Die Welt rauscht an mir vorüber und ich bin nicht wirklich dabei, meine Nerven sind immer in der Lage zu zerfleddern, ich halte mich an meinen klaren, einfachen Worten fest, bis auch sie zerfleddern. Meine Seele wird von den Worten zusammengehalten, die ich in das Rauschen der Welt brülle mit unfreiwillig ironischer Stimme, noch ein bisschen, ein kleines bisschen vielleicht nur, dann fliegt der ganze Laden auseinander. Ich wünschte die Möglichkeit, dass meine Seele zusammenstürzt, wäre eine Firma, die man anrufen kann wie einen Internetanbieter, denn dann würde ich mich be- schweren. „Also so geht es nicht!
Ich verstehe ja, dass ich nicht der Einzige bin, aber langsam reißt mir der Geduldsfaden! Ich möchte, dass Sie endlich aus dem Arsch kommen, oder ich verlange mein Geld zurück! Zur Not schleppe ich Ihren ganzen verkommenen Saftladen bis nach Karlsruhe!
Drehen Sie an der Kurbel oder ich mach es selbst!“ Ich warte zu rauschendem Krach tanzend darauf, dass ich verstehe, warum ich nicht endlich wahnsinnig werde. Ich bin noch immer das verfehlte, frostige, unnahbare, hyperweiche Kind, ich schau so, als würde ich mich hassen und als könnte ich mich nicht selbst überwinden, als wäre ich auf die Toleranz von Leuten angewiesen, mit denen ich nichts anfangen kann. Meine abertausend Müdigkeiten bilden eine Wolke, die sich vom Süd- zum Nordpol, vom Ost- zum Westpol meines Bewusstseins erstreckt.
Ich kann nur ganz einfache, banale, alltägliche Sachen ernstnehmen. Für alles andere fehlt mir das Talent, die Hoffnung. Alles ist ziemlich einfach, wenn man müde ist.
Ich habe keine genaue Ahnung, welche Texte in welcher Stadt unter welchen Bedingungen entstanden sind. Ich bin irgendwann auch schwarz mit der Bahn gefahren und meine Paranoia hat mich immer zuverlässig vor Kontrolleuren beschützt. Alles zog an mir vorbei: die Gesichter, die Worte, mein Wohnen, mein Atmen: vielleicht wäre ich wie ein transparenter Ballon in den Himmel geflogen, hätte ich mich nicht an meinen Worten festgehalten.
Was kann noch geglaubt werden? Wo ist eine Struktur? Wozu bin ich im Stande?
Wie lang kann ich wachbleiben? Wie weit kann das alles getrieben werden? Kann ich mich vielleicht komplett auflösen?
Irgendwann saß ich im Zug zurück nach Erfurt, irgendwann in der Straßenbahn Richtung Uni. Ich muss also wieder Geld haben, der April ist da. Es ist schließlich unmöglich geworden, dem Geschehen in den Seminaren zu folgen.
Ab und an fand ich kurzen Schlaf in meinem dunklen, ruhigen WG- Zimmer, aber heilsam war er nie. Berlin und Erfurt sind verschwommen zu einer unübersichtlichen Frage mit tausenden Tentakeln. Der Himmel ist ein Mikrowellengrill.
Im Unterricht versinken. Desintegriert Euch! Im Café versinken.
Des- integriert Euch! In meinen Texten versinken. Desintegriert Euch!
Tanzende, zerbrechliche Menschen. Die schöne, nicht bezweifelbare Lust, Menschen weh zu tun. Etwas anzünden.
Perverse Filme ansehen, menschenverachtende Bücher lesen, alle Grenzen der Ästhetik sprengende Musik anhören - damit sich etwas im Gehirn ändert, damit neue Gedanken und Träume und Handlungen möglich sind. Es ist alles so trist hier und ich bin nirgends allein. Zum Glück werde ich nicht schlafen können. * Die folgenden Jahre waren Jahre der Verlotterung, der Abirrung, der Zersetzung.
Unfähig, etwas zu glauben, unfähig, etwas zu hoffen, stürzte ich mit Wollust in die mitteldeutsche, ostdeutsche, lieblose Provinz des Herzens, euphorische Fassungslosigkeit, perverse Lüste, menschenverachtende Niedergeschlagenheit leuchtete mir den Weg nach unten. Zu meinem Glück gehört es, im Sommer 2014 eine Blume entdeckt zu haben, die mir geholfen hat, mein Selbst- und Weltbild zu knacken und damit auch diese banale, brutale Depression, die meinen dummen, verkommenen Eltern noch heute in der Fresse klemmt und vulgär leuchtet. Manchmal bin ich starr vor Panik, wenn ich mir vorstelle, welche nieder-trächtigen Dummheit und Boshaftigkeit ich meinen Eltern durchgehen ließ, blass will ich vor Selbsthass werden: wie konnte ich mich nur so erniedrigen lassen?