Tod

Mit einer einzigen Frage fing das ganze Elend an: was soll ich anfangen mit meinem Leben bis der Tod mir alles wieder nimmt? Alles was ich mache, ist schlucken.

Die Tatsache, dass das Leben endlich ist, ist nervig, denn es könnte ja auch ganz anders sein. Ärgerlich wie den Schlüssel nicht finden zu können, der vorhin noch auf dem Tisch lag, so ärgerlich, dass man schon gar nicht mehr richtig daran glauben will.

Zu sein und irgendwann nicht mehr zu sein. Der Apparat wird abgeschaltet. Hier steh ich noch und behaupte, dass alles Illusion ist. Ich kratz mich im Nacken und rieche an einer bunten Blume. Mein Bewusstsein ist ein Setzkasten voller Störfaktoren. Als leidenschaftsloser Sammler nehme ich an der Welt teil. Ich beobachte den Sonnenaufgang und hoffe, heute niemandem über den Weg zu laufen, so wie ich manchmal auch niemandem im Traum begegnen will. Das Leben, das ich führe, ist ein tolles Ding, es baumelt im Raum und verliebt sich in

die Unendlichkeit der Musik. Experimentelle Musik kultiviert alternative Lebensentwürfe. Lasst es doch mal drauf ankommen und nehmt die Musik ernst, wie sie jedes Wort, das man ihr auf den Bauch malt, in eine Interjektion verwandelt. Nehmt teil an Euren Gefühlen, haut einen Ziegel in die Glastür, die den Traumraum und den Nichttraumraum voneinander abtrennt. Es gibt Dinge die man kann und Dinge die man nicht kann. Ich möchte nicht im Moment vergehen. Ich möchte "mich" behaupten, also hinter mein Ich ein Ausrufezeichen setzen, so wie es die Musik mit jedem Wort des Liedtextes macht. Jeder Atemzug öffnet ein neues Zeitfenster. Meine Weigerung, mich geistig und ästhetisch und körperlich weiterzuentwickeln, erfüllt mich.

Das Leben determiniert die Art des Sterbens. Du kannst ja mal so leben, dass du das meiste aus deinem Sterben herausholen kannst. Sammle genug Drogen- Erfahrungen, damit du weißt, unter dem Einfluss welcher Substanz zu sterben möchtest, wenn es soweit ist.

Man überlebt eine Unendlichkeit, nämlich die vor der Geburt, aber nicht die ab dem Tod. Unser Alltag verhindert, dass wir ein Gefühl für die Unendlichkeit des Nichts, das auf uns wartet, entwickeln können. Wir nicken unkonzentriert ab, was uns die Naturwissenschaftler sagen, aber wir haben keinen Begriff davon. Die Angst vor dem Nichts, könnte sie ihre unendliche Schönheit gegen den Alltag durchsetzen, würde uns niemals erlauben, mit beiden Beinen gerade aus zu gehen oder unseren Blick in den Himmel zu richten.

Eine Ewigkeit Nichts. Dann geraden Moleküle so aneinander, dass mein Bewusstsein entsteht, und mit diesem Bewusstschein schau ich mich um - und dann wieder eine Ewigkeit Nichts. Nur einmal leben. Danach nie wieder. Ich hab eben geträumt, dass ich deswegen weine, nachts auf einem verregneten Kirchdach, ein Freund umarmt mich und sagt "Oh bist du schön warm" und dann gehen wir weiter. Der Freund warnt mich vor Löchern im Dach: "Pass auf, ob du aufs Dach oder in den Tod trittst" und ich spring drüber und schau zurück und er fällt kerzengerade durch das Loch und ich spüre wie mich das Universum in der Klemme hat und wache mit einem Schwindelgefühl auf und frage mich, warum niemand Tag ein, Tag aus von der dummen, unendlich kalten, trostlosen, skandalösen Tatsache unserer absoluten Sterblichkeit zum Heulen gebracht wird. Man lebt nur einmal kurz und danach nie wieder. Das Bewusstsein starrt in die unerreichbare Unendlichkeit, niemand der gern am Leben ist, will sterben und irgendwann ist alles für immer, für immer vorbei und nichts kommt wieder. Ich fühle mich den ganzen Tag so leer, so schwach, zerbrechlich, ausgeliefert, ich möchte all meine Freunde umarmen.

