Das Fleisch und die Nacht (Diagnose)

Das Fleisch und die Nacht

Ich will nicht sterben. Ich will niemals sterben. Mein Körper ist nicht konstruiert worden, um sterben zu wollen. Alles, was mich zusammenhält, ist die Hoffnung, dass ich niemals sterben werde, dass der Tod nur ein Vorurteil des Menschen ist. Ich will immer meine Freunde um mich haben, ich will immer glücklich sein, ich will immer etwas erleben, und doch weiß ich, dass es nicht möglich ist und deshalb sieht mein Gesicht so aus, wie es eben aussieht. - Man empfindet einen Menschen als schön, wenn er so wirkt, als würde er nicht wissen, dass er sterblich ist. Liebe ist, wenn man ihm verzeihen kann, dass sein Schein trügt. - Ich hoffe, dass der Mensch dann am liebenswertesten ist, wenn er gedrückt von einer kalten Todesangst die Lust am Leben verliert und in diesem Prozess des Verlierens auch seine Angst verlieren kann, und wie ein Kind in den Tag leben kann und alles vergisst, was kommen muss. Das Gefühl der Lächerlichkeit

Aus der gründlichen Unfähigkeit, aus vollem Leib, mit ganzer Kraft einer bestimmten Idee zu folgen, einen bestimmten Weg zu gehen, etwas bestimmtes mit allen Mitteln zu tun, aus der Unfähigkeit also, fanatisch zu sein, wächst ein zierliches Gefühl der Lächerlichkeit, dessen Geruch sich bald im ganzen Seelenhaushalt breit macht - dann riecht alles nach Lächerlichkeit und es ist aus.

Alles erscheint bald so, wie es ist, nämlich uninteressant, unhaltbar, derart, dass man sich schämen muss, überhaupt noch irgendetwas zu tun. Alles ist so schrecklich eingeengt auf seine eigene Wesenheit, alles was existiert ist so schrecklich relativ, jeder Gegenstand ist nur zu bestimmten Sachen zu

gebrauchen, jeder Gegenstand unterwirft sich den faden Bedürfnissen der Menschen, jeder Mensch fängt etwas anderes mit einem Gegenstand an, kein Gegenstand hat ein Bewusstsein. Wir sind alle von toter Materie umgeben und die Materie ist da, um uns zu dienen. Alles hat einen Nutzen für uns. Es gibt nicht eine objektive Masse, alles ist unendlich differenziert, alles ist ganz bei sich selbst und abgetrennt vom großen Ureinen - aber es gibt doch nur eins auf der Welt, nur eins!

Die ganzen beschränkten Gegenstände um uns machen sich lächerlich über uns, sie spiegeln uns die Verengung unserer Selbst und noch die Gleichgültigkeit darüber. - Diese Flasche auf dem Tisch ist nicht der Boden unter deinen Füßen und wehe die Flasche besinnt sich auf die Idee eines Bodens. Wir Menschen sind auch nur komplexe Gegenstände und unterwerfen uns den Gesetzen, die jemand behauptet hat und wenn wir uns nicht in eine Richtung schießen können, wenn wir unseren Körper nicht als Rüstung, unser Leben nicht als Schlachtfeld sehen, wenn wir uns nicht für ein Ich entscheiden können, dann erscheint uns alles so unvollkommen, so leer und traurig wie es ist. - Da will nur jemand dran rütteln, der noch nicht von giftiger Lächerlichkeit vollgesogen ist - und wie absurd muss er dabei erscheinen. Ich will nicht von meinem Geruch der Lächerlichkeit befreit werden. Ich möchte da sitzen und erfahren, wie mich die Lächerlichkeit vertieft und abspaltet vom Treiben der Welt. Ich bin wirklich nicht akzeptabel, ich bin beschränkt auf bestimmte Dinge, die nichts mit dem zu tun haben, was ich will. Ich muss etwas sein, was ich nicht sein will, und wie kann ich etwas sein, was ich nicht sein will? Ironie ist das Gleitgel, das mich vor Schmerzen schützt, die ich nicht ertragen könnte. Ich lache über alles, weil nichts mit Absolutheit veredelt ist, alles ist nur vorübergehend und etwas, das sich ständig verändert, etwas das einmal nicht existiert hat und irgendwann nicht mehr existieren wird, etwas das nur in Bezug auf etwas einen Wert hat, kann ich nicht ernst nehmen.

