe den ganzen Tag im Steigerwald, ich liege auf weichem Moos und schaue durch die hellen, rauschende Bäume in den blauen Himmel, sitze auf einem Baumstamm und beobachtet die Ameisen am Boden einen toten Schmetterling wegtragen, klettere auf einen Baum, mache es mir dicht unter der Krone gemütlich, fühle mich unerreichbar und zu allem bereit, atme ganz tief ein und wieder aus, wie nach einer langen Anstrengung, wie Frühlingswind durch den Garten huscht, wie ein junges Reh herumhüpft und Gießkannen und Eimer umhaut.
Es ist, als ob Erfurt permanent Gift produziert und in die Luft abgibt. Die Menschen sind bedrückt von Arbeitsstress und Desinteresse, aufgedunsen von Zukunftsangst, die beständig gefüttert wird vom unkontrollierbaren Lärm der Autos und Fabriken und ständig die Ahnung, dass gleich jemand die Fassung verliert, dass gleich ein panisches Geschrei über die Stadt hereinbricht und Schüsse und Sirenen. Wiegt Euch nicht in Sicherheit, Bürger dieser Stadt! Je länger die Katastrophe auf sich warten lässt, desto notwendiger und schlimmer wird sie.
Dort auf der Treppe vorm Edeka sitzt ein niedlicher Junge, etwa 13 Jahre alt, braune Haare, weiches Gesicht mit dunklen Augen, ein grünes Sonic-Youth-Shirt, kurze, zerrissene Jeans, rote Turnschuh. Er passt nicht in diese Stadt, er hat irgendeine Strategie gefunden, sich nicht von ihr gängeln zu lassen und ich spüre, dass ich kein Recht habe, herauszufinden, welche. Ich habe bloß das Recht, ihn zu bewundern und von diesem Recht mache ich Gebrauch wie von einem Säbel, mit dem ich mich vom Wald durch die Innenstadt nach Hause schlage.
Kein Buch der Welt kann einen Spaziergang in einem duftenden Wald ersetzen und mein Herz zeigt seine Zähne. Ich schaue mir auf Youtube eine Live-Aufnahme von Steve Reichs Music for 52 Instruments an und döse ein bisschen. Ich träume davon, dass das Orchester in allen Straßenbahnen der Welt rund um die Uhr über Lautsprecher zu hören ist und dass man der Frau, die diese Idee hatte, jeden Tag einen riesigen Blumenstrauß vor die Tür legt, der immer eine andere Farbe hat.
Ich wache auf und draußen sind alle Laternen der Straße aus, vielleicht ein Fehler im Netz oder ein neues Gesetz, mein Bauch kribbelt, als wäre ein warmes, weiches Licht darin gefangen und ich muss lächeln. Selbst Affen und Hunde sind glücklich aufgeregt, wenn etwas Neues im Käfig passiert. Bewaffnet mit einem Messer, denn es könnte ja irgendein Bösewicht die Dunkelheit benutzen, um böse Dinge zu tun, denn in der Dunkelheit können Menschen besser über ihren moralischen Schatten springen, schleiche ich barfuß durch die Straße, so als gehörte sie zu meiner Wohnung und streiche mit dem Finger über das kalte Metall der Autos, lege mich mitten auf die Straße und schaue in den trüben Himmel, der grad noch genügend Licht abgibt, damit ich mich orientieren kann. Alles ist ganz ruhig, nur ein leichter Wind zieht durch die Straße. Ich könnte jetzt alle möglichen Sachen tun, niemand kann mich sehen. Ich könnte mir einen runterholen oder Autoreifen zerstechen oder auf eine Motorhaube scheißen. Wann habe ich mich - außer in meiner eigenen Wohnung - jemals so unbeobachtet gefühlt? Manchmal kommen mir während eines sexuell sehr aufgeladenen Traums der Gedanke, dass er an eine Wand projeziert wird und vor den Augen meiner Eltern von Ärzten und Polizisten analysiert wird. Ich schiebe meine rechte Hand in meine Hosentasche und reibe meinen steifen Schwanz und denke ausnahmsweiße nicht drüber nach, wie mein Gesicht dabei aussieht: solche Gedanken sind völlig unangebracht, wenn es dunkel ist; aber die Straße wird langsam unbequem und ich stehe auf und gehe ein paar Mal die Straße auf und ab und tippte an einen Mercedes-Stern und habe Lust, so mutig zu sein ihn abzubrechen und stelle mir vor wie mein Mut anschwillt zu einer wütenden Flut und zu immer ekstatischer werdender Musik gegen die Brandung schwappt. Bin ich das Musikstück? Was, wenn die Sirene des Wagens anspringt? Kann ich barfuß gut rennen?
