Es ist so seltsam, sich darüber bewusst zu sein, dass man Eigenschaften hat. Über sich zu schreiben ist so, als würde man eine Liveaufnahme von sich, die man auf einer riesigen, begehbaren Leinwand sieht, simultan kommentieren: Hypersensibel sein heißt, sich, wann immer man irgendwas was tut, dermaßen zu fragen, wen man damit imitiert oder parodiert, dass man im Straßenverkehr eine Gefahr für sich und Andere wird. Jenseits von witzig und traurig und sogar jenseits von normal und ungewöhnlich, setzen sich die halbtransparenten Nervenbündel in die sterile Paranoia am Rande einer grauen, silvesterschwefligen Morgenstunde. Ich beschwöre die Auflösung unserer Generation, die Übersteigerung jeder nur möglichen Haltung, ich beschwöre unsere Besinnungslosigkeit im grünen, neontriefenden Bordell zerlöcherter Metaebenen: gehen wir mal näher ran: ich will, dass wir nur unser Nichtstun, unsere Ratlosigkeit, unsere Verzwickungen ernst nehmen und den Rest wie rotes Konfetti in den grauen Straßen verteilen, ich will, dass man uns Geld dafür gibt, dass wir um uns selbst kreisen wie schwarze, hungrige, federleichte Geier. Hypersensibel sein heißt, sich mit dem nesselnden Taubheitsgefühl im linken Fuß
mehr zu identifizieren als mit dem, was ich von diesem Moment erwarte, in dem ich im Schneidersitz so lange an diesem Buch schreibe, bis es kaputt ist. Ich sage: versucht doch mal, mit Eurem Leben so umzugehen wie ich mit meinen Texten - und damit meiner Karriere und damit meinem Leben - umgehe. Habt ihr jetzt Lust, mit mir zu spielen oder soll ich mich einfach unter den Küchentisch legen und warten, bis diese Nacht vorüber ist? Ich werde in die Politik gehen. Ich werde in einer schöneren Stadt aufblühen. Ich werde depressiv. Ich werde wegen irgendwas eingesperrt. Ich engagiere mich bei Attac und Pro Asyl. Ich mache keine Witze über Depressive. Ich habe einen guten Musikgeschmack. Mal ehrlich! Wie kann der Musikgeschmack eines Politikers keine Rolle spielen? Der Musikgeschmack eines Politikers ist für die Beurteilung seiner Leistungsfähigkeit wesentlicher eine Rede oder ein Buch aus seiner Feder. Ich kann meine Abscheu vor manchen Dingen nicht unterdrücken. Ich will weder lustig noch pathetisch noch nihilistisch sein. Mein Chaos kann ich nur bändigen, wenn ich politisch arbeite. Auch Künstler müssen sich an der Gestaltung der Gesetze beteiligen. Alles was ich will: Steuerflucht radikal bestrafen, Spitzensteuersätze hoch, Sozialleistungen hoch, nur noch freundliche, empathische, sensible, extrem gemütliche Beamte einstellen, Autoindustrie zerschlagen, Fleischindustrie zerschlagen, Popindustrie zer- schlagen. Ich bin nur ein einfacher Trottel, der einen guten Musikgeschmack hat und mit großer Besorgnis die guten Umfragewerte der AfD zur Kenntnis nimmt. Ich weiß, wo ich stehe.
Nur wenn dein Geist so gesund wie dein Körper ist, wirst du zu diesem Text tanzen können. Ein Junge springt euchphorisch in den glänzenden Pool, ein warmer, milder, friedlicher Sommer in den Bergen Perus, ein Cannabis-rauchendes Bergvolk. Bald sollen hier Vernichtungslager für Zuchtschweine entstehen, um den immer größer werdenden Magen des immer größer werdenden Weißen Mannes weiter mit Fleisch zu versorgen. Ausgerechnet jetzt liegen meine Eltern im Sterben, vergiftet vom kontaminierten Trinkwasser. Diese Dinge geschehen und zerstören Millionen Existenzen.
Verwechselst du auch manchmal deine Zähne mit der Tastatur? Was das heißen soll? Mir doch egal. Es wird langsam wieder ermüdent. Ich hab kjeine Lust hier zu sein, jetzt. Und was soll ich machen? Hier ist es nicht gemütlich, ich weiß. Hier, im NICHTS. Wo es nichts zu erzählen gibt, oder zumindest kein Talent, hier, ohne eine klare Bindung an ein Vorwärts, ohne ein Zurück, eingesperrt in manischer Bewegung auf ein Nichts zu... Mein Fuß ist eingeschlafen. Solang mich in meinen privaten Wänden niemand sieht, solang ich Tippfehler über den Bildschirm lecke, solange muss ich all meinen perversen Kram treiben, dies nur als Nebenbemerkung. Als Kunstfigur, die ich bin, habe ich nichts im Überblick, ich scheue direkte Konfrontationen mit mir selbst, zumindest so lang mein Fuß in diesem Text schläft. Er geht in Zeitlupe bei Grün über die Ampel, rutscht nicht auf der Bananenschale aus, kein Mann in weißem Hasenkostüm tanzt in den grauen
Mengen der Städte, hier ist nichts, was schaurige Rätsel hinterlässt. Hier ist alles klar. Was bringt ns noch auf Touren? Wir müssen unseren Alltag genau so modellieren wie Drogen unser Gehirn modellieren. Jeder Drogenkonsum verändert das Universum.
