(veröffentlicht via Facebook)
I
Der faule Apfel - Die Spinne in meiner Wohnung kann mich sehen, wenn ich sie nicht sehen kann. Sie weiß immer, wenn ich sie sehe. Ihre dunkle Präsenz vibriert in der Luft. Wir haben uns damit abgefunden, zu koexistieren. Manchmal spielen wir uns Streiche. Sie würde mich bestimmt gern anschreien. In der Ecke hinterm Schrank wächst sie zu einer extrem einfachen, extrem ernsten Sache heran. Ich nehme sie nicht an, doch sie legt Dunkelheit in mein Gesicht, in meine Worte - ein Geist, der in meiner Wohnung schwebt, den ganzen Tag nichts tut, ein ernster Regen hinter meinem Gesicht läuft in die Erde, meine Knochen so schwer wie alle Traurigkeit der Stadt, ich kann mich auf jedes Gefühl fokussieren, ich kann mich mit allem identifizieren, ich fließe in die Erde, kalt bin ich und gefährlich. In der Zukunft werden Millionen Menschen sterben, weil sie zu viel von mir haben, und Millionen Menschen sterben, weil sie nicht genug von mir haben. Vielleicht gibt es mich auf anderen Planeten. Ich bin salzig und süß und seicht und kaum zu bändigen und warte, ich spinne mein Nest, ich fresse Fliegen, ich zerstöre den Frieden in der Nachbarschaft. Ich lege Spuren, die gelesen werden. Alle Insekten und Spinnenwesen in meiner Wohnung können lesen und schreiben. Manchmal
spucken sie mir in den Kaffee, manchmal puste ich jemanden aus dem Fenster. Die Spinne darf bleiben, sie weiß nicht wohin sonst. Wenn sie blind wäre und vegetarisch leben würde, hätten wir den idealen Abstand.
"Wenn es regnet, streut Gott Salz auf sein Essen.", beendete der achtjährige Luk den theologischen Diskurs im Hinterhof und ich sage ihm, das ist der beste Satz den ich seit langem gehört hab. Sein Kumpel will eins draufsetzen und packt einen Sonnenschirm, ruft "Und hier kommt Satan, groooaahh" und haut damit einen Blumentopf von Nachbars Balkon auf mein Fahrrad, das umfällt. Alle lachen. Plötzlich fängt es zu regnen an und unsere Wege trennen sich wieder.
These: dass Kinder ein Jahr lang keine Schule haben, ist nicht so schlimm wie die Tatsache, dass Erwachsene mit 40 nicht erneut ein Jahr Schulpflicht haben, mit Fächern wie Geschichte, Philosophie, Medienkunde, Gesellschaftswissenschaften, Medizingrundlagen und Umweltschutz etc. ... Die Arroganz der Eltern ("wir wissen was zu wissen ist und müssen nicht wissen, was wir nicht wissen ") ist 50000x schlimmer als pandemiebedingter Unterrichtsausfall. ...und zu rufen "Gebt unseren Kindern endlich wieder Bildung " ist so erbärmlich obendrein.... eines Tages werden sich die schönen jungen Menschen erheben gegen die hässlichen dummen bösartigen Alten und Blut und Honig wird fließen....
Meine Angst davor, alt zu werden, nährt sich täglich von den unwürdig gealterten Körpern, die unwürdig gealtertes Bewusstsein durch die Einkaufspassagen tragen. Wie abgestumpft bin ich schon, wenn ich nicht vor Schock erstarre angesichts der biologischen Unvermeidbarkeit von Alterungs- prozessen. Wenn ich greise Menschen sehe, wünscht ihnen der wüste Jüngling in mir, dass sie mit Anfang Vierzig selig verstorben wären. Die Tatsache, dass ich noch keine inneren und äußeren Alterungserscheinungen zeige, beweist, dass ich noch bezahlen muss. Es gibt so viel kaputtgelebte, bornierte, hässliche Enddreißiger; die Männer schlechternährt und kritikunfähig und ohne Sinn für Ästhetik und Abstand, die Frauen so unfähig, in Würde zu altern, so abhängig von einem dummen Beschützer, so vulgär und böse wie ich auf der Höhe meiner insomnischen Schreibmanie. Niemals sollten wir uns ewige Treue und Liebe und Freundschaft wünschen. Es lohnt sich höchstwahrscheinlich nicht, sich gegenseitig beim Altern zuzugucken. Wir beschließen am besten, nicht älter als Vierzig zu werden. Höchstenfalls Fünfundvierzig, und dann gehen wir einfach. Das ist auch das beste, was man den Kindern tun kann. Einfach verschwinden. Wenn das erste graue Haar kommt, werde ich meine Sachen packen. Jetzt können mir die Älteren sagen, dass jedes Lebensjahr etwas für sich hat, dass das innere Kind nie stirbt und so, prinzipiell gibt es ohnehin an allem Schlechten Aspekte, die nicht schlecht sind. Für mich ist der lineare Zeitstrahl ein Fehler im System, eine Strafe vielleicht.
Die Jugend ist die Zeit der Wildheit, der Verspieltheit, der Suche, der Entdeckung, der Zukunft. Das Alter ist die Zeit der Müdigkeit, der Vernunft, der Verteidigung, der Erholung, der Vergangenheit. In der Jugend erfindet man sich, im Alter sühnt man sich. Der Übergang ist heikel und unklar. Aber eines Tages weiß man, dass man nun zu den Alten gehört. Man kann sich dafür an der Jugend rächen oder einfach "Lebwohl" sagen. Ich erinnere mich ungern an die Zeit, als ich mit depressiven, erloschenen, zänkischen Menschen zusammengewohnt habe, die sich nur noch reflexhaft an ein Leben klammerten, das meist nur schlecht zu ihnen gewesen ist, unfähig die große Rechnung zu beziffern und zu bezahlen. Sie spüren das Alter in all ihren Zellen und rächen sich an den Jungen mit Kälte, Dummheit und dreckigem Geschirr. Aasig ist ihr Geruch vom Fleisch der Langeweile, in dem sie braten, tote Augen glotzen in den verregneten Abend des Lebens und Crystal Meth ist auch noch da. "Stirb zur rechten Zeiten!", ruft Zarathustra vom Berg. Ich stehe mit beiden Beinen in der Mitte meiner Dreißiger Jahre, bald ist es vorbei. Ich werde noch ein paar Jahre Musik machen und Konzerte geben und Dinge schreiben, darauf freu ich mich wohl. Aber so alt zu werden wie meine Eltern gewesen sind, als sie mir zum ersten Mal eine gedonnert haben, das möchte ich unbedingt vermeiden. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, alt zu werden. Alte Menschen verdienen nicht so viel Respekt wie junge. In meinem Staat würden die jungen Menschen gesiezt, die alten Menschen geduzt werden. Die Wissenschaft wird verpflichtet, die Jugend zu verlängern und zu verteidigen und das Alter abzuschaffen. Die Musik wird verpflichtet, die Jugend anzufeuern gegen die Alten. Sobald ein graues Haar oder eine Falte kommt oder eine Altersdummheit begangen wird, werden die Jungen ihr Urteil sprechen müssen. Oh, ich kenne natürlich auch Leute, die mit Anfang Zwanzig alt geworden sind. Und Leute, die großartig alt geworden sind und mir meine Angst nehmen. Ich denke beim Schreiben oft an sie und freue mich mir vorzustellen, welches Gesicht sie beim Lesen dieser einseitigen Gedanken machen. Ärgern will ich euch nicht. Ich fand es nur gerade im Anblick der Schäden, die mein suchtkranker Nachbar im Treppenhaus verursacht hat, sinnvoll, mich öffentlich über den Skandal unseres permanenten Alterns zu erheben. In der Hoffnung, dass ich meine Alterung mit dieser groben Verfluchung noch ein bisschen verzögern konnte, gleite ich in den sinnlos offenen Abend und bin letztlich doch froh, dass wir hier alle zusammen sterben. Leider sterben wir nicht alle gleichzeitig, sondern so schrecklich verzögert. Ist euch das auch schon aufgefallen? *
Life status: ich bewältige. Die Gegenwart ist eine Kugel Mist, die ins Rollen gebracht wird ... Die Zukunft rollt den Abhang hinab ... Die Vergangenheit kriecht auf der anderen Seite hoch. Letztlich ist das Leben ein Job wie jeder andere. Leben und sterben lassen. Goldfinger.
* Dieser Grundsatz von mir, the performance never stops, das Getue hört nie auf, hat mich schon weit gebracht. Die Art, wie ich ein Mikrophon aufbaue und mit dem Tonmann umgehe, gehört zu dem Konzert genau so dazu wie die Art und Weise, wie ich mit meinen Mitbewohnern umgehe. Die Tatsache, dass ich mit dem Einen, in Abwesenheit des Anderen, Pfandflaschen weggebracht habe, erscheint mir nun, am Ende des Tages, als weitaus aufrichtiger und wahrhaftiger als irgendein Lied, das ich dieses Jahr gemacht habe. Interessant ist auch, dass vergammeltes Geschirr tatsächlich irgendwann nach Scheiße riecht. EDIT: Vielleicht hört da die Performance dann wirklich auf, wenn man angewidert von traurigem Gammel das Gesicht verzieht und wirklich niemandem mehr etwas vormacht. Oh heiliger Ekel, was wäre ich ohne dich! Wie der Schmerz zeigst du mir, was schlecht für mich ist. EDIT: Deshalb ist der Selbstekel ja so fatal: die Antihaltung gegen sich selbst ist die Verneinung von Leben. Geschwürig gehen die vergifteten Giftspucker zu Grunde. EDIT: Manchmal wünschte ich mir, wir würden einmal am Tag zur gleichen Zeit beten alle zusammen... Wir brauchen ein Mantra, eine freundliche Routine. Der Freundeskreis als endlose Performance, ein soziales Happening.
II
Die letztliche Vergeblichkeit sämtlichen Tuns kann nur von den Wahnsinnigen übersehen, von den Übersteuerten verziehen werden: sie setzen dem Offensichtlichen ihr Trotzdem entgegen, sie wagen es, gegen die Hinfälligkeit zu setzen und bejahen die notwendige Enttäuschung. Nur wer die Demütigung ertragen will, kann sich dazu aufraffen, Werke zu schaffen und Werte zu verteidigen
Beleidigungen. - Manche haben sie verdient, nicht wahr? Die Würde bleibt unangetastet, wenn man sich etwas Mühe gibt. Die Gewaltimpulse, die jeder in sich hat, die nur verschieden getriggert werden, können in Worte verwandelt einen viel effizienteren Schaden anrichten als Steine oder Farbe. Mancher ist nämlich einfach ein ignoranter, hässlicher Trottel - muss denn der, der diese Wahrheit ausspricht, bestraft werden? Wenn man dumm ist, ist man auf Leute angewiesen, die nicht dumm sind, die besser hinschauen können, die sich besser einfühlen können, die schöner sind. Es gibt verstockte Menschenhüllen, die in sich so viel Kälte und Dunkelheit zusammengesammelt haben, dass sie einen krummen Rücken bekommen haben und sie höchstens noch von der grellen Hitze eines bösen Wortes aufgerichtet werden können. Am besten wird man von denen beleidigt, die man liebt, ein kalter Blick reicht
dann schon aus. Am schlechtesten wird man von seinen Feinden beleidigt, deren Worte meist zu hässlich sind, um etwas Gutes auszurichten.
