Ein gesundes Buch will in gesunder Schreibposition verfasst sein. Der leiseste Schmerz im Rücken verdüstert die Sprache. Die Jahre der Dunkelheit und Kälte waren mir reizvoll und teuer, doch der Reiz ging langsam verloren und anziehender und inspirierender erschienen mir meine Freunde und diese Wärme und Lebensfreude und Freundlichkeit, die sie verkörpern: für sie mich gerade hinsetzen, nach Rose und frischem Gras duftend, für sie bei Verstand bleiben, das ist meine schöne Aufgabe in dieser Welt. Wie schön ist ein Leben ohne sinnlose Schmerzen! Ich träume von einer runden, blumigen, zarten Welt. Freundliche Wolken, zutrauliche Vögel, erfrischende Sonnenstrahlen, samtgepolsterte Bordsteine, überempfindliche Polizisten. Eine gesunde Utopie kann nur aus einem gesunden Körper kommen: so will es der fröhliche Frühlingsimperativ, der in meiner Brust poltert. Ich möchte eine gesunde Haut und eine stabile Psyche haben, um freundliche Musik machen zu können und menschenrechtskonforme Gesetzänderungen vorschlagen zu können. Meine Worte und Musik sollen Wahrzeichen meiner Gesundheit sein, sollen meine Zufriedenheit und meinen rosigen Duft und meine frische Haut beweisen. Als wohlgeratene, tief verwurzelte, müde lächelnd strahlende Tulpe verschönere ich alles mit meiner Anwesenheit. Wenn man genug von mir in die Stadt pflanzt, verweichlicht die Garagen- Mentalität der Stadt und die Vögel trauen sich lauter dann zu singen und neue Lieder anzustimmen, die Waschbären bedienen sich selbstverständlich dann in den Mülltonnen und die Straßen verwandeln sich in bunte Gemüsebete und Obstplantagen. Eingeklemmt in einen hässlichen Job mit erniedrigender Frau und Schlafstörungen wäre ich nie in der Lage, eine schöne Welt zu denken. Man muss das, was man nötig hat, auch für möglich halten. Eine Utopie muss nicht im Schmerz geboren sein: sie kann auch aus einer umfassenden Gemütlichkeit kommen, die fragt: wie schön wäre es, könnten alle Menschen in diesem Garten
sanft zur Seite knicken und die Wolken rauschen und das Gras wachsen hören, zart verschollen in den Wonnen der Langsamkeit und Gründlichkeit, lustig verwachsen mit der Süße der Trägheit!? Es ist nicht nötig, jemanden aus dem Paradies auszuschließen: selbst der böseste Mörder wird in paradiesischen Zuständen zu einem freundlichen Engel der Lust. Jeder hat ein schönes Leben verdient. Deshalb kann sich ein gesundes Buch nur als Tonikum an alle Menschen wenden; das Lesen soll wacher, mutiger, schöner machen!
*** Da stehen ein paar Gewitter bevor. Vielleicht bin ich sogar der erste, der euch warnt. Ich spüre einige Zeit vor dem Einschlag einer Katastrophe eine Veränderung in der Luft. Unter diesen Umständen kann ich natürlich keinen Roman schreiben oder in eine Partei eintreten. Es gibt einen Schriftsteller in mir, der etwas zu erzählen hat, aber ich kenne ihn nicht, ich will ihn nicht kennen, denn ich will euch nix erzählen, nein ich will kein Erzähler sein, ein Onkel der was erfindet, das irgendwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Mich interessiert nur die Wirklichkeit, aber ich bin kein Journaist und kein Wissenschaftler. Ohne solides Selbstgefühl streuner ich zwischen den Begriffen herum auf der Suche nach Abkühlung gegen den widerlich heißen Sommer in einem kleinen kühlen Zimmer einer weniger schönen WG in einem schönen Haus an einer hässlichen Straße in der Thüringer Landeshauptstadt. Ich bin nicht für diese Hitze gemacht. Früher oder später geht es für mich ins nördliche Kanada.
