Das Fleisch und die Nacht (Körper-Zusammenbruch)

Das Fleisch und die Nacht

Es ist mitten in der Woche, ich sitze in einem immergrünen Innenhof, hier kommt der Lärm der Stadt nicht hin, die Luft ist sauber, frühlingsfruchtig, ich bin ganz weich, eine milde Euphorie in meinem Magen lässt mich zittern, der Ernst in meinem Gesicht ist leicht und lebendig wie ein flatterndes Grabtuch im Wind, ich habe mich die letzten Wochen nur von Mate-Tee, Obst und Gemüse ernährt, vielleicht bin ich der gesündeste Mensch im ganzen Land, was für ein Skandal, dass niemand weiß, wo ich bin, dass niemand weiß, wie ich zu erreichen bin, ich habe so viel zu geben, so viel Möglichkeiten mich zu beschmutzen, zu verheizen, zu lieben, doch da ist keine Hoffnung mehr in mir, bloß eine blasse Phantasie, wie die letzte Zuckung eines dehydrierten Lustbocks, ein entkernter Clown, letzte Sentimentalitäten herunterschluckend, staatstragend über alle Kanäle hinweg, zum Vorbild aller Nachbarstaaten, dieses insomnische Land ist von allen Geistern - den guten und bösen - verlassen worden, es trägt endlich kein Schicksal auf seinen Schultern und wird von keinem getragen: es liegt einfach da, eine klaffende Wunde an einem sterbenden Tier, alles ist still geworden hier und selbst wenn die Sonne scheint wirkt der Himmel kalt, Kinder spielen mechanisch vor sich hin, so als heckten sie Strategien für ein heimliches Verschwinden aus und die schief- und krummgebogenen Eltern warten darauf, dass sie freiwillig ins Haus kommen, um gemeinsam elektronische Suppe zu schlürfen, die außer ihrer harntreibenden Eigenschaft genau so wenig zu bieten hat wie der Blick aus dem Fenster, der Blick in fremde Gesichter, der Blick in die Augen einer Person, die dich liebt, der Zeitgeist ist ein Museum abgeschlossener, zu nichts führender, leerer Momente, mit denen sich dieses Volk pausenlos mästet, Europa eine triste Müll- deponie, eingemauert, totalüberwacht, täglich stinkende Löcher aus zusammen- gepressten Viel- und Buntheiten produzierend, ein abstraktes Denkmal, in dem unfruchtbare, gottlosen Ratten wohnen und an Krebs leiden und mit jedem Atemzug mehr Leere in sich zusammenstauen und immer kälter und dunkler werdend die Zukunft wie eine Abstellkammer mit entgeisterter Materie vollrümpeln, eine Garage in der es niemandem mehr möglich ist, etwas Bedeutung in den Raum zu geben, und Deutschland, dieser Bahnhof autistischer Gesichtszüge, wohl temperiert, sauber und grau, eine geordnete Depression, aufgeladen mit genügend trauriger Gleichmut, um die Erde hundertemale zu umkreisen, mausert sich mit kaltem Eifer zum Grabstein Europas, und hier in diesem unschuldig blühenden Garten hinter meinem Haus welke ich meinen literarischen Heroismus in die Weltgeschichte, unfähig meine Haut zu wechseln, nehme ich endlich dieses kalte, dumme, unerschöpfliche Unheil an, das mich mit meinem Volk verbindet, und ich will nicht mehr ausweichen, nichts mehr

ignorieren, niemanden mehr verachten oder verpassten Seligkeiten hinterhertrauern, sondern die Stirn meines Stolzes am Bordstein des deutschen Fatalismus aufschlagen, den Verlockungen der Blumen entsagen, die mir ihre Hoffnungen zuduften so als wüssten sie nicht, aus dem Erdreich welchen Landes sie gewachsen sind, ich will meinen Pathos-Finger tief in meinen Rachen schieben und meinen Defätismus in aller Gründlichkeit auskotzen, mein Jobcenter- Sachbearbeiter hat mir eine Erlaubnis erteilt. Müdigkeit ist verdichtete Wachheit

Je müder wir uns fühlen, desto wacher, vitaler ist unser Körper - und desto unbestechlicher der "Geist", der nur ein Werkzeug des Körpers ist. Wenn wir meinen, nicht mehr klar denken zu können, denken wir am klarsten. Wenn wir meinen, nichts mehr richtig wahrnehmen zu können, nehmen wir am meisten wahr. Wenn wir nichts mehr sagen können, wissen wir am meisten. Wenn wir uns stumpf und leer und lebensmüde fühlen, sind wir extrem sensibel, reich, erfüllt, vital. Der Intellekt, den man uns antrainiert hat, weiß alle extremen Lustempfindungen umzudeuten in Unlust. Eine Zivilisation wäre undenkbar, wenn wir unsere hohe Empfindlichkeit, unsere Sinnlichkeit, unsere überquellende Lebenslust als solche empfinden und bezeichnen würden. Wir haben sie als ihr Gegenteil vermittelt bekommen, damit wir nicht uns gegenseitig auffressen. - Doch unser Fleisch können wir mit solchem Idealismus nicht überzeugen. Es führt eine sonderbare Koexistenz mit dem, was wir soziale Not und Moral nennen.