Fünfzig führende Intellektuelle des Landes können nicht so präzise die Deutsche Seele artikulieren wie fünfzig gelangweilte Hooligans.
Wer bereit ist, für sein Land zu sterben, kann sich gern ohne viel Tamtam in seinem Keller aufhängen. Die schönste Wohltat, die ein Patriot Deutschland machen kann, ist eine Tat durch Unterlassung und findet am besten heimlich statt. Ein Liebender spuckt nicht beim Reden, ein Liebender brüllt nicht, ein Liebender stirbt nicht für das Geliebte. Wenn du dein Blut für unsere Freiheit lassen willst, brauchst du dich nicht rüsten und in die Schlacht steigen: einen mutigen Schritt vom Dach bist du entfernt von der einzigen Heldentat, zu der du berufen bist.
Das Grundgesetz als Fernsehfilm, die Familientragödie am Donnerstagabend, unterbrochen von Werbung für Weichspüler und Autos. An einem Wintermorgen lässt die blaugeschlagene Mutter den bösen Geschäften des Patriarchen offiziell gewähren. Viele Jahre hat er die Familie unterdrückt, gegen heftigen Widerstand, nun schwört die Mutter in der Dämmerung: "Ich werde ab jetzt still sein." Ein paar Tage später dreht der Patriarch durch, als er erfährt, dass er eine Geschlechtskrankheit hat und erschießt mehrere Menschen auf der Straße, anschließend setzt er sich mit einer Bombe im Koffer zu seinen Arbeitskollegen ins Meeting und drückt auf den roten Knopf. Kurz darauf entdeckt man den Folterkeller unter seinem Haus, in dem er über die letzten Tage tausende Menschen versklavt, vergast und verbrannt hat. Im Oktober sitzt die Familie (immer noch im Besitz der Firma) mit Angehörtigen der Ermordeten am Tisch. Die Familie schwört im Namen der Firma, sich mit dem Begriff der Menschenwürde auseinanderzusetzen und alle schärferen Messer aus der Küche zu verbannen. Die Mutter zwinkert in die Kamera. Ein paar Jahre später. Die zwei Brüder streiten darüber, ob man Karim vorübergehend aufnehmen kann, solang sein alkoholkranker Vater mit Bierflaschen um sich wirft. Die düstere Großmutter lächelt und sagt: "Wir haben noch ein bisschen Platz. Streitet euch nicht." Einer der Brüder ruft "Foddse!", der andere weint. Zu Weihnachten schreibt die Großmutter ihren alljährlichen Abschlussbericht an ihren Arzt: "Die Menschen in Würde leben lassen, ist mein Auftrag. Die Würde ist es, die mir das höchste Gut ist. Würde ich heute nicht, könnte ich morgen." In einem der Brüder, das weiß sie, steckt der böse Patriarchat. Sie hat auch schon eine Idee, in welchem. Hoffentlich kommt er nicht raus. Was Würde ist, das weiß auch sie nicht, nach all den Jahren. Sie ahnt es, aber sie weiß es nicht. Niemand in der Familie hat eine klare, gute, menschenfreundliche Idee von Würde. Die Großmutter öffnet sich eine Flasche Rotwein, setzt sich auf den Balkon und hört Bruce Springstines BORN IN THE USA über ihr Telefon. Die Sonne geht unter und sie lässt ihr ruhmreiches Leben an sich vorbeiziehen. Hätte sie dem Patriarchaten damals etwas entgegenzusetzen
gehabt? Und wie es wohl wäre, in einem anderen Land aufgewachsen zu sein?
Es ist mir ein kleines Ärgernis, wenn Leute, die meinen, nicht smalltalkfähig zu sein, oft so kleines Zeug erzählen. Euch möchte ich nicht mit kleinem Unrat und aufgepauschten Banalitäten kommen. Das Leben ist ja ein recht wertvoller Gebrauchsgegenstand, und die kleinen Dinge nutzen ihn am meisten ab. Meine Unschuld beweist, dass ich noch nicht so abgenutzt bin. Wenn ich etwas schreibe oder sage, muss es wichtig sein. Und meine großen Themen, auf die ich einhacke, fundieren meinen Platz im großen Theater. Meine Lust hat Tradition. In gottesfürchtigen Zeiten ist es die Lust, Gott zu beschädigen, in patriarchalen Zeit die Lust, den Mann zu hinterfragen,in einer atheistischen Diktatur ist es die Lust, Gott anzurufen. Ich arbeite mich letztlich an den großen Themen der Zeit ab, um nicht zu langweilen, also verfluche ich das Autofahren, das Fleischfressen, die Identität, das Frausein, das Mannsein, das Deutsche, die Sicherheit, den radikalen Markt. Jede Alltagsbanalität hat etwas mit diesem großen Mist zu tun, für den meine Lieblingsleser genau die richtigen Gabeln haben. Gern lass ich mir hereinspucken, Facebook ist ein vulgärer Quark mit ein paar Rosenblättern wie meine Freunde und ich es sind.
III
Leider kann auch ich nur den Eindruck bestätigen, dass in der Stadt noch mehr als üblich gereizte, kaltfressige, irrgeleitete Existenzen ihre Kreise ziehen, misstrauisch warten sie auf einen allgemeinen Zusammenbruch: vor Jubel wird sich ihre Stimme überschlagen, wenn sie ein Haus in Flammen stehen und Helikopter wild im Himmel drehen sehen. Heute bleibt ihnen erstmal nur die Empörung über meinen Fahrradfahrstil. Wenn ich nicht aufpasse, wird man mich totschlagen. Noch riecht die Luft nicht nach dem Ende der Menschheit, aber einige Leute sehen aus, als arbeiteten sie daran. Deshalb werde ich auch erst in die Lokalpolitik einsteigen können, wenn ich meinen Mitbewohnern etwas Gutes zutrauen kann. Wie therapiert man eine Stadt? Mit einem Hammer aus Liebe und Disziplin.
Die Kontaktbeschränkungen, als Reaktion auf die Große Pandemie 2020, verärgern nun besonders Menschen, die nicht allein sein können, Menschen, die täglich ein soziales Umfeld benötigen, um nicht in sich selbst zu stürzen. Die Einsamkeit herrscht dort, wo man sich nicht ablenken kann von der persönlichen Nichtigkeit, die die Nichtigkeit des Universums ist. Die aufregenden Begegnungen und Erfahrungen, die diverse Etablisements und Veranstaltungen in
Aussicht gestellt haben, waren den Hoffnungsarmen Fluchten und den Suchtkranken Ausreden. Mutti musste die Achterbahn zur Notbremsung zwingen und beschwor damit einmal mehr die Gift und Galle spukenden Youtube- Paranoiker und ihre verblödeten Anhänger hervor: sie alle empfinden Einsamkeit als eine Bestrafung. Ihrer Ansicht nach werden sie bereits monatelang zur Einsamkeit gezwungen. Der Maullappen als Symbol der Systemschafe ist der Trigger ihrer Minderwertigkeitskomplexe. Seit jeher ausgeliefert einer staatlichen Macht, sind manche Leute erst zu Demonstrationen für etwas namens Freiheit bereit, wenn sie sich nicht mehr in der Kneipe oder Disco treffen und zulöten können. Das Infektionsschutzgesetz zwingt sie zum Abstandhalten, Masketragen, Lüften, was bleibt ihnen anders übrig, als Politiker und Journalisten zu bedrängen, die eigenen Kinder als Schutzschilder gegen Wasserwerfer zu benutzen und das Ende der Virusdiktatur zu verkünden?! Wer hingegen wie ich das Glück hat, mit wenigen, ausgesuchten Menschen glücklich sein zu können und auch mal ein paar Monate wirklich garnichts unternehmen muss, der verwandelt sich beim Anblick der Bilder von der Demo in eine 30 Meter große Sonnenblume, die die Fußgängerzone vollkotzt. Grinsend. Nach einem Ausweg suchend.
Theorie: "Üsch loss mir nüsch von der Merkel oder der Kassiererin den MUND verbieten beim Bierkaufen im Neddo!!!" Praxis: *setzt sich vorm Laden brav die Maske auf Manche Macker fühlen sich so gedemütigt! Sie verkraften nicht, dass Frauen ihnen sagen, was sie tun sollen. Dass sie sich rächen wollen, ist ein Naturgesetz. Paranoiker, die von ihrer Mutter geschlagen wurden, sind retraumatisiert, wenn man sie daran erinnert, was für Schmutzfinken sie doch sind. Theorie: "Üsch bin erwachsen und frei!" Praxis: *jubelt sich in Berlin mit paranoiden Querdenkern die Hose feucht* Wenn DAS die Mami wüsste!! Indem ich diese ganzen traurigen Bastarde zusammenschlagen will, verwirkliche ich mich als harte, aber faire Mutter der Nation. Eines Tages zieh ich andere Seiten auf, macht euch frisch! Ich schick euch ohne Nachtisch ins Bett und weck euch kurz nach Sonnenaufgang und dann räumen wir mal euren Saustall auf!!!! Ich bin das böse Gesicht eurer Mutter!! GLEICH KLATSCH ICH DIR EINE!!!!
Es müsste eine christliche Regierungspartei geben, die für die nächsten vier Monate Besinnlichkeit verordnet, behagliche Einkehr befiehlt, eine Partei mit soliden Werten, herzlichen Werten. Wer den Job verliert, bekäme ein Grundeinkommen spendiert und eine Möglichkeit zur Weiterbildung (Abitur oder Studium) oder Umschulung ... Niemand hat das Recht, an einem nutzlosen oder schädlichen Job zu hängen.. Tschüss H&M-Kassiererin! Einkehr! Askese! Einsamkeit! Stille! Wer das nicht erträgt, ist nie fromm gewesen. Wer nicht allein sein kann, soll sich einen Gast einladen.
Erfurt hat jedenfalls keinen Mangel an Restaurants und Technopartys. Wenn ich Euch das Evangelium in die Fresse flüstern soll, mach ich auch dies. Das Virus macht das Stadtleben nicht kaputt. Die Verwaltung hat die Stadt schon immer erniedrigt. Der Spirit so tot, da muss nichts gerettet werden. Würde doch eine christliche Partei den Bürgermeister stellen! Der SPD-Oberbürger hat das Christkind gebraten und als Bockwurst für 2 Euro am Domplatz verkauft!! Immerhin ist der Markt dieses Jahr verschwunden. Keine leuchtenden Bimmelbommelmützen und Geweihe!! Fromme bescheidene Christen wie meine Freunde und ich, wir sind bescheiden und geduldig aus Instinkt, froh über unsere Liebe und mild träumend vom nächsten Sommer: wenn all die beschissenen Klamottenketten Pleite sind und die lebendige Zivilgesellschaft sich den öffentlichen Raum erobert hat und die Stadt ein gemütliches Wohnzimmer geworden ist, in dem jeder einen Platz findet. Dafür müssten wir alle gleichzeitig meditieren, die ganze Stadt soll den Vollmond anheulen, sobald es keine Masken mehr braucht. Möge der Markt reguliert und die Stadt befriedet sein! Gott ist Liebe und Liebe hat Zeit und Roger Willemsen ist immer noch tot.