Mein nordisches Temperament führt seit Jahrzehnten einen Stellungskrieg gegen meine tropischen Wollüste. Ich glaube an Liebe und Freundlichkeit und Wildheit und Lebensgenuss, aber nicht bei über 35 Grad im Schatten. Verschiedene Kulturen haben verschiedene Temperaturen nötig, und so ist es folgerichtig und völlig begrüßenswert, wenn in Jahrzehnten der Klimakatastrophen die Menschen südlicher Breitengrade nach Norden ziehen und den Äquator einfach nur noch brennen lassen. So entsteht die Hölle auf der Erde, befeuert von Jahrzehnten der Ausbeutung, Kriege, Profitgier, Konsumlust, Fleischlust, Lustlust. Wenn die Polkappen geschmolzen sind, ist der Tag des Jüngsten Gerichts gekommen. Die Menschen werden bekommen, was sie verdienen. Das ist die Frohe Botschaft auf dem Zenit des Anthropozäns.
Ich hab genug gesehen, ich kann euch nix erzählen. Schaut selbst, was passiert! Die Menschheitsgeschichte ist für alle offen, wir alle erzählen uns. - Die Konflikte einer WG sind die Konflikte zwischen Atombombenbesitzer und die Aufhitzung des Planeten. Das Fleisch, das du da grad verdaust, hat ein kleines Kind blind gemacht. Das ganze Fleisch ist verdorben! Das ist die Amtliche Botschaft, die ich den Besuchern des historischen Krämerbrückenfests zurufe! Das ganze Fleisch ist verdorben in der rohen Sonne des Nachmittags. Ihr könnt eure Gesichter verstecken, aber ich hab alles gesehen.
Ich brauch keine Gesichten erzählen, ich muss euch nicht unterhalten. Das ist das tolle an euch. Ich hoffe ihr kommt gut durch die Glut. Ich hab schon lang nichts mehr geschrieben oder musiziert, es ist schön nichts zu tun, sich um Alltagsdinge zu kümmern. Zwischen verschiedenen Städten hin und hertaumelnd, die Ambivalenz lustvoll auskostend, löst sich mein Heimat- und Selbstgefühl fast gänzlich auf, einzig an die Temperaturen und an die Liebe kann man sich noch festhalten, alles andere ist zu zweifelhaft, zweitrangig ... Und so ist es meine gute Pflicht, den Sommer wie das Herzbeben zu umarmen als meine treuen, stabilen Kumpanen in diesen aufregenden Zeiten. Warum Fiktion, wenn die Wirklichkeit alles hat und sogar interaktiv ist. Jeder hat Einfluss, einige haben ein übertrieben privilegiertes Leben, sehr viele haben nichts und sind zu Schmerz und Armut verdammt, weil jemand so will: die Menschen selbst wollen so. Der Mensch ist des Menschen schlimmster Feind, die Boshaftigkeit des Menschen ist Grundlage seiner Atemzüge. Das Böse ist die maximale Entfernung vom Guten, ein imaginärer Punkt, ein Antipode zum Guten, dem was allgemein mit Leben und Licht und Liebe und Wärme und Mitgefühl und Freundlichkeit und Wohlfahrt und Zärtlichkeit und Freude und Milde und Heiterkeit assoziiert wird. Zwischen diesen absoluten Polen spielt sich das Menschenmögliche ab und ich hab wirklich genug gesehen und kann euch nix mehr erzählen.
Meine Unproduktivität zieht lange, klebrige Fäden; die ausgetrocknete Eidechse auf dem Fensterbrett ist mein Krafttier.
