Die Abschlussfahrt — Schlaflosigkeit

Musik: Einstürzende Neubauten, "Das Schaben", so ätherisch, meditativ, eine riesige Lagerhalle mit Krachmelodien, die auf Benutzung warten. Ich nicke für Sekunden ein und träume ein paar Minuten und wache erschreckt wieder auf, erschreckt über meine Unfähigkeit, nicht wach zu bleiben. Langsames Vortasten des Zugzugzug im nächtlichen Nebel, verdrängte Müdigkeit schichtet sich leis hinter den Augen auf, heimliches Manöver, bald wird hier alles brennen. In ruckartiger Zeitlupe das Dunkel erhellblaut, langsam sich die Wörterrolle dichter wälzt, das schleimige Sandkissen hinter dem Gesicht und alle hier wollen alles nochmal wiederholen, was sie letzten Sommer erlebt haben. Lächerliches Erinnern, lächerliches Ansprüchehaben. Abseits der Sonne beginne ich zu sinken und es gibt kein Loch, in das ich die Hitze meiner Gier nach Zerfall drücken kann. Eine Ernsthaftigkeit überwältigt mich wie noch nie, sie macht jedes Wort verächtlich, raubt mir die Klarheit meiner Gedanken: welche Stimme haben meine Gedanken? Wen imitieren meine Selbstgespräche, was ist das für ein Bewusstseins-Automatismus, der mir so schwer in der Fresse drückt? Wem gehört meine Fresse? Berlin brüllt mich an, immer und immer wieder. Die Werbung hält mich für einen Idioten, die Polizisten schauen mir auf den Arsch, die Autos allein machen diese Stadt zu einer grässlich stinkenden, bösartigen Maschine, in der man für Freundlichkeit und Gemütlichkeit mehr zahlen muss als für eine Bratwurst und Dosenbier. Die einzige Utopie, die ich habe: meine Kommilitonen sterben heute Abend beim Flaschendrehen. - Ich springe freudig in die Mitternacht, wohl wissend, dass alles hier mich richtig fertig machen wird und noch viel wohler wissend, dass es mich ein bisschen erwachsener, kälter, böser - also reifer machen wird, das Fertigsein, das tollkühne Starren in die Sackgasse, die mir zusteht. Sinnlöslichkeiten hinter mir, Sinnabstößlichkeiten noch vor mir. Meine Nichtzugehörigkeit lässt meine Schwanzspitze leuchten. Ich spüre all die Ströme unter der Haut der Leute, ich höre das Rauschen in ihren Köpfen, ich verliere mich in der Hotellobby bei Selters und der Unfähigkeit, mir meine Gedanken und meine Sprache und meine Haltung zur Welt auszusuchen. Welche Stimme haben meine Gedanken? Wen imitieren sie? Woran orientieren sich meine automatischen Selbstgespräche? Der Mund bewegt sich, um etwas zu konservieren, könnte der Dreck meiner Seele doch den Wein vergiften, der herumgereicht wird! Ich habe mir lang keinen Porno mehr angesehen. Zeitvertreib ist Lebensqualität. So ein widerwärtiger Haufen Peinlichkeiten, nach außen umgekrempelte Menschenkörper in schmutziger Luft, begehren, lüsteln, witzeln, ich sitze daneben auf kaltem Boden und finde keine Worte, meine Augen drehen sich herum auf der Suche nach Tränen (die niemals retten könnten). Messerscharfe Langeweile schneidet immer mehr Seele aus den Spaßgesellschaftlern heraus. Fast wie Herr von Dingens am Felsen, immer wächst die Seele wieder nach. Sie können noch so blöde Spiele spielen oder sexistische Scheiße labern, ich spüre etwas Seele in ihnen, ekelhaft, ich möchte etwas sagen, ich möchte etwas aufheben. Ich versuche zu schreiben, aber es gelingt mir nicht. Man hat mich, wo ich bin: Das beDÜRFnis stabile Worte zu bauen Nagt An Meinem auge wie ein süßer Giftpilz, unterflüssige Gedanken verschwommen im Druck der sich PerIodIscH ändernden lautSTAeRKe macht mich alt, alle tuscheln, niemand ahnt mich - Kermit zieht mich bei „Mensch Ärger Dich Nicht“ über den Tisch - draußen wird es hell, so viel Tage hier, in der