Schweigend schreien
Es ist so erregend zu erleben, wie unsere Mitmenschen schreien, egal ob sie damit etwas bestimmtes erreichen wollen (Verteidigung einer Sache, Einschüchterung, ...) oder einfach aus Verzweiflung schreien, ohne an das zu denken, was nach dem Schrei kommt. Und am schönsten ist der Mensch, wenn er vor lauter Verzweiflung gar nicht mehr schreien kann, wenn ihm der Schrei als völlig unzureichend, völlig absurd erscheint, wenn sein Leid so unendlich mal größer ist, als das ihm auch der lauteste, langanhaltendste Schrei der Welt entsprechen könnte. In der höchsten Qual wandelt sich das Bedürfnis zu Schreien in ein tiefes, unmenschliches, göttliches Schweigen und man darf nicht hoffen, dass darin ein teuflisches, infantiles, irrationales, ekstatisches Lachen erblühen wird. ----- Manche Menschen haben als Kind nie gelernt richtig zu schreien, sie waren still und gedrückt und jämmerlich tollpatschig in sämtlichen Gefühls-angelegenheiten. Ein tiefes, grauenerfülltes Schreien ist Grundlage jeder emotionalen Äußerung des Menschen. Und immer wenn Menschen, denen ein solches Schreien nicht möglich war, laut wurden, ob aus Wut oder Verzweiflung, fühlten sie sich widerlich, weil unaufrichtig - so als wären sie dazu bestimmt, für immer zu schweigen, und so ist es ihnen nie vergönnt, sich schreiend zu erleichtern, so sind sie dazu verdammt, alles was normale Menschen mit einem schmerzhaft befreienden Schreien erleiden, mit einem noch viel schmerzhafteren, allesfressenden Schweigen hinzunehmen - und je mehr sie den Schrecken ihres Daseins schweigend standhalten, desto kräftiger, tiefer, unverwüstlicher wird ihr Schweigen und bald ist ihnen alles zum Schweigen und der Bordstein ver-heißungsvoller als das Abendrot.
Erregende Verzweiflung
Manchmal gelangt eine Verzweiflung, die wir erleiden, in unsere Genitalien und wir werden sexuell erregt. Wir wissen nicht, wie wir uns ertragen sollen, finden uns krank, hässlich, schwach, erbärmlich, leiden darunter dass wir nicht den letzten Mut aufbringen können, mit allem, mit ALLEM Schluss zu machen, warum noch weiter? Warum? - und huch, es kribbelt in unseren Genitalien und irgendeine Flüssigkeit will herausfließen. Wir haben kein Geld und wissen nicht, wie wir die Miete bezahlen sollen, wir fürchten den Zusammenbruch unserer bürgerlichen Existenz, und es krabbelt zwischen unseren Beinen und unser Unterleib will zerfließen. Wir haben Freunde oder Geliebte verletzt, wir stehen alleine da, wir haben Fehler gemacht und können sie nicht mehr ausbessern, vielleicht hat nie jemand wirklich zu uns gehalten, vielleicht sind wir nur leicht ersetzbare Dekoration im Leben unserer Lieblingsmenschen gewesen, wir wissen nicht, wem wir vertrauen können, wir fühlen uns von jedem bedroht, und unser Becken zuckt, wir spüren dass unsere Geschlechtsteile auf ihre Kosten kommen wollen, wir wollen unser Ich, unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auflösen mit heißem, animalischem, dreckigem Sex. Wir sind am Ende, und wir sind geil. - In unserem Kopf ist eine rote, saftige Blume, die sich ernährt von dem, was da zwischen unseren Beinen kribbelt und krabbelt. Unsere Genitalien und unser Kopf sind zwei Pole, verbunden mit einer kräftigen, pulsierenden Ader. Manchmal scheint es, dass diese Ader für unser Ich-Gefühl verantwortlich ist.
