* Grauer Abendmatsch, meine Einsamkeit hat jede Ecke der Wohnung besetzt, ein nerviger Schmerz pulsiert hinter meinem linken Auge, ich mach mir einen starken Mate-Tee und möchte verschwinden. Ich habe Lust, meinen Kopfschmerz in alle Gegenstände zu bohren, in alle Menschen die an meinem Haus vorbeigehen. Ich atme tief ein und tief aus und verliere jede Hoffnung, dass mich irgendjemand hier findet, während mein Herz in meinen Körper sägt und mich verwandeln will wie der Frühling die Bäume und er wird es niemals schaffen.
Die Erschöpfung nach vier durchwachten Tagen und Nächten lässt keine Überzeugung, keine Würde, kein Freiheitsgefühl zu. Es ist mir egal, ob die Neurologie oder die Theologie Recht hat. Wenn du am Rand deiner körperlichen und damit geistigen Fähigkeiten gelangt bist, ist es absolut egal, ob es Gott gibt oder nicht. Diese Absolutheit, mit der das Egal jede Haltung annulliert, ist der Stein des Weisen, auf dem man kaut, wenn man so weit wie noch nie von einem erholsamen Schlaf entfernt ist. Es ist absolut egal, auf welchem Weg du bist, denn alle Wege gehen in die falsche Richtung. Da es immer nur darauf ankommt, welche Musik und welches Gesicht man auflegt, aber du dir weder das eine noch das andere mehr leisten kannst, stehst du außerhalb von allem, dort wo es nichts mehr zu holen gibt, ein ungeheuer angespannter Urzustand, aus dem heraus du alles tun kannst, wozu du sonst nie den Mut gehabt hättest. Fühle die Freiheit, die dir in dein Herz sticht! Suhle dich darin, schau nicht zurück! Niemand weiß, wer du bist. Niemand weiß, wer du bist...
Grenzt es an ein Wunder, dass sich die Natur nach jedem Winter erneut nach draußen traut? Ich spüre, wie die blühenden Bäume und Blumen mich trösten wollen: "Wir brauchen unser Leben so wenig rechtfertigen wie du! Wachse und blühe und verblühe wie wir." Die böse Ironie in ihren Worten demütigt mich, sie wissen, dass Ihre Moral vom Vertrauen in die eigenen Säfte, die schön sind und sinnvoll zum Großen und Ganzen gehören, sich nicht verträgt mit meinem Körper. Ich stecke in einem kalten, müden Menschenkörper. Und ich lege mich nicht ins Gras, ich klettere nicht auf einen Baum, ich springe nicht in den See, ich umarme keinen Menschen. Ich weiß, dass nichts und niemand die Nähe ersetzen kann, die ich brauche, für die mein Körper aber nicht ausgelegt ist. Alles was ich je geschrieben habe, hilft mir die Reue zu verwalten, die mich packt wenn ich daran denke, was für ein feiger, verklemmter, fauler, kleinlauter, inkonsequenter Teenager ich gewesen bin. Die Müdigkeit saugt meine Konzentrationsfähigkeit auf, eine gähnende, sich gegen die Formlosigkeit meines Schweigens aufbäumende Masse an Gedanken findet keinen Kanal. Nur die Erinnerung an Musik unterscheidet mich von der Peinlichkeit meines Atmens. Mein Herz ist so weich, dass ich glaube, an einem dramatischen Wendepunkt zu stehen. Unerwiderte Liebe macht maßlos.
Ich möchte nicht schlafen, ich möchte wirklich nicht schlafen. Dass ich nicht schlafen möchte, ist das Ruhekissen, auf dem mein Ichgefühl klein und schwach wird. Es ist nicht schwierig, loszulassen, wenn man sich im Kreis dreht und sich immer tiefer in den Boden der Irrelevanz bohrt. Wenn ich jemanden ins Gesicht beißen könnte, würde ich endlich an Charisma gewinnen, auf dessen Rücken ich zahlreiche Literaturpreise frühstücken könnte, aber noch hab ich es nichtmal hinbekommen, die Küche zu schrubben. Die Erinnerung an das angewiderte, dumme Gesicht meiner Mutter, wenn sie wegen einer Kleinigkeit enttäuscht ist, hat das Licht für einen Moment flackern lassen und ich stell mir vor, wie ich in siebzig Jahren auf meinem Sterbebett die Decke anstarre, so gut wie alles bereuend, am heftigsten die Unfähigkeit, etwas Sinnvolles mit meiner Lebenslust angefangen zu haben, enttäuscht, gelangweilt und unfähig mich zu töten.