Fleisch ist Natur, die ein Mann sich gönnen darf. Fleisch ist der essentielle Luxus des lustvollen Menschen auf dem Höhepunkt seiner Kraft. Fleisch ist Freiheit, die Würde des Geschmackes ist die Würde des Fleisches. Wo geschlachtet wird, da wird gelacht. Fabriken des Fleisches sind Fabriken der Zärtlichkeit. Die Schönheit empfindsamer Kreaturen ist für den dunklen, endlosen Stall bestimmt, denn Billigfleisch ist Menschenpflicht. Sollen die Schweine mal nicht so schreien, es ist ja bloß ihre eigene Scheiße und ihr eigenes Blut, das sie riechen müssen. Was muss ihnen erst Menschenscheiße im Rüssel kitzeln? So ein Schnitzel ist jedenfalls recht nett, serviert mit einem schönen deutschen Bier! Ein Prost auf unsere kulinarische Kultur.
Beim ersten Sars-Virus seien die Übergangswirte Marderhunde und Schleichkatzen gewesen, sagte Drosten. "Das ist gesichert." In China würden Marderhunde nach wie vor in großem Stil in der Pelzindustrie verwendet. Dabei würden immer wieder auch wilde Marderhunde in die Zuchtbetriebe gebracht, die zuvor Fledermäuse - die als wahrscheinlichster Ursprung von Sars-CoV-2 gelten - gefressen haben können. "Marderhunden und Schleichkatzen wird lebendig das Fell über die Ohren gezogen", erklärte der Charité-Virologe. Die Tiere stießen Todesschreie aus, dabei kämen Aerosole zustande. "Dabei kann sich dann der Mensch mit dem Virus anstecken." [tagesschauquelle] Vom Mond aus betrachtet ist die Pandemie eine kleine süße Revange der Tiere. Natürlich ungerecht, weil selbst Tierschützer an Covid sterben können. Aber die Ungerechtigkeit, die der Mensch den Tieren zufügt, lässt eine vernünftige, freundliche, objektive Response vielleicht gar nicht zu und die Menschheit als solches verdient weder Gnade noch Gerechtigkeit. Einem Lebewesen bei vollem
Bewusstsein die Haut abreißen ist durch keine religiöse oder marktwirtschaftliche Argumentation zu rechtfertigen, und wer direkt oder indirekt mit dieser Pelzindustrie was zu tun hat, darf gern langsam und schmerzvoll ersticken. Also wir alle vielleicht.
Irgendwie schlimm: in Russland werden Nerze nun geimpft, damit die Pelzindustrie nicht kaputt geht. Wirklich nichts schlimmeres heute erfahren. Die süßen Viehcher werden lebenslang in engen perversen Käfigen gehalten, ihnen wird das Fell über die Ohren gezogen, sie verbluten auf einem riesigen Haufen Artgenossen, aber die sollen sich mal nicht so anstellen, immerhin waren sie geimpft. Kein Mitleid mit perversen Menschen, die mit perversen Nerzfarmen perverses Geld machen. Enteignung der Besitzer! Anklage wegen Verbrechen gegen die Natur! Ebenso für die Betreiber von Zucht- und Schlachthöfen! All diese bösen Berufe verbieten! Wäre ich kein Mensch, würde ich die Menschheit verfluchen. Wann krepieren wir endlich an unserer Gier? Und in so einer schrecklichen Welt ein schönes Kunstwerk bauen? Wieviel Stumpfsinn ist nötig, um das Widerliche auszublenden?
Kaufland ist dein gutes Land. Speiseland. Verdauungsland. Rabattland polstert den Widerstand gegen Juckanfallland. Berührungsland. Der Aufstand im Schlaftablettenland wird nicht anerkannt vom Zuckerpeitschenland. Die Marktwirtschaft berührt mich und ich sehe die Sonne.
IV
Die Gedanken, die wir uns über unsere Begriffe machen, bilden das Fundament, auf dem der Schatten unseres Ichs herumflattert. Noch haben nur Wenige ein Gefühl für die gewaltigen Umbrüche, die uns Menschen bevorstehen: zu Viele glauben noch, realistische Erwartungen an die Zukunft zu stellen, wenn sie Urlaub planen oder auf ein Fahrzeug sparen oder Kinder zeugen oder Bücher schreiben. Es fehlt ihnen an Gefühl, an Sinn, an Geschmack für den notwendigen Kollaps, da sie von den Begriffen einen falschen Gebrauch machen: sie benutzen die Begriffe nicht experimentell, sondern konservativ: sie nehmen die Begriffe hin und denken sich die Welt wie die Sprache stabil und berechenbar und menschlich und wo die Sprache nicht hingelangt, dort ist auch keine Wahrheit zu finden, so beruhigen sie sich und verderben ihren Wahrnehmungsapparat mit dem routinierten Fastfood des Alltäglichen. Ihnen
gegenüber findet sich eine kleine Zahl sensibler, unruhiger, skeptischer Geister, die an den Grundfesten der Wahrheit, der Sicherheit, der Schönheit und Güte der Welt rütteln und Scheiße Scheiße nennen - zu ihnen zähle ich meine Freunde und mich. Wir machen von der Sprache und Wahrheit einen experimentellen Gebrauch: wir sortieren uns immer wieder neu, wir drehen und wenden Ideale und Gesetze, wir bohren haardünne Löcher in die eindrucksvolle Aura der Autoritäten, wir lassen uns erregen von unserem schlechten Gewissen, wir haben Lust auf eine umfassende Inventur unserer Begriffe. Wir suchen kein neues System und keine perfekte Formel, wir drehen und wenden alles, wir beschreiben und zelebrieren die Komplexität und den unaufhaltsamen Wandel der Dinge und lassen uns von den Begriffen, die wir geerbt haben, nicht den Geschmack und den Geist verderben. Jeder von uns kann auf verschiedene Weise dem Alltäglichen, dem Totalitären, dem Unausweichlichen begegnen: ich für meinen Teil begnüge mich damit, Erfurt abzuschaffen.
Solang es der Menschheit an einem gemeinsamen Ziel fehlt, solang gibt es sie nicht. Die Menschheit nimmt sich als solche erst wahr, wenn eine Seuche oder ein Krieg etwa einen Ausnahmezustand hervorbringen, den es gemeinsam zu überwinden gibt. Die katastrophale Zäsur macht es nötig, in absolute Gemeinschaft zu treten - jedoch nur so lang wie unbedingt nötig. Das Kollektiv wird fallengelassen, sobald man wieder ruhig schlafen kann. Der Zyniker will immer neue Katastrophen, er wünscht den Menschen immer mehr Lektionen, er selbst kann an eine schöne Zukunft nicht glauben, nicht bevor die Menschen sich grundlegend wandeln. Der Wahlkampf ist meist deshalb so langweilig hier, weil das allgemeine Wahlvolk keine Lust auf grundlegende Veränderungen hat. Deshalb sind durchweg alle Wahlplakate so lasch und debil mittelmäßig: bloß keine Hektik verbreiten, bloß nicht die Verhältnisse beim Namen nennen. In diesen düsteren Zeiten wäre es wohl ein fatales Signal an den paranoiden Souverän, wenn eine Partei an Grundüberzeugungen rüttelte. Gerade jetzt müssen einfache, beruhigende Worte gefunden werden. Wenn die Mode des Individualismus selbst beim letzten Pöbel angekommen ist, fehlt es dem guten Staat an Substanz. Der beste Staat kann nur existieren, wenn genügend Menschen an ihn glauben. Eine Institution muss man verstehen und ernstnehmen - wehe! wenn man es nicht kann. Der allgemeine Deutsche möchte eine gute Arbeit als Individuum leisten und eine gute Familie haben und ein bisschen Spaß im Leben: in den letzten Jahrzehnten war die Verwirklichung dieser Lebensziele das erklärte Ziel des westlichen Industriestaates. Ein Ziel darüber hinaus wurde nicht definiert. So wurde die Welt als gut und die Erde als Marktplatz definiert. Mensch gegen Mensch, Mensch mit Mensch, aber nie Menschheit. Eine sozialistische Revolution macht aus der leidenden Masse von Individuen einen einzigen Körper, eine revolutionäre Masse, ein Subjekt der Geschichte. Die Gegenwart wird als schlecht erkannt und eine schönere Zukunft an die Wand gemalt. Das Ziel definiert die Revolution wie den Staat wie die Religion.
Die Abschaffung allen Elends, die Aufrechterhaltung des Marktes, die Erlösung des Sünders. Erschüttert von den meisten Menschen, die draußen meine langsamen Wege kreuzen, kann ich nicht daran glauben, dereinst mit ihnen zu einer Masse zusammenzuwachsen. Für mich sind es verelendete, abgestorbene Hüllen, die nichts mehr als ein angenehmes Sterben wünschen. Zugrunde gerichtet vom großen Markt, müde, gehässig und alleine bis zum bitteren Ende. Keine Vision von einem besseren Leben in gesünderen Städten kann sie inspirieren, mit geradem Rücken und freundlichem Lächeln durch die Stadt zu schreiten. Ein guter Staat braucht gute Ziele, Ziele die weit über ihn hinausgehen. Er lässt jeden Bürger einen guten Platz finden. Alle zusammen bauen wir den Staat um, korrigieren ihn bis ins kleinste Detail, wir vereinfachen die Strukturen, wir schneiden Ballast ab, wir fügen neue Gimmicks hinzu. Alle Berufe sind miteinander verbunden, die Bevölkerung erkennt das Problem, sie weiß oder ahnt was zu tun ist und versucht es. Das gemeinsame Ziel muss klar definiert werden. Der sozialökologische Umbau der Gesellschaften weltweit ist das höchste Ziel, dass sich meine Generation setzen kann und es kann nur global koordiniert effizient und überhaupt erreichbar sein. Dieses Ziel aber ernst zu nehmen, dazu braucht es mehr als die Generation unter Dreißig. Solang der Generationskonflikt nicht offen und herzlich und bitterernst ausgetragen wird, wird der Wahlkampf langweilig bleiben, darauf wollte ich hinaus. Diese schrecklich arroganten, mächtigen, phantasielosen Alten sitzen einfach im Weg. Eines Tages werden sie sich mächtig erschrecken. Dann wird es zwar zu spät sein für uns alle, aber sie werden wenigstens nicht mehr gut schlafen können bis ans Ende aller Zeiten. Die Alten wissen nicht mehr als die Jungen. Kinder haben mehr Lebenserfahrung als Erwachsene. Die Routine, die Selbstgewissheit, die Ideologien schleifen den Menschen, rauben ihm seine Neugier, seine Lust und seinen Geschmack. Sobald man keine Lust auf eine schnelle, grundlegende Veränderung aller Verhältnisse hat, sobald man daran nicht mehr glaubt, ist man definitiv alt geworden. Das Alter ist die Zeit der Resignation, der Verteidigung des Gewohnten, des Rückblicks, der Ruhe und Behaglichkeit. Deutschland ist so alt - die CDU und die FDP und die AfD sind Parteien für alte, erloschene, phantasielose Menschen. Weil alle Parteien die Ängste dieser Bevölkerungsschicht ernst nehmen, ist der Wahlkampf so langweilig. Und weil die wilden süßen Kinder immer noch Angst vor ihren kalten, bitteren Eltern haben.
