(1) Das gelbe, scharfe Stöhnen des Kaffees treibt mich über die von braunem Herbstlaub lieblos dekorierten Straßen, es nieselt und die Gleichgültigkeit der stinkenden Autos macht mich müde, ich habe weiße, strahlend saubere Hosen und einen weichen, roten Pullover an und trage graugeträumtes Bettzeug in den Waschsalon, denn vielleicht besuchst du mich am Wochenende, denke ich und könnte ich wenigstens zwei Schritte von der Stadt zurücktreten, könnte ich melancholisch werden über die Distanz, die jede Nacht niemand zwischen deinen und meinen schlafenden Körper geparkt hat, um nichts zu bewirken, stattdessen wünsche ich mir ein großes, weißes Segelboot, auf dem ich solang die Welt
umkreisen kann, bis du mir glaubst, dass ich neben dir einschlafen will.
Endlich wohne ich wieder in einem richtigen Zimmer in einer richtigen Wohnung, ich spüre, dass mich die neue Umgebung zu einem neuen Menschen machen will, die Tage des Siffs sind gezählt und der Kaffeenachschub wird nicht gestoppt und endlich kann ich wieder besucht werden und endlich passiert wieder jeden Tag etwas Schönes in meinem Zimmer und in der Küche und dem Flur und dem Treppenhaus und sogar im Klo, endlich hab ich wieder Mitbewohner, die ich gebrauchen kann, ich kann sie falten und in meine Jackentasche stecken, ich kann sie bunt anmalen oder ein hellblaues Schleifchen um sie binden, ich hab wieder Lust den Müll runterzubringen und den Herd zu putzen und jeden zweiten Tag ein rosa Schaumbad zu nehmen und vielleicht kommst du am Wochenende vorbei und wir trinken Tee und erschrecken ein paar Leute auf der Straße mit Seifenblasen und freundlichem Lächeln. Ostdeutschland ist ein grauer Schrottplatz, auf dem man glühende, bunt-qualmende Partys feiern muss, die die Erdkruste durchstoßen und neue Träume entfachen.
Ich freue mich auf einen weichen, milden Frühling, verstrickt in hellrosa wehenden Kirschbaum-Alleen, die Innenstadt vollkommen befreiend von den wutbrüllenden Automassen, überall freundliche Gesichter der Entspannung, langsame, überzärtliche Körper in subtropisch-gepolsterten Räumen der Dissoziation, lange, gemütliche Landstraßen, verheißungsvoll schimmernde Himmel, fruchtbare Täler und kristallklare Flüsse, bunte, euphorisch miteinander vernetzte Völker; der Humanismus als Gartenfest, Demokratie als Infrastruktur der Ekstase, Literatur als Diskothek für Adjektive und Subjektive.
Etwas miteinander anfangen müssen, dafür sich gegenseitig aushalten wollen, sich auf etwas einigen können: das ist die Spannung des Kerns, um den das ganze Theater sich dreht. Die Traurigkeit der Musik ist so elegant wie ein unrhythmisch tropfender Wasserhahn, der den rosa Lappen einweicht, auf dem Speisereste immer blasser, schleimiger werden. Wir sitzen stumm beisammen und fragen uns, was wir miteinander anfangen sollen. Wir geben uns als in Trostlosigkeit wild gewordene Formlose aus, als Mittagsgespenster, die unbedingt offen und freundlich und witzig und mutig sein wollen, die sich ernst nehmen können in ihrer Fragilität und Empfindlichkeit und Ratlosigkeit. Sitzen wir vielleicht aber bar jeden guten Willens, bar jeder fröhlichen Phantasie, bar jeder Selbstachtung in zu engen, formlosen Küchen für formlose Menschen, die zu formlosem Leben verurteilt sind? - Die Illusion der Form ist Grundlage jedes Optimismuses. Der Glaube an die Formbarkeit des Lebens ist Voraussetzung für jede Aktivität. Ich muss mein Leben gestalten, um überhaupt zu sein. Indem ich aber mein Werk behaupte, will ich mich aus dem Spiel lassen: ich bin nicht involviert in die Ereignisse, wenn ich mich in dem Haus verwirkliche, das dieses Buch ist. Ich habe es mir als Schriftsteller zur Aufgabe gemacht, mein Leben so zu gestalten, das ungefähr jeden Tag wenigstens einen guten Text abwirft. Jedes Mittel ist Recht, ein gutes Buch hervorzubringen. Jede neue Bekanntschaft will in mir neue
Gedanken und Wünsche einpflanzen, jede neue Situation will Hebamme für einen guten Satz sein. - Meine Relevanz wächst mit meinem Größenwahn, der mich durch die dunkle Nacht führt, im Bann der unsichtbaren Buschtrommel meiner wütenden, ungesteuerten Lebensgier, die zum aufgedunsenen Horizont strebt. - Meine Texte sind die Schatten einer schweren Entscheidung, die ich bald zu treffen genötigt bin.
