Coolness

Mein Versuch, derart ernst zu schauen, dass alles an mir zur absoluten Geste, Maske, Rolle wird, scheiterte an meiner Unsicherheit beim Rauchen. - Das coole Gesicht, das man beim Rauchen von Tabak-Zigaretten, aber auch wie in meinem Fall von purem Cannabis aus einer Pfeife, erscheint mir generell als ein Einwand. Deshalb ziehe ich es vor, allein Gras zu rauchen. Irgendwie muss man ja gucken, das ist klar. Wir schauen selbstbewusst, denn wir tun etwas bewusst, das wir vorher bewusst unterlassen haben: wir wollen rauchen, aus bestimmten Gründen, deswegen schauen wir anders als Leute, die nicht rauchen; und für uns gehören Leute, die uns nur kennen, bevor wir mit Rauchen angefangen haben, zu einer ganz anderen Welt als die Leute, die uns kennengelernt haben, als wir schon Raucher waren; wir reden anders mit ihnen, wenn wir rauchen und wir schauen sie auch anders an. Unter Leuten ist unsere Coolness angestrengter, während sie, wenn wir die entsprechende coole Mimik und Gestik und Stimmlage aufrechterhalten, wenn wir allein im Raum sind, langsam und unsicher in Fleisch und Blut übergeht. Wenn wir also tatsächlich an die coole Haltung gewöhnt sind, ist ein Coolness-Automatismus etabliert. Wenn alle schon immer rauchen würden, würden wir nicht so cool dabei aussehen. Nur weil es eine Handlung ist, die manche Leute machen und manche Leute nicht machen, müssen wir unser Umfeld überzeugen, dass wir authentisch sind, wenn wir diese Handlung begehen, weil wir eben Raucher sein wollen. Es ist etwas, was uns als Persönlichkeit definiert. - Ich weiß, dass Rauchen allein nicht cool macht und es gab eine Zeit, in der ich nicht geraucht habe. Damals war ich zwar nicht genau so cool wie heute als Raucher, und meine Coolness beweist mir, dass ich tatsächlich jemand anders bin, aber eben nicht, weil ich rauche, sondern mich generell verändert habe - größtenteils auch bewusst. Ich sah was ich war und wusste was ich sein wollte, also hab ich mich so verhalten, als wäre ich jemand anders und so wurde ich jemand anders. Der Gedanke, dass es jeder so macht, hat mich auf meiner Schussbahn gehalten, je ernster ich ihn genommen habe, desto mehr konnte ich mich auf ihn verlassen: denn dass die Coolness gesteuert ist, bedeutet nicht, dass sie nicht authentisch ist. Ich habe manchmal den Eindruck, dass coole Leute nicht über ihre Coolness reden wollen, das hat mich auch schon immer in der

Universität irritiert. Irgendwann machen interessante Menschen die Türen zu. Alles, was Leute machen, ist aufgesetzt, ob es nun um Coolness geht oder eine politische Haltung oder der Bewertung eines Reizes oder der Betonung eines Wortes: die Leute wollen fest werden, wollen sich glauben, dass sie stabil sind, dass sie verlässlich sind, konkret, interessant, positiv. Meine Freunde wollen nett zu mir sein, weil sie selbst sich ganz gut leiden können und auch weiterhin können wollen; außerdem wollen sie, dass ich nett zu ihnen bin. Coolness erhöht die Qualität einer Freundschaft, weil sie die gemeinsamen Erfahrungen vertieft: der Coole nimmt alles ernst, hält sich aber distanziert, weil in der Distanz am besten eine Coolness aufrechtzuerhalten ist. Wenn man immer eine gewisse Distanz wahrt, kommen bestimmte Dinge nicht ans Licht: und das ist auch gut so. Er ist sensibel, aber nicht hysterisch, mutig, aber nicht dumm: kämpferisch, aber nicht cholerisch. Der Coole möchte ein Vorbild sein: er will niemanden anführen, er will, dass alle ihre Coolness entdecken, denn der Coole lebt am liebsten mit anderen Coolen zusammen. "Das Ganze wird leider nur funktionieren, wenn wir alle wirklich cool sind", sagt er, während er die Blumen auf dem Balkon gießt und sich wie ein gealterter, dämlicher, gelangweilter Onkel fühlt. - Alles was ich je getan hab, war zu versuchen, authentisch cool zu sein, jetzt schau ich das Wort an und das, was es bezeichnet, zerfällt und genau so kann ein Ich zerfallen, so wie das Wort cool zerfällt, dieses bis zur Unkenntlichkeit abgenutzte Wort, mit dem man Arroganz, Borniertheit, Matchotum und Empathielosigkeit meint. Aus einem dummen Impuls heraus habe ich das Ideal "Coolness" am Hals gepackt, in den Schnellkochtopf dieses Satzes geschmissen und bis zum Ende dieses Satzes in weiße, dickflüssige Brühe verwandelt, die man jetzt einfach ins Klo schütten kann.

Außerdem finde ich, dass Erwachsene, die dunkle Sonnebrillen tragen, um cool zu wirken, öffentlich hingerichtet werden sollen. Schlagt ihnen ihre scheiß Köpfe ab! Wir werden ihre verseuchten Leiber zu HACK verarbeiten und ihren Frauen und Kindern und Müttern und Vätern in den Rachen stopfen. Es ist UNGLAUBLICH, was wir uns alles bieten lassen!", ich schlug wild um mich, bis meine besten Freunde mit einer leuchtenden Kuscheldecke, weiß wie Wolken, weiß wie zärtliche Federwolken um die Ecke kamen und mich einwickelten. Währenddessen: in das menschenfreundliche Hellblau des Nachmittagshimmel hat sich eine todernste Dunkelheit gelegt, es riecht nach Brennnesseln und Honig, ein Gewitter liegt in der Luft, oder ist es nur die sinnlose Einsamkeit, die mir angesichts des sinnlos kalten Herbstes bewusst wird, zu viel Kaffee getrunken? Ich genieße es, meine dickflüssige Spucke in meinem Mund herumzuzutschen, ich liebe es, ungebraucht in der Ecke zu liegen und interessante Bücher zu überfliegen und interessante Telefonate zu führen, vielleicht geh ich heute noch raus oder ich liege wieder stundenlang auf meiner Matratze und höre Musik und freue mich, dass mein Staat mir das alles ermöglicht: eine grundlegende Freiheit, zeitlich unbegrenzt: das Fundament einer Menschenwürde, in deren Dienst ich mich als Künstler stelle: das absolute Grundrecht, tagelang Musik zu hören und Bücher zu lesen und Menschen zu treffen und Kunst zu machen; von keiner staatlichen Institution darf dieses Grundrecht eingeschränkt werden; ja es muss allererste Pflicht des Staates sein, dafür zu sorgen, dass sich jeder Bürger frei und gemütlich

mit den Kulturgegenständen des Landes beschäftigen kann, sich selbst definieren und immer wieder verwerfen und neuerfinden kann.