Ich geh eine Straße weiter und noch eine, scheinbar ist das ganze Viertel dunkel und mein Verlangen wird immer stärker und in einer Nebengasse bücke ich mich zwischen zwei hintereinander stehenden Autos und ramme das Messer ganz langsam in den Hinterreifen des größeren Wagens. Ein Mensch hätte jetzt schon wild aufgeschrien, manches Tier wäre jetzt schon tot, aber der Autoreifen lässt das alles über sich ergehen, wie ein alter, müder Gefangener, der sich gegen die Giftspritze nicht mehr wehren will, obwohl er weiß, dass er kein Verbrechen begangen hat. Ich ziehe das Messer langsam wieder raus und kann ganz leise das Austreten der Luft hören. Ich stelle mir vor, wie die Frau, der der Wagen vielleicht gehört, morgens hektisch mit ihrem Kind auf dem Arm zum Auto rennt, um pünktlich ins Büro zu kommen, aus der Parklücke fährt und feststellt, dass der Reifen einen Platten hat und wie sie flucht und vor sich ihren ganzen Tag zusammenfallen sieht. Vielleicht hat sie einen wichtigen Termin, der ihr ganzes weiteres Leben bestimmt. Vielleicht wäre ihr aber auch ein Unfall passiert, wenn sie heute ganz normal ihren Alltag durchgeführt hätte. Ob ich sie in die Scheiße geritten oder ihr das Leben gerettet habe: ich habe mich in die Welt eingebracht, ich habe einer anderen Person den Tagesverlauf entscheidend verändert.
Ich laufe über die Hauptstraße in ein anderes Viertel, in dem die Straßenlaternen noch an sind. Mitten im Weg ist eine Baustelle, abgesperrt mit rot-weißem Absperrband. Ich gleite mit den Händen dicht drüber, was wird hier überhaupt gebaut? Ich berühre das Band, wann kommen die Arbeiter? Ich hab Lust, es abzureißen. Ich erinnere mich an eine Parabel von Kahbil Gibran: eine neue Freude zieht in die Stadt und es erscheinen ein Teufel und ein Engel vor ihrem Haus und streiten darüber, ob sie eine Tugend oder eine Sünde sein soll. Wo ist die Grenze?
IV
Die Moral und ihre schönen Feinde
(1)
Es kann nur ein Zeichen von Müdigkeit, Alter, Furcht und Schwäche sein, wenn man in schöner, zarter, böser Lust nur noch einen Einwand, ein Defizit, ein Problem sieht. Was deine Lust zu einem Problem für dich werden lässt, stellt den Kern deines Wesens, das Zentrum deines Lebens, die Ballance deiner gesamten Existenz in Frage. Wofür? Kannst du das dulden? Oder hast du dich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt?
Wenn der Einzelne sich aus der Gesellschaft herausgelöst hat, darf er nicht verbittern; erst wenn er wirklich glücklich ist mit seiner Freiheit, ist er ihrer würdig. Ein bösherziger Eremit ist eine Schande in den Augen der Göttin der Einsamkeit, seine Aggressivität und Missgunst ist offensichtlich Frucht unverdauter Freiheit - und erzeugt chronische Schmerzen, die wiederum die Behaglichkeiten der Gesellschaft verlockend erscheinen lassen wollen.
Man sieht es schon an seinem Gesicht, dass die Gesellschaft, aus der er floh, immer noch ihre zwei drei Finger in seinem Hintern stecken hat; noch hat sie ihn nicht freigegeben, noch steckt er in der Maschine fest. Erst, wenn er gerne frei, gerne außen vor ist und zwischen den Begriffen, über den Dingen, hinter den Idealen steckt, erst wenn er also keinen Gram mehr gegen jene hegt, die sich nicht so weit aus dem Fenster gelehnt haben wie er, wenn er alle Verbitterung losgeworden ist, verlieren die Lockungen der Gesellschaft ihren Reiz und ihren Sinn.
Die Lust ist das Zentrum, um das meine Werte kreisen. Meine Ästhetik ist das Fundament meiner Moral. Mein Geschmack hat mein Weltbild im Griff.