Der Mensch erscheint mir am ehrlichsten, am liebenswertesten, wenn er am Ende seiner Kräfte angekommen ist, wenn er spürt, dass er nicht mit dem fortfahren kann, was er bisher getan hat, wenn sein Körper ihn - wie auch immer - in eine tiefe, glühende Erschöpfung herabgezogen hat. Wenn Menschen nicht mehr können, strahlt in ihren Gesichtern eine selige, düster-weise Heiterkeit. Sie keuchen, brüllen, fühlen sich verfolgt, ausgeliefert, sie brechen aus, sie brechen zusammen, sie verlieren jedes Gefühl für soziale Konventionen, sie genießen auf eine animalische Weise das Erreichen ihrer körperlichen Grenzen, sie erleben sich dabei als authentisch, das heißt: sie nehmen sich ernst, sie haben keine selbstironische Distanz zu sich, sie sind fanatisches, dampfendes Fleisch und wollen sich auflösen in einer erfrischenden, prickelnden Idee von einem Nichts. Wenn wir keine Kraft mehr haben, bildet sich in uns ein extrem klares, einfaches, unbestreitbares Selbstbild heraus und geht wie eine Blume auf im Gedanken der Selbstvernichtung. Der überforderte, auf den Boden der Tatsachen gedrückte, von keiner Ideologie erregte, von keiner Institution beschützte Körper gebärt einen grausamen, fröhlichen Ich-Schrei, der so laut tönt, dass er sich selbst frisst.

Ob jemand so lang im Kreis läuft, bis er nicht mehr kann, oder ob jemand so lang im Kreis denkt, bis er nicht mehr kann - beide Male steht ihm der selbe lustvoll-

verzweifelte Ausdruck im Gesicht. - Alles was wir in dieser Gesellschaft tun, tun wir in Kreisbewegungen und wenn der Untergrund hält, bewegen wir uns darauf solang im Kreis, bis wir nicht mehr können und scheitern. Wir wollen nicht scheitern und müssen am Ende immer scheitern - und nur die Dummen und die Ironischen unter uns wollen sich damit nicht abfinden. Wer nicht scheitern will, ist nicht ehrlich. Man belügt sich und die Welt auf Kosten seines besser- wisserischen Körpers, in dem der unzerstörbare Wille zur Erschöpfung, zum Ausbrennen, zum Leerdrehen steckt, er will sich am Ende seiner Fähigkeiten aus der Welt abspalten, damit er für sich sterben kann, allein und ohne all die verkrampften, verkrampfenden Worte, die die Gesellschaft ausgeheckt hat, um ihre dürftigen Spiele mit dem Körper des Einzelnen zu treiben. Es ist gar kein stabiles, soziales Miteinander denkbar, in dem die Kreisbewegung nicht tragendes Prinzip wäre. Miteinander auskommen ist immer ein Sich-im-Kreis-bewegen. Jede andere Bewegung würde den Zusammenhalt vereiteln.

So überfordern wir uns jeden Tag ein bisschen mehr im Kreis, die Grenze unseres Selbst erscheint schmiedeisern und wir erklären uns bereit - ohne genau zu wissen warum bzw. ohne die Warums hinter den vorläufigen, provisorischen Darums zu erahnen - unser Ich als die Summe unserer Unmöglichkeiten zu definieren; und so hält sich die fiktionale Würde zusammen, die unser fiktionales Ich zusammenhält, das uns bei fiktionalem Verstand halten will. Unsere Möglichkeiten sind die Schrauben, die unsere Unmöglichkeitsmaschine Körper zusammenhält. - Alles was wir können, ist die Voraussetzung für das, was wir nicht können. Wir können atmen, und deshalb ist unser Körper in der Lage, zu scheitern. All unsere Organe versetzen uns die Lage, uns zu erschöpfen. Wenn wir nicht erschöpft sind, sind wir nicht bei uns, sind wir nicht einmal in der Welt, sind wir nur blasse Schatten, die unser Kern in die Welt wirft. - Das einzige, was meine Menschenliebe rechtfertigt, ist die Fähigkeit des Menschen, immer und immer wieder erschöpft und verzweifelt sein zu wollen. Schweigend schreien

Es ist so erregend zu erleben, wie unsere Mitmenschen schreien, egal ob sie damit etwas bestimmtes erreichen wollen (Verteidigung einer Sache, Einschüchterung, ...) oder einfach aus Verzweiflung schreien, ohne an das zu denken, was nach dem Schrei kommt. Und am schönsten ist der Mensch, wenn er vor lauter Verzweiflung gar nicht mehr schreien kann, wenn ihm der Schrei als völlig unzureichend, völlig absurd erscheint, wenn sein Leid so unendlich mal größer ist, als das ihm auch der lauteste, langanhaltendste Schrei der Welt entsprechen könnte. In der höchsten Qual wandelt sich das Bedürfnis zu Schreien in ein tiefes, unmenschliches, göttliches Schweigen und man darf nicht hoffen, dass darin ein teuflisches, infantiles, irrationales, ekstatisches Lachen erblühen wird. ----- Manche Menschen haben als Kind nie gelernt richtig zu schreien, sie waren still und gedrückt und