Ich weiß nicht, wohin mit mir, ich habe keine Lust, einen Gegenstand zu gebrauchen. Ich kann keine Liebe für irgendwelche Gegenstände oder Menschen empfinden. Gegenstände sind nur für ganz bestimmte Dinge gut, für die meisten Dinge sind sie nicht gut. Ich seh immer nur das, was ein Gegenstand nicht kann. Genau so bei Menschen: ich muss darüber kalt angewidert lachen, dass sich Menschen nur für bestimmte Dinge interessieren, einen bestimmten Weg gehen, etwas bestimmtes tun und etwas bestimmtes nicht tun wollen. Ich verachte alles, was sich besonders nimmt: denn am Ende läuft es alles auf das selbe hinaus. Diese Aussicht reicht, um mein Interesse zu beschränken auf primäre Körperfunktionen. Ein glückliches, dummes Schwein ist wertvoller als ein glücklicher, feinsinniger Mensch.

Es ist vielleicht unmöglich herauszufinden, wann die letzte Möglichkeit ist, einen Schnitt zu machen und endlich das Leben zu leben, das jenseits all der selbstironischen Fassade, die man sich aus Hilflosigkeit vor dem ziellosen Chaos der Triebe erschaffen musste, seufzt. Der Mensch strebt nicht danach zu leben und auch nicht danach zu sterben, er möchte verwirklichen, was in ihm wartet. Sein Leben ist nur das Werkzeug seiner Organe, die sich abnutzen wollen und sein Tod kommt aus Mangel oder wegen einem Zuviel an Reibung. Der Verstand haut allzu oft dazwischen und verdirbt alles, bloß damit der Körper noch ein bisschen weiter lebt. Der Körper ist nicht für ein langes, glückliches Leben gemacht: aber für ein kurzes. Wenn man daran zweifelt, schaue man sich die Augen von Kindern an und vergleiche sie mit den Augen ihrer Eltern. - Augen werden immer blasser und trüber und ab dem 35. Lebensjahr werden auch die mutigsten, frischsten unter ihnen von den älteren Mitmenschen zur Raison gerufen und von da an sind sie nur noch Larven ihrer Kindheit, ausgeputzt von einem idealistischen Adler, der in seinem Fressen seine Rechtfertigung zum Leben bezieht - und so müssen auch die Kinder gleich ihm ihre Rechtfertigung finden in ausgelebten Ideen ihrer erwachsen gewordenen Vorfahren. Alles Glück der Kindheit ist nun davon - und ja, am Ende strebt der Mensch immer nur zu einem Glückszustand, den er aus seiner Kindheit erinnert, und wenn es nur ein Tag, eine Stunde des Glückes war, das er erlebt hat: es hält ihn auf Kurs und das Ziel ist: eine lange, tiefe, abenteuerliche Kindheit. Die Lust gesunder Kinder, der Ernst in ihrem Spielen ist die große Seligkeit des Lebens, alles was danach kommt ist Verwaltung des Lebens - und langsames Dahinsterben in Bitterkeit und Demenz. - Kein Erwachsener kann sagen, worunter er leidet, weil sein Kinderherz zerdrückt von seinem erwachsenen Körper sich nicht mehr artikulieren kann. Er muss sich Demut, Ironie, Selbstdistanz, Frömmigkeit, Idealismus erlernen, er muss lernen, die innere Erkaltung, das Lahmwerden zu rechtfertigen: dazu benutzt er Mittel, die er als Kind nur für seinesgleichen angewandt hat, nun für alle Menschen: Respekt, Anstand, Liebe. Der Erwachsene kann nicht mehr hassen, kann nicht mehr in die Hose scheißen, kann nicht mehr glaubwürdig auf der Straße herumhüpfen und singen, hat kaum noch Zugriff auf seine edelsten, feinsten, urgründlichsten Ängste: er ist gefangen in einem schweinischen Zirkus, in dem der größte, lauteste, sauberste Clown das Kommando übernommen hat und noch viele tausend Jahre haben wird. Die Kinder sind nur unfertige Erwachsene und man erlaubt ihnen Freiheiten, die man sich selbst und anderen Erwachsenen nicht erlauben würde. Die Gründe dafür sind so einfach wie unaussprechlich und ich möchte darüber nichts schreiben. Wenn wir unser Bestes und Schlechtestes annehmen, all unseren Ängsten und Perversionen und Schmerzen und Verzweiflungen zujubeln, wenn wir uns für keine Körperfunktion schämen können, wenn wir uns in allem absolut ernst nehmen, so wie man sich denken kann, dass Gott und ein Löwen und die Sonne und das Nichts sich ernst nehmen können, weil sie nicht anders können, wenn wir