Ich wünschte, die Menschen würden weniger Angst vor ihrer Lust haben; den Anblick von unzufriedenen Leuten kann ich nicht ertragen, ohne abzustumpfen, und so geht es allen Leuten, besonders wenn sie es nicht wissen. Verdriesliche Gesichter wollen verdriesen. Das ist die erste Grundregel des sozialen Lebens in der Thüringer Provinz.
Kennt ihr Leute, die sich wegen dem, was ihnen lieb ist, als etwas Besonderes oder vielleicht sogar als etwas Relevanteres vorkommen? Solche Leute haben ein großes Herz und einen klaren Weg vor sich: der Weg in die Sackgasse ihrer Identität.
Dir gehört nur das, was du geschenkt bekommen oder gestohlen hast. Deine Kassenzettel und Quittungen sagen dir niemals, was dir gehört. Man kann nur das richtig besitzen, was man nicht gekauft hat. Alles, was wir gekauft haben, klebt und stinkt, vergiftet die Lebenslust und erniedrigt den Geist. - Wir müssen immerzu stehlen, weil wir unbedrückt leben und besitzen wollen - so wollen wir uns definieren. - Wir wollen uns alles einverleiben, was wir nötig haben - und auch mit Dingen, für die die Meisten keine Verwendung haben, wollen wir experimentieren.
Jedes Verbot ist nicht mehr als ein Ball, den man dir zum Spielen zuwirft. So wie der Ball es dem Kind nicht übel nimmt, wenn er im Spiel kaputt geht, so angemessen ist es, wenn du ein Verbot übertrittst, ganz gleich welches es auch sein möge. Es ist Ausdruck echter, wehrhafter Lebensfreude, wenn du keine Ehrfurcht vor den Regeln im Menschenpark hast und so ernst und stolz und entrückt deinen Weg behauptest wie ein Kind im Sandkasten sein Spiel behauptet.
Vergreife dich erst an den Kleineren und Schwächeren, kämpfe mit ihnen und unterdrücke sie, zu reinen Übungszwecken, lerne das Gefühl von Macht und Sieg kennen und such dir allmählich immer stärkere Gegner. - Als Kind hast du dir einen Zauberspeer gewünscht, mit dem du deinen Körper durchlöchern kannst, ohne zu sterben, ohne Schmerzen zu empfinden oder anderweitig Schaden zu nehmen. Schon lang weißt du, dass deine Sinne ständig neues erleben müssen, um nicht kaputt zu gehen.
Ein Regelwerk, an das sich alle halten sollen, ist genau so eine schlimme Idee wie Musik, die alle hören sollen, wie Essen, das alle essen sollen. Jeder hat etwas Anderes nötig, jeder ist zu etwas Anderem befähigt, weil jeder einen anderen Körper hat, der ganz eigene Bedingungen und Bedürfnisse hat. Mit allem was ich schreibe, versuche ich mich gegen eine Vereinheitlichung des Menschen zu wenden und den Gedanken an eine wirkliche Vielfalt, eine für die herrschenden Verhältnisse vielleicht gefährliche Vielfalt frisch zu halten. Die größte denkbare Perversion hat ihre Rechtfertigung, ihre Notwendigkeit und groteske Schönheit. Ein sinnlicher Mord, eine amüsante Hinrichtung, eine dreckige Orgie auf einem Friedhof. Das Leben will alle Lust. Die Gier nach Fleisch und Loch, nach Verrat und Todschlag pulsiert in den Schläfen aller Menschen. Die Gier bejahen hält jung, zum Preis einer langsamen Verblödung und Radikalisierung.
Es ist eine Lust, Dinge die einem etwas bedeuten, kaputt zu machen, es ist eine Lust, sich hässlich zu fühlen, es ist eine Lust, da zu sein wo man nicht hingehört, es ist eine Lust, in der Dunkelheit herumzuschleichen, es ist eine Lust, kleinen süßen Jungs den Arsch zu küssen.
Dass ich mir ein bescheidenes, harmloses, demütiges Leben gewünscht habe, war ein Loch, das eine himmlische Lebensmüdigkeit in meine Substanz gebohrt hat, das sich sehnt, gestopft zu werden mit Irrsinn. - Es sind nicht Gedanken, die uns am Leben halten, sondern bestimmte Lüste. Wehe, du lässt dich nicht vertrösten! Wehe, man hat dich nicht genügend erniedrigt! Wehe, du kannst dich nicht zurückhalten! Wehe, deine Geilheit ist größer als deine soziale Vernunft! Wehe, du bist unzufrieden mit dem, was die Unterdrückung deiner Geilheit erzeugt! Wehe, der Druck deiner Moral kommt nicht gegen den Größenwahnsinn deines Körpers an! Wehe, deine Organe funktionieren noch einwandfrei! Wehe, du willst glücklicher und widerstandsfähiger sein als deine Freunde! Wehe, du kannst dich mit deiner Ungerechtigkeit, deinem Bösen, deiner Sterblichkeit abfinden! Wehe, du kannst noch herzlich lachen und weinen!