Man muss den Leuten in regelmäßigen Abständen genau erklären, was Faschismus ist. Jeden Montag auf allen Sendern. Dann müsste man sich fragen, was es bedeutet, dass die Faschisten in Teilen Ostdeutschlands auf über 25 Prozent kommen. Wie enttäuscht und depressiv und böse man sein muss, um Faschisten das Kommando zu geben, können wir morgens in den Bussen und Straßenbahnen bestaunen. Erst, wenn man so entspannt ist, wie ich (süße Grüße an meine Freunde mit dem grünen Daumen), sieht man die Unruhe und Angst und Niedertracht in den Gesichtern der lieben Leute. Deshalb sitze ich im Park
und lausche den Vögeln und mach mich für den Faschismus noch ein bisschen sensibler. Wenn der Bundestag eine sechsköpfige WG ist, bedeutet der Einzug der AfD den Einzug eines schlechtgelaunten Siebenten, der behauptet, dass er das Haus geerbt hat, der seine Dreckwäsche in der ganzen Wohnung verbreitet, manchmal in der Wanne schläft und definitiv in den nächsten Jahren einen Mord begehen wird. Man hätte ihn einfach nie reinlassen dürfen. Deshalb bin ich für ein Parteiverbotsverfahren und einen Gutschein für eine 24-monatige Psychotherapie für alle, die in einem Wahlkreis wohnen mit einer Faschismusinzidenz größer als fünf Prozent.
Aber als die vergnüglichen Jungs und Mädchen auf der Antifa-Fahrraddemo riefen "Von Ost bis West, nieder mit der Nazipest" wurde mir ein bisschen unwohl. Es gibt ja überhaupt gar keine wirklich guten Parolen. Grölende Sprechchöre sind so unästhetisch. Faschos entmenschlichen, biologistische Metaphern benutzen und das im Chor unter goldenen Fahnen. So macht man es sich unnötig schwer, von der gleichgültigen Mehrheitsgesellschaft ernst genommen zu werden. Eine unästhetische Linke verliert an eine unästhetische Mitte oder Rechte.
V
Vielleicht ist es meine pervers undeutsche Natur, dass ich mich in meiner Würde verletzt sehe, wenn mich deutsche Ingenieursprodukte zum Einatmen giftiger Gase zwingen. Das einzige, was man der deutschen Autoindustrie zu Gute halten kann ist, dass ihr Gift Nebenprodukt ihrer Arbeit ist, dessen Gefährlichkeit hingenommen wird, während das Gift in den Vernichtungslagern bewusst eingesetzt wurde, um Millionen von Menschen zu ermorden. Es ist wohl kein gutes Zeichen, wenn du nur im Direktvergleich zu den Nazis nicht scheiße rüberkommst. - Der Dreck der Stadt macht dreckige Gedanken, der Nachmittagsverkehrs verstrahlt alle Gesichter, wird regelmäßig mit neuen Filtern ausgestattet, erscheint dem Schlaflosen als Maschine zur Versklavung und Vergiftung der Menschheit, dreht sich im Kreis und wird immer fetter, die Abgase werden nach außen geleitet, Wissenschaftler haben Grenzwerte ermittelt, das Einatmen ist nicht freiwillig, Tote und Kranke sind notwendige Opfer für die unendliche Firma, die Sonne drückt und der Schweiß riecht unfreundlich, Erfurt ist definitiv die Vorstufe zu etwas ganz Schlimmen, da bin ich sicher.
Ich fühle mich gezwungen, regelmäßig die Verbindung zwischen Euch und mich zu erneuern, es ist die schöne runde Pflicht meiner Nachmittage, wenn ich Lieder oder kurze Monologe in den Stream stelle. Die Tatsache unserer gleichzeitigen Existenz, unserer zufälligen Begegnung, unserer unzähligen Möglichkeiten miteinander zu interagieren, ist gut für meine Verdauung und meine Träume. - Ein Like von dir bedeutet mir etwas. In diesen aufregenden wie zermürbenden Zeiten (waren es je bessere Zeiten?) stößt mein aufgeklärter Pessimismus mit meinem albernen Optimismus so derart
häufig zusammen, dass ich mich nur noch müde nach allen Seiten hin drehe und schaue. Die anstehende Bundestagswahl 2021 könnte ein großes, vernetztes Festival der Demokratie sein, stattdessen wird sie routiniert durchgeleiert wie eine kaiserliche Sterilisierungs-Zeremonie; diesmal wird das Wahlfleisch zwar mild gepökelt mit Umweltthemen, deren Dringlichkeit weithin unterschätzt wurde: eine wahre Aufbruchstimmung ist nicht zu spüren, weil die allermeisten Politiker und Verwalter, Unternehmer, Konsumenten und nicht zuletzt Künstler keine Aufbruchstimmung verbreiten, sondern auf dem Rücken des Tradierten tradierte Tantiemen und tradierte Preise und tradierten Applaus von tradierten Leuten bekommen. An unserem Scheideweg gibt es entweder ein blaues Auge oder Knochen- markkrebs, und es ist nicht mehr viel Zeit, sich zu entscheiden. Und natürlich kann ein blaues Auge eitern und abfallen. Es gibt in mir eine Ruhe und eine Unruhe. Manche Nachrichten triggern das eine, manche das andere. Indem ich meine Freunde und Nachrichten bewusst wähle, bewahre ich mein Gesicht vor Erbleichung, meine Knochen vor Erweichung. Meine Ruhe gibt der Wahrheit meiner Unruhe Kraft. Überall, wo man sich festhalten kann, soll man sich festhalten dürfen. Manchmal braucht es Haltung. Was ich öffentlich tu, ist ein Haltegriff für dich und mich. Manche Worte sind stabil wie Knochen, manche wie Wolken. Wer Liebe, Heimat, Freiheit, Wahrheit sagt, hält sich an Wolken fest. Interjektionen wie AH und OH und IH dagegen sind die Schwermetalle der Sprache. Wenn sie sich anstauen, vergrößert sich ihre Konzentration und führt schlimmstenfalls zu Vergiftungen. Regelmäßige Festivals im öffentlichen Raum könnten die Funktion von schadstoffbindenden Kohletabletten haben. Die Polarisierung der Gesellschaft kann vielleicht nur mit genau den zwei Dingen umgekehrt werden, die überhaupt erst zu einer Polarisierung geführt haben: Dopamin und Serotonin. In meiner vollkommenen Stadt dürfen nur Menschen mit genügend Expertise auf dem Gebiet der Neurochemie Musik auflegen.
Wir können uns ja aber auch ganz gründlich von all unseren Hoffnungen verabschieden und mit einem heftigen, hedonistischen Knall von der Bühne abtreten und unseren Nachkommen einen unbewohnbaren Planeten hinterlassen als Strafe für ihren unbegründeten Lebenswillen. Wir aufgeklärten Europäer haben doch längst verstanden, dass das Leben sinnlos ist und man es höchstens abfedern kann mit Entertainment pur (beispielsweise mit Kinofilmen, Rauschgift, Familienglück oder Erwerbsarbeit). Wir aufgeklärten Europäer haben nicht Kant und Humboldt und Diderot und Proust und Joyce im Blute, sondern Alkohol, Atheismus und Arbeitslosigkeit. Daraus eine Tugend machen und die Apokalypse einleiten, verlangt sehr viel Übermut und Langeweile. Aber es ist möglich. Die Vollendung der Aufklärung ist ihre Abschaffung und die Rückkehr zur brutalen, sinnlosen, aber geilen (für uns aufgeklärte Europäer zumindest) Naturwildnis. Wir können an der Tatsache, dass die Erde zugrunde geht und kein alternatives
Weltwirtschaftsmodell existiert und unveräußerliche Menschenrechte für die Meisten bloß auf dem Papier existieren, nichts mehr ändern. Die verdammten Hippies haben den Untergang der Zivilisation vielleicht verzögert um ein paar Jahrzehnte, aber verhindert haben die kiffenden Traumtänzer und dogmatischen Linken ihn nicht. Genau deshalb fragt sich ja, ob Gewaltlosigkeit alternativlos ist. Wie kann man denn in dieser Welt seinen Frieden machen? Gesellschaftlicher Optimismus ist notwendig, damit keine Panik ausbricht. Woher soll ich wissen, wem ich vertrauen soll? Nö, gar nicht nötig zu vertrauen, irgendwas zu hoffen: die gute Laune, die das macht, lässt mich irrationale Entscheidungen treffen. Nur im kalten, rechtwinkligen Ernst ist man überhaupt urteilsfähig. Ich beurteile meine Gedanken wie die Gesichter in der Stadt. Je kühler mein Urteil, desto näher bin ich dem Wesentlichen. Ich gehe jetzt Fleisch kaufen, das in dunklen, engen, stinkenden Boxen aufgezogen wurde und für mich persönlich abgeschlachtet wurde, ich packe es in mehrere Plastiktüten, die in sechs Monaten zwei Seemöwen erdrosseln werden (zufällig), ich steige in mein Auto und überfahre fast ein Kind, das der Mutter nicht gehorchen wollte. Wofür braucht man eigentlich noch Eltern, wenn die Kinder gefahrlos draußen spielen können und gern in gute Schulen gehen? Ich investiere in meinen Pessimismus. Ich schränke meine Sichtweisen ein. Ich überaltere. Um des Haussegens willen. Kommt mit mir! Steigt ein in die trostlose Dämmerung. Hier geht euch die Hinfälligkeit all euren Tuns auf, wenn die Sonne hinter euren Augen untergeht. Lieber Freund, mach also nie mehr wo ein Kreuz, sei nicht mehr freundlich und bezahle deine Schulden nicht ab! Wasch dich einmal in der Woche nur, mit Kernseife und schmeiß allen Schmuck weg! Setze deine Haustiere aus und wirf alle Hobbies aus dem Fenster. Die letzte Sonne scheint den Geleerten, hack dir zur Not einen Finger ab! Zittere und spucke schwarzen Schaum, der Motor kann die ganze Nacht laufen, bald läuft hier gar nichts mehr! Ein letztes orgiastisches Gehenlassen, der letzte Furz der Postzivilisation, bevor die Kakophonie der realexistieren Dystopie anhebt und wir vor Angst in unsere Hosen ejakulieren und unser Herz ist eine flauschige, violette Pumpe der Zeit.