jämmerlich tollpatschig in sämtlichen Gefühls-angelegenheiten. Ein tiefes, grauenerfülltes Schreien ist Grundlage jeder emotionalen Äußerung des Menschen. Und immer wenn Menschen, denen ein solches Schreien nicht möglich war, laut wurden, ob aus Wut oder Verzweiflung, fühlten sie sich widerlich, weil unaufrichtig - so als wären sie dazu bestimmt, für immer zu schweigen, und so ist es ihnen nie vergönnt, sich schreiend zu erleichtern, so sind sie dazu verdammt, alles was normale Menschen mit einem schmerzhaft befreienden Schreien erleiden, mit einem noch viel schmerzhafteren, allesfressenden Schweigen hinzunehmen - und je mehr sie den Schrecken ihres Daseins schweigend standhalten, desto kräftiger, tiefer, unverwüstlicher wird ihr Schweigen und bald ist ihnen alles zum Schweigen und der Bordstein ver-heißungsvoller als das Abendrot. Das Fleisch vorm Spiegel

Ich sehe mich in einem großen Handspiegel an. Die Augen sind kalt und dumm und gieren nach irgendetwas, meine Haare sind lang und fettig, ein lumpiger Kinderschänder, speckig, lieblos, die Haut ist porig und schmierig und fleckig, ich sehe aus als fresse ich den ganzen Tag Fast Food. Ich halte den Spiegel parallel zum Boden und schaue von oben drauf. Meine Backen drücken sich zu den Augen hoch, jetzt bin ich noch viel fetter, es sieht aus als würde ich grinsen, das Licht kommt jetzt von der Seite und meine bösen Wangenknochen kommen zur Geltung, ich habe so ein riesiges, kantiges Gesicht, irgendeine Sperre ist da drin, als wäre mein ganzer Kopf fleischgewordenes Prinzip Unterdrückung. Ich sehe so hölzern, so pervers, so unfreiwillig komisch aus, so heruntergekommen, so müde, gleichgültig, wie ein alter Mann, der darunter leidet, süßen, sauberen Jungs nicht in ihre gesunden Ärsche ficken zu können, als wäre ich beleidigt, dass mich niemand liebt, dass niemand mit mir leben will, dass ich niemanden beeinflussen kann. Ich stelle mir vor, dass mich alle, mit denen ich bisher geschlafen habe, mit diesem Gesicht gesehen haben und der infernalische Ekel vor mir schaudert durch den ganzen Körper und sammelt sich in meinem Schwanz und ich will den Spiegel an der Wand zerschlagen, aber die schadenfrohe Macht in mir, die für mein Gesicht verantwortlich ist, hält mich zurück und der Schmerz wird immer stärker und ich leg den Spiegel brav in den Schrank zurück und geh in mein Zimmer und höre mir das Adagio aus Mahlers Neunten an und schneide mir die Haare kurz und nehme mir vor, die nächsten Tage nichts zu essen. Ich habe ein triefendes, schwarzes Loch in meinem Bauch, es kitzelt mich und ein trockenes, idiotisches Lachen drückt sich Stück für Stück aus meinem Hals heraus, das das Loch in meinem Bauch immer größer werden lässt.

Manchmal gelangt eine Verzweiflung, die wir erleiden, in unsere Genitalien und wir werden sexuell erregt. Wir wissen nicht, wie wir uns ertragen sollen, finden uns krank, hässlich, schwach, erbärmlich, leiden darunter dass wir nicht den letzten Mut aufbringen können, mit allem, mit ALLEM Schluss zu machen, warum noch weiter? Warum? - und huch, es kribbelt in unseren Genitalien und irgendeine Flüssigkeit will herausfließen. Wir haben kein Geld und wissen nicht, wie wir die Miete bezahlen sollen, wir fürchten den Zusammenbruch unserer bürgerlichen Existenz, und es krabbelt zwischen unseren Beinen und unser Unterleib will zerfließen. Wir haben Freunde oder Geliebte verletzt, wir stehen alleine da, wir haben Fehler gemacht und können sie nicht mehr ausbessern, vielleicht hat nie jemand wirklich zu uns gehalten, vielleicht sind wir nur leicht ersetzbare Dekoration im Leben unserer Lieblingsmenschen gewesen, wir wissen nicht, wem wir vertrauen können, wir fühlen uns von jedem bedroht, und unser Becken zuckt, wir spüren dass unsere Geschlechtsteile auf ihre Kosten kommen wollen, wir wollen unser Ich, unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auflösen mit heißem, animalischem, dreckigem Sex. Wir sind am Ende, und wir sind geil. - In unserem Kopf ist eine rote, saftige Blume, die sich ernährt von dem, was da zwischen unseren Beinen kribbelt und krabbelt. Unsere Genitalien und unser Kopf sind zwei Pole, verbunden mit einer kräftigen, pulsierenden Ader. Manchmal scheint es, dass diese Ader für unser Ich-Gefühl verantwortlich ist. Die Unfähigkeit zu morden