Die Fratze

Meine Freunde blasen mir ihre Zukunftsvisionen von Erfurt um die Ohren wie mit fröhlichen Trompeten und verbogenen Geigen, wir irren durch die Stadt, eigentlich auf der Suche nach einem Schal, gutem Tee und Räucherstäbchen für unser gemeinsames Atelier, aber das wissen wir grad nicht mehr. Es schaut aus, als würde es gleich regnen. Wir treffen Erik, die süße Schwuchtel, wie immer in engen Jeans und breiter Lederjacke und mit übertrieben arrogantem Lidschatten. Erik fragt mich, ob ich mich noch an den Namen der serbischen Blasmusik-Kapelle erinnere, die letztens das Krämerbrücken-Ufer erschüttert hat. "Keine Ahnung!" - "Na, egal. Fand es am Ende sowieso hässlich, dass sie mit dem Hut rumgegangen sind... Dankbare Gesten einfordern ist hässlich." und Jenny wechselt das Thema: "Aus irgendeinem Grund waren heute ziemlich viel Polizeiwagen in der Innenstadt unterwegs und ich hab gehört, es gab eine Bombendrohung am Bahnhof." Wir sind wieder bei mir und schauen die Nachrichten und Jenny wird bestätigt. "Verrückt.", sagt Pierre und beißt in seinen Falafaldöner. Seit er vegan lebt, ist er seine depressive Verstimmung losgeworden, behauptet er und es gibt allen Grund ihm zu glauben. Ich liebe seine Fähigkeit, wirklich verwundert und entsetzt zu sein von Dingen, die die Tagesthemen-Sprecherin so routiniert erzählt. Ich sitze auf dem Klo mit leuchtenden Augen und rauche sehr viel gutes, strahlendes, süßes, mildes Gras, meine Euphorie ist unbegründet, also absolut glaubwürdig: alles, was Gründe hat, ist ein Opfer der Welt. Euphorie, die nicht angebracht scheint, da sie an einer rauchenden Pflanze hängt, ist rein und manifestiert die Macht und Freiheit und Würde, die nur ein Mensch hat, der sich selbst bestimmt, sich also nicht in die Opferrolle fügt, die ihm als alternativlos angeboten wurde, sondern zu einem Täter wird und alle, wirklich alle Dinge sich zu tun erlaubt, die er wirklich tun will, und nur die Dinge wirklich tun will, die er mit dem Höchstmaß an Begeisterung tut. "Entweder manisch oder garnisch!", hat Pierre mal gerufen, bevor er mit dem Fahrrad in die Mülltonne gekracht ist. Mit meinem blauen Schlabberpullover und meinen weißen Jeans sitze ich im Schneidersitz auf einem strahlend-weißen Schafsfell-Teppich, der eine Art Hitze abgibt, auf hirschroten, frisch-gebohnerten Dielen die im Kerzenschein matt

glänzen, süßer Rauch und indische Folkmusik hängt in der Luft, mir ist kalt, aber ich hab keine Lust den Ofen anzumachen, die Kälte hält meine Gedanken frisch und mein Wissen, dass ich großartige Freunde habe, macht meine Armut mehr als erträglich. Der Begriff Erfurt löst sich vollständig auf, wenn ich mir klarmache, wie wahrscheinlich es ist, dass hier Bomben hochgehen oder Razzias durchgeführt werden können oder Jazzkonzerte und Noisepartys gegeben werden, wieviel kriminelles und kreatives Potential in dieser Stadt steckt, wieviel Menschen hier einen wie Trump oder Orban oder Erdogan zur Kanzlerin wählen würden, wieviel Verbrechen hier zurückgehalten werden, wieviel Gelegenheiten für triumphale Zusammenbrüche sich zwischen den Banalitäten der alltäglichen Szenerie verbergen und ich fühle mich in der selben Welt leben, in der auch die Einwohner von New York und Kabul leben. In dieser vernetzten Welt geschieht alles, was passiert, uns allen. Je größer, je kühner unser Wunsch, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, umso mehr Sinn entzapfen wir unserem Dasein. Wenn die Nazis auch nur in die Nähe von Macht kommen, dann dürfen wir nicht mehr kneifen, uns ernst zu nehmen! Wenn der frustrierte, ungebildete Pöbel böse, psychopathische Menschen an die langen Hebel und roten Knöpfe wählt