uns so ernst nehmen, dass alles in uns in einem warmen, gütigen Licht strahlt, in dessen Helligkeit und Güte wir unsere Rechtfertigung zu Leben beziehen, unseren Trost vor all dem Unaussprechlichen, Unbegreiflichen finden, wenn wir ernst und unsicher und stark und wankelmütig die Höhe unserers Selbst leugnen, wenn wir so glücklich sind, dass wir nichteinmal mehr lachen, tanzen können, wenn wir kurz davor sind, all unsere vermeintliche Menschlichkeit zu verlieren, dann erst werden wir begreifen, was wir ein ganzes Leben lang gesucht haben. Wir werden diese Zustände immer wieder verlieren und immer wieder neu gewinnen; oft scheint es, als seien sie für immer verblasst, aber in einer Unstunde zwischen den Stunden unseres Alltags und in schlimmen, wunderbaren Notsituationen kommen sie hervor und wir strecken unsere Hände nach ihnen aus und das Leben überwältigt, erschüttert uns und unser ganzes chaotisches Innenleben braut sich zu einer infernalischen Flut zusammen und stürzt durch unseren Körper hindurch und alles was wir empfinden, wird wahr sein, alles was uns quält, wird als zauberhafter Akkord unserer Glückseligkeits-Symphonie erklingen und alles was wir hassen, verneinen, zerstören müssen, erscheint als Ruine mit tausenden Rissen, alles was wir lieben ist nahe bei uns und unser Herz strahlt alles, was es besitzt und wir sind vollkommen und lösen uns in dem Bewusstsein, dass wir etwas sind, das geliebt werden kann, auf. Zwei Katzen

Sie wachen auf, wenn sie aufwachen, sie fressen was man ihnen gibt oder fressen es eben nicht, sie trinken Wasser und sind manchmal draußen, manchmal in der Wohnung, sie schmusen miteinander und kämpfen miteinander. Sie sind nicht nachtragend. Sie leben die Notwendigkeit ihrer Existenz ohne Scham - ihre Organe sind kräftig genug dafür. Sie liegen stundenlang in der Sonne und lassen sich streicheln, dann springen sie plötzlich wieder auf, weil sie in der Hecke etwas Rascheln gehört haben - sie sind gute, kräftige Springer und Kletterer. Manchmal können sie auch von nichts aus der Ruhe gebracht werden. Manchmal sind sie feige und suchen Schutz bei Menschen. Sie denken nicht ans Morgen oder ans Gestern, das heißt: sie sind frei. Alles was sie tun, tun sie mit einem kindlichen, stolzen Ernst. Sie töten mit einem unzerstörbaren Instinkt Mäuse und Vögel, nicht weil sie Hunger, sondern weil sie Lust am Spielen, am Töten haben. Sie können nicht sprechen und nicht lachen und nicht weinen, nur miauzen und quieken. Sie sind zärtlich und brutal und sind frei von jeder Art Moral. Sie sind inkonsequent, unberechenbar und schön. Sie liegen im Garten, kuscheln miteinander und egal was kommen wird, sie werden es annehmen. Sie sind dem Menschen um ein Vielfaches überlegen, wenn es um Existenz- bewältigung geht - deshalb liebt es der Mensch, sie um sich zu haben. - Man kann den Wert eines Menschen daran messen, was er mit den Gefühlen in sich anfangen kann, die ihm kommen, wenn er über das Leben von Katzen nachdenkt.

