Das Fleisch und die Nacht (Nacht-Meditation)

Das Fleisch und die Nacht

Jemand der sich töten will, ist nicht mit dem Leben an sich unzufrieden, sondern nur mit dem, was er gezwungen ist zu erdulden. - Alles, was wir an uns hassen ist verbunden mit dem, was uns abhält, einen anderen Menschen zu töten. - Abgesehen vielleicht von Menschen, die von Selbstverachtung so aufgeweicht wurden, dass sie, wenn sie gezwungen wären, entweder sich oder eine süße Katze zu töten, sich umbringen würden, hat jeder einen individuellen Punkt, ab dem er einen anderen Menschen töten würde. Wenn dieser Punkt erreicht ist und der Mensch durch welche Umstände auch immer abgehalten wird, den Mord zu begehen, stirbt in ihm etwas ab und vermodert und den dabei entstehenden Gestank nennt er dann "moralisches Gefühl" und der Punkt, ab dem er zum Mörder wird, verschiebt sich - nach oben oder nach unten. - Ich hasse an mir die Scham zuzugeben, dass ich selbst, wenn ich gezwungen wäre zu entscheiden, ob ich oder Millionen von Menschen sterben sollen, mich für das Sterben von Millionen von Menschen entscheiden würde. An besonders hellen Tagen sehne ich mich danach, die Entscheidung treffen zu müssen.

Ich kann ertragen, wenn Ferkel vor meinen Augen grausam abgeschlachtet werden, aber mein Herz wird weich, wenn ich meine Mutter verschnupft im Bett liegen sehe. Ich genieße es, Katzen am Schwanz zu packen und durch das Treppenhaus zu schleudern, aber ich muss mit meiner Mutter vor Freude heulen, wenn der Arzt sagt, dass sie ihren Brustkrebs besiegt hat. Ich kann eine alte Frau töten, um 50 Euro von ihr zu klauen, aber meine Brust zerreißt vor kaltem Schmerz, wenn ich sehe dass meine Mutter mit irgendwelchem Krämpfen im Bett liegt und keine Ruh findet. Ich kann leichten Gewissens ein ganzes Behindertenheim im Brand stecken, um mich einfach an meiner dreckigen, verkommenen, von Grund auf bösen Seele aufzu-geilen, aber ich würde mich immer für das Leben meiner Mutter entscheiden, immer gegen ihr Leiden. Ich möchte, dass sie glücklich ist und lang und gesund lebt. Es gibt vielleicht nichts schlimmeres als zu sehen, dass die eigene Mutter weint, weil ihr etwas weh tut oder sie Angst oder sogar die Gewissheit hat, dass der Tod ganz nah ist. (Mir ist doch etwas eingefallen: die eigene Mutter zu sehen, wie sie ans Bett gefesselt ist, zwangsernährt wird und in eine Windel scheißen muss).

Mir ist aus einer Gewohnheit heraus ein Fehler unterlaufen, dessen Ursachen und Folgen ich mit dem, was ich schreibe, eigentlich bekämpfen will: ich schrieb, dass ich dies und jenes "böse" tue, "aber" auch eine weiche, herzliche Seite habe. Es müsste aber einfach heißen "und". Grausamkeit und Sentimentalität schließen sich nicht aus. Es sind zwei Launen, zwei Färbungen von vielen, die die Seele annehmen kann, einmal dient jene Färbung bestimmten Trieben in uns, einmal jene. Ein herzloser, kranker Mörder ist ein viel zu grobe, aber im ersten Moment noch einleuchtende Formel, um das Böse maximal von uns abzutrennen. Wir haben ein Herz, das es uns unmöglich macht, bestimmte Dinge zu tun, sagen wir stolz. Und ich sage: ihr habt zu wenig Herz. Mancher hat so viel Herz, dass er sogar Dinge macht, die ihr euch verbieten lasst, verbieten lassen müsst - er tötet nicht "trotz" seines Herzens, sondern "gerade wegen" seines Herzens, "mit" seinem Herz, empfindet seine Widersprüchlichkeit nicht als besonders mit- teilenswert, er lebt sie aus, vielleicht ohne Bewusstsein darüber, dass Menschen mit weniger Herzlichkeit der Umfang seiner Seele ängstigt.

Ich hasse saubere, selbstsichere, belesene Menschen, die meinen, in die Seele eines Anderen blicken zu können. Wir sehen immer nur Oberfläche. Den tiefsten Punkt, den ein Denker, ein Dichter, ein Arzt (der auch und vor allem ein Künstler ist), ein Musiker mit seiner Arbeit erreichen kann, ist immer noch weit vom Wesen des Menschen entfernt. Wir Künstler und Denker und Leser verhandeln Oberflächen und irgendwann können wir nur noch über Leute lachen, die etwas plausibel finden.