oder gleich zu den Mistgabeln greift, müssen die Künstler mit der gleichen Gewalt, dem gleichen Irrsinn, aber eben in die entgegengesetzte Richtung zurückfeuern und denen Hoffnung machen, die nicht verzweifeln dürfen. Vielleicht müssen wir uns wirklich auf ein paar sehr kalte Jahre vorbereiten. Mit einem anderen Gesicht würde ich versuchen, in die Politik zu kommen, um einen ganz anderen Ton, eine echte, humanistische Hoffnung und Ausgeglichenheit zu verbreiten, in aufgeheizten Diskussionen will ich den Vorschlaghammer der Entspannung und Freundlichkeit schwingen. Alles läuft darauf hinaus, dass ich ein maskierter Bundespräsident werde. Weil ich kein Gesicht hab, das zu meinem Ansinnen passt, hab ich dieses Buch nötig, um in die Tiefe zu gehen. Nur auf diese Weise kann ich der Leere und Lieblosigkeit meines Gesichts etwas Authentisches entgegenhalten. "Man ist, was man sein will, und nicht das, zu was einem der Körper macht.", flüstert mir der egozentrische Physiklehrer konspirativ ins Öhrchen meiner Erinnerung. Ich bin also keinesfalls der, der ich dem äußeren Anschein nach bin und bisher war es mir genau deshalb unmöglich, mich in einem Beruf zurechtzufinden und genau deshalb bin ich der ideale Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten: ich würde gern der Nachfolger von Gauck sein; es will ja eh niemand machen. Die Amtswürde hat unter den letzten drei Nasen massiv gelitten, man muss das Amt neu erfinden oder abschaffen. Leider bin ich noch zu jung, das Grundgesetz verlangt von mir noch 15 Jahre zu warten. Da ich vermutlich nicht durchsetzen kann, mein Amt maskiert auszufüllen, muss ich mich also im Vorhinein um die verdammten Miss- verständnisse kümmern, die mein Gesicht auslösen. Ich besuche meinen alten Freund Florian, den ich immer konsultiere, wenn es um naturwissenschaftliche Fragen geht. Auf dem Weg zu ihm will ich mir einen Schal kaufen und erleide einen paranoiden Schub, der dem Thema ungewollt Brisanz gibt und komme mit einem Wäschekorb voller Gedanken zurück, die ich an dieser Stelle des Buches gern zum Trocknen aufhängen möchte.

"Die Stabilität der subjektiven Realität ist eine Illusion des Zentral- nervensystems. All die festen Formen unserer Umgebung suggerieren uns, dass unser Ich gleichfalls etwas Festes ist. Wer nicht ertragen kann, dass das eigene Selbst instabil ist und die Realität nicht vertrauenswürdig, hält sich für verrückt, wer es ertragen will, hält sich für weise, wer es ertragen kann, für erleuchtet.", sagt Florian und strahlt dabei eine Zärtlichkeit und Gemütlichkeit aus, die mir Lust macht, mich an ihn ranzuschmusen, ihm einen Kuss in den Nacken zu geben und zu erzählen, was heute im Klamottenladen passiert ist. Ich schau nämlich dort in den Spiegel und erschrecke über mein Gesicht und meine körperlichen Proportionen und über meine Frisur und meine Kleidung und meine Brille und meinen Stoppelbart und die Runzeln meiner Stirn, die Leute fragen sich vielleicht, warum ich die ganze Zeit in den Spiegel schau und versuchen so zu tun, als würden sie mich nicht für verrückt halten wollen. Seh ich wirklich so alt und fett und lieblos und arrogant aus? Der Schock lässt mich schwitzen und zittern, im Radio läuft Rosenstolz und ich werde immer hässlicher. Eine Mitarbeiterin beobachtet mich, während sie Socken in einer Wühlkiste ordnet und ich tu so, als würde ich mit Jenny telefonieren: "Wann kommst du, ich warte hier schon fünf Minuten und in einer Viertelstunde macht der Laden zu!" Ich schließe die Augen und atme tief durch und erinnere mich, dass ich nicht hässlich bin und ein schwankendes Spiegelbild nichts Neues für mich ist und dass ich, wenn ich nur lang genug in