Indem ich schreibe, greife ich in die schwarzen, feuchten Wurzeln meiner Karriere und damit meines Lebens, ich überblicke mein Leben, mein ernstes, weiches Mittagsgesicht kreidebleich und kurz vor einem Kreislaufzusammenbruch an der roten Ampel neben einer Gruppe Rentner, die nach Edeka und MDR riechen, ich grinse sie an und ihre Lieblosigkeit fühlt sich herausgefordert und antwortet mit aller verfügbarer Stiefmutterkälte, blendendes Grau, vor dem ich schelmisch meinen Hut ziehe und schnurrstracks in eine Seitengasse verschwinden muss, um durchzuatmen, tief durchzuatmen.
Indem ich schreibe, verleihe ich meinem dissoziierten Selbstmodell Substanz, ich steige in das ewige Echo der Zimmerecke, lass hochwertige, höchstwichtige, zerschredderte Fragen auf mich fallen wie silbernes Lametta, mein Schweigen und meine Ratlosigkeit sind die besten Antworten, die ich finden kann. Ich bekomm das eine Lied nicht mehr aus meinem Kopf. Ich sehe das Ende kommen! Ich kann die Polizeiarmee das Treppenhaus hochstampfen spüren.
Was war ich pessimistisch und ziellos in den schlaflosen Jahren nach dem Studiumabbruch, was war es für eine Befreiung, als ich begann mein endogenes Cannabinoidsystem anzuregen! Ich weiß, nicht jeder hat gute Erfahrung damit, besonders wenn man noch in der Adoleszenz steckt, kann Cannabis destabilisieren und zu grundloser Faulheit und grundloser Angst führen. Ich hab mit 28 Jahren angefangen und es war eine gute Entscheidung, und so ist dieses Buch nicht nur ein hymnisches Lob auf pflanzliche Bewusstseinserweiterung, sondern ein Appell gegen Verdrießlichkeit und Abstumpfung, ein freundliches Ausrufezeichen, das sich aus unendlichen Fragen verdichtet hat gegen das griesgrämige Ausrufe- zeichen von Erfurt.