** Polarisierung. Hier Republikaner, dort Demokraten. Hier Faschist, dort Gutmensch. Hier Täter, dort Opfer. Hier Mama, dort Papa. Hier Euphorie, dort Depression. Hier Außenwelt, dort Innenwelt. Hier Norden, dort Süden. Hier Leben, dort Tod. Hier die Begriffe, dort die Gefühle. Hier die Empfindlichen, dort die Erloschenen. Die Mitte ist der Markt ist das Mantra. Die perfekte Kugel: der gemütliche Markt ist das Mantra der Mitte: die perfekte Konstruktion: ein Gleichgewicht der Kräfte. Europa will ein Perpetuum Mobile sein und seine Mitte konsumiert die eigenen Existenzbedingungen restlos auf. Die Mitte ist ein gefräßiges Monster. Die Mitte muss polarisiert werden. In matter Verzweiflung macht der herzkranke Europäer sich die Lügen des Wahnsinns zu Freunden, zu Kameraden im Kampf gegen ideologische Feinde. Die Wahrheit kann nichts dafür, dermaßen
missverstanden zu werden von den Erloschenen: ein Mensch, dem es nicht vergönnt ist, in der Mitte der Mitte der Mitte zum Durchatmen zu kommen, ist empfänglicher für die Verlockungen der Extreme und will bald verführt werden von den Reizen absoluter Wahrheit: aus der lebensherbstlichen Schläfrigkeit befreit uns letztlich der Fanatismus der Polarisierung. Dass Trump Millionen von Wähler hinzugewonnen hat, ist für mich - trotz alledem - der größte Skandal des Jahres 2020. Kurz vor der Wahl rief seine Crowd: "Fire Fauci!" - Einen der besten Seuchenexperten wegen Kritik an seiner Regierung zu feuern, ist schon extrem gruselig. Seine Basis ist gewaltig, weit über 70 Millionen Amerikaner stehen hinter ihm. Dass Biden gewonnen hat, verdanken wir den vielen jungen und nicht-weißen Leuten und vor allem den schwarzen Frauen in Amerika. Hätten sie nicht so leidenschaftlich gegen Trump mobil gemacht, hätte das Schwein gewonnen! Vielleicht ist es ganz in seinem Interesse, nun vier Jahre aus der Opposition heraus seine Wahl 2024 vorzubereiten. Wenn er die gewonnen hat, wird er den Faschismus in Amerika fest installieren. Die Republikaner, die sich hinter Trump stellen, sind Verbrecher. Seine Wähler sind verblödete, zynische, hässliche, unkultivierte Trottel, denen man das Wahlrecht aberkennen muss, so wie man bestimmten Trotteln den Führerschein wegnimmt oder eine Adoption verweigert. Die Wahl ist ein Hoax, weil viele Antidemokraten an der Wahl teilnehmen. Einen Faschisten zu wählen, kann in einer stabilen Demokratie gar nicht möglich sein. Trump ist für mich eng verwandt mit den dunklen Kräften des Bösen: es ist ein unterhaltsames, vulgäres Böse voller Klischee. In den Augen seiner großen Söhne habe ich das Böse gesehen! In den Augen seiner treuen Unterstützer habe ich das vom Bösen Geblendete gesehen! Die Augen des Erlösers habe ich auch gesehen, oder bloß die Augen derer, die wissen, dass sie Erlösung finden werden: jene Augen der Protestierenden gegen Polizeigewalt und Rassismus, die Augen des kleinen Katers, der mir zugelaufen ist, die Augen der weißrussischen Mütter vor den Barrikaden, die Augen derer, die knapp dem Ertrinken entgangen sind, die Augen des Mädchens, das von ihren bösen Eltern angeschrien wird, die Augen derer die auf Plastik und Fleisch und Autos verzichten, die Augen derer die sich noch eine gemütliche Republik vorstellen können, die Augen derer die lieber Tee als Kaffee trinken und sich wohl riechend der Unordnung der Verhältnisse entgegensetzen. Die Mitte steht zwischen dem Guten und dem Bösen. Deswegen wird sie von Politikern in christlichen Parteien bevorzugt. Du sonnst dich in deinem guten Willen, während im Schatten die Konsequenzen deiner schlechten Taten ein Eigenleben führen, für das niemand verantwortlich sein will. In der Mitte musst du die Welt nicht verbessern, darfst aber manchen Menschen weh tun. Das Paradies kommt erst später, aber Schwarzfahrer kommen in den Knast. Ohne Pole herrscht die absolute Mitte. Der Faschismus ist der eine Pol: er findet ganz automatisch seinen anderen Pol. Die Mitte verändert nichts, sie ist lediglich der Äther zwischen den Polen. Polarisiere dich! Wähle das Leben und nicht den Tod! Wähle gesunde Wälder
und nicht Geld! Wähle Wissenschaft und nicht Propaganda! Wähle deine Freunde und nicht deine Feinde!
***
Als Kanzlerinkandidat würde ich, um den Nationalkonservativen
entgegenzukommen, die Deutschlandfahne erhalten, aber um einen grünen Balken
unten erweitern. Sozialer Frieden geht nur mit Tradition und Fortschritt, liebe
Mitleidenden.
Schwarz 1871 bis 1914
Rot 1914 bis 1945
Gelb 1945 bis 20xx
Grün 20xx
*** Meine lieben Mitbürger! Die Bundesregierung hat nach einem entspannenden Gespräch mit systemrelevanten Unternehmern und Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten beschlossen, die Automobilindustrie bis 2030 vollständig umzubauen und den PKW-Verkehr aus unserem schönen Land zu kehren. Alle bisher in Umlauf befindlichen Fahrzeuge werden eingezogen, verschrottet oder mit Elektromotoren ausgestattet und in die öffentliche Hand gegeben und können als Dienstwagen ausgeliehen werden, wenn sie nötig sind. Der Strom für die Elektroautos muss schnellstmöglich aus erneuerbaren Energien kommen. Das Recht, ein eigenes Auto zu besitzen, wird abgeschafft. Das Recht, saubere Luft zu atmen und in einer schönen Stadt sorgenfrei zu flanieren, ist ein schönes Recht. Wer es gebraucht, ist schön und vital. Würde heute darüber abgestimmt werden, ob in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft werden soll, gäbe es besorgte Gesichter nicht nur in der FDP: "Denkt auch mal jemand an die Henker? Die müssen auch für ihre Leistung anerkannt werden. Es sind die Henker, die gute Arbeit machen. Von ihren Steuern leben wir alle, auch die Hingerichteten. Ein bisschen mehr Dankbarkeit wird man erwarten dürfen!" Wer im Zuge dieser Transformation seinen Job (in der Industrie) verliert, erhält ein lebenslanges Grundeinkommen in Höhe von 100% des bisherigen Lohnes und die Möglichkeit, ein neues Studium ohne Studiengebühren anzufangen. Bei erfolgreichen Abschluss erhöht sich das Grundeinkommen um die Hälfte, bis man einen neuen Job gefunden hat. Man munkelt, in der Solar- und Windkraftindustrie werden noch Leute gesucht. Der öffentliche Nahverkehr ist Gemeingut, wie Deutschlandfunk, wie Ampeln, wie die Müllabfuhr im Stadtpark. Er muss gebührenfrei sein und so gut ausgebaut, dass man mindestens viermal die Stunde mit dem Bus oder Zug aus jedem Kaff des
Landes in die nächste Stadt fliehen kann. Der Verdacht liegt nah, dass die Leute, die ihren Wagen brauchen, um zur Arbeit zu fahren, arbeiten, um einen Wagen zu fahren, den sie nicht bräuchten, wenn sie nicht arbeiten würden. Weil die Deutschen schlicht zu minderbemittelt sind, diese klaren Zusammenhänge zu sehen, ist es nur die schöne Pflicht der Regierung, hier ein bisschen Klarheit zu schaffen. Letztlich ist der Deutsche, selbst wenn er konservativ, patriotisch oder völkisch eingestellt ist, nicht wirklich solidarisch mit seinesgleichen, sondern nur mit sich. Auch faschistische Fahrradfahrer werden von faschistischen Autofahrern angenölt, auch CDU-Politiker fahren CDU-Politiker platt, auch die völkische Lunge wird vergiftet von Volkswagen-Motoren, auch der deutsche Wald leidet am weltweiten Klimawandel. Es sind hohle Nationalisten, inhaltsleere Phrasendrescher, pathetische Gartenzwerge, die wir ganz bestimmt nicht überzeugen wollen, uns zu wählen. Wir haben ein besseres Narrativ als die. Nun bricht also die Zeit an, in der Kinder und Katzen und Omas und Opas und Langsame und Guck-In-Die-Lüfte und Blinde und Rollstuhlfahrer sich entspannt durch die schönen Innenstädte und schönen Parks bewegen können. Für Ihr Verständnis dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend. Ihre Bundeskanzlerin Bartók
Deutschland ist nicht das Endziel.
Nationen werden geboren und müssen sterben. Die Blühenden Landschaften fordern alle Menschen dazu auf, ihre Nationalstaaten zu vollenden und abzuschaffen in Tateinheit, zugleich. Der Große Mittag zieht in Europa auf, in Afrika und Asien und Amerika. Den Nationalstaaten verblühen die letzten Herbsttage, wehe! wer jetzt noch an die Nation als Endziel glaubt. Die Nation ist ein Werkzeug des Menschen, wie Begriffe, das Feuer und Ampeln seine Werkzeuge sind. Das Wort Mensch ist ein Werkzeug. Jedes Werkzeug hat ein Verfallsdatum. Manche sind eindeutig, manche nicht. Die deutsche Nation ist ein Werkzeug mit verschiedenen Anwendungsgebieten. Die Kleinstaaterei vor der Reichsgründung widersprach dem Gefühl einer kulturellen Einheit, der von Gott erwählte Kaiser und der autoritäre Klerus und die Polizei und die Henker widersprachen den Demokraten, der Aufklärung, den Künstlern und Nichtsnutzen. Die Nation verspricht Ordnung, Zugehörigkeit, Sicherheit und Strahlkraft in alle Welt.
Die Nation ist kein Endzustand, sondern eine Zwischenstufe. Progressiver Patriotismus. Zärtlicher Regionalstolz.
Passiver Patriotismus:
- rückwärtsgewandt, verklärend, exklusiv
- nationalistisch, chauvinistisch, kriegerisch
- männlich, pseudo-christlich, pseudo-sozialistisch
- Law and Order
Aktiver Patriotismus
- regional und planetar
- aufgeklärt, pluralistisch, interkulturell
- Demokratie, Menschenrechte, Entwicklungshilfe
- in die Zukunft strebend
- skeptisch, agnostisch, spirituell
Re-Regionalisierung Europas.
Die Region als Heimat.
Regionalstolz als der Stolz gegenüber meinem direkten Lebensumfeld,
die Stadt und das Umfeld als die eigentliche Heimat.
Die Nation ist zu groß für ein Menschenherz.
Eine schöne Nation hat ein schönes Ziel.
Die schönste Nation das schönste Ziel: ihre Auflösung.
Als Ziel wird definiert:
die Re-Regionalisierung Deutschlands!
Die Abschaffung der Deutschen Nation.
Abgeschlossen im Moment, in dem die letzte Region sich unabhängig erklärt hat
und in einer Solidargemeinschaft mit allen übrigen Regionen Europas und der
Welt steht.
Flammender Patriotismus, die Männer an den Gewehren, die Frauen mit ihren Kindern auf der Flucht. Der Nationalismus auf beiden Seiten füttert den Kampf. Jede Fahne ist eine Behauptung zu viel. Sobald die Massen erregt sind, ist Ruhehalten, Abstandnehmen die erste Pflicht des freien Menschen. Sich nicht von einer Sache vereinnahmen lassen, weder ins Aufrüstungsgeschrei einstimmen noch Grenzen mit Blut verteidigen, das ist die Sache des Demokraten bei Trost. Der Feind kann niemals eine Nation oder eine Armee sein, sondern nur der Befehlshaber einer aggressiven Armee. Wenn man mit dem Feind nicht verhandeln kann, muss man ihn dann töten? Nein.