Der Körper ist eine Hinrichtung

Der Körper ist in sich selbst gefangen, bewacht von allem, was sich außerhalb von ihm befindet, zum Tode verurteilt wegen Existenz. Der Körper muss sterben, weil er existiert, weil er gezwungen wurde zu existieren. Alles, was man an sich herumträgt, ist Ursache des eigenen, individuellen, unverwechselbaren Todes. Der Körper ist abhängig von Sauerstoff und geht irgendwann daran zu Grunde. Der ganze Körper ist ein elektrischer Stuhl, der konstruiert wurde, um sich selbst zu elektrokutieren. Man trägt seinen eigenen Tod in jedem Moment mit sich herum, manchmal zeigt er sich im Gesicht, manchmal im Herzen, dann verschwindet er wieder, so als wollte er nur warnen oder seinen Spaß haben, oft scheint es, als würde es ihn gar nicht geben, - und manchmal ist man so lebendig, so heiß, so liebevoll, so herzlich böse, dass man meint, in Tod zu zerfließen.

Wir sind unser Tod, der Kraft sammelt für seinen großen, nur einen winzigen Bruchteil einer Sekunde währenden Auftritt. - Weil wir einen Körper haben, müssen wir sterben. Alles, was wir als Seele und Ich spüren, ist nur das Zwischenprodukt, meist nur ein Abfallprodukt bestimmter organischer Prozesse. - Der Körper nimmt sich wahr und tut, was er tut - und egal was ihn treibt, er geht daran zu Grunde. - Meine Aorta ist der Jordan, ich hüpfe jeden Tag ein bisschen endgültiger drüber und die Langeweile, die mir diese Gedanken bereiten, reißt an meinem Herzen und wird immer dunkler. - Der Großvater will uns trösten mit dem Gedanke, dass man lebt, weil man sterben muss. Wir küssen ihn auf die Stirn und er uriniert sich beschämt in die Hose (wie kann man sich nur vor seinem eigenen Urin schämen?) und bald träumen wir von seinem jüngeren Selbst, das im Wald sitzt und onaniert. - Wir alle leben unsere Hinrichtung und weil viele von uns nicht allein "den Kopf verlieren" wollen und im Alter gepflegt werden wollen, verurteilen sie Menschen zum Tode, in dem sie sie zwingen, Existenz zu begehen. - Es wird eine Zeit kommen, da werde ich meiner Mutter den Tod wünschen. Dann erst werde ich erwachsen sein. Der absolute Ausdruck

Am Rand meiner Verzweiflung erwacht in meinem Herzen ein kaltes, süßes Lachen, das meinen Körper übernehmen und mich in einen Gott verwandeln will, doch es kommt nie dazu, weil mein Körper das Lachen niemals umsetzen kann und dann will ich zerfließen in den ultimativen, absoluten Selbstausdruck. Ich will all meine inneren Widersprüche, all meinen brennenden Wahnsinn in den Himmel stürzen, damit die ganze Erdoberfläche erleuchtet ist von allem, was in mir ist. Ich will unmiss-verständlich sein, jeder soll ganz genau begreifen, was mit mir geschieht. In mir sollen kalte, ewige Wahrheiten einschlagen wie Asteroiden, ich

will in Stücke geschossen werden von all dem, was mein Leben aufhellt und verdüstert. Ich will alles auf einmal, mein ganzes Leid und meine ganze Lust soll in einem grellen Lichtstrahl aus mir schießen, mein ganzes Wesen soll sich endlich reduzieren auf die Grelle dieses Lichtstrahls, ich war niemals mehr als diese Grelle und jeder Mensch soll geblendet werden und das Augenlicht verlieren. Man ist nur ehrlich, wenn man die Erkenntnisorgane aller Menschen mit einem Schlag unbrauchbar macht. Wenn die ganze Grelle aus mir heraus ist und nur noch ein Loch im Dasein hinterlässt, wenn das Universum die Grelle aufnimmt und verschluckt wie der Ozean einen Tropfen Blut verschluckt, dann werde ich bereit sein, mich meiner nie überwundenen Angst vor Gott zu stellen. Euphorie ist gelebte Leere

Langeweile ist nicht langweilig. Sie ist ein mächtiges, vertiefendes Lustgefühl, nur der Mensch ist fähig, es zu empfinden, aber viele halten es nicht aus. - Die Empfindung innerer Leere ist ein Überdruck an Fülle. Nicht jeder Körper ist gemacht für die Fülle, die in ihm drückt. Wenn das Herz kalt ist, lacht es, wenn es warm ist, schläft es. Man kann nur zu fröhlicher Musik tanzen, wenn man sich schlecht fühlt. Tanzen ist Ausdruck einer tragischen Euphorie: ich bin glücklich, weil ich leide. Ich will leben, weil ich leer bin. Ich bin ein Mensch, weil ich ein Loch bin, in welches sich das Universum seiner Zufälle entleert. Nur ein Loch kann das Glück aufnehmen, für das der Mensch bestimmt ist.

