Wie schön ist es, sich in Nürnberg als Liedermacher im Klub der betrunkenen Diebe breit zu machen! Ich liebe es, meine Forderungen einer gemütlichen Abschaffung Erfurts maifarben in die Geisterbahn zu trällern, in die ich und meine großartigen Freunde einmal im Monat das Kulturhaus ZUR SCHABE verwandeln dürfen. Die Lieder die ich vor mir habe, wollen in ein altes, freundliches Harmonium gequält werden. Der Junge mit dem schönen Schornsteinfeger- Gesicht macht den dicken, frivol-schnatternden Damen die Tür aus Pappkarton auf. Ein Notarzt braust vorbei, irgendjemand hatte einen Unfall, irgendjemand hat seinen Horizont erweitert oder ist mit Engelstrompeten-Nachtisch im Frontallappen vom Zehnerturm auf den hämischen Beton der Insolvenz gestiegen mit nur einem einzigen Schritt. "Was für ein Trottel!", feixt der Perückenmann und kratzt seinen zotteligen Bauch. "Möchtest du mein Manager sein?", frag ich ihn und er antwortet kühl: "Vergiss es!" und wir lachen beide. Je öfter wir uns treffen, desto sympathischer wird er mir. Ich nuckel an meiner Bierflasche und hab Lust, mit all den Leuten im Raum in Ambientemusik zu meditieren. Kollektives Zur-Ruhe-Kommen. Nächster Tag. Grauer, regnerischer Busbahnhof. Nürnberg ist eine urige, massive Stadt, ich liebe die vor Kraft und Würde strotzenden Brücken und Türme bewachsen von altem Moos. Zwar haben auch hier die Geschäfte und Autos die absolute Oberhand, aber die Menschen sind reifer hier, sie haben keine paranoiden oder beschämten Augen und fühlen sich vom schroffen Nieselwetter nicht bestraft und haben noch wirklich interessante Probleme im Kopf. Ostdeutschland ist der kleine, infantile Bruder von Westdeutschland, der in den Jahren im spießigen, staatssozialistischen Ghetto deutlich an Intelligenz, Geduld, Haltung und Frohsinn eingebüßt hat. Im Osten walten immer noch die selben zermürbenden Kräfte der Proletendiktatur. Wie man damals alle Intellektuellen, die nicht linientreu gewesen sind, aus Angst und Verachtung unterdrückt hat, herrscht auch noch 30 Jahre nach der Wende eine perverse Abscheu vor gebildeten, eloquenten, den allgemeinen Menschenrechten verpflichteten Publizisten, Künstlern, Politikern und Lebemenschen. Selbst wer als junger
Mensch nach dem Mauerfall Abitur gemacht hat, trägt den Pessimismus, die irrationale Treue gegenüber autoritären Prinzipien und die kleinmütige, gefühlskalte Schrebergärtner-Art seiner in der DDR sozialisierten Eltern, Lehrer und Vorgesetzten in sich. Eine patriotische Rede des Kanzlers und 100 Mark Begrüßungsgeld waren einfach nicht genug, um die Ossi-Kultur aus den Köpfen zu bekommen. Schade. Zurück in Erfurt. - Was sind all die Probleme der Mächtigen und Wohlhabenden auf der Welt gegen die Not eines stillen, kaum sichtbaren Zurückgebliebenen, kurz bevor der Vermieter an die Tür klopft und sehen will, was hier gespielt wird!? Warum haben wir bloß keine Miete gezahlt? Wer sind wir? Was erlauben wir uns? Es gibt keinen Grund, in die Details zu gehen, denn die Details sind schlichtweg nicht vorhanden! Bis 14 Uhr hab ich Zeit! Ich muss mein Zimmer so herrichten, dass es aussieht, als wäre es unbewohnt. So viel ist nicht zu tun, all mein Besitz passt unter mein Bett. Pflanzen die unter Prohibition stehen, werden im Keller versteckt, das Gesicht zart mit Kohle eingerieben, damit ich berufstätig aussehe, Kleidung gerade gerückt, stillgestanden, sobald es klopft, reiße ich so charmant wie möglich die Tür auf und sage was? Ich beschließe, doch nicht anwesend zu sein, wenn das Walross kommt. Ein Zettel muss reichen: "Schauen Sie sich um, der Schlüssel steckt, liebe Grüße." Ich muss den Schlüssel stecken lassen. Wäre doch der Perückenmann hier, er würde schützend seine Ratlosigkeit zwischen mich und das Tier schweigen. Der Perückenmann bringt es fertig zu stottern sogar wenn er nichts sagt.