Eine pazifistische Methode wäre: keine einzige Waffe gegen den Feind richten, sondern ihm oberflächlich in allen Punkten entgegenkommen. Wir dürfen uns nicht auf die Macht der Diplomatie und der Überlegenheit des Guten verlassen. Wir dürfen uns nicht vom Nationalismus den Verstand trüben lassen. Ein Feind, der weniger Skrupel hat als wir, ist kein ebenbürtiger Feind. Wir geben einfach nach, knicken süß und soft zur Seite und überlassen ihm das Rathaus und die Radios und die Universitäten und übergeben ihm unser Militär und ziehen uns ins Exil zurück und malen uns ein neues Leben in den Farben der Trauer, der Rache und der neuen Hoffnung. Länder, die eine Antipathie gegen unseren Feind haben, werden uns aufnehmen und ein neues Leben leben lassen. Wir werden uns auf ganz friedlichen, juristischen Wegen wehren. Die Anklagen gegen Kriegsverbrechen erscheinen im Angesicht der Schlacht lächerlich irrelevant, aber letztlich ist ein Kriegsverbrecher auch nur ein Mensch und Menschen können gezielt aufgespürt und von ihren Ämten enthoben und irgendwo sicher und würdevoll aufbewahrt werden. Kriegsverbrecher können wirtschaftlich und politisch isoliert werden. Man kann ein Land in den Winterschlaf versetzen, wenn der Feind gerade seine perversen Lüste auslebt.
Es gibt einen pazifistischen Kapitalismus und gegen den Krieg sind sämtliche Allianzen erlaubt. Für das leidende Volk heißt das: leiden, aber leiden mit Horizont vor Augen: die Kapitulation kann mir das Leben retten. Ich muss nicht mit dem Herzen kapitulieren, ich kann lügen, ich kann Vergeltungspläne schmieden, ich kann auf internationale Solidarität hoffen, ich muss nicht mein Leben riskieren, um jemanden zu töten, der von meinem Feind bezahlt wird.
Manchmal kann man nicht an dem Ort bleiben, wo man aufgewachsen ist. Manchmal ändert sich die Regierung. Manchmal kommt einer daher und zieht neue Grenzen und empört fast die Gesamhtheit der Weltgemeinschaft. Es ist das Ende der Zivilisation, wenn nur noch das Töten der Feinde als letzter Ausweg erscheint. Es gibt nicht nur das Recht, einem Staat anzugehören und diesen Staat zu verändern und notfalls zu verteidigen. Dem Feind nachgeben und abwarten
oder auswandern, das ist ein auch Menschenrecht. Niemand darf gezwungen werden, für eine Idee zu sterben. Erst am Ende, wenn man die ganze Geschichte kennt, wird man erkennen, was die bessere Idee gewesen ist.
Am flammenden Patriotismus der Ukrainer erkennt man jedenfalls, dass sie keine Europäer des 21. Jahrhunderts sind, sondern des 20. Jahrhunderts. Schon deshalb können sie, so glaube ich, nicht so schnell zur EU gehören, ebenso wie beispielsweise die Türkei nicht. Es sei denn, die EU wird in den nächsten Jahren patriotischer, militärischer, pathetischer, religiöser. Dann wird es über kurz oder lang eine EU des 19. Jahrhunderts werden. Das alles hätte einfach nicht so weit kommen dürfen; leider ist den Europäern keine tragfähige, vitale, begeisternde Alternative zum Nationalismus und Marktradikalismus eingefallen. Jetzt ist es Zeit, die EU grundlegend neu auszurichten: die Europäischen Märkte demokratisieren, die prekären Jobs abschaffen, mehr öffentliche Investitionen, deutlich intensivierte internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Menschenrechte, des Umweltschutzes. Alle nationalen Armeen der Natoländer sollten zu einer zentralen Natoarmee verschmelzen, die sich weltweite Abrüstung und Abschaffung aller Kriegswaffen zum Ziel setzt.
Die Hoffnung vieler (nicht aller) Linken auf eine Europäische Sicherheitspolitik unter Einschluss Russlands ist bitter enttäuscht worden. Ihre ideologische Sentimentalität hat sie verführt. Sie haben nicht genau hinsehen wollen, was der wahnsinnige Zar in den letzten Jahren mit der Zivilgesellschaft Russlands gemacht hat. Niemals sollte man Despoten eine Träne hinterherweinen, niemals mit ihnen wirtschaftlich paktieren. Deshalb sollte Deutschland fossile Energien weder in Russland noch im Iran noch in Saudi-Arabien noch in China einkaufen. Die ganze westliche Konsummaschine muss heruntergefahren werden, alle entstehenden sozialen Verwerfungen müssen mit all den Milliarden ausgeglichen werden, die die Menschheit zusammengespart hat. Die Auflösung aller Nationen der Erde ist ein Kinderspiel, wenn jeder Mensch Zugriff auf das Gemeinschaftskonto der Menschheit hat. Spielgeld um zu überleben. Es ist theoretisch völlig unerheblich, ob mein Land an dieser oder jener Stelle aufhört, wenn es auf beiden Seiten der Grenze den gleichen Lebensstandard und die gleichen Rechte gibt. Es ist nicht nötig, die Fahne eines Landes hochzuhalten im Krieg. Es ist nicht nötig, für irgendeine Idee zu sterben. (Jede Nation ist nur eine Idee.) Der Nationalismus ist der Feind der befreiten Menschheit. Lang leben meine Freunde, deren Freunde und Familien, sowie deren Freunde und Familien und so weiter.
Meine Freunde! Alles was ich bin, steht und fällt mit eurem Segen. Also segnet mein Stolpern durch euphorische Nächte, segnet die kleine, müde Vogelspinne, die ich in meiner Pfeife verbrenne, segnet meine Fragen an den Weihnachtsmann! Was kann man heute noch ernst nehmen? Europa ist das Spülbecken des Westens, Nordamerika ist die fette Party und der Rest sind die Nachbarn, die in Ruhe schlafen wollen. Segnet das Aufbrechen in die Innenstadt. Segnet mich, damit ich
mich ernst nehmen kann, damit ich meine Bücher und meine Karriere ernst nehmen kann, damit ich eines Tages Bundespräsident werden kann. Hiermit arbeite ich darauf zu. Bitte nehmt mich ernst in meinem Wunsch, zu flattern und wütend aufzubrausen und milden grünen Tee unter den Brücken der Zufallsbekanntschaften zu trinken, die ganze Stadt wird bald ein großer Pullover der Liebe sein, an den sich alle anschmiegen können, die keine Hoffnung mehr haben. Entleert von jeder Ideologie und Ästhetik finden wir in einem kollektiv- dissoziierten Europa eine Utopie, die uns wie eine Lederjacke durch die stürmische Nacht begleitet. Der Winter ist dieses Jahr unglaublich brutal. Ich möchte von liebenden Augen gelesen werden, wie ich mich nur auf die Schoße der Empfindlichsten zu werfen bereit wäre. Ich freue mich über meine Lebensfreude und stürze zu den Anderen ins Treppenhaus und tu so, als wäre mir kalt, dabei bin ich heiß und brenne darauf, mich irgendwo zu verfangen.
Ich würde gern eine lange Wäscheleine nehmen und all meine Freunde miteinander und mit mir verbinden: "Ihr gehört fest zu meinem Leben." - Es wäre so toll, wenn wir uns alle näher kommen würden. Alles funktioniert vielleicht auch virtuell. Ich bin so geduldig; ich möchte nicht ankurbeln, was nicht natürlich sich entwickeln will; nehmen wir uns alle Zeit und Freiheit, die wir brauchen, um herauszufinden, was genau wir in der Welt bewirken wollen und welche Werkzeuge uns dafür am meisten nützen.
Welchen Wert haben unsere Hoffnungen, wenn sie nicht die Kraft haben, sich in einer Stadt wie Erfurt zu behaupten?
Es sollte leichter sein, sich im kreativen Umfeld der Stadt umschauen zu können. Jeder sollte seine Kunstwerke auf eine öffentlich-rechtliche, nicht-kommerzielle Plattform hochladen oder verlinken können. Jeder sollte sich einen eigenen Stream aus Informationen und Kunst zusammenstellen können, z.B. aus lokalen Noise- Bands, überregionalen Nachrichten, europäischen Debatten und weltweiten Wissenschaftsnachrichten. Alle Inhalte können beliebig gefiltert und geordnet werden. Eine Leitkultur braucht es nicht, es reichen freie Menschen, die sich ihren Lebens- und Wertekosmos individuell gestalten können wie die Benutzeroberfläche des Betriebssystems. Du kannst z.B. eine App genau so wichtig nehmen wie einen Beruf. Wissenschaftler nennen das neuronal-virtuelles Indifferenzsyndrom. Wir identifizieren uns mit der Technik: und zwar zu Recht. Das Leben ist so empfindlich wie ein Computer, das Bewusstsein ist nicht mehr als das Betriebssystem dieses Körpers .. [Bekifftsein ist (bestenfalls) sowas wie Linux.] All das sind nur erste Seufzer einer vernetzten Hyperaktivität, das Internet wird immer mehr zu einem virtuellen Überbewusstsein, man klinkt sich in eine konstruierte Welt ein, so wie man sich auch ohne Computer mittels Bewusstsein in eine durch Sprache konstruierte Welt eingliedert und mit ihr interagiert, während ein totes Objekt kaum Impulse hat, um es mit der Gegenwart aufzunehmen. Man lebt nur, wenn man sich um Dinge sorgt oder wenn man
Dinge genießt: das heißt, wenn man Widerstand leistet gegen das Nichts und den Schmerz. Wir fliehen vor Hunger, Durst, Gram und Langeweile. Es gibt viele Arten, glücklich zu sein. Lasst uns solang wir wollen in unseren kuschligen Bastionen. Wenn man verliebt ist, wenn sich alles biegt, lohnt sich ein monatelanges Seufzen. Ich kann diesen stürzenden Gedankenströmen nur meine Dummheit und meinen Hunger entgegenhalten. Ich dusche jetzt, esse dann, geh dann von meinen letzten Euro dieses Jahr einen Kaffee trinken, küsse dich und mich, ich liebe dich, und liebe uns, ich hoffe du auch. Mich lässt du einfach so nah ran wie du magst, lass es täglich, stündlich, minütlich schwanken, aber bitte glaub nicht, ich will dass du dich auf einen Zustand festlegst, dich einer Wahrheit opferst.. Ich will, dass du so frei und glücklich und empfindsam und verworren bleibst wie du bist... Ich will dich nicht anfassen, ich küsse dich, ich küsse dich, und ich küsse dich.
Liebe. Ich bin mir ganz sicher, dass es Liebe gibt. Es fällt mir auch immer leichter zu erkennen, was keine Liebe ist. Es gibt so viele Male, da sagt man: "Ich liebe das." oder "Ich liebe dich.", meint aber nur: "Das gefällt mir und ich mag, dass es mir gefällt." oder "Ich finde dich sympathisch und möchte Himbeereis aus deinem Bauchnabel schlürfen." oder "Bitte bring dich nicht um, ich finde dich manchmal relativ erträglich." oder "Ich habe das Gefühl, du bist ein Körperteil von mir." oder "Ich brauche dringend die gleiche Staatsbürgerschaft wie du." oder "Ich möchte ein Kind mit dir zeugen und aufziehen und für immer glücklich sein.", aber mit Liebe hat das alles nichts zu tun, deshalb kann ich niemandem meine Liebe offenbaren, denn sie ist ohne Form und Richtung, mein Körper ist nur eine ihrer unendlichen Eigenschaften, die Liebe ist eine alles verwandelnde Kraft, meine Liebe ist unharmonisch und grenzüberschreitend, meine Liebe ist keine Bürde, sondern das Ende aller Sklaverei, meine Liebe ist das wachsende Gras in den Ruinen meiner Kindheit, das erste Abendrot im neuen Jahr, eine kurze, herzliche Umarmung in der Straßenbahn, ein Häufchen Kot auf dem Kopfkissen, giftgrüner Lippenstift, Stroboskoplicht und Konfetti: Liebe.