Wenn ich Cannabis genommen habe, weiß ich genau, wen ich imitieren will: die großen Dichter und Musiker, die die Natur und Wahnsinnigen immitieren! Ich möchte mich unter einem Label abstrampeln! Ich möchte ausgestellt werden! Ich möchte auf Silbertabletten serviert werden! Ich möchte untermalt von Steve Reichs Counterpoints analysiert werden! Ich möchte, dass man ein großes Theater um meine Buchstaben macht! Ich möchte die Behauptung, die mein Herz pocht, in Imperative transformiert sehen, in Gesetzestexte, in Hochhäuser, in Kehr- maschinen, in Apotheken, in Symphonieorchester und ich möchte dafür beklatscht werden! Ich möchte einen Blumentopf gewinnen für meine Euphorie! Ich möchte einen Umschlag mit Geld bekommen für meine Zuversicht! Ich möchte, dass meine Manie und Kreativität von ganz vielen Blitzlichtkameras in Zeitlupe
fotografiert wird, ich möchte, dass schwangere Frauen das Platzen ihrer Fruchtblase fürchten, wenn sie sich darüber im Klaren werden, was ich mit "fröhlicher Abschaffung" meine. Ich möchte, dass mein Erfolg eine Kreissäge im Schmutzblätterwald ist, ich möchte, dass mich alle Taxifahrer kennen und mich kostenlos überall mit hinnehmen! Ich möchte mit meinen Freunden dissoziieren und die Innenstadt sauber machen und die Tauben füttern und die Blumen gießen und die Flüsse von Unrat befreien und ich möchte den Behinderten das Leben leichter und den Depressiven das Leben heller machen. Ich möchte für die Coolness, die ich verbreite, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Ich möchte mit einer lauten, schiefen Kapelle durch die Stadt ziehen und mit Pauken und Trompeten umkippen!
Das Wochenende ist das Geheimnis, um das sich jede Woche dreht. Man muss es so vielfältig und bunt und weich wie möglich einrichten, um zu entlocken, was in ihm steckt. Solang man nicht guter Hoffnung ist, braucht man sich gar nicht dranwagen, solang man nicht von innen leuchtet, kann man alles vergessen. Es ist nötig, zu glauben, um wirklich vorwärts zu kommen und alles ist Recht, was den Glauben stärkt: selbst wenn es eine Illusion ist. Eine fiebrige Illusion war es, die mich durch manche kalte Nacht gebracht hat und eine fiebrige Illusion wünsche ich Euch, Mitbewohner von Erfurt. Das Wochenende ist Euch nur noch eine Antwort auf die immergleiche Frage, die Euch die Woche stellt: ich will dass Ihr es andersherum macht: lasst das Wochenende eine unendliche Frage sein, die alle Imperative der Werktage in den Horizont schiebt, dessen Unsicherheit in warmem Rosa leuchtet. - Segelt die Schiffe, bewaffnet Eure Sehnsucht, stürzt Euch besinnungslos taumelnd in die offene Zukunft! Seht die Vergangenheit sich zu einer harten Faust zusammenballen, seht die Gegenwart sich auflösen in Eurer Erinnerung und Phantasie. Haltet Euren mutigen Atmen hoch wie Flaggen, Eure Bescheidenheit tragt wie ein Schild vor Euch her und Eure Zärtlichkeit wie ein Schwert! - Das Wochenende ist das Schlachtfeld, auf dem die Werktage zerplückt und neu geordnet werden. Zerreißt das Drehbuch, bringt den Zug zum Entgleisen, übersät die Stadt mit fröhlichem Horror und blinkenden Blumen und warmer, klebriger Zuversicht. Ihr werdet leuchten und alles wird Sinn ergeben! Das Leben ist eine einzigartige Gelegenheit, Autos und Häuser und Herzen abzufackeln! Gehen wir nicht halbherzig mit unseren Möglichkeiten um! Ziehen wir unsere Köpfe aus dem Galgen und bauen wir unserer Begeisterung ein treffsicheres Katapult. Nicht weil die Zeit drängt, sondern weil sie vollständig verschwunden ist.
Meine Persönlichkeit nimmt ein heißes Schaumbad in meiner Unfähigkeit zu schlafen und einen klaren Gedanken zu fassen. Sie pult sich mit der Schere der Ambivalenz hängengebliebene Eigenschaften unter den Zehennägeln hervor, wäscht mit dem hellgrün leuchtenden Shampoo frühlingshafter Gleichgültigkeit und dunkelgrüner Überforderung sich metallische Zeit vom Kopf, spielt sich mit dünnen, skeptischen Fingern am Arschloch herum, das - je nach dem, von welcher Seite man es betrachtet - schmollt oder lacht, und pinkelt vielleicht noch eine
bisschen gute Erziehung in die Wanne? Nein, ich komm langsam wieder zu mir, ich atme auf, dreh das Mixtape um und tauche meinen Kopf ins Wasser um das Shampoo aus den Haaren zu spülen. Es gibt nichts erholsameres als ein warmes Bad im Herbst.
