Melancholische Blutrünstigkeit: Identitäts-Zerfall

Meine Faszination für mein Blut, das aus einer Wunde an der Hand getropft kommt, erscheint mir augenblicklich als der absolute Beweis gegen Gott - ich werde irgendwann sterben und die Abwesenheit Gottes klopft mir herzlich lachend auf die Schulter, wie ein Vater, der sich freut, dass sein Kind ihm nach langer Zeit zufällig über den Weg läuft.

Man erlangt erst wirklich einen Bezug zu sich selbst, wenn man sich zwei Wochen nicht gewaschen hat, wenn man stinkt und sich juckt und immer dreckiger und gleichgültiger und stinkiger wird. Wer sich selbst leiden kann, hat keinen echten Bezug zu sich.

Irgendwann weiß ich nicht mehr wer ich bin und dann krieche ich aus dem Schmand meiner Wohnung wie ein neuer Mensch. Und die Sonne wird immer noch leuchten, mein Herz wird losgelöst von all meiner Vergangenheit emporfliegen wie ein junger Spatz. Mein Leben wird dann erst richtig beginnen.

Ich kenne keine Liebe. Ich kenne nur diese lächerliche Besessenheit, die sich bisher immer als unbewusster Selbstverletzungstrieb herausgestellt hat. Vielleicht kannst du mir ja zeigen, wie...

Weder kann ich mich an ein Sein klammern noch von einem Werden tragen lassen. Ich warte auf einen furchtbaren Blitz oder wenigstens eine schmerzhafte Genickstarre in einer Stadt ohne Blumen, aber wie soll ich mir die Wartezeit gestalten? Ich muss doch irgendwas tun, oder? Nein, muss ich nicht! Ich lass meine alberne Existenz einfach weiter in den leeren Raum regnen... Erst war ich weich; eine schöne weiche Schale und ein schöner weicher Kern; dann wurde ich in die Schule der Einsamkeit geschickt, und die macht hart: erst die Schale, dann den Kern.

Ich will nicht mehr rangehen, wenn meine Freunde mit ihren süßen Gesichtern an meinem versteinerten Gesicht klingeln. Jeden Tag das gleiche. Ich hasse was ich brauche. Jeden Tag das gleiche. Ich hasse was ich brauche. Jeden Tag das gleiche. Ich hasse was ich brauche. Jeden Tag das gleiche. Ich hasse was ich brauche. Es ist möglich, dass dir etwas so sehr weh tut, dass du's gar nicht mehr spüren kannst.

Das Leben ist das Organisieren kleiner Übel zu einem großen Übel, das den Tod freundlich erscheinen lässt. Das Leben ist eine einzige rhetorische Frage und all unser Elend lässt sich darauf zurückführen, dass wir diese Frage beantworten und das Absurde hält sich den Bauch und krächzt: „Ich schwanke, also bin ich."

Wir beschmutzen etwas, wenn wir ihm einen Wert geben.
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Faulheit ist die Krone des unabhängigen Menschen.
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Erst, wenn man frei von sich ist, ist man bei sich.

Menschen die mit genug Sensibilität bestraft wurden, können nur im Elfenbein- Turm oder in einer Terror-Organisation glücklich werden.

Das Lachen über unser eigenes Unglück kann nicht idiotisch genug sein.

Da ich mich noch nicht überwunden habe, jemanden zu töten, bin ich dazu verdammt, mich mit Selbstrechtfertigungen zu quälen, für die ich einen Friedensnobelpreis verdient hätte - dessen Preisgeld ich benutzen würde, um heimlich das Grundwasser von Berlin zu vergiften. Falls ich es dann wieder nicht tun würde, so doch gewiss mit dem Preisgeld für meinen zweiten Friedensnobelpreis, den mir die Unterlassung einbringen würde. Leider ist das alles nur Gespinne: denn niemand wird jemals in der Lage sein, die Intensität zu erahnen, mit der ich mein Leben lebe. Und für diese Einsicht habe ich nichtmal einen Blumentopf verdient.

Ich fühle mich unberührt. Alles muss lauter werden. Ich brauche Krach und Rhythmus, um mich nicht zu sehr in meiner Abwesenheit zu verheddern. Ich brauche Erde, Dreck und süße Früchte. Richtige Schmerzen. Richtigen Schlaf.

Felix ruft: "Niemand will dich jammern sehen. Niemand will dich lieben sehen. Man erwartet, dass du etwas zerstörst, dass du seltsame Gefühle weckst, dass du stolperst und dich dann still und heimlich wieder aus dem Leben machst." Felix hasste das Leben, er hasste alles, was existiert, er wähnte sich wahrhaftig und klarsichtig und war stolz: aber er war nicht mehr als ein harmloses Geschwür am Leben, ein kleiner, gutartiger Tumor am Dasein. Gestern hat man ihn endlich rausgeschnitten. „Für was man nicht töten würde, das will man auch nicht von ganzem Herzen.", sagte er mir mehr als einmal und hier ist Weisheit. Wir müssen uns doch an irgendetwas halten, wir müssen uns nicht schämen für unsere Empfindungen und extremen Widersprüche, wir müssen uns für gar nichts schämen, wir beten den Apokalyptischen Esel an und tanzen zu naivem Klezmer und wir können uns nicht vorstellen, dass wir sterben müssen, irgendetwas in uns sehnt sich nach Loch und Ende und wir trotzen manchmal fröhlich, manchmal gelangweilt, wir trotzen sterbend dem Sterben. Ich bin ein Sünder. Die Gemeinschaft wehrt sich gegen mich und will mich austreiben. Sie will jedem glauben machen, dass es gegen sie kein Ankommen gibt. Aber was soll meine ganze Sündernatur anders tun als versuchen, so lang sich zu bejahen und durchzusetzen wie es geht? Einen Kompromiss kann es mit mir nicht geben, meine Natur kann sich nicht mehr ändern, sie ist endgültig eingeschossen auf ihre Bahn, zu kurz ist mein Leben, als dass sich die Bahn wieder ändern könne. Ich bin ein glühendes, vitales, fruchtbares Scheusal.

Ich habe tausende Leben gezeugt, ich werde weiter zeugen, zeugen und vernichten, ficken und morden, stinken und rauschen und pissen und schwelgen in meinen Liebes- und Vernichtungstagträumen.

Körperliche und psychische Abhängigkeit von Substanzen schafft das stärkste Gefühl von Identität und Sinn. - Mancher hat seine Verzweiflung überwunden, in dem er sich in einen Junkie verwandelt hat.

Man findet nur das geil, von dem man glaubt es nicht verdient zu haben. - Ohne Moral im Kopf platzt der Unterleib - und ein Gott entsteigt und übernimmt den Körper: kosmische Geilheit, ein neuer Planet, der vielleicht besiedelt werden kann, bevor die Menschheit auf der Erde ausstirbt.