***
Ich knicke langsam ein. Erfurt ist tief in mir. Nüchternes Starren in die öde Fotze des Vormittags. Das Auto würgt die Seele der Stadt. Unglaublich, was wir mit uns machen lassen. Wir können uns nicht auf die Wolken und die Bäume und die Gesichter und Stimmen unserer Freunde konzentrieren, und wir können die Kinder und Hunde und Katzen nicht frei herumtollen lassen, wir können uns nicht überall hinsetzen wo wir wollen, wir können nicht überall phantasieren und schlummern und der Identitätsminister hat seine schützende Hand über uns. I need affection, not protection. Der unendliche Schilderwald demonstriert die menschliche Unterlegenheit gegenüber den Maschinen. Wie viel entspannter, freundlicher, sicherer wäre die Stadt ohne Auto!
Autofahren asozialisiert uns alle. Das Recht des Stärkeren. Vorsicht vor den Maschinen! Oh wie sie alles verdrecken, wie sie alle Menschen gleichermäßig anschnautzen: brwwwäääääääähmmm! Was hab ich verbrochen, um mich von Maschinen so in die Mangel nehmen zu lassen? Was kann getan werden? Können wir uns vor ihnen schützen: vielleicht. Können wir sie auf Abstand halten? Nein. Können wir sie loswerden? Nein. Die Menschen sind süchtig danach, Auto zu fahren - ihre Sucht bildet das goldene Herz der deutschen Wirtschaft und damit Europas. Falls du den Puls von Europa, den Kern, das Wesen, die Identität des Kontinents suchst: hier ist sie, hier am Juri-Gagarin-Ring zieht sie ihre ewigen Kreise: das hier ist die Seele Europas: giftige, böse Maschinen, die von sabbernden, wütenden Hornochsen bedienen werden. Und wehe, es kommt ein Kratzer an die Karosserie! Und wehe, die Fahrradfahrer unterwerfen sich nicht den Imperativen der Autos. Diese vulgäre Rationalität, mit der die Menschen ihre Karren bedienen, ist die gleiche, die meine Eltern dazu getrieben hat, ein Kind zu kriegen. Und fast alle sitzen alleine im Auto; was für eine brutale Verschwendung! Geht man durch die Innenstadt, könnte man denken, die Leute haben nur drei Bedürfnisse: zu kaufen, zu kaufen und zu kaufen. Prinzipiell ist jede Stadt gleich: ein täglicher Jahrmarkt, der in einer Tiefgarage untergebracht ist. Abgase, gebratenes Fleisch, Discount-Parfum, Nikotin. Ich habe Lust auf dickflüssigen Birnensaft. Oh, dieses ganze widerliche Plastik, und diese perversen Bratwürste, und diese missgebildeten Eltern, die ihre schönen Kinder durch die Supermärkte peitschen. Schamlose, selbstgerechte Wohlstandshölle. - Ich muss nur sehen, wie jemand den Wagen stehen und den Motor laufen hat, und ich stelle mir ein Bolzenschußgerät vor. Holt Euch Euer Stadtleben zurück, Bürger dieser traurigen Garage! Lasst Euch nicht stressen von den Gestressten! Sabotiert den Individualverkehr! Legt Euch auf die Straße! Rollt Mülltonnen über die Kreuzung! Manipuliert die Ampeln! Zerstecht die Reifen! Verstopft die Auspuffe! Bringt die Stadt in Ordnung! Verwandelt die Straßen in Wiesen und die Bordsteine in bequeme Sitz- und Schlafgelegenheiten, warm und überdacht, ohne dass jemand bezahlen muss. Hier bei uns in Erfurt kannst du überall einen Schlafplatz und eine Dusche und W-Lan finden. Die ganze Stadt ist ein Wohnzimmer und riecht nach Rosmarin und Zimt und Hanf und Wein.
Ich trage morgen auf dem KlimaSlam vorm Rathaus einen Text vor, dem ich vorausschicke, dass er sich einzig an die wirklich blöden Leute richtet und alle die nicht so blöd sind, sich bitte kurz mit was anderem beschäftigen sollen. Es ist ein
Selbstportrait eines SUV
Ich bin aerodynamisch. Ich hab unzählige Augen vorne und hinten.
Ich bin ein Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst.
Mich muss man sich leisten können.
Wer arbeitet, hat mich verdient.
Sei stolz auf mich! Benutz mich!
Ich bin dein Automobil. Ich gehöre jetzt vollständig zu dir.
Ich habe weiche Sitze nur für dich. Lass dich gehen.
Ich bin dein Safe Space. Wenn du in mir sitzt, hört dich niemand singen oder
fluchen.
Wenn du einen Unfall baust, passiert dir nichts.
Je mehr Menschen Auto fahren, desto weniger Verkehrstote gibt es!
Lass dir von den Fahrradfaschisten nichts einreden!
Wer im Jahr 2022 lieber Fahrrad als Auto fährt,
benutzt auch lieber Brieftauben als Whatsapp.
Wie doof kann man sein?
Warum wollen manche Leute zurückbleiben?
Warum wollen sie stehenbleiben?
Ich bin schnell und sicher und oben drei schick anzuschauen. Ich bin ein Symbol für Freiheit zu guter Letzt. Es steht dir frei, ob du nach links oder rechts oder gerade aus oder wieder zurück willst. Du hast es in der Hand. Willst du schnell oder langsam oder so mittelschnell fahren? Allein du sollst es entscheiden. Hinterm Steuer bist du der Kapitain deiner kleinen Welt. Du hast ein Recht, mich zu besitzen. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Auto. Jeder Mensch hat die Pflicht, Autos zu ertragen. Man kann die Autos nicht mehr aus der Stadt bekommen.
Wir stolzen Stadtmenschen sind es gewohnt,
die graue Luft der Freiheit zu atmen.
Wir lassen nur den feinsten Staub in unsere Lungen.
Die Stadt ist ein bewohnbarer Parkplatz.
Hier ist Parken billig und Falschparken günstig.
Was wären unsere stolzen Städte ohne Kraftfahrstraßen? Wie öde wäre es, wenn wir uns nicht täglich der abenteuerlichen Koexistenz von Mensch und Maschine stellten? wenn wir nicht die schönen, objektiven Verkehrsregeln befolgten, die ein reibungsloses Aneinander-vorbei-verkehren möglich macht? Wie todesstill wäre es, würde man in einer Stadt nur noch Bäumerauschen, Vogelgesang und Menschengeschnatter hörte? Wie hässlich leer wären die Straßen? Vielleicht würden Waschbären und Füchse die Kontrolle übernehmen über Hund und Katz! Das Auto ist ein natürlicher Regulatur der Biodiversität. Zu viel Stadtwild ist schädlich für alle.
Und das Öl!
Das Öl das ich fresse.
Das Metall das ich fresse!
Oh all die schmutzige, blutige, brutale Arbeit, die getan werden muss, um all
meine Zutaten beisammen zu haben!
Oh all das Elend und all der Tod, all die Zerstörung im Namen der Freiheit der
Motoren.
All das Dunkle und Hässliche
muss einfach akzeptiert werden.
Alles hat Schattenseiten.
Lieber das Leben in vollen Zügen, so geil wie möglich auskosten, bis der ganze
Scheißladen in Flammen aufgeht!
Bevor der Himmel anfängt zu brennen, will ich noch ein bisschen schönes
Fleisch fressen und mich von stinkenden Kraftmotoren in Bewegung versetzen
lassen!
Ich will ein paar Katzen und Igel ermorden mit meiner Lust an der
Geschwindigkeit. Ich will eine Gefahr sein, ich möchte den Schwanz meiner
Technikfreudlichkeit in die Öffentlichkeit halten wie eine Visitenkarte! Ich bin ein
freier deutscher Bürger und ich habe ein Recht auf alle Maschinen die ich mir
leisten kann! Ich lass mir meine Freiheit und meine Würde und meine Lust auf
Fleisch und Öl nicht nehmen!
Ich bin Ronny der Lastwagenprofi.
Ich weiß wovon ich rede.
Ich bin auf der Höhe der Zeit.
Ich befehle euch! KNIET NIEDER!
LOBET DEN HERREN! UND LOBET SEINE TOLLKÜHNEN
MASCHINEN!
AMEN! AMEN! AMEN!!!
*** Gefängnisstrafe zwischen 1 und 5 Monaten für alle, die ihre Ironie oder ihren Sarkasmus eindeutig markieren. "Achtung, jetzt wird es sarkastisch" oder "Ironie on/off" müssen unbedingt aus dem Sprachgebrauch getilgt werden, ich möchte auf einem Kulturkontinent leben, der Stil und Ästhetik genau so wichtig nimmt wie Würde und Umweltschutz. Das Hässliche und Finstere ist in jedem von uns, genau wie der Drang zu Schönheit und Licht. Ich plädiere, in unbequemem Schneidersitz auf meinem Bett hin- und herwippend, für eine gründliche Schreib- und Sprechrevolution zur Befreiung des Menschen aus seiner geerbten Geschmacklosigkeit. Es gibt beschissene Gesetze, weil es beschissene Redewendungen gibt. Und gäbe es nur gute Musik, gäbe es keine schlechten Menschen.
*** Ich hab das Konzept der Todesstrafe schon immer ganz kategorisch abgelehnt. Mittlerweile aber entdecke ich in mir eine Stimme, die mich überzeugen will, dass faschistoide Schweine wie Tromp, die selbst die Todesstrafe befürworten und auf so infame Weise sich bereichern und den Staat zersetzen wollen, öffentlich gehängt werden wollen. Wie glücklich leuchtete mein Herz, sähe ich den baumelnden Körper eines langsam erstickenden, rechtsradikalen Psychopathen. Die Stimme redet mir ein, dass ich all meine restlichen, noch nicht ganz verarbeiteten Traumatas endgültig überwinde und endlich erwachsen werde, wenn ich Donald mit meinen eigenen Händen erwürge, bis seine dumpfen Augen herausfloppen. All seine verkommenen Anhänger sollen sehen, dass sich eine Demokratie mit brachialer Gewalt gegen ihre Feinde wehren kann. ... Die USA ist ein hässliches Land, laut und übersteuert und doppelmoralisch konservativ, ein negatives Vorbild... der american way of life ist ein ekliges Schreckgespenst, ... die Medien- & Unterhaltungsmaschine ist konzipiert wie für minderbemittelte Kinder.... Trompf ist das Wahrzeichen dieser beschissenen Republik... ich werde niemals die USA betreten, solang er und verschiedene Komplizen und Wegbereiter (auch Schwarzenegger) nicht exekutiert worden sind von den woken, sensiblen Sozialisten der Zukunft.. bevor weltweit die Todesstrafe radikal und endgültig abgeschafft wird, müssen noch einige Faschos fachgerecht und nach dem Gesetz ermordet werden. ... Ich halte mich definitiv dafür geeignet, der letzte Henker der letzten Faschisten zu sein... Jobangebote nehme ich gern entgegen. Bitte nur ernstgemeinte Zuschriften.