Man muss fest im Sattel der Schriftstellerei oder Denkerei sitzen, wenn man ein weiteres Buch auf den unendlichen Bücher- und Gedankenmarkt werfen will. Ich sehe all die ambitionierten Künstler, die leuchten wollen und frage mich: will auch ich in diesen Kampf um Aufmerksamkeit mit einsteigen? Soll ich mir eine bühnentaugliche Persona ausdenken und einfach mal abliefern? Es gibt Erwartungen, die man erfüllen will und Erwartungen, die man nicht erfüllen will. - Ich würde mich ja schon freuen, wenn all meine Freunde in einem schönen Garten versammelt sind und wir jedem von uns gleich viel Aufmerksamkeit geben und gemütlich in der Dämmerung hängen und verstehen: das ist eine Wende, dieser Sommer ist etwas Anderes. Ein Buch richtet sich an die Unbekannten, aber das Wesentliche habe ich nur Bekannten zu sagen; in meinem Buch steht nur das, was ich meinen Freunden nicht anvertrauen muss. Ich singe über das, was übrigbleibt, wenn ich aus der Gemütlichkeit meiner engsten Kreise komme. Es ist unnötig, über die Banalität persönlicher Liebesgefühle und Hassgefühle zu schreiben. Der Künstler muss etwas schaffen, das über ihn hinausgeht, etwas woran er gewachsen ist, woran andere wachsen können. So will es die softe Dogmatik meiner Arroganz. Mein Haar riecht nach cremigen Blumen und mein weißes Hemd und meine grünen, zerschlissenen Jeans und Sonnenbrille und kurzen Haare markieren eine Wende und ich streuner durch das Krämerbrückenfest. Vor Jahren hab ich es gehasst, unter Menschenmassen zu gehen, zumal leicht bekleidet, zumal im Hochsommer,
zumal zu diesem Fest, das jedes Jahr mehr provinzielle Thüringer in die Landeshauptstadt lockt und zu überteuertem Fressen und launigem Saufen und nutzlosem Konsumieren von Kitsch und Krams. - Langsam aber bin ich stabil und recht selbstzufrieden, spüre die Aura bestimmter Leute noch klarer, und meine eigene erst! Ganz ohne Drogen schwebe ich auf einer guten Welle, immer wieder gibt es günstige Fügungen, imemr wieder auch kleine Rückschläge. Aber die Vibration ist gut, das Gleichgewicht meiner übermäßig guten und übermäßig bösen Taten und Gedanken ist endlich hergestellt und ich hab keine Panik mehr in Menschenmassen: all die Leute sind einfach total verloren, manche sogar glücklich und ich gönne ihnen ihr kleines, süßes Glück; auch ich werde von meinem kleinen, süßen Glück zusammengehalten. Gerade in den affig männlich/weiblich agierenden Leuten oder denen die besonders cool oder vermögend wahrge- nommen werden wollen sehe ich so viel Unsicherheit, Angst und Scham: ich spüre genau, dass sie was zu verbergen haben. Sie lecken ihr Eis, vermüllen die Eimer und sitzen überall und schnattern und schlecken und fotografieren und werden fotografiert und hoffen, dass sie normal wirken, dass sie keinen Fleck auf der Hose oder dem Kleid haben, dass sie nichts in den Zähnen haben, dass sie normal laufen, dass sie nicht blöd angemacht werden, dass keine Bombe explodiert, dass sie nicht plötzlich Durchfall bekommen, dass niemand sie mit Bier vollschüttet. Ich fühle mich fest und bei Trost und spüre keinerlei Angst und Paranoia, nur ein bisschen Unwohlsein, das mein Kulturpessimismus in meinen Magen strahlt. Die Leute sehen mir an, dass ich nichts zu verbergen habe, sie wissen, dass ich nicht zu ihnen gehöre, sie sehen es an meinem langsamen Gehen, meinen soften Ausweichmanövern, sie spüren es an meiner Freundlichkeit und riechen es an meinem Skeptiszismus. - Vielleicht sollte das Jahr, in dem ich meinen Frieden mit dem Krämerbrückenfest gemacht habe, mein letztes Jahr in Erfurt sein.