diese fremdartige, und doch vertraute Abscheulichkeit meines Gesichts schaue, sie auflösen kann. Ich nehme also den Kampf auf und starre mich solang an, bis sich der Knoten löst. Ich denke daran, dass alles was ich sehe, nur eine Simulation ist, die von meiner Ichidee verzerrt ist, ich erinnere mich daran, dass ich unter LSD- oder Butandiol- oder Dextrometorphan-Einfluss die Gesichter anders gesehen hab, als sie wirklich ausgesehen haben, das bedeutet, mein Gehirn ist in der Lage, eine Realität zu simulieren, die es nicht gibt und mir wird bewusst, dass ja auch Träume nur eine Erfindung des Gehirns sind und warum gehen wir davon aus, dass das gleiche nicht auch auf unser waches Bewusstsein zutrifft? Psychotische Schübe sind Träume, die sich in den Wachzustand einschleichen: sie wirbeln Worte in den Raum, verzerren Gesichter, lassen Schatten vorbeihuschen und feine, bunte Blitze aufzucken. Ein Übermaß an Phantasie und Sensibilität nimmt es mit der gesetzlich vorgeschriebenen Objektivität der Wirklichkeit auf und selbst langweilige Erinnerungen und nüchterne Erwartungen, eine ungewohnte Umgebung und ein schlechter Schlaf, ein schlechtes Lied oder eine Dehydrierung oder eine glückliche Verliebtheit verformen das, was wir für Wirklichkeit halten. - Wieviel Runden dreh ich hier schon? Sie machen grad das Radio aus und ich schau nochmal in den selben Spiegel von der selben Entfernung, etwa sieben Meter, und .... die Hässlichkeit ist wieder verschwunden und egal, wie ich mich hinstell oder welches Gesicht ich mach, die Hässlichkeit ist weg und kommt nicht wieder und ich kann nicht glauben, dass mein Gehirn sowas kann. Ich atme auf und verschwinde aus dem Laden und auf dem Heimweg nehme ich mir vor zu akzeptieren, dass ich manch- mal eine paranoide Störung im System habe, mit der ich mich auseinandersetzen muss, vielleicht finde ich mich damit aber einfach ab, aus dem selben Grund aus dem ich mich damit abgefunden habe, dass das Internet manchmal ruckelt oder die

Schallplatte ein paar Kratzer hat oder meine Freunde manchmal einfach keine Lust haben auf mich. - Ich behaupte, meine Paranoia ist der Preis für meine Kreativität und ich klau mir eine Mate im Rewe und setz mich unter den großen Baum der Dämmerung und folge meinem Wunsch, den Dämon meiner Dysmorphophobie stubenrein zu machen, ins Bett, das mich immer leichter und transparenter werden lässt: "Ich sehe niemals die Wirklichkeit, immer nur ihre Interpretation. Alles was meine Augen schlucken, wird im Gehirn von jemandem ausgelegt, den ich niemals umfassend kennen kann. Mein Ich ist ein Filter der Realität, die äußere Erscheinung ist ein Stoffwechselprodukt, das mein Gehirn ausgekackt hat." - Ich spüre, dass die Hässlichkeit, die ich gesehen habe, eine Metapher für meinen Ekel vor meiner Familie ist. Ich glaube einen ganz anderen Charakter zu haben als meine Erzeuger, und ich fürchte, dass ich aus der Zwickmühle ihres Erbguts niemals rauskomme und im tiefen Inneren genau so ein liebloser, gereizter Bauarbeiter mit Minderwertigkeitsängsten bin wie mein alkoholkranker Vater und genau so eine ungebildete, phantasielose Fotze bin wie meine kalte Mutter: diese Furcht, die ich oft nicht wahrhaben will, manifestiert sich immer, wenn ich gerade frisch verliebt bin, um mich von der Gewissheit abzubringen, dass ich liebenswert bin. Zuhause steh ich vorm Spiegel und finde mich richtig schön und sympathisch und weiß wieder, dass ich zu dem Jungen passe, den ich liebe und trinke einen starken Ingwer-Grüntee auf die Fähigkeit meines Gehirns, mit mir zu spielen und ich öffne mein Zimmerfenster, das zum Hinterhof geht, der gerade von einem kräftigen Regenschauer aufatmet.