Ich bin froh, seit Jahren unter den liebevollen Händen der Sozialgeldmaschine zuflucht finden zu können vor den kalten Händen der Blutsverwandt- schaftsmaschine, ich darf hier herumirren, ich darf alle Fehler machen die jeder macht, der frei und wild sein muss. Ich muss nicht dem Staat gefallen! Der Staat muss mir genügen, sonst ist es nicht mein Staat! Ich will meinen Staat sanft und großzügig, viel eher Festival als Verwaltungsapperat. Er soll meine Pleiten abfedern, meinen Müßiggang inspirieren! Ich will einen gemütlichen, liebenden Staat, der jede Nacht jedem Bürger einen Kuss auf die Stirn gibt und schaut, ob man auch schön warm und gemütlich eingepackt ist. Ich möchte meinen Staat wie ein großes, weiches Kissen, in dem man in Würde unglücklich verliebt sein kann.
Meine psychische Abhängigkeit von Marihuana und meine körperliche Abhängigkeit von Koffein sind ein schöner Holzstuhl in einer schönen Küche. Je weniger ich mich konzentriere, desto sensibler kann ich sein.
(2) Du musst dein Leben zu einem spannenden Urlaub machen. Der Fluß der Zeit ist eine Halluzination des Bewusstseins. Wenn wir unser Bewusstsein auf bestimmte Weise verändern, hören wir auf zu altern, während der Körper bis aufs Äußerste gespannt ist im Wissen, dass alles ungewiss ist, verglühen will in einem kalten, kargen Raum, der von warmer Soulmusik und der bedrohlichen Gemütlichkeit einer roten Glühbirne gesegnet, mein Raum, mein Sujet, mein Schicksal ist. Ich versuche mein Nichtstun zu ertragen, bis ich stolpere über das einjährige Jubiläum eines hippen Plattenladen unter der Trambrücke am Nordbahnhof, buntes Neonlicht, Videointallationen, Pantomimen und Gaukler der Ekstase, gelang- weilte Schreihälse, dicke, Sandwitch-essende Bauarbeiter, metasexuelle Dandys eines Jahrzehnts, das sich nicht mehr fassen lässt. Alle reden von der Katastrophe der US-Wahl und der neuen Rolle Europas, speziell Deutschlands. Vielleicht liegt es an uns müden Europäern, die westlichen Werte neu zu begründen und feiernd zu verteidigen. Bisher haben wir uns nur eine multimediale Demokratie- Inszenierung zugetraut, absolut im Einklang mit der gefräßigen Geldmaschine, deren Hunger fette, machtsüchtige Großkotze der Gewinnmaximierung zu verantworten hat, die abgenickt werden von phantasielosen, in hoffnungsvoller Hilflosigkeit demütig und dumm gewordenen Arbeitsochsen, während ich mich in einer unglücklichen Verliebtheit herumwälze und weder an das Gute noch das Böse im Menschen glauben kann und von globalen Entspannungen träume, für die es noch keinen Namen gibt.
