Niemand II

Depersonalisation: wenn man permanent Dinge sagt, mit denen man sich nicht identifizieren kann, weil es scheinbar nichts gibt, womit man sich identifizieren kann; wenn man permanent Dinge tut, mit denen man eigentlich nichts anfangen kann, weil sie nichts mit einem selbst zu tun haben können, da man gar kein Selbst hat, aber man die Dinge tun muss, weil man nicht nichts tun kann; wenn man permanent jemand ist, der man nicht sein will, weil man gar keinen festen Willen in sich spürt, irgendetwas zu wollen und wenn, dann hat man sich für den Willen nicht entschieden, und so erscheint alles, was man denkt und tut und darstellt, als nicht gewollt. - Der Trieb sich ins Zimmer einzuschließen und Peter Brötzmann laut aufzudrehen und zu warten, bis die Polizei kommt und die Tür aufbricht. - Permanentes, animalisches Gebrüll „Ich bin nicht das da! Ich bin nicht das da! Ihr versteht mich nicht, ihr verdammten Faschisten! Ich verstehe meinen eigenen Seelenfaschismus nicht!“

Alles was man sagt, ist bewusst oder unbewusst ironisch gemeint.

Das einzig Wahre ist die Idee, dass du nicht der bist, der du bist, weil du nicht das tust, was du tun willst, weil du auch immer Gegensätzliches will, immer auch Unmögliches willst und ein Wille niemals eine Handlung oder einen Gedanken oder ein Gefühl verursachen kann. Die Distanz, die Lächerlichkeit, die Unfähigkeit die Wurzel zu packen. Der Körper ist das stärkste Argument. Die Philosophie des Körpers: wachsen und sterben. Lust.

Solltest du dein Verhalten ändern oder solltest du wie bisher fortfahren? Diese Grundfrage entschleunigt meinen Koffeinrausch und sorgt dafür, dass ich mir keine Fleischwunden beim Durchstolpern des Treppenhauses zuziehe. - Wenn du dein Verhalten ändern willst, um auf die richtige Seite, auf meine Seite zu gelangen, musst du dich nur vergewissern, dass es kein festes Ich gibt. Wer in dir will Herr über deine Eigenschaften werden?

Wenn man sich in einer schäbigen Garage verliert, ist man jemand Anderes als auf einer warmen Blumenwiese. Weil es kein festes Ich gibt, kann man nur authentisch sein, wenn man sich voll und ganz mit der Umwelt identifizieren kann. Wer ist das in mir, der sich mit etwas identifiziert? Die Suche nach dem wahren Selbst ist im Grunde nur die Suche nach einem optimalen Apartment, wo man arbeiten und dösen und lieben und scheitern kann wie man will. Wer ist das in mir, der arbeitet und döst und liebt und scheitert? Ein Phantasieprodukt. Ein Gedanke. Die Vorstellung, wie Andere mich sehen könnten. Diese Vorstellung ist schwer zurückzuweisen. Das Bild, das wir von uns selber haben, ist bestimmt von dem Bild, das die Anderen unterstellen von uns zu haben. Wir haben keine unabhängige Meinung von uns. Eigentlich gibt es uns in der ersten Person gar

nicht, nur in der dritten Person, als die Andere uns wahrnehmen und festlegen. Die Welt kommt von außen, die Wahrnehmung scheint innen stattzufinden, aber die Wahrnehmung nimmt sich selbst wahr, das Gehirn weiß, dass es existiert und behauptet ein Ich, das scheinbar im Körper die Außenwelt wahrnimmt und darauf reagieren muss, dieses Ich ist aber selbst nur Außenwelt, alles ist Außenwelt, denn es gibt keine Innenwelt. Es gibt keine immergleiche, verantwortliche, autarke, unteilbare Instanz hier...