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Ein Kind, das zum ersten Mal weint, weil die Eltern es für eine Handlung bestrafen: es weint, weil es spürt, dass es nicht verantwortlich für sich ist, es weiß, dass es sich kein Ich ausgesucht hat, dass es nichtmal eine feste Ich-Substanz (die Ursache von Handlungen wäre) gibt und es nur ein Spielball der inneren und äußeren Kräfte ist und deswegen ständig in Interessenkonflikte gerät. - Die Eltern werten dem Kind dieses schauerliche Erlebnis als eine notwendige Empfindung um, die man bekommt, wenn man etwas an sich Böses tut und verderben das Kind mit der Lüge, es wäre allererste Ursache einer absolut falschen, kranken, strafbaren Handlungen. - Das Kind weint, weil es sich im Moment der Strafe absolut nicht geliebt weiß: seine Eltern haben es so wie es war in die Welt gesetzt, nach ihren persönlichen Wünschen und Fähigkeiten erzogen, das Gefühl von Liebe und Geborgenheit geschenkt, und plötzlich wenden sie sich gegen ihre eigene Zeugung, gegen ihr eigenes Werk. Die ehemals als bedingungslos empfundene Liebe wandelt sich in eine an moralische Prinzipien gebundene Liebe. Mit dieser Erkenntnis verlässt der Mensch das Paradies seiner Kindheit und geht über in die Pubertät.
Strafen dienen dazu, gewisse Handlungen zu verdrängen und andere zum Vorschein zu bringen. - Das Gewissen ernährt sich von dem Gefühl der Schwäche, das einen belastet, wenn man gewisse Dinge nicht tun kann, ohne bei anderen Leuten Ärger, Stress, Zorn zu erzeugen. Es ist keine moralische Empfindung, die ein Kind davon abhält, im Supermarkt etwas zu stehlen, sondern der Ärger über die Unfähigkeit unbemerkt etwas zu stehlen und die Angst vor den Konsequenzen des Erwischtwerdens. Diesem Ärger und dieser Angst verleiht die Idee des "guten Gewissens" einen edlen Anstrich, er sorgt dafür, dass man sich nicht erniedrigt fühlt. Einen Schritt weiter in der intellektuellen Entwicklung und das Gewissen selbst wird endlich als erniedrigend empfunden und als ein wesentlicher Grund für die eigenen Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen erkannt und Schritt für Schritt gegen eine stärkere, schönere Idee eingetauscht.
Strafen können nicht verbessern, sie unterdrücken nur. Es muss ein gutes Zeichen sein, wenn eine erduldete Strafe das Böse erst richtig entfacht. Von jeher habe ich Sympathien für ehemalige Häftlinge gehabt, die sich am Justizsystem rächen wollten. Der Staat hat sie erniedrigt: um nicht depressiv zu werden, müssen sie sich rächen, um ihre Ehre wiederherzustellen, die genau jene Würde ist, die im Grundgesetz wie eine Flagge hochgehalten wird. Am Umgang mit gewalttätigen, bösartigen oder kranken Menschen verrät der Staat seine Seele.
Der Staat unterdrückt das kranke, verzweifelte, sich-selbst-peinliche Verbrechen ebenso wie das schöne, vitale, schamlose Verbrechen. Die einen sind die letzten, heimlichen Schreie einer degenerierenden Menschheit, die anderen sind das immer wiederkehrende Seufzen einer übermutigen, neuen Menschheit - die einen schauen bitter nach innen und ziehen die letzten Konsequenzen, die anderen schauen nach drüben und kennen ihre Jas und Neins, aus denen ein Weg, ein Ziel erwachsen wird. Der Staat missversteht die Verbrecher als Ausschussmenschen, er ist unfähig, ihre Notwendigkeit zu erkennen und ihre Not mit Blumen zu schmücken. Die einen Verbrecher werden immer hässlicher und kranker, die anderen immer schöner und gesünder und selbstbewusster.