Gestern wollte ich mir im Silan-Döner einen Salat holen, doch sie hatten schon zu und ich war absolut nicht traurig, ich sagte mir, dass sich schon was ergeben wird, wie so oft sich die Dinge einfach ergeben, und keine fünf Meter weiter finde ich eine Tüte voller Suppenterrinen und Tomatensuppen-Tütchen. Ein lustiger Wink. Stunden später laufe ich ein Birthday-Party-Lied mit der Textzeile "welcome to the car smash" singend über den Juri-Gagarin-Ring und plötzlich hat hinter mir jemand einen Auffahrunfall und ich beschließe einen großen, peinlich- berührten Bogen zu machen um meinen kommenden Dreißigsten - pünktlich zwei Tage zuvor hab ich meinen verkorksten, kalten Eltern einen bitteren, mit Gifthonig abgeschmeckten Brief geschrieben. Er wird meine Mutter depressiv machen und meinen Stiefvater wütend, vielleicht werden sie noch in ihrem Sterbezimmer ihre letzte Kraft dafür verschwenden, mich zu verfluchen für meine Anmaßungen. Wollen sie mich schlagen? Mir verbieten, fernzusehen, weil es gleich Essen gibt? Er selbst sitzt mit der Bierflasche vorm Fernsehen und erholt sich von seiner harten Arbeit. Was für einen Ekel habe ich ihm gegenüber empfunden! Ekliger, dummer, liebloser Blödmann, der so unfassbar laut und böser werden konnte. Diese Kälte und Angst die mich gepackt haben - nie hatte ich irgendein Gebrüll oder irgendeine Ohrfeige verdient! Meine Mutter hätte nach dem gewöhnlichen, langweiligen Alkohol-Desaster mit meinem leiblichen Vater an einen tollen Mann kommen können, aber dumm wie sie war hat sie ihre künstlerische Neigung unterdrückt und ist an einen brutalen, feigen Langweiler gekommen, der sich für den Größten hält. Etwas in mir sagt, ich kann ihn nicht einfach hassen, weil er quasi mein Vater ist: dieser Teil weiß nicht, dass ich meinen Hass nicht mehr unterdrücken muss, weil wir nicht mehr zusammenwohnen. Kein Grund mehr, irgendwas zu unterdrücken. Es gibt nichts, das mir fehlen wird, wenn ich mich vollkommen von meinen Eltern löse, so werde ich endlich erleichtert von der Bürde der Illusion, in einer normalen Familie aufgewachsen zu sein.
* Auf dem roten Regenbogen einer ungewohnt vielschichtigen Manie, die in Tatendrang, Spontanität, euphorischer Planlosigkeit und unglücklicher Verliebtheit immer größer und dunkler wird, segne ich diesen November. Es gibt immer etwas zu verlieren, aber manchmal auch zu gewinnen, sprach der Taxifaher, der von purer, gleißender Heiterkeit überwältigt mit seinem Auto über die Klippe zu fahren sich bereit fühlt und erstmal Gas gibt. Ich bin etwas nervös, weil ich nicht weiß, ob ich auf dieser Party im Plattenladen fotografiert wurde. Manchmal erschrecke ich mich vor der Kälte, die ich auf Fotos zeige, ich hab dann Lust mich drei Tage vor meinen Freunden zu verstecken. Unmöglich, so etwas einfach zu vergessen. Ich hab meine Außenwirkung nicht in Griff, deshalb bin ich vielleicht dazu verurteilt, jemand zu sein, der ich nicht bin. Manchmal glaube ich, dass sich alle Menschen, die es gibt in mich verlieben würden, wenn sie mein wahres Selbst erkennen würden. Ich fühle mich wie ein Heiliger im Körper eines Idioten. Deswegen bist du auch nicht noch ein bisschen geblieben, Süßer. Ich lass die Unsicherheit, ob du mich so lieben kannst wie ich dich, über mich prasseln wie warmen, golden-schimmernden Herbstregen und verliere den Überblick über
meinen Liebesbegriff und fühle mich frei und von Ratlosigkeit derart angespannt, dass ich einen Sturz aus dem dritten Stock ohne Blessuren überleben könnte.