*** Sich plötzlich auf das Konzentrieren, was wirklich sicher ist: die Erinnerung ist alles, was du hast. Man schaut immer in die Gegenwart, während man an die Vergangenheit denkt, weil man die Zukunft nicht sehen kann, sich nur vorstellen kann so wie man Vergangenes nur erinnern kann. Vergangenheit und Zukunft fühlen sich gleich an. Zwischen ihnen hin- und hergeschleudert, kann dir nur das Jetzt bleiben, um dir deines Ichs bewusst zu sein: dem unbewegten, internen Beobachter deines Lebens. Bist du der Beobachter? Welche Eigenschaften hat dieser Beobachter? Kann man ihn verändern? Was bleibt immer unverändert an dir? Dafür, dass du nicht weißt, wer du bist, nimmst du dich ziemlich ernst. Die Vorstellung von einem Ich ist eine Sammlung von Eigenschaften: bestimmte Gedanken fühlen sich authentisch an, andere nicht so sehr. Bestimmte Gefühle sind präsent, die einen deutlicher, die anderen subtiler. - Beim Denken über das Ich gilt: keinesfalls Musik anhören, denn Musik bewegt und Bewegung lenkt vom Selbst ab. - Mein Musikgeschmack bewahrt mich davor, esoterisch zu werden, Sie können bitte beruhigt sein. In einem humanen Kapitalismus, getragen von einer progessiven Kulturpolitik würde man die eigene Verwirrung und Leere leicht zu Geld machen können.
Die Menschen hängen so sehr an ihrer Arbeit, weil das Leben so sinnlos ist. Sie fliehen vor der Leere des Daseins in die Hektik des Weltmarkttheaters. Dasein an sich ist immer leer. Ich nehme meine Umgebung wahr und genieße meine Körperlichkeit, geworfen in vulgäre Körperlichkeit, verdammt zum Existieren und Wahrnehmen, vulgäre Banalität, ohne jedwede Bestimmung, lebendig ohne Auftrag, atmend ohne Wert. ("Was fange ich mit mir an? Inwieweit muss ich mich mit meiner Umgebung identifizieren? Was soll dieser beschissene Organismus? Was will er von mir? Die Uhr tickt. Jede Sekunde vergeht. Ich gleite durch die Zeit. Es ist nicht möglich, sich irgendworan festzuhalten.") Hingegen kann der stete Kampf auf einem Markt, der ein einziges, dezentrales Schauspiel ist, über die skandalöse Banalität hinwegtrösten. Die Scheinrealität des öffentlichen Lebens täuscht über die Tatsache hinweg, dass alle äußeren Zustände politisch verändert werden können. Die Geschichte der Menschheit ist ein Ablenkungsmanöver wie nachmittägliches Privatfernseh- programm. Indem wir uns erzählen, was die Menschheit bisher geschaffen und zerstört hat, täuschen wir uns darüber hinweg, dass unser eigenes Dasein ohne Notwendigkeit und Folge bleibt, weil es zu klein, zu opportunistisch, zu demütig ist. Deshalb sind mir Kunstwerke besonders viel wert, die eine manische, subversive, anmaßende Haltung zum Leben inspirieren.
*** Das Internet bietet zum ersten Mal in der Weltgeschichte armen Leuten wie mir die Gelegenheit, nach Lust und Laune Hinrichtungen, Pornos und Eichhörnchenvideos anzuschauen. Ich verfüge über eine schier unendliche Palette an Musik, ich kann alles lesen und mit anderen teilen, ich erzeuge ein virtuelles Abbild von mir, das zu einem eigenständigen Akteur im virtuellen Bereich wird und Auswirkungen auf die sterbliche Analogversion von mir hat. Die Welt wird transparenter, die Welt rückt zusammen, die Vielfalt des Lebens auf der Erde, die Vielfalt der Kulturen und Werte wird zukünftigen Generationen keine Neuheit mehr sein; nichts wovor sie Angst haben müssen. Ich könnte mir vorstellen, dass Nationalisten das Internet zensieren werden, um die Lust auf eine heterogen zusammengesetzte Weltbevölkerung in Zaum zu halten. Die Schäden, die ein kontrolliertes Internet verursacht, sind verheerender als die Schäden, die ein freies Netz verursacht. Je offener, transparenter, zugänglicher, unbeobachteter die virtuelle Parallelwelt, desto offensichtlicher werden Missstände und desto kreativer kann man mit Ärgernissen umgehen, die hier und da immer wieder auftreten. Nur ein Idiot träumt von einer Welt ohne Probleme. Jede streng reglementierte, demokratisch legitimierte Überwachungsstruktur kann später von konservativen oder totalitären Kräften für ihre Zwecke missbraucht werden. Deshalb muss jeder Anflug von Überwachungsstaat so früh wie nur irgendwie möglich im Keim erstickt werden. Lasst die Menschen in Ruhe! Eure Kameras und öffentlich-rechtlichen Geheimdienste machen bloß die falschen Leute klüger und geduldiger.
Sie schwächen uns, weil sie uns Rechtfertigungen, Erläuterungen, Grundbekenntnisse abringen. Wir werden stärker, wenn wir uns nicht mehr definieren, festlegen, verständlich machen wollen. Ich verabschiede den Gedanken mit einem festen Händedruck. Der Tag ist noch jung, flexibel, gemütlich.
Regierung und Opposition kann den selben Musikgeschmack haben, ohne Lust zu haben, ihre Ansichten aufzugeben. Sie sehen anders, obwohl sie auf der selben Welle der Empfindungen schwimmen.
Ein Markt ebnet Möglichkeiten ein, in dem er zufällige Moden verfestigt, die ohne ihn gar nicht erst entstanden wären.
*** Ich sehe es als meine erste Pflicht an, zu erklären, wie ich so glücklich werden konnte: so viele Menschen haben es dringend nötig, glücklich zu sein. Mein Glück, meine echte Zufriedenheit, meine Freude am Leben ist eine große Ausnahme unter Menschen. Es ist nicht mein Verdienst, in einem milden, gerechten Wohlfahrtsstaat Unterschlupf gefunden zu haben. Was für ein Glück ist es doch, dass ich in keiner Maschine stecke, keine entwürdigende Arbeit tun muss, was für ein Glück, dass ich in einer theoretisch liberalen, solidarischen, pluralen Gesellschaft aufgewachsen bin, die das Grundgesetz ernst nimmt, das, von meinem bequemen Sessel aus betrachtet noch viel radikaler und herzlicher Menschenrechte proklamieren könnte. "Jeder hat die Pflicht, glücklich zu sein. Alle staatlichen Institutionen wirken auf das größtmögliche Glück jedes auf diesem Staatsgebiet lebenden Menschen hin. Jeder hat das Recht auf Staatsbürgerschaft. Die Nation ist eine all ihre Bürger umfassende Wohlstands- maschine, geölt mit Zuversicht und Liebe rattert sie Feste feiernd, Freude und Glück verbreitend über die Erde." Ich lehne mich gern weit aus dem Fenster, ich bin noch nicht gelangweilt und abgestumpft genug, um die Hoffnung zu verlieren. Der schmutzige Wind bläst mir ins Gesicht, die Menschen auf den Straßen haben keine Lust, ihr Weltbild zu verändern. Wie unglücklich sind sie! Mit welch falscher Musik werden sie täglich versorgt! Mit welch schlechtem Fraß werden sie täglich vergiftet! Wenn sie sich doch Hilfe suchen würden. "Wer nicht glücklich ist, hat das Recht, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen: "Wir sorgen für dich, kümmer dich derweil um dein Leben!", ruft der fröhliche Wohlfahrtsstaat seinen Problemkindern zu und ach wieviel Problemkinder unterhält er, und er unterhält sie gern, er füttert sie durch, ohne etwas zu verlangen, denn er liebt sie alle - verfassungsmäßig garantiert. Die Verfassung ist die Liebeserklärung, die sich ein Volk gibt. Die Verfassung ist das Ich des Staates. Er entspricht immer der Persönlichkeit derer, die ihn proklamiert haben. "Indem wir uns eine neue Verfassung gegeben haben, haben wir die Persönlichkeit des Staates geändert.", werden wir sagen. Warum sollten wir uns mit der Verfassung zufrieden geben, die uns Leute gegeben haben, die wir niemals umarmen würden, selbst wenn sie noch lebten?
Deutschland kann es vormachen wie jeder andere europäische Staat auch: klinken wir uns aus der alten EU aus und begründen ein neues, interkulturelles Wohlfahrts-Europa mit allen Staaten der Welt, die uns dabei unterstützen. Europa ist die Vision einer vereinten Welt, die eine Heimat für alle Menschen ist, eine Phase allgemeiner Ruhe und Entspannung, eine gemütliche Welt, in der alle Kinder auf der ganzen Welt zur Schule gehen können, eine Welt mit allgemeinen sozialen Standards, die deutlich höher sind als das, was heute ein deutscher Rentner für seine Lebensleistung bekommt. Man kann es einfach nur wollen oder einfach nur nicht wollen und je mehr es wollen, desto möglicher wird es. Weltgeschichte ist keine schwierige Sache, wenn sich irgendwann die zärtlichen Leute durchsetzen.
Die Progressive
Die Linke muss die Größe haben, sich aufzulösen. Mit dem Vermögen können bestimmte Stiftungen unterstützt werden.
Eine neue Progressive muss sich finden. Links von der SPD, links von den Grünen. Kritik an autoritären Systemen. Kritik an Hyperkonsumkultur. Vertreter von Minderheiten-Interessen.
Die Armen. Die Kranken. Die Leute mit Behinderungen und Ängsten. Klimaaktivisten, Öko-Hippies, Gewerkschafter, Gefangene, Obdachlose. Ehrenamtliche bei ProAsyl und Amnesty International und dem Paritätischen. Queers, Cyberpunks, Antifaschisten, Humanisten, religiöse Minderheiten, Künstler, einfache Arbeiter, Anarchisten, Nerds und Wissenschaftler.
Die Linke hat immer die Arbeit des Arbeiters gepriesen und zum zentralen Gut ihrer Ideologie gemacht. Nur wenige von ihnen sind für das Recht auf Arbeitslosigkeit und Nichtstun, das Recht auf Rausch und Geschlechtsumwandlung eingestanden.
Progressiv. Fortschrittlich. Nach vorn. In die Zukunft.
Die Vergangenheit überwinden. Neue Werte, neue Städte.
Den Staat überwinden.
Ein globales Netzwerk der Metropolen und Regionen.
Öffentlich-rechtlichee Güter: Rundfunk, Wohnen, Ernährung, Arbeitsmarkt,
Social Media.
Bürgerrechte. Kinderrechte. Tierrechte.
Verbraucherschutz. Umweltschutz.
Neue Familienmodelle.
Bildungsreform.
Justizreform. Liberalisierung des Strafrechts.
Steuerreform zur Finanzierung eines Mindestmonatseinkommen von 1000 Euro.
Festivals.
Freie, experimentelle Kunst-/Kulturwelt.
Das Recht auf ein schönes Leben.
Internationale Solidarität.
Öffentlich-rechtliche Grundversorgung. Reduzierung des Energieverbrauchs. Reduzierung des Konsums. Fröhlicher Verzicht und radikale Vernetzung. Befreiung und Bemächtigung von Wissenschaft und Kunst.