Die vornehmen Mörder haben eine gesunde Selbstachtung, weil sie ein Ohr für starke Musik haben. Nur wer für Musik nicht empfänglich ist, wer sich von Musik nicht verzaubern, mitreißen lassen kann, nur wem Musik keine Würde geben kann, wird keinen leichtherzigen, selbstbewussten Mord begehen können. Ein Richter, der Motive objektiv bewerten muss, darf nichts ahnen von der mächtigen Lust und Unlust, mit der man dem Notwendigen gegenübersteht.
„Nicht der Mord ist illegal, sondern dabei erwischt zu werden.“ Das ist ihre Empfindung.
V
Beton
1
Heute einen Ausflug nach Leipzig gemacht, das erste Mal seit Monaten aus Erfurt rausgekommen, bisher nicht genug Selbstachtung dazu; - gelohnt hat es sich aber nicht. Die alte Frau, die mir im Zugabteil schräg gegenüber sitzt, ist wegen mir ganz unruhig, vielleicht ekel ich sie mit meiner Heruntergekommenheit an; "Wie kann man sich nur so gehen lassen?", wird sie ihrem Mann beim Abendbrot sagen. Ich schaue nach draußen, eine graue Landschaft rauscht vorbei, die Wolken schimmern grün, am Horizont kommt die untergehende Sonne etwas hervor, so unbeeindruckend, unpoetisch, leer; ich sehe mein Gesicht in der Scheibe: ein kaputtes, aufgedunsenes, frustriertes Gesicht, jeder der ein bisschen Menschenkenntnis hat, kann sofort erraten, was ich für einer bin, es gibt keinen Zweifel, dass alles, was ich jemals getan und gedacht und gefühlt habe, genau zu meinem Gesicht passt. Ich kann meine Schande nicht verbergen. Ich weiß, dass es sehr liebe, offene, entspannte Menschen gibt, in ihnen leuchte schon immer eine unbedingte Menschenliebe, sie sind mit allen Menschen befreundet und überall zuhause; ich verkörpere viele Jahre schon ihren Antipoden, ich stelle ihn dar: was ich wirklich bin, das ist die Gesamtheit all meiner Zustände; niemand kann mit dem Finger auf mich zeigen und mich meinen. In den endlosen Einkaufsstraßen Leipzigs erschrecke ich über die Substanzlosigkeit meines Lebens; die Distanz zu Erfurt überwältigt mich; so muss sich ein psychedelischer Schub unter Marihuana oder LSD anfühlen. Die Tatsache, dass es diese Drogen gibt und ich zwar so viel schon davon gehört habe, aber noch nie einen Selbstversuch wagte, freut mich: denn mein Interesse, was diese Substanzen anbelangt, hält mich gewissermaßen davon ab, suizidal zu werden, wenn ich mir vorstelle, was ich als Schriftsteller für Möglichkeiten hab, aus der prekären Sackgasse zu kommen, in die mich der liebende Sozialstaat gesperrt hat, sehr zum Wohle aller. Bevor ich von hier verschwinde, suche ich mir auf jeden Fall einen Schamanen. Niemals aber werde ich psychedelische Drogen ausprobieren, solang mich die Schlaflosigkeit und das Nichts mich menschenhassend, weltverachtend durch meine Wohnung torkeln lässt; ich trinke entgegen meiner Gewohnheiten eine Flasche Wein leer und schreibe dies und schreibe das und schlafen kann ich sowieso nicht, zur Ruhe kommen, in die weiche Dunkelheit fallen, ein frischbezogenes Bett, mein mit rosa Schaum gewaschener Körper, deine Abwesenheit aufsaugend und ausflennend, schnaubend, hustend, kotzend aus dem Fenster!
