Aufforderungen zum Sturz

Wenn wir nur noch an einer Sache hängen, werten wir die Sache mit Inbrunst auf, damit unser Festklammern nicht so lächerlich wirkt. ("Es ist meine Bestimmung, Schriftsteller zu werden! Es ist meine Bestimmung, mich hier in ein Tier zu verwandeln!", und so weiter...) Billiger Kaffee, warm und bitter, leuchtet mir den Weg durch die Nacht, wie eine Kalaschnikow mit angeschraubter Lampe. Meine kaltblütige Liebe krampft alle Poesie in den Widerstand gegen die Möglichkeit. Zerrissene Gefühle definieren die Kluft zwischen Abstumpfung und Besessenheit. Hysterische Ambivalenz. Aufschlussreiches Zyankali, erlösende Peitschenhiebe.

Ich hasse es, wenn man mit dem Finger auf mich zeigt. Wenn man mich findet. Wenn man mir sagt, was ich bin. Alles, was feststeht, bedrckt.

Das Glück, geboren worden zu sein, erfüllt mich mit einer Scham, die kein Gott mir nehmen könnte.

Gefangen in meiner Materie verfüge ich nur über den Sinnestaumel oder das Nichts, sonst ist alles durchgekaut.

So wie ein Kind in der Nase bohrt und einen Popel isst, so verschwende ich mein Leben: der gleiche Eifer, die gleiche Neugier, der gleiche Gesichtsausdruck.

Der Gedanke, mein Leben einer höheren Idee zu widmen, kommt mir genau so absurd vor wie der Gedanke, meine sterblichen Überreste dem Bundespräsidenten zu vermachen.

Jeder Mut ist Anmaßung.

Mein Bewusstsein beschränkt sich einzig auf die Tatsache, dass ich nicht schlafe, dass ich jetzt gerade wach bin, dass ich ein Teil dieser Stadt bin und einfach nur wach bin. Ich bin zu wach, um mehr bekennen zu können. Ich habe Wäsche gewaschen und Schönberg gehört, aber das ist weit weg, es hat nichts mehr mit mir zu tun, nichts was ich jemals getan habe, hat einen Einfluss auf mein gegenwärtiges Ich. Ich bin einfach nur wach.

Ich habe vor einigen Jahren meinen roten Faden verloren. Wenn ihn jemand wiederfindet, kann ich nur noch versuchen, mich damit zu strangulieren und falls du mich aufhalten solltest, würde ich dich nur hilflos anstarren.

Da ist ein Loch in meinem Leben. Es dehnt sich langsam in meinem ganzen Körper aus. Es will mein ganzes Leben ausfüllen. Ich weiß wirklich nicht, was mit mir nicht stimmt. Jeden Tag verliere ich mehr von mir. Auf der Suche nach Substanz stürze ich immer tiefer. Nichts steht in Verbindung mit mir. Und es steht nicht fest, wie ich sterben werde. Diese Gewissheit baumelt wie ein Damokles-Schwer über meiner Unausgeglichenheit arabica. Meine Augen starren Phantasie und Wirklichkeit durchbohrend ins Nichts.

Die Zeit und ich zerdrücken uns gegenseitig die Kehle. Keinem Gedanken glauben wollend das Gehirn vergiften. Die Kälte meiner Füße ist das Zentrum der Welt. Anstatt ich das Haus anzünde, wackel ich auf meinem unbequemen Stuhl sachte hin und her. Ich kann nicht mehr aufhören: ich bin ans Ende der Zeit gekettet.

Ein Lüstling und ein Wüstling sitzen hinter meinem Gesicht, auf einem Pilz, der surrend und immer süßer werdend meinen Körper in immer höher werdenden Dosen mit Anhedonie versorgt.

Ich verachte die Menschen dafür, dass sie genau so wenig Lust zu sterben haben wie ich. Ich teile mein Bett nur mit Leuten, die nicht sonderlich am Leben hängen.

Alles dreht sich um mich, mein Elend ist das Maß aller Dinge. (So kommt man nur weiter, wenn man Freunde hat, die genau so pervers sind wie man selbst. Wenn ihr mich kennen würdet, wärt ihr vielleicht froh, dass ich so wenig Zuspruch von meinem sozialen Umfeld bekomme.)

Ich habe Freunde, die derart berechtigt verzweifelt sind, dass ich ihnen niemals Sprüche wie "Schau nach vorn" oder "Glaub an dich" um die Ohren hauen würde; viel eher würde ich ihnen sagen: "Schau bloß nicht nach vorn!" oder "Glaub bloß nicht an dich!".

Manisch-müde werden wir über die letzte Hoffnung triumphieren.