Ein staubiger Chor grauer, stolzer, psychedelisch verblödeter Engel mit runden, weichen Zähnen, sie wollen von irgendetwas ablenken, sie führen mich an der Nase herum, ich wehre mich nicht, denn ich weiß, bald sind diese süßen Viecher verschwunden. Ich bin eine Kriegsmaschine, die langsam anrollt. Ich hab den Herd beim rausgehen abgestellt. Ich hoffe, nicht bald Zahnschmerzen zu bekommen, das ist eine ganz riskante Sache da hinten und vor einer Stunde hat jemand bei Facebook von einer schmerzhaften Wurzelbehandlung geschrieben. Ich bin wieder viel zu nüchtern, ich muss mich tiefer in die Musik steigern, ich bin eine Kriegsmaschine, ich köpfe kritische Journalisten, ich hänge süße, schwule Boys an einem Kran auf, ich schreibe "Penis" auf die Stirn eines plakatierten Präsidenten, ich habe tolle Zuckungen, die mir blitzartig ein wohliges Körpergefühl zurückholen. Ich verfüge über Zustände, ich muss lernen sie zur rechten Zeit zu gebrauchen. Ich darf nicht ein trauriges Gesicht machen, wenn ich an meine Zukunft denke. Genesis haben so eine düstere, surreale Ernsthaftigkeit in ihren fast schon trashigen, ulkigen Mitternachts-Puppenshows in einer herunter- gekommenen Gegend, eine Paradie auf die heiligen Standards. Manchmal etwas Schwindelgefühl, aggressive Schwammigkeit, Durst, Bewegungsdrang und Faulheit ineinandergewachsen, ein übelerregendes Hinundher. Ich sitze in einer schäbigen Garage und hoffentlich bin ich nicht über das Ziel hinausgeschossen. Meine Freunde sitzen oben in ihren Türmen und schauen mit Sorge ins Universum, vielleicht ist das hier alles auch eine Art Ende.
Meine Krise sieht wie folgt aus: ich musste mich gehen lassen, musste mich in ein Versuchsobjekt verwandeln. Ich habe mir also eine psychedelisch abgefederte Version jenes Nichtstuns angeschaut, das mir irgendwann blühen wird. Ich kann mich nur regen, wenn ich euphorisch bin, ich überlasse mich dem Strudel ringsherum, ich gerate endgültig aus der rechten Bahn, vielleicht sollte ich jetzt umdrehen, oder ich sollte gerade jetzt die richtige Musik anmachen, von der ja alles abhängt, und einfach weiterstrampeln mit riesiger, roter Gutelaunebrille und dem Bedürfnis Rick & Morty zu schauen, doch das Internet geht nicht. Ich spreche eine Leere an. Niemand liest mich gegenwärtig, obwohl es mir immer so vorkommt, sobald ich ein Wort schreibe, sobald ich ein Wort schneide und mir auf mein Brot schmiere. Seht ihr mich jetzt? Ich will euch nichts vormachen, hier ist alles möglich, also dürft ihr nicht verlangen, dass ich mich nur mit einer bestimmten Anekdote beschäftige oder irgendeinem großen Zusammenhang. Ich will keine Typen oder Weiber damit anmachen. Ich will niemanden imitieren, ich wüsste zumindest nicht wen; aus irgendeinem Grund will ich keine Imitation sein. Oder bin ich eine? Ich weiß es nicht. Ist das der Elefant im Raum? Dass ich coole Schriftsteller kopiere? "Warum sprichst du nicht zu uns?", schreit mich plausibel ein verängstigter Gänsechor an und ich weiß nicht, ob die Plausibilität gerecht-
fertigt ist, stolpere ich über einen rot-goldenen Teppich auf der Flucht vor einem schwarzen Kreis.
Die Distanz zu den Anderen ist Substanz meines Subtextes. Eine hässliche, fette Frau deren Gesicht wie eine Eidechsenmaske aussieht, schaut mich an und ich frage mich, warum jemand so hässliches mich so derart intensiv anschauen muss, ich genieße den Zustand nicht zu wissen, wie es mir geht. Wenn sich die Parameter dieses Abenteuers ändern, kann es zu einer Katastrophe kommen, die du annehmen kannst, wenn du sie aushalten willst. Letztlich geht es einzig darum, die Kreativität am Laufen zu halten, sonst zählt nichts.