Das Huhn läuft über die Straße

Das explosive Kribbeln unter der Schädeldecke steuert die Bewegungen des Kopfes und seiner Gedanken. Halten die Gefäße das aus? Ein Aneurysma schwebt wie ein Geier über der Stadt, während ich auf meinem Bett erleuchtet bin von einer Euphorie, die all meinen Schmerz und all meine Langeweile zu einer unendlichen Kalaschnikow verdichten würde, käme ich auf die Idee, noch einen Zug von dem wunderlich starken Kraut zu nehmen und ich erinnere mich an heute Nachmittag: eine aufgepeitschte Mutti fährt mir mit dem Kinderwagen über den Fuß und schreit mir vorwurfsvoll um die Ohren, dass ich ein Taugenichts bin und an einem Café nippend frage ich mich, warum sie wohl etwas gegen Taugenichts haben könnte. Obwohl sie die Allerletzten sind, denen man vorwerfen kann, aktiv an diesem fürchterlichen, unvernünftigen Weltgeschehen beteiligt zu sein, wecken alle Faulpelze und Irrlichtgestalten eine gewisse Angst und Abscheu in den Menschen: "Was wird wohl aus den Nichtsnutzen, wenn ihnen langweilig wird? Dann werden sie böse! Wenn ich nichts tue, fühle ich mich schlecht und werde böse. Sowas darf es nicht geben, jeder muss arbeiten, jeder muss irgendwo drinstecken, um nicht auf die schiefe Bahn zu gelangen! Wie schön wäre es, wenn alles unter meinem Kommando stünde!" Meine Gedanken entgleiten mir und ich habe keine Lust sie zu verfolgen, setze mir stattdessen Kopfhörer auf und verschwinde für ein paar Stunden unter der Trauerweide im Kleinen Venedig.

Wir haben die frische Pflicht unseren Körper zu benutzen. Wir können damit machen was wir wollen. Zum Glück wachsen Apotheken aus dem Boden wie Diesteln. Eine weiße Flagge, getränkt in Tränen und Terpentin weht über den Erfurter Abend. Ich weiß nicht, wie ich mich anfassen soll, es ist sehr demütigend, aber ich muss es tun, denn ich möchte wissen, womit ich es zu tun habe, ich denke an die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen meinem Kopf und meinem Laptop, ich grinse mein Zeitgefühl über die Straße, die Turmuhr tropft. Ich laufe über lange, blau-flimmernde Wiesen, bis es mich nicht mehr gibt, ich gleite wie eine Feder durch diesen Satz, hüpfe über Heuballen wie eine Katze, wringe meine Nüchternheit aus und lege sie zum Trocknen aufs Scheunendach, damit jeder sieht, dass ich etwas Anständiges mit meiner Zeit anfange. Zeit ist eine Frage und der endlose, blaue Abendhimmel ist die klebrige Antwort. Eine Schüssel bunter Cornflakes, die dir ein freundlicher Mann auf den Tisch stellt: "Hier, für dich!"- Ich liege auf einem weichen Bett, stelle mir vor über das Mittelmeer zu fliehen vor Hunger und Krieg, die Einsamkeit macht mich ernst und glatt und hell, frische, salzige Luft, so viele Menschen könnten mir helfen, so viele Menschen dürfen mir nicht helfen. Da steht ein Huhn an der Kreuzung. Ich gehe ganz langsam über die Straße und habe das Gefühl, gleich eins auf die Fresse zu bekommen. Obwohl: ich hab Blumen gepflanzt und mit schönem Wasser und Rechtschreibfehlern gegossen, ich saß in ein paar Literaturvorlesungen, ich habe anderen Menschen in die Augen geschaut, ich möchte, dass alle Menschen in meine Augen schauen, ich möchte, dass alle Menschen mich kennen, meine Sprache ist ein Huhn, das in der Wiese Körner sucht und im Dreck badet. Ich kann es spüren und ihr wisst, dass ich es spüren kann: Ihr prüft mich, ihr ordnet mich ein, ihr popelt in der Nase und sucht einen Platz für mich, ihr habt Geschmack, ihr habt weiche Betten und angenehmes Licht, ihr habt eine Idee, wie es weiter geht. Man sollte nur Dinge machen, die Sinn ergeben, Dinge die keinen Sinn ergeben, lassen alte Menschen nicht gut schlafen, machen Falten in die Stirne besorgter Kunden, die an der Kasse stehen und hoffen, dass sie freundlich bedient werden. Warum schauen mich die Leute nicht an? Ich bin ein lebendes Wesen und habe irgendwas mit den Anderen zu tun. Ich schaue die Leute an, es ist eine große Leistung, Menschen anzuschauen. Ein Huhn läuft über die Straße, alle Autos halten an, die Gesichter der Menschen sind freundlich, alle freuen sich, wenn das Huhn heil über die Straße gekommen ist. Da stehen ein paar Jungs an der schwarzen Mauer, sie wollen ernst genommen werden, sie rauchen rotes, schuppiges Gemüse, zwinkern sich Selbstbewusstsein zu und ein trocknes Blatt purzelt durch den Baum. Die Jungs: "Wir wollen sehen, dass du uns was bringen kannst, wir wollen sehen, dass du uns lieb hast, wir wollen dich einsperren und zu bestimmten Zeiten dem Publikum zeigen, wir wollen, dass du dich unterwirfst. Du sollst uns schöne Gefühle machen." Ich habe mich nicht ausgesucht, ich kann mit mir machen was ich will, ich sitze in einer grünen Pfütze, zum Glück bin ich nicht hässlich, ich bin verbunden mit irgendeiner Maschine. Free-Jazz und Dextromethorphan?

Auf Hustenstillern glaubt man, dass sich alles einfach ergeben wird, weil es keine Probleme gibt, weil man sich nichts vormachen kann: nimm dir die Zeit, steig in das schwitzende Taxi, das ein genervter Inder durch die Stadt fährt, rote Glocken bimmeln. Alle Menschen sind hypnotisiert vom Schaffensdrang ihrer Eltern, alle Menschen sitzen am Tisch und weben an einer Flagge, einer riesigen, weißen Flagge. Alle Menschen arbeiten an einer Sache. Auf diesen Sätzen ruhe ich mich aus. Ich habe Lust irgendwo anzukommen.