Warum existieren wollen? Warum Lust empfinden wollen? Warum das Schöne und das Gute suchen? Merkt ihr nicht, dass das Leben euch als Wirt benutzt und die Lust nur ein Mittel ist, damit ihr zumindest solang nicht sterben wollt, bis ihr euch reproduziert habt? Dem Leben liegt nichts an dir persönlich, deine

Individualität ist nur eine schöne Blüte, die dich davon ablenken soll, dass du nur einen Sinn für das Leben hast, wenn du dich vermehrst. Wer sich nicht vermehren will, wer das Leben als Selbstzweck benutzt, steht außerhalb des eigentlichen Lebensstroms. Hier gibt es wirklich nichts zu tun. - Wenn du dich hier aber zufällig "gefunden" hast, was bleibt dir anders übrig, als dich sofort wieder zu verleugnen?

So wie ich hoffentlich irgendwann zu verkraften lerne, dass ich niemals die Lippen küssen werde, die ich küssen will, werde ich hoffentlich auch zu verkraften lernen, dass irgendwann mein Leben für immer vorbei ist. Vielleicht werde ich meinen Tod aber auch niemals verkraften können, weil ich niemals den, den ich lieb, küsse. Ich bin derart unvorbereitet auf den Tod, dass ich nur wütend sein kann, niemanden zu haben, den ich für meinen Alterungsprozess verantwortlich machen kann. Die Lüste, die das Leben bietet, sollen über den Tod kurzzeitig hinwegtrösten. Die Untröstlichen ziehen sich vom Leben zurück, verkriechen sich in einer abgedunkelten Wohnung, lassen sich mehr und mehr drangsalieren von ihrer Unfähigkeit, irgendeinen Fluch in den Weltraum zu spucken, werden immer kälter, leerer, dunkler, ihre Gesichtszüge werden immer neutraler, ihre Herzen ruhiger und in ihren Träumen liegen sie im warmen, weichen Gras, an den sprudelnden Quellen ihrer Kindheit. Nur das Imaginäre, das Falsche, das Unwesentliche, das Unnatürliche schützt vor dem Sterben. Der Sinn des Lebens ist, Fingernägel zu knabbern.

Was genau verschwindet, wenn ich tot bin? Warum will ich nicht tot sein? Daran kann ich meinen Beruf orientieren. Das, weswegen ich das Leben toll finde, vertiefen mit all meiner Aufmerksamkeit und all meiner Zeit. Hiermit verschmilzt mein Alltag mit meinem Beruf. Ganz und gar fest werden, ganz und gar im Sattel eines Berufes sitzen, der mich definiert. Jetzt aber noch schaudern: wow! Diese Freiheit, die mir gegeben ist. - Wenn ich nicht meine Umgebung bin, wenn ich nicht meine Erziehung bin, wenn ich nicht meine Vergangenheit bin, ich nicht meine Gefühle bin, sondern nur der Wahrnehmer: dann wäre ich identisch mit jedem Anderen, sobald ich alles erlebe wie er: mit seinen Sinnen, in seiner Umgebung. An jedem Menschen siehst du, was aus dir unter seinen Umständen geworden wäre. Wenn nichts unsere Identität ausmacht als das, was wir erleben, sind wir alle gleich im Grunde, nur mit einer anderen Geschichte, anderen Stärken und Schwächen. Im Grunde sind wir alle die Gleichen. Es gab und gibt immer nur einen Menschen: eben dich: nur du hast eben immer einen anderen Körper und eine andere Geschichte. Ich kann an dieser Ecke der Welt, zu diesem Zeitpunkt machen was ich will: es wird das Ganze beeinflussen: egal welche unbedeutende Sache jemand tut: damit hat er eine bedeutendere unterlassen: Unterlassung ist auch eine Tat und nicht alle sind stark genug, das Richtige sein zu lassen. Die Tatsache, dass ich jetzt nicht komplett ausraste, beeinflusst das Leben meiner Mitbewohner genau so wie das Leben des Ministerpräsidenten: es könnte nämlich auch anders sein: und der Grund, weshalb es nicht anders ist: ich stecke in einem Körper drin, der genau das leistet, was er leisten kann. Was gibt es sonst für mich

zu tun? Nichts. Ich fühle mich nicht mehr, weil ich nichts tue: nur der Glaube an Weltherrschaft kann mich noch aus meiner Vertiefung locken. Alles andere: nur Konzepte, um Schüchternheit zu verwalten. Irgendwann kann man die Frage: "Was hält dich auf, alles zu versuchen?" nicht mehr abwehren. Irgendwann zieht man plötzlich die Konsequenzen aus allem und steht auf und schreibt ein Buch und kämpft dafür, ganz ganz rot und tief zu leuchten.