Ein schlechtes Gedächtnis erhöht den Musikgenuss. Das Gegenwärtigsein lässt die Musik zum eigentlichen Ereignis werden, frei von Erinnerungen und Phantasien: pure Wahrnehmung. Bei Liebeskummer kann sowas depressiv machen: der pure Liebeskummer kann sehr bitter schmecken, eine Bitternis die Angst einflößt und wenn die Angst nicht so lustvoll und effektiv wie möglich gejätet wird, fängt sie an, Pessimismus zu verbreiten und dann verlierst du deine Haare auf dem Kopf, legst dir ein schmutziges oder langweiliges Laster zu, fühlst dich als Verlierer, den keiner braucht und wirst immer älter und kälter. Nein nein, ich muss in den sauren Apfel des Optimismus beißen. Ich will den Wahnsinn der Manie gestalten, damit er nicht mich gestaltet. Ich beschließe einen Song aus dem Brief an meine Eltern zu collagieren. Der Gedanke, dass ich nie wieder etwas mit ihnen zu tun habe, löst den Knoten, der meine Zwanziger auf Sparflamme laufen ließ.
Unmöglich zu wissen, ob ich in ein stabiles, strukturiertes, zielgerichtetes Leben gerate, wenn ich nicht sozialversicherungspflichtiger Künstler in gewissen Kreisen werde, wo ich eine Rolle spielen kann. Die Inszenierungen, die jeder ununterbrochen von sich macht, folgen der Regie einer unsichtbaren Moral: man verwirklicht sich erst dann als Individuum, wenn man eine Grenze überschreitet: sonst ist man nur das ideale Kind, der ideale Student, der ideale Liebhaber, der ideale Angestellte, der ideale Künstler - also nicht mehr als ein Möbelstück mit Selbstbewusstsein. Das Leben beginnt dort, wo es fragwürdig wird, wo es echte Verletzungen gibt, wo es schwierig wird, Gesetze zu befolgen, wo es manchmal gar nicht nötig und oft sogar schädlich ist, bestimmte Regeln einzuhalten, bestimmte Erwartungen zu erfüllen. Sobald die Dinge aufhören, selbstverständlich zu werden, fangen wir an, Persönlichkeiten zu sein. Erst die Ratlosigkeit und Überforderung öffnen uns für die vielen Möglichkeiten die wir haben, jenen mit etwas Glück ein paar Jahrzehnte andauernden Absturz, den unser erwachsenes Leben bedeutet, mit Phantasmen auszuschmücken und mit Bedeutungen und Zielen abzufedern. "Du musst entscheiden, wie du leben willst, nur darauf kommt's an!" Ich singe diesen Song, "So oder so ist das Leben" von Hildegard Knef, in meinen Kamm vor dem Zimmerspiegel, denke an meine lieben Freunde und beende auch diesen Tag leuchtend, geerdet in einer gleichmäßig-strahlenden, entspannenden Verwirrung.
(3) Ich rasiere all meine Haare vom Kopf und ziehe weite, weiche, weisse Kleidung an: so beantworte ich die Frage, die Erfurt mir seit neun Jahren stellt. Mit diesem Buch atme ich auf: ich spanne meine helle Manie im Stadtzentrum auf wie einen Schirm: alle sollen sehen, dass ich glücklich bin. Ich gebe keine Antworten mehr und taumel von einer Laterne zur nächsten, das Jahr 2016 sitzt mir auf der Schulter wie ein aufgeregtes Kind, ich versuche ihm die ganze Stadt zu zeigen.
Hier bin ich zu Hause, hier sind all meine Möglichkeiten beherbergt, hier schlafen all meine lieben, gierigen, verspielten Freunde, hier will ich zur Ruhe kommen und glücklich werden. Hier saß ich mit Bodo Ramelow in einem gepolsterten Keller aus blauem, süßem Rauch und redete mit ihm über Melancholie und Gulasch, hier fürchtete ich einen Raubüberfall, hier träumte ich ein großes, strahlendes Baumhaus in den Park, hier hörte ich syrische Kriegsflüchtlinge Lieder von Hoffnung und Zärtlichkeit singen, hier wurde ich von einem Hipster hinters Licht geführt, hier habe ich Cioran-Zitate an die Wände gemalt, hier habe ich Morrissey-Songs an schlaflose Studenten verteilt, hier habe ich mir vorgestellt, die Kanalisation mit Mondlicht zu fluten und dem Bürgermeister einen schwarzen Schmetterling auf die Stirn zu malen. Ich fühle mich wie ein weiches, weisses Kissen, das jemand aus irgendeinem Grund in eine Ecke gelegt hat: ich bin eine gemütliche Gelegenheit für jeden, je mehr man mich benutzt, desto gemütlicher werde ich. Komm zu mir, wenn du keine Lust hast, bei dir zu schlafen.