Das Ich ist nur ein Pappkamerad, ein Sündenbock; das Schattenkabinett der Triebe hat das Ich als Alibi aufgestellt. Man kann es nicht in ein grelles Licht ziehen und beschreiben und berechnen. Die Leute haben es nötig, dich zu beschreiben, zu typisieren - das heißt: bestimmte Eigenschaften hervorzuheben und andere (nicht erkennbare oder als irrelevant abgestempelte) zu vernachlässigen. Jede Beschreibung, jedes Urteil ist deshalb eine Vergröberung - aber man muss dieser Beschreibung und Beurteilung vertrauen, da man sonst nichts hat, dem man vertrauen könnte. Doch gerade das Unbeschriebene, das Verborgene an einer Person, das Kleine, Unscheinbare kann das Entscheidendste sein. Dies einzusehen schützt vor Idealismus und Enttäuschung und ist nicht nur für unsere Mitmenschen, sondern auch und zu allererst für uns selbst von außerordentlicher Bedeutung. Man nimmt schließlich nur jene Gedanken als die eigenen (und gewollten) wahr, die dem gewohnten Charakter entsprechen. Allein die Gewöhnung an die eigenen Gedanken und natürlich die Angst, sich zu „verlieren“, machen es anderen, „neuen“ (es sind eigentlich nur die zur Zeit schwächeren) Gedanken schwer, sich durchzusetzen (- was aber überhaupt nichts über ihre eigentliche Kraft und ihren Wert aussagt).

Ich behaupte, dass man eine Sache erst richtig erfahren hat, wenn man sie übertrieben hat und in meinen Augen drehen sich die roten, hypnotischen Spiralen meiner Überzeugungskraft: "Deine Belastungsgrenzen definieren, wer du bist, nicht dein Land, nicht deine Eltern, nicht dein Beruf." - Seit Monaten werde ich von einer sichtbar geistig behinderten Frau verfolgt, erst war ich sicher, dass es nur ein Zufall war, mittlerweile glaub ich nicht mehr so dran. Sollte ich das ernster nehmen? Heute hat sie mich am Gemüseregal angesprochen: "Alle Menschen sind ein einziger Gott, der sich verirrt hat." Ich musste sofort lachen, weil ich die letzten Tage davon geträumt habe, dass wir alle der selbe Mensch in einem anderen Körper mit einer anderen Geschichte an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit sind. "Wenn ich mich jetzt noch erinnern könnte, was Gegenwart ist", mauschelte sie.

Die Vergangenheit ist nur noch Erinnerung, die Zukunft reine Spekulation, die Gegenwart dazwischen ist der fiktive Handlungsraum unseres fiktiven Ichs: indem wir die Gegenwart als nicht-existent begreifen, befreien wir uns von der Illusion eines stabilen Selbst. Im Wissen um bestimmte Ereignisse der Vergangenheit und auf eine bestimmte Zukunft hoffend fingieren wir ein Jetzt, mit dem wir uns direkt in Beziehung setzen. Wenn man aufhört, gegenwärtig zu sein, indem man sich

bewusst macht, dass man sich immer nur erinnert und nicht wissen kann, was passieren wird, hört man auf, verantwortlich für seine Gedanken zu sein und plötzlich fühlt es sich völlig belanglos an, am Leben zu sein, so als sei das eigene Bewusstsein nur ein dummer Scherz der Materie mit sich selbst. Was hat mein Bewusstsein für einen Nutzen, wenn ich keinen Nutzen in der Welt habe? Warum sollte ich am Leben bleiben? Nur um ein paar Eksatsen zu wiederholen? Mein Serotonin-System ist, was mich nicht sterben lassen will: der Sinn des Lebens ist eine Frage nach dem richtigen Serotonin-Spiegel. Wir wollen am Leben bleiben, weil unser Gehirn am Leben bleiben will. Langeweile und Agressionen und Depressionen sind Folge eines schlechten Serotonin-Spiegels. Tut was immer dir auch hilft, deinen Serotonin-Spiegel oben zu halten!

Das Ich ist nur eine Zuckung, die wir bekommen, wenn wir darüber nachdenken, warum wir uns so und nicht anders verhalten. Ich starre eine halbe Minute auf meinen Daumennagel, ohne irgendeinen Gedanken, völlige, zeitlose Leere, "die absolute Erleuchtung", sprach der dicke Buddha und fasst mir an den Atheismus.

Der Gedanke, dass du nicht verrückt werden kannst, weil es dich gar nicht gibt, ist ein Schraubenzieher, auf den du nicht verzichten solltest, wenn du dich darüber ärgerst, dass die Leute im Kleinen Venedig so viel Lärm und Schmutz machen.

Lass dich nie beurteilen von Leuten, die mit ihrem Leben unzufrieden sind oder die noch stolz sind auf das, was sie alles erduldet haben.