Euphoria ist gelebte Leere
Langeweile ist nicht langweilig. Sie ist ein mächtiges, vertiefendes Lustgefühl, nur der Mensch ist fähig, es zu empfinden, aber viele halten es nicht aus. - Die Empfindung innerer Leere ist ein Überdruck an Fülle. Nicht jeder Körper ist gemacht für die Fülle, die in ihm drückt. Wenn das Herz kalt ist, lacht es, wenn es warm ist, schläft es. Man kann nur zu fröhlicher Musik tanzen, wenn man sich schlecht fühlt. Tanzen ist Ausdruck einer tragischen Euphorie: ich bin glücklich, weil ich leide. Ich will leben, weil ich leer bin. Ich bin ein Mensch, weil ich ein Loch bin, in welches sich das Universum seiner Zufälle entleert. Nur ein Loch kann das Glück aufnehmen, für das der Mensch bestimmt ist.
Wenn wir brennen vor Lebensfreude, wenn wir uns lieben, wenn wir schön und munter und gesund sind, dann sind wir ein Loch, in dem nichts ist. Existenz ist langweilig, jedes Gefühl ist langweilig, wenn wir glücklich sind. Wir hören "You're My Best Friend" von Queen und fühlen uns von niemandem verstanden und möchten sterben und unser kaltes Herz lacht und bringt uns zum Tanzen und wir waren niemals so unglücklich und wir wollen uns erheben in die tiefste Höhe der absoluten Ödnis, wollen runtergreifen in die höchste Tiefe eines kümmerlichen, flüchtigen, lächerlichen Glücksmoments. - Wir sind unmögliche Menschen.
Vorbeiziehendes Leben
Ich habe keinen Zugriff mehr auf die Ereignisse meiner Tage. Alles zieht an mir vorüber und ich bin völlig gleichgültig und ich finde alle Gefühle, die mich dazu bringen wollen, etwas festzuhalten, lächerlich. Warum soll ich etwas festhalten, das kein Interesse an mir hat, das absolut nicht von mir abhängt? Das Licht scheint und scheint auch ohne mich und ich hab es nicht bestellt. Der Wecker klingelt und klingelt und hört nicht auf zu klingeln, weil ich ihn nicht ausmache. Das Brot im Schrank verschimmelt und ich habe keine Meinung dazu.
Ich habe vielleicht bald Hunger, aber auch dem werde ich ganz gleichgültig gegenüber stehen. Meine Freunde arbeiten, sie tun etwas für sich, sie gestalten ihr leben, sie sind manchmal auch etwas niedergeschlagen, aber im Grunde sehr rege und vital - ich sehe sie an und schäme mich vor mir selbst und bin gleichgültig dieser Scham gegenüber und schaue einfach in den Tag hinein und beobachte, wie die Sonne durch mein Zimmer wandern, wie es draußen langsam dunkel wird, wie es immer kälter und ruhiger wird. Ich bin ganz sicher, dass das alles so weiter- gehen wird, bis ich sterbe. Ich habe eine schlimme Angst davor, dass noch etwas Interessantes in meinem Leben passiert, zu dem ich mich irgendwie verhalten muss. Ich will mich zu allem nicht verhalten. Dieser Wille kommt aus der Wärme meiner Eingeweide und wird von der Kälte meiner Vernunft abgestempelt. Ich bin das Zentrum des Universums, ich bin unknackbares Vakuum und alles was ringsherum passiert bezieht seine Existenz-Energie aus meinem Sein. Ich fühle mich aber nicht wie ein Gott, denn mir ist egal, was ihr von meiner Offenbarung denkt.
Angst vor dem Tod
Ich will nicht sterben. Ich will niemals sterben. Mein Körper ist nicht konstruiert worden, um sterben zu wollen. Alles, was mich zusammenhält, ist die Hoffnung, dass ich niemals sterben werde, dass der Tod nur ein Vorurteil des Menschen ist. Ich will immer meine Freunde um mich haben, ich will immer glücklich sein, ich will immer etwas erleben, und doch weiß ich, dass es nicht möglich ist und deshalb sieht mein Gesicht so aus, wie es eben aussieht. - Man empfindet einen Menschen als schön, wenn er so wirkt, als würde er nicht wissen, dass er sterblich ist. Liebe ist, wenn man ihm verzeihen kann, dass sein Schein trügt. - Ich hoffe, dass der Mensch dann am liebenswertesten ist, wenn er gedrückt von einer kalten Todesangst die Lust am Leben verliert und in diesem Prozess des Verlierens auch seine Angst verlieren kann, und wie ein Kind in den Tag leben kann und alles vergisst, was kommen muss.