Schaut mir in die Augen, Bürger von Leipzig! Könnt Ihr sehen, was ich für einer bin? Ich bin sehr leicht geworden, ich könnte jeden Moment davonfliegen. Haltet mich fest mit Euren Blicken, definiert mich mit Euren Augen, stellt mich klar. Ich verfüge über ein riesiges Arsenal an Hilflosigkeits-Gesten, Fragezeichen-Mimiken, ich zittere am ganzen Körper, meine Existenz steht auf zwei krummen, wackligen Füßen und Ihr schaut mich nicht an! Ihr geht an mir vorüber, weil Ihr meine Gedanken nicht lesen, mein Herz nicht schlagen spüren könnt. Gleich wird der kalte, graue Regen auf diese kalte, graue Stadt plätschern und Ihr werdet hastiger, Eure Laune wird noch ein bisschen schlechter, Eure Kleider werden schwerer, die Luft wird sauberer. Meine Augen leuchten, mein Gesicht ist eine weiße Festung, ich habe das Gefühl schon viele hundert Jahre auf der Erde zu sein und dass ich bald eine entscheidende Schlacht zu gewinnen oder zu verlieren habe. Der Wein rührt in meinen Gedanken herum, wie ein fetter, verschwitzter Koch mit seinen Füßen den Obstsalat umrührt. Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal länger als zwei Stunden geschlafen habe. Mein Rücken quält mich, als würde er mich dafür bestrafen, dass ich mich noch nicht umgebracht habe. Mir fällt es sehr leicht, schwere Worte wie "umbringen" zu benutzen. Mein Arsch ist kalt und meine Füße sind eingeschlafen, die Leute rauschen an mir vorbei, eine verschwommene, graue, dampfende Masse, darin blitzen immer wieder bekannte Gesichter von früher auf, schauen überrascht, sie dachten nicht dass ich noch existiere und versuchen so zu tun als würden sie mich nicht erkennen, ich zieh mich an dem Verkehrsschild neben mir hoch und versuche mich zu orientieren. Links geht es zum Bahnhof zurück, rechts geht es in die Innenstadt, und wenn ich durch die Gasse vor mir gehe, komme ich zum Theaterplatz und dahinter dann zum Stadtpark. Ich heb die leere Weinflasche auf und schmeiß sie in den Mülleimer gegenüber und geh zum Bahnhof zurück.
*
Ich habe so Angst, mich zu irgendetwas zu bekennen, in irgendeine konkrete Richtung zu gehen, aber schon meine Unfähigkeit, mich zu definieren, ist Substanz. Mit jedem Atemzug schlingt sich die Kette meiner Existenz fester um die Idee, das ich mit meinem Leben tun kann, was ich will, aber ich weiß nicht, was und denke, bald den Mut zu haben mich weit, viel zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Wenn die Zivilisation ein Strom ist, der ins Unbekannte fließt, dann bin ich ganz vorn mit dabei. Ich schwimme ganz oben auf der Welle des Fortschritts, ich bin einer der empfindsamsten, mutigsten, unbestechlichsten Menschen. Meine Traurigkeit und Ungeschliffenheit und Abgeschiedenheit macht mich unverwund-bar.
Ich lungere wie eine unsterbliche Eidechse in einer kleinen Box tausende Meilen unter dem Meeresgrund eines unbewohnbaren Planeten in der Mitte des Universums. Wie eine zerbrochene Glasflasche wandert meine Einsamkeit durch meinen Darm und ich erwarte jeden Moment, dass mich ein heftiger Schmerz zerreißt. Es gibt nichts, was ich mehr genießen kann, es gibt nichts, was mir mehr schmeckt. Ich fresse irgendwelches Fertigfutter, weil mein Körper daran gewohnt ist: er erzeugt mir ein Unlustgefühl, wenn ich ihm Essen verweigere, aber er belohnt mich nicht mit einem Lustgefühl, wenn ich ihn versorge. Meine Abgeschiedenheit von der Welt erscheint mir als die universelle Antwort auf die Fragezeichen, die mein Herz Zeit meines Existierens in die Welt geschlagen hat. Ich bin in einem ekelhaften, schwachen Körper eingeklemmt, der in einer kalten, düsteren Welt eingeklemmt ist, in der es noch niemals einen Grund gab, sich die Hände schmutzig zu machen oder auch nur einen Finger zu rühren. Die Tatsache, dass ich jetzt in diesem Moment nicht Schluss mache mit allem, beweist, dass ich ein absoluter Versager bin. Ich kann nichts mehr zwischen mir und meiner Bedrückung schieben, keine Lust, keine Sensation, keine Hoffnung, keine Nostalgie, ich bin völlig aufgedunsen von einer kalten, alles verderbenden Stumpfheit, mein Blick schiebt alles, was ihm begegnet, weit zurück, meine Gedanken lecken lustlos an sich selbst herum, mein Herz ist ein morscher Baumstamm, der langsam in einem grauen Sumpf versinkt. Selbst der barmherzigste Christ wäre außer Stande, mich zu bedauern. Ich erinnere mich an kein Paradies, ich möchte niemanden entthronen, es gibt nichts, das ich mit Lust zerstören könnte; ich bin ein magerer, sperriger Niemand, sämtliche Nichtigkeiten, die normale Menschen in regelmäßigen Abständen von sich abschütteln, habe ich zusammengestaut, bis sie zum Kern meines Wesens wurden, dessen Radioaktivität alles ringsherum auflöst und der irgendwann in sich selbst stürzt.