EUPHORIE MACHT ALLES PLATT

Der beste Rausch ist, wenn man beobachtet, wie man - gleich einem gleichgültigen Astronauten, der ins endlose Weltall stürzt - sich langsam von allen Worten entfernt und vom Vakuum der Sprachlosigkeit angesaugt wird - und nur der pochende, glühende Wahnsinn, den der Rausch simuliert, hält einen am Leben - gleich dem Weltraumanzug, der den Astronauten umhüllt. - Das Herz schreit, doch wer kann es hören?! - Mein Papa ist im Wohnzimmer und näht die Fotze meiner Mutter zu, auch wenn alle Welt weiß, dass die Missgeburt in ihrem Leib schon längst Krallen entwickelt hat. Euphorie macht_ alles platt, - sich selbst sogar. . Euphorie ist gefräßig.. Nichts von ihr rauslassen könnend, nur die Musik agieren lassen könnend reduziere ich all mein Potential auf die Fußnote von einer Fußnote einer Fußnote in einem Buch über das Leben mit Hartz4. . Zitternd nicht zusammenbrechen könnend lass ich mein Herz grunzen & grunzen ..Die kalte, trockne, tote Stadt drückt sich ans Haus, die Musik droht weich und dunkel lächelnd mit dem Ende aller Gehirnaktivitäten und ich weiß, es geht immer weiter und weiter . . der Tag beginnt bald - die Menschen strömen besessen von Fleisch und Sex in ihren Kreisverkehr, und das Faultier im Straßengraben, seine scharfen Krallen ableckend, das grau-grüne Zottelhaar in der aufgehenden Sonne - im Himmel flackern bunte Radiowellen und ich werde heut besonders alt. ich bin froh dass das Morgenlicht nicht durch meine dunklen Gardinen dringen kann. ich würde gern die Zeit zerbrechen wie eine gläserne Obstschale, die meine Mutter von ihrer geliebten Oma geschenkt bekommen hat, mich ritzen und mit meinem Blut geometrische Figuren auf die Tapete drucken - ein Mensch der nicht schlafen kann, schämt sich weniger, Spuren

zu hinterlassen. Die Nacht ist so einsam, meine Energie will sich anderen Menschen zur Verfügung stellen, aber alles schläft, ich will einen Baum ausreißen, nur um mich damit zu erschlagen, die roten Augen des Faultiers blinzeln. Zum Glück muss ich jetzt nicht pissen, sonst würde ich mir aus düstrer Lebensfreunde in die Hose machen. Ich stecke ganz tief irgendwo drin und da will ich bleiben. Ich liebe Knoblauch, rote Weintrauben und grüner Tee. - Eines Tages mache ich Ernst, einen großen, schwarzen, tiefen Ernst. - Hätte ich nicht Angst vor dem Schmerz, würde ich mir gern den linken kleinen Finger abhacken. - Ich höre gerade die letzten beiden Aufnahmen meines Diktiergeräts an, auf denen ich schreie so laut und selbstlos es geht - das war heute Nacht auf einem Feld, einen Kilometer vor meiner Haustür. Zu viel Melodie, Kinderseele, Ironie steckt noch in meinem Schreien. Ich muss ein Schreien finden, dass ich unmöglich als „mein“ Schreien bezeichnen würde - eher will ich sagen können „ein Schreien aus mir, ohne mich“, bis es ein Schreien gegen mich wird. Es hängt eine ganz neue, frische, agile Persönlichkeit an meinem bestmöglichen Schrei.

Ich laufe mit meinem Diktiergerät Schritt für Schritt für Schritt durch die Wohnung, Schritt für Schritt durch den Flur, Schritt für Schritt durch die Küche, Schritt für Schritt durch den Flur zurück ins Wohnzimmer, den ich gern Salon nenne, weil er absolut nichts hat, was diese Bezeichnung verdient. Offene Fenster lassen die Regenluft herein. Es ist 6:47 Uhr und ich überlege, ob ich mir noch einen Kaffee mache. Die Katze des Nachbarn miauzt unter meinem Balkon, wäre sie ein Loch, durch das das Koffein rieseln könnte, das ich zu viel im Blut habe, würde ich die Katze bejahen, aber auch nur, weil sie dann eben ein Loch wäre, das mir das Koffein wegnimmt und in zwei Minuten ist es um Sieben und ich weiß immer noch nicht, was ich machen soll. Die Menschen kriechen draußen in ihre Autos, um schnell und sicher zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen. Ich bin noch ohne Funktion, muss mir erst eine rauben vielleicht oder es geht ohne. Im Grunde ist es egal, ob man im Garten sitzt und Tee trinkt oder im Altenheim arbeitet oder auf einer Baustelle oder in einem OP oder im Parlament oder auf einer großen Bühne oder ob man versucht, das System zu stürzen oder einfach nur in der Wohnung auf knarrenden Dielen auf und ab geht. Alle Leben haben gleich begonnen und werden gleich enden. Auf dem Küchenboden sehe ich einen toten Falter. Vielleicht muss ich mich erst ein bisschen aushungern, um Mut zu fassen, mehr zu tun als die ganze Nacht in der Wohnung auf und ab zu gehen. Es ist 7:18 und ich weiß immer noch nicht, ob ich Kaffee trinken soll oder nicht. Ich habe Lust auf die Euphorie, die Manie, die das Koffein in mir erzeugt, befürchte aber, dass ich dann nur darunter leide, aus der Euphorie nicht entsprechende Taten kneten zu können, sondern einfach nur überdreht, unkonzentriert und hypersensibel bin - und besessen von kleinen, bösartigen Ideen wie gestern: auf dem Spinnennetz, das zwei Kreuzspinnen draußen auf dem Balkon benutzen, um Nahrung zu fangen, liegt ein getrocknetes Blatt und droht, wegzufliegen und ich frage mich, ob ich das Blatt