Ich gehöre mir nicht, ich bin nur ein Geschwür an einer dunklen, sinnlosen Welt. Selbstmord ist die beste Therapie. Glück nur im Extremen findend: die Perversion des gedrückten Typus. Die Lust an der Vernichtung - Selbstvernichtung ist noch das Einzige, was der eigenen Kraft und dem ersten und letzten Stolz entspricht - die große Besiegelung. Die Fähigkeiten zu kleinen Lüstchen, meine Geduld, mein Geschmack wurde verdrängt von der großen Lust an absoluten, unumkehrbaren Konsequenzen - Restenergie die sich aus Mangel an Alternativen gegen sich selbst wendet - das allgegenwärtige Gefühl: „Das Ich ist zu Ende“, keine revitalisierende Transformation mehr möglich. Alles Denken und Handeln kreist um das Problem des bestmöglichen Abgangs, alles was einst zum Leben verführte, ist nun fremd und fern und spricht nicht mehr zu mir, und wenn doch, dann in einer Sprache die ich nicht mehr verstehe. Das Ich vervollkommnet sich durch die Selbstvernichtung, kommt so erst wirklich zu sich. Der Wille, wenigstens daran noch zu glauben. Es wird nach mir noch so viele Tänze und Schönheit und Rausche und Stürme und so viel Liebe und Musik und Lachen und Abenteuer geben, ich muss nicht dabei sein. Immer wenn ich müde bin, aber nicht schlafen kann, drängen sich Narrative in mir auf, die alle Lust am Leben mir verleiden, deren abgründliche, todesfrische, beißende Kälte mich zu meinen allerletzten Phantasien treibt. Etwas in mir will mich umbringen und wird immer stärker und nutzt vornehmlich Stunden wie diese, in denen ich erschöpft und leer und kalt und unantastbar stumpf und von allen Geistern und Sehnsüchten und Gewissheiten verlassen und verzweifelt- gleichgültig genug bin, um nicht mehr zu wissen, wie ich damit umgehen soll, ob ich damit überhaupt umgehen oder doch lieber umkommen will. Noch ist nichts entschieden. Was ist entscheidend? Der Grad der Gleichgültigkeit. Das Gefühl von Müdigkeit ist eigentlich extreme Wachheit, die der Körper nur nicht schultern kann. Die Gleichgültigkeit, das Bedürfnis sich hinzulegen und sich dem taumelnden Gehirn zu überlassen, die Unfähigkeit die Augen aufzuhalten, die Unfähigkeit klar zu denken - alles Symptom einer extremen Hellsichtigkeit. Ich bin am Leben, um genau jetzt, in diesem Moment der inneren Anspannung zwischen der gleißenden Leere im Herzen und dem dümmlichen Hetzen meines Intellekts (der diese Worte herauskrampft) zu sterben, es gibt keinen Grund, der motivierend genug wäre, hier und jetzt durchzuhalten. Ich krümme mich und mein Herz schaut zu, pocht so kalt und gleichgültig wie mein hartes, ironisches Gesicht jeden Ausdruck von Schmerz und Sehnsucht blockiert. Während sich in meiner Zimmerecke mein Körper zusammenfaltet, führe ich mein letztes Selbstgespräch. Niemand ist für mich zuständig. Der schnelle, leise, heimliche Verfall ist die beste Art für mich, das Leben zu