Du musst akzeptieren, dass es nur Wahrnehmung gibt und kein festes Du, es gibt deshalb auch keinen Platz für dich in dieser Stadt, in der jeder etwas werden kann. Ich habe mich daran gewöhnt, "ich" zu sagen, womit ich eigentlich eine seltsame Konfrontation von Bewusstsein und Welt meine. Alle Gedanken und Gefühle und Träume und Worte sind ja nichts als Produkte, vielleicht unwesentliche Nebenprodukte von Körperfunktionen, die an den Strippen der Außenwelt hängen: meine Sinne funktionieren gut, ich nehme die Welt wahr und ich spüre, wie die Welt meinen Körper zu gewissen Dingen zwingt, wie alles was ich sehe und weiß und begehre, mich zu bestimmten Gedanken zwingt. Ich bin ein lausiger, aber lässiger Schauspieler, der versucht zu vergessen, dass er schauspielert, während sein Körper ihn am Nasenring seines Jetztbewusstseins durch die Gegend schleift.

Als Produkt meiner Organe, als Klumpen Möglichkeiten im Thüringer Spülbecken, brauche ich noch eine Hülle - und einen Kern. Die Leere, die mein Selbstwertgefühl hinterlassen wird, um mich auf den Boden der Tatsachen zu drücken, erinnert mich an meinen fetten, alkoholkranken Stiefvater, der sich jeden Abend Naturfilme anschaut oder Rock'n'Roll hört.

Jeder Mensch wird an einem gewissen Punkt zu einem Amokläufer, man kann die Persönlichkeit eines Menschen beinahe mit dem Punkt definieren, ab dem er Amok laufen muss. Indem ich mich mit dem konfrontiere, was nicht zu mir gehört, finde ich am ehesten zu einem stabilen, glaubwürdigen Selbstgefühl.

Die Scham darüber, meinen Ekel vor meinen lieblosen Eltern zu unterdrücken, entfernt mich von der Menschheit. Es ist ja eine sehr menschliche Eigenschaft, etwas Rationales mit etwas Irrationalem bekämpfen zu wollen. Oft ist mein Gesicht so arrogant, kalt und dumm. - Etwas in mir verlangt, dass ich mich bei meiner Mutter dafür entschuldige, dass ich und nicht jemand Anderes aus ihr herausgekommen ist. Etwas in mir hat ein entsetzliches Gefühl von Schuld entzündet und etwas Anderes in mir setzt das Wort Schuld in Anführungsstriche und bald werden noch die Anführungsstriche in Anführungsstriche gesetzt und immer so weiter - bis aus all den Anführungsstrichen ein Tumor entsteht. Zum Hohn klettere ich anschließend auf deine Gorilla-Schultern und du musst mich nach Hause tragen. Die Erektion, die ich dabei bekomme, läutet den Frühling in der Stadt ein und du wirst zum Ehrenbürger ernannt, lieber Leser.

Ich sitze auf einer Parkbank und starre in den kalten, sterilen Abendhimmel und für einen Augenblick scheint es mir, dass dieser Himmel mein Leben ist, für diesen Augenblick habe ich keinen Körper mehr, keine Eigenschaften außer dieses kalte, glatte, regungslose, zweifellose, ätherische, langsam immer schwächer werdende Leuchten. Doch sogleich rumpelt meine Erinnerung wie schwere Wackersteine in den Grund des Himmels, das Fallen bürdet mir mein Ich-Bewusstsein auf, ich bemerke dass ich nicht mehr auf der Bank sitze, sondern meinem Bewusstsein hinterherstürze und währenddessen erzeugt meine Unfähigkeit mir vorzustellen, dass ich irgendwo landen werde, einen Widerstand und ich werde langsamer und langsamer, bis ich mich genau erinnern kann, was mir meine Mutter vor ein paar Jahren über ihre Kindheit erzählt hat. Meine Mutter war ein Unfall ihrer Mutter und einem Mann über den niemals geredet wurde. Sie war ein lautes, hilfloses Kind, das sich um den Dreck ihrer älteren Geschwister und ihres alkoholkranken Stiefvaters kümmern musste. Sie wollte immer Sängerin werden auf einem großen Schiff, doch ihre kalte Mutter hat es ihr verboten. Nur die Mutter ihrer Mutter hatte große Liebe für sie übrig. Sie gab ihr Kraft und Wärme und Geborgenheit. An ihrem 18. Geburtstag ist sie dann gestorben. Das ist der erste große Bruch in meinem Leben, den ich ausmachen kann - auch wenn er noch vor meiner Geburt liegt. Die Verbitterung und Kälte, die ihre Eheversuche gekostet haben, zahle ich heute noch täglich ab.