runternehmen soll oder nicht. Ich bin unfähig, mich zu entscheiden, und diese Unfähigkeit will mich extrem nervös machen. Dieses kleine Blatt kann mich wahnsinnig machen, weil ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll. Ich kann mir zwei Szenarien vorstellen: ich nehm es weg, ich nehm es nicht weg. Egal was ich tun würde, zu welcher Einseitigkeit ich mich herablassen würde, ich würde bereuen, das Gegenteil unterlassen zu haben. Der Gedanke an Friede, Freunde, Harmonie ist ein leerer Kühlschrank. Ich könnte jetzt staubsaugen, aber glaube ich bin doch zu müde. Entweder eine Wohnung muss total aufgeräumt oder total heruntergekommen sein, die Mitte dazwischen ist frustrierend wie ein Knick in der Gardine. Die Tatsache, dass die Welt halbwegs geordnet ist, will die Menschen nicht einschlafen lassen. Alles ist mit sich widersprechenden Bedeutungen aufgeladen, es gibt keine Entscheidung, die sich von selbst versteht. Ich schau mir eine Reportage über eine Kindsentführung an und sehe, wie der Vater eine Pressekonferenz gibt und heult und ich flüstere: "Wenn ihr euren Sohn vermisst, fickt euch doch einfach einen neuen zusammen." und lache, weil es so sinnlos verletzend. Es ist unmöglich, jemanden gern zu küssen, der sowas auch nur zu denken wagt. Vielleicht bestraft mich mein im stillen Kämmerchen lungerndes Gewissen mit einem Gehirntumor, an dem ich bald verblöde und später, viel zu spät verrecke. Oder ich bekomme einen Gehirntumor, weil ich den Satz eben nicht laut in der Öffentlichkeit gesagt hab, tapfer und mit einem goldenen Lachen. Die Menschen sind entsetzt und schmeißen Dinge nach mir, was mich nur noch mehr darin bestätigt, dass das echt ein guter Witz war: die besten Witze sind die, über die man nur allein lachen kann. Ich bin dazu verdammt, meine Gedanken über mich ergehen zu lassen wie die Tatsache, dass ich nächstes Jahr schon an einem inoperablen Gehirntumor gestorben sein könnte. Ich weiß nicht, was ich tun könnte, dessen Ursachen nicht meine körperlichen Zustände wären; ein paar meiner Drüsen geben euphorisierende oder sedierende Substanzen ab, damit im Gehirn nicht der Entschluss entsteht, Mord oder Selbstmord zu begehen.

Ich liege in meinem fast vollständig abgedunkelten Schlafzimmer und spüre einen leichten Schmerz, den mein übermäßiger Genuss von Nudeln mit Blattspinat bereitet. Ich habe die Augen geschlossen und kuschel mit der Bettdecke, höre, wie draußen ein Lastwagen beladen wird, wie die Vögel zwitschern, Menschen reden, die nicht wissen, dass ich gerade an sie denke, die mich vielleicht noch niemals gesehen haben und nicht wissen, dass es mich gibt, ich lieg einfach hier mit geschlossenen Augen, eine intensive Wärme geht von meinem Herzen aus in Richtung der Anderen und schiebt sie weit von mir zurück. Ich sehe die beleidige Fresse meiner Mutter, die keift: "Aber du willst doch auch, dass man dich respektiert, also musst du auch andere respektieren." Wie kann sie glauben, dass sie etwas Liebenswertes an sich hat? Ich höre ein Moped vorbeifahren und stell mir

vor, wie der Fahrer tödlich verunglückt, wie er auf der Landstraße liegt mit verdrehtem Hals, ich fahre mit der Hand über seine Lederjacke, öffne ihren Reißverschluss, berühre sein T-Shirt, spüre den warmen Körper, sein Herz schlägt nicht mehr und ich habe kein Mitleid - wie könnte man auch mit jemandem leiden, der nicht mehr leiden kann? Ich nehm ihm den Helm ab und sehe, dass sein Kopf fast abgetrennt ist, ich sehe wie das Blut auf dem Asphalt eine riesige Pfütze bildet und darin spiegelt sich die Sonne und die Vögel singen. Auch ich habe einen Körper, dem so ein Unfall passieren kann, auch ich kann literweise Blut verlieren, auch mein Kopf kann von meinem Körper abgetrennt werden. Das Gefühl hinter dem Satz scheint mein ganzes Gehirn zu tragen wie man auf einem Kissen die Krone zum König trägt und in der Gewissheit, dass ich keine Wachen brauche, da kein Mensch weiß, wo ich wohne, beginne ich einzuschlafen.