(4) Ich verlasse die Stadt, ich verlasse mein Erfurt-Selbst. Ich komme in Weimar an, als gerade der erste Schnee des Jahres fällt, der die lieben Gesichter der Weimarer noch lieber strahlen lässt, ich warte bis du von der Schule kommst, lass mich von ziellosen Straßen ein bisschen gehen; die Gemütlichkeit der Cafe-Sofas und die charmante Überfreundlichkeit der Bedienung lasse ich mir zufallen als das Einzige, was mir wirklich gebührt und selbst das Spülwasser der Toiletten ist kristallklar und selbst die Besoffenen vergreifen sich nie im Ton hier und noch nie gab es hier Fahrscheinkontrollen und noch nie ist hier jemandem ein Blumentopf auf den Kopf gefallen, seit dem du hier wohnst, lieb ich dich, seit ich hier in Weimar zum ersten Mal neben dir geschlafen hab, will ich dich küssen, deine Lippen, deinen Arsch, will ich dich den ganzen Tag an mir hängen haben, will ich mich nur noch bei dir ernst und wichtig nehmen und dich von oben bis unten und vorn bis hinten konsumieren, bis die Nacht in zwei Hälften bricht. - Weimar sollte die Landeshauptstadt werden und Erfurt ihr Parkplatz.
Ich hab heute Nacht im Halbschlaf mitbekommen, wie Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Festgekrallt an deinen ruhelos schlafenden Körper fand ich Clintons Niederlage verwandt mit meiner Unfähigkeit dich zu küssen. Die Welt leidet an meinem großartigen Liebeskummer, die Welt weitet sich unter meinem feuchten, fröhlichen Liebeskummer, den ich stolz trage wie eine Elster Silberschmuck. - Weimar sollte die Landeshauptstadt werden und Erfurt ihr Parkplatz.
Wenn ich glücklich bin, kann es nicht falsch sein, die Intensität mit Substanzen zu steigern. Kreativität ist die Fähigkeit, Lebensfreude auszudrücken, um mit Lebensfreude anzustecken. Hiermit erklären wir die dunklen Jahre für beendet. Mein Liebeskummer ist in bunte Wolle Geduld gewickelt. Der Kassiererin im
Penny gebe ich einen Schnaps aus, denn ich kreise um ein Serotonin-Syndrom mit ausgebreiteten Armen und hungrigen Augen. Ein Bus rast vorbei, eine braune Pfütze springt mich an und küsst mich auf den Boden, der saubere, zerbrechliche Einkauf purzelt auf die Straße, ich trinke billigen Kaffee aus einem Pappbecher und schwitze und bleibe bei Rot stehen, ich verliere mich in der stumpfen Spiegelung der Ampel auf dem nieselnassen, unfreundlichen Asphalt und finde mich unter der Anger-Uhr wieder, die gerade 19 Uhr schlägt. Das Alles mach ich nur für dich, damit du einschätzen kannst, was ich für ein Junge bin. Ich hab keine Lust mehr, Euch etwas vorzumachen und ich zieh mich von jeder Erwartung zurück, verstecke mich ein paar Monate in meinem Zimmer oder springe plötzlich auf die Bühne und singe meine traurigen Schlager. Wenn ich nichts tu und nichts denke, bin ich nichts. Ich muss denken, weil ich sein muss. Ich muss etwas darstellen, weil ich atmen muss.