Wenn wir brennen vor Lebensfreude, wenn wir uns lieben, wenn wir schön und munter und gesund sind, dann sind wir ein Loch, in dem nichts ist. Existenz ist langweilig, jedes Gefühl ist langweilig, wenn wir glücklich sind. Wir hören "You're My Best Friend" von Queen und fühlen uns von niemandem verstanden und möchten sterben und unser kaltes Herz lacht und bringt uns zum Tanzen und wir waren niemals so unglücklich und wir wollen uns erheben in die tiefste Höhe der absoluten Ödnis, wollen runtergreifen in die höchste Tiefe eines kümmerlichen, flüchtigen, lächerlichen Glücksmoments. - Wir sind unmögliche Menschen. Zerfall des Ichs

Meine mündlichen und schriftlichen und gedanklichen und unbewussten, hintergründigen Selbstgespräche haben mich vollständig aufgeweicht und all meine Eigenschaften, all meine Handlungen, all meine Erfahrungen und Ängste und Sehnsüchte wollen von mir abgezogen werden wie feuchte Tapete von der Wand. Es gibt nichts in mir, um das irgendwas in mir kreist, es gibt kein Zentrum, keine Gravitation, es gibt nichts in mir, das alles in mir, was mich verursacht, verursacht hat. Das einzige, was mich davor bewahrt, den Kopf zu

verlieren ist mein eingeschlafener Fuß. Sein Kribbeln ist alles, was ich noch an Ich empfinde, alles was ich sonst in dieser Welt wahrnehme ist meine Ichgrenze. Ja, ich bin das Kribbeln meines Fußes und verursache diese Worte hier und alles andere bin nicht ich. Kot

Ein Kind, acht Jahre alt, allein im Bett, pupst und findet den Geruch angenehm. Es nimmt seinen Körper war und denkt, was ein Kind eben über die Existenz seines Körpers denkt: "Krass!". Es nimmt seinen rechten Zeigefinger und drückt ihn auf sein Poloch und riecht dann am Finger und ihm wird ganz nostalgisch ums Herz, es macht mit dem Finger nun kreisende Bewegungen um das Poloch und steckt sich den Finger dann langsam rein und ein rührendes, schauriges Lustgefühl durchbraust den Körper und das Kind schläft ein und träumt unerhörte Dinge. Ein paar Stunden später wacht es mit dem Finger im Po auf. Es spürt das Bedürfnis, zu kacken und beschließt, angespornt von den süßen Hinterlassenschaften des nostalgischen Lustgefühls kurz vor dem Einschlafen, ins Bett zu machen. Was für ein erregender Zauber! Das Kind genießt diese urmenschliche Geilheit wie es noch nie zuvor etwas genossen hat. Dann nimmt es die Kacke in die Hand und spielt damit wie mit bunter Kinderknete. Dieses ausgiebige, ernste, unerschütterliche Spielen ist die Grundlage für all das Glück, das dem Kind einmal widerfahren wird. Wenn es erwachsen ist, wird es viele Menschen zum ehrfürchtigen Staunen bringen - und es wird sterben wie selten ein Mensch stirbt. Vorbeiziehendes Leben

Ich habe keinen Zugriff mehr auf die Ereignisse meiner Tage. Alles zieht an mir vorüber und ich bin völlig gleichgültig und ich finde alle Gefühle, die mich dazu bringen wollen, etwas festzuhalten, lächerlich. Warum soll ich etwas festhalten, das kein Interesse an mir hat, das absolut nicht von mir abhängt? Das Licht scheint und scheint auch ohne mich und ich hab es nicht bestellt. Der Wecker klingelt und klingelt und hört nicht auf zu klingeln, weil ich ihn nicht ausmache. Das Brot im Schrank verschimmelt und ich habe keine Meinung dazu.

Ich habe vielleicht bald Hunger, aber auch dem werde ich ganz gleichgültig gegenüber stehen. Meine Freunde arbeiten, sie tun etwas für sich, sie gestalten ihr leben, sie sind manchmal auch etwas niedergeschlagen, aber im Grunde sehr rege und vital - ich sehe sie an und schäme mich vor mir selbst und bin gleichgültig dieser Scham gegenüber und schaue einfach in den Tag hinein und beobachte, wie die Sonne durch mein Zimmer wandern, wie es draußen langsam dunkel wird, wie es immer kälter und ruhiger wird. Ich bin ganz sicher, dass das alles so weiter-

gehen wird, bis ich sterbe. Ich habe eine schlimme Angst davor, dass noch etwas Interessantes in meinem Leben passiert, zu dem ich mich irgendwie verhalten muss. Ich will mich zu allem nicht verhalten. Dieser Wille kommt aus der Wärme meiner Eingeweide und wird von der Kälte meiner Vernunft abgestempelt. Ich bin das Zentrum des Universums, ich bin unknackbares Vakuum und alles was ringsherum passiert bezieht seine Existenz-Energie aus meinem Sein. Ich fühle mich aber nicht wie ein Gott, denn mir ist egal, was ihr von meiner Offenbarung denkt. Angst vor dem Tod