Berlin brüllt mich an, immer und immer wieder. Die Werbung hält mich für einen Idioten, die Polizisten schauen mir auf den Arsch, die Autos allein machen diese Stadt zu einer grässlich stinkenden, bösartigen Maschine, in der man für Freundlichkeit und Gemütlichkeit mehr zahlen muss als für eine Bratwurst und Dosenbier. Die einzige Utopie, die ich habe: meine Kommilitonen sterben heute Abend beim Flaschendrehen. - Ich springe freudig in die Mitternacht, wohl wissend, dass alles hier mich richtig fertig machen wird und noch viel wohler wissend, dass es mich ein bisschen erwachsener, kälter, böser - also reifer machen wird, das Fertigsein, das tollkühne Starren in die Sackgasse, die mir zusteht.
Sinnlöslichkeiten hinter mir, Sinnabstößlichkeiten noch vor mir. Meine Nichtzugehörigkeit lässt meine Schwanzspitze leuchten. Ich spüre all die Ströme unter der Haut der Leute, ich höre das Rauschen in ihren Köpfen, ich verliere mich in der Hotellobby bei Selters und der Unfähigkeit, mir meine Gedanken und meine Sprache und meine Haltung zur Welt auszusuchen.
Welche Stimme haben meine Gedanken? Wen imitieren sie? Woran orientieren sich meine automatischen Selbstgespräche?
Der Mund bewegt sich, um etwas zu konservieren, könnte der Dreck meiner Seele doch den Wein vergiften, der herumgereicht wird! Ich habe mir lang keinen Porno mehr angesehen. Zeitvertreib ist Lebensqualität.
So ein widerwärtiger Haufen Peinlichkeiten, nach außen umgekrempelte Menschenkörper in schmutziger Luft, begehren, lüsteln, witzeln, ich sitze daneben auf kaltem Boden und finde keine Worte, meine Augen drehen sich herum auf der Suche nach Tränen (die niemals retten könnten). Messerscharfe Langeweile schneidet immer mehr Seele aus den Spaßgesellschaftlern heraus. Fast wie Herr von Dingens am Felsen, immer wächst die Seele wieder nach.
Sie können noch so blöde Spiele spielen oder sexistische Scheiße labern, ich spüre etwas Seele in ihnen, ekelhaft, ich möchte etwas sagen, ich möchte etwas aufheben. Ich versuche zu schreiben, aber es gelingt mir nicht. Man hat mich, wo ich bin: Das beDÜRFnis stabile Worte zu bauen Nagt An Meinem auge wie ein süßer Giftpilz, unterflüssige Gedanken verschwommen im Druck der sich PerIodIscH ändernden lautSTAeRKe macht mich alt, alle tuscheln, niemand ahnt mich - Kermit zieht mich bei „Mensch Ärger Dich Nicht“ über den Tisch - draußen wird es hell, so viel Tage hier, in der
Ecke eines Cafés, der Kellner sieht mir den Kreig an, aus dem ich komme, er streichelt mich und ich klettere klettere ins bedeutende Ruhe, heiliges Wasser, Schlaf. * Im Wesentlichen verbrachte ich meine Zeit allein mit meinen Texten in dem Motel, und sobald einer der Boys von der Jagd zurück kam, schlenderte ich bis zum Morgengrauen durch die Stadt, als Wesen ohne Heimat und Schlaf in Beton und Phantasie verloren, eine unbändige Schreibmanie und Licht- und Geräusch- Überempfindlichkeit machte es mir unmöglich, ein sympathisches Gesicht zu machen und nur ab und an ein Nickerchen im Café oder der Bibliothek. Nein, das wird kein Dandy-Roman, ich rauche keine Pfeife, meine Armut ist nicht poetisch, meine Einsamkeit ist keine Ideologie, mein Wahn ist nicht konstruktiv, meine Depression ist nicht ausbeutbar. Ich versichere den Lesern, dass es in diesem Buch nicht um Am-phetamine geht.
Auf einer home party im ersten Semester habe ich zum ersten und zugleich letzten Mal in meinem Leben Amphetamine genommen. Es ist mir wichtig klarzustellen, dass ich weder in Berlin noch Erfurt illegale Substanzen benutzt habe. Dies ist meiner Intention nach kein cooler, ausgeflippter Road Trip; ich werde aus den Ereignissen dieser Woche in Berlin keine Geschichte, keinen Roman machen können. * So wenig ich weiß, so ungenau ich fühle, so verschwommen ich sehe, so laut muss ich schreien, so